Jugendmusikschule Hamburg: „Musik wirkt in die Gesellschaft“

Die Jugendmusikschule Hamburg ist im Ganztag ein wichtiger Kooperationspartner. Mit #wirspielenzuhause fand sie in den letzten Wochen neue Wege, „Musik zu teilen und mitzuteilen“. Davon soll etwas bleiben.

Prof. Guido Müller, Direktor der Jugendmusikschule Hamburg.
Prof. Guido Müller, Direktor der Jugendmusikschule Hamburg.© Claudia Pittelkow

Die Staatliche Jugendmusikschule Hamburg (JMS) ist die größte musikschulische Einrichtung für Kinder und Jugendliche in der Hansestadt. Mit ihren zahlreichen ergänzenden Angeboten im Regelunterricht und in der Nachmittagsbetreuung ist sie ein unverzichtbarer Partner der Hamburger Ganztagsschulen. „Unsere Lehrerinnen und Lehrer gehen in über 150 Schulen und mobilisieren ganze Jahrgänge zum Miteinander-Musizieren und Tanzen“, sagt Prof. Guido Müller, Direktor der JMS. Diesem Miteinander wurde Mitte März vorläufig ein abruptes Ende gesetzt.

Allerdings nicht für lange: Schon nach einer Woche „Corona-Musikschulpause“ kursierten erste Videos von musikalischen Online-Proben im Internet. Die Lehrkräfte der Jugendmusikschule standen auch während der Schließung mit ihren Schülerinnen und Schülern in Kontakt und betreuten sie weiter. „Es bedeutete einen enormen Kraftakt für unsere Musikschule, von 0 auf 100 digitalen Unterricht, Unterricht per Videochat, Schülermailings, Padlets, Telefonkonferenzen und so vieles mehr einzurichten“, berichtet Prof. Müller.

Winfried Stegmann, pädagogischer Leiter der JMS, ruft zum Mitmachen auf.© Winfried Stegmann

Schülerinnen und Schüler zu motivieren, zu Hause weiter zu musizieren, den Unterricht aus der Ferne zu gestalten und die Freude am Instrument aufrechtzuerhalten, sei kein leichtes Unterfangen gewesen. Müller: „Plötzlich fehlten auch die Orchester-, Ensemble- und Chorproben, bei denen man sich meist mehrmals wöchentlich doch so wunderbar austauschen kann.“ Doch allen Widerständen zum Trotz hat die Umstellung auf digitalen Unterricht funktioniert – und der soll jetzt sogar noch weiter ausgebaut werden. Nach der Schulschließung habe man zunächst improvisieren müssen. „Wir haben viele wunderbare Rückmeldungen von den Lehrkräften bekommen, welche kreativen und engagierten Möglichkeiten gefunden wurden, um die Schülerinnen und Schüler weiter zu erreichen und den Unterricht fortzuführen“, schildert Winfried Stegmann, pädagogischer Leiter der Jugendmusikschule.

#wirspielenzuhause

Zum Einsatz kamen Onlineplattformen für den Unterricht wie beispielsweise Jitsi, das Tool Padlet mit Aufgaben und Materialien sowie Spiele und Übungen, die die Schüler per Mail oder Post erhielten. In den Grundfachkursen und im ergänzenden Unterricht wurden Materialien, Lieder, Tänze – auch als Videos – erstellt und versendet, zum gemeinsamen Üben mit der ganzen Familie.

Auch in den Orchestern und Chören fanden viele engagierte Projekte statt, es gab Tutorials, regelmäßigen Austausch und sogar Online-Auftritte. Chorleiter Jens Bauditz übte beispielsweise mit dem Neuen Knabenchor einfach online weiter und erstellte ein bezauberndes Chorkonzert-Video, das bereits tausendfach auf dem Youtube-Kanal der JMS angeklickt wurde. Solches gemeinsame Musizieren sei allerdings aufgrund der zeitlichen Verzögerungen der Videoplattformen schwierig und klappe besser übers Telefon. Stegmann: „Schüler stellen ihr Handy auf laut und spielen ihr Instrument, die Lehrer hören am Telefon zu, stellen Aufgaben und korrigieren.“

YouTube-Kanal
Die Jugendmusikschule präsentiert ihren eigenen Youtube- Kanal.© JMS

Stegmann und Arthur Cardell, Veranstaltungsleiter der JMS, starteten gemeinsam unter dem Hashtag #wirspielenzuhause eine Videoaktion auf Youtube, deren Erfolg beide Initiatoren überraschte. Mit Videos der Musiker der JMS wie der Jazzband Liccorish mit „Stolen Moments“ riefen sie auf, musikalische Selfies zu filmen und einzusenden. Dem Aufruf folgten innerhalb weniger Tage mehr als 50 Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte. Über 16.000 Klicks wurden bis heute gezählt. Schülerinnen der Musikschule spielten etwa Sergej Rachmaninows Prelude Op.32 No.12 oder Charles Gounods „Ave Maria“.

„Auf diese Weise konnten wir auch während der Schulschließung ein Forum zur musikalischen Begegnung bieten und den musikalischen Gemeinschaftssinn fördern“, so Cardell. Er ist überzeugt, dass digitale Angebote über Social-Media-Kanäle wie YouTube weiter fester Bestandteil der Jugendmusikschule bleiben werden. „Das sind zeitgemäße Kommunikationsmedien, welche Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben, Musik zu teilen und mitzuteilen“, betont Cardell. „Diese Medien werden nicht den Live-Unterricht ersetzen, aber wir werden das weiterverfolgen.“ Die letzten Wochen habe er dazu genutzt, sämtliche Videos zu sammeln und in Playlists zu ordnen: „Die Youtube-Clips sind jetzt wie ein Fenster in die Jugendmusikschule hinein.“

„Musik und Ganztag kommen wunderbar zusammen“

Für die Zukunft ist geplant ist, den Digitalunterricht als pädagogisches Konzept noch zu erweitern. Die JMS wird nun in Hamburgs Digitalstrategie eingebunden. Davon profitiert die Jugendmusikschule, die ihre Räume digital ausstatten und alle Lehrkräfte mit Tablets ausrüsten will. Finanzielle Unterstützung bei der Beschaffung der notwendigen Hardware gab es auch durch die Claussen-Simon-Stiftung. Dank deren Fonds „Was zählt!“ konnten dringend benötigte Notebooks, Webcams, Soundstations und mobile Koffer angeschafft werden, mit denen die Lehrkräfte zahlreiche Schüler online erreichen konnten.

Kreative und engagierte Möglichkeiten, Schülerinnen und Schüler zu erreichen.© JMS

Inzwischen geht der normale Schulbetrieb langsam wieder los. Hamburgs Schulen öffnen für erste Unterrichtsangebote. Gelernt wird im Wechsel einen Tag pro Woche in kleinen Gruppen mit maximal 15 Schülerinnen und Schülern, und es gelten besondere Abstands- und Hygieneregeln. Am Hauptsitz der Jugendmusikschule in Rotherbaum hat Direktor Guido Müller, der auch Professor an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg ist, schon mal vorsorglich 1,50 Meter lange Leisten besorgen lassen, um bei den anstehenden Unterrichtsstunden den vorgeschriebenen Abstand leichter abmessen zu können. Bei den Bläsern und Sängern werden sogar Drei-Meter-Leisten verwendet.

Normalerweise nehmen knapp 11.000 Kinder und Jugendliche die außerschulischen Musikangebote der JMS wahr, weitere 12.500 junge Menschen nehmen am musikalischen Ergänzungsunterricht an Hamburgs Schulen teil – rund zwei Drittel davon im Rahmen des Ganztagsangebots. „Die enge Verzahnung von Schulbehörde und Jugendmusikschule in Hamburg ist ein Alleinstellungsmerkmal“, betont Prof. Müller. „So kommen Musik und Ganztag wunderbar zusammen!“

Förderklassen und Jamliner

Die Zusammenarbeit im Ganztag steht auf zwei Säulen: Zum einen gibt es den ergänzenden Musikunterricht als Teil des Regelunterrichts. Hier sind alle gebundenen und teilgebundenen Ganztagsschulen beteiligt, die ihre ganztägigen Angebote selbst organisieren. Zum anderen gibt es die zahlreichen Kooperationskurse mit den Jugendhilfeträgern an GBS-Schulen, offenen Ganztagsschulen – GBS steht für „Ganztägige Bildung und Betreuung an Schulen“ –, die ihre Nachmittagsangebote über Träger der Jugendhilfe organisieren.

Springenende Kinder
Musik macht Spaß – und ist für alle da!© Filip Piskorzynski

„Aktuell haben wir Kooperationen mit über 60 GBS-Schulen“, erklärt Winfried Stegmann. Angeboten werden Kurse in den Fächern Percussion, Keyboard, Violine, Gitarre, musikalische Früherziehung, Tanz, Musiktherapie, Rhythmik, Chor, Blockflöte und Bandwerkstatt. Alle musikalischen Angebote werden über eine spezielle Institutionsgebühr abgerechnet und sind deshalb für die Schülerinnen und Schüler alle kostenlos.

Darüber hinaus gibt es noch weitere Spezialangebote: Am Gymnasium Bornbrook in Lohbrügge bietet die JMS eine Förderklasse Jazz, Rock, Pop für besonders begabte Jugendliche ab 14 Jahren an. Am Albert-Schweitzer-Gymnasium, einem Gymnasium mit musikalischem Schwerpunkt in Ohlsdorf, wurde eine studienvorbereitende Ausbildungsklasse eingerichtet, in der sich Schülerinnen und Schüler auf die Aufnahmeprüfung für ein Musikstudium vorbereiten können.

Schulkooperationen ermöglichen außerdem die „Jamliner“: Zwei ehemalige Linienbusse, die in mobile Bandproberäume mit Tonstudio umgebaut wurden und fünf Tage pro Woche vor- und nachmittags Schulen in verschiedenen Stadtteilen anfahren. „Dort können sich Schüler ohne musikalische Voraussetzungen zu Bands zusammenfinden und in gemeinsamen wöchentlichen Proben über ein halbes Jahr die Instrumente kennenlernen und einen eigenen Song erarbeiten, der danach auf CD aufgenommen wird“, erläutert Stegmann.

Musik wirkt in die Gesellschaft

Prof. Guido Müller (l.) und Veranstaltungsleiter Arthur Cardell.© Claudia Pittelkow

Die musikalische Förderung von Kindern aus Familien, in denen solche Förderung nicht selbstverständlich ist, ist eines der großen Projekte der Jugendmusikschule. Guido Müller, seit sechs Jahren als Direktor im Amt, hat von Anfang an bewusst auf die Zusammenarbeit mit Schulen aus sozial benachteiligten Stadtteilen gesetzt. Denn Musik stärkt seiner Ansicht nach nicht nur die Persönlichkeit, sondern wirkt auch in gesellschaftliche Bereiche hinein.

In den letzten Jahren wurde die Zusammenarbeit daher kontinuierlich ausgebaut. Heute kooperiert die JMS mit 158 Hamburger Schulen, von denen rund 100 Schulen in einem Stadtteil mit niedrigem Sozialindex liegen. Manche der Projekte sind so erfolgreich, dass auch Schulen aus wohlhabenderen Gegenden mitmachen möchten: Der „Singenden Grundschule“ etwa, einem Projekt, das Schülerinnen und Schüler aus drei Grundschulen im Stadtteil Wilhelmsburg zum Chorsingen zusammenbringt, hat sich kürzlich eine Grundschule aus einem Stadtteil im Hamburger Westen angeschlossen.

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