„Tagesschule 2025“: Ganztagsschulen in Zürich

Die Stadt Zürich ist auf dem Weg, alle Schulen zu Tagesschulen weiterzuentwickeln. Prof. Patricia Schuler Braunschweig von der Pädagogischen Hochschule Zürich hat viele Evaluationen der Ganztagsangebote durchgeführt.

Prof. Patricia Schuler Braunschweig© PH Zürich

Online-Redaktion: Prof. Schuler Braunschweig, wie sind Sie zur Ganztagsschulforschung gekommen?

Patricia Schuler Braunschweig: Mein Interesse an den Themen Tagesschulen und Ganztag reicht weit zurück. Ich habe mir schon im Rahmen der Matura als 18-Jährige eine Schule in Zürich angesehen, die als eine der ersten das Hortangebot unter dem gleichen Dach organisierte. Die Hortangebote stehen in der Schweiz üblicherweise in keinem Zusammenhang mit dem Unterricht, werden separat an einem anderen Ort angeboten und bieten neben einem Mittagstisch Betreuung nach dem Unterricht an.

Diese Schule in Zürich ermöglichte durch ihr Angebot den Müttern die Berufstätigkeit. Auch in meiner Kindheit – meine Mutter war berufstätig – war das ein Thema: Essen wir alleine zu Hause oder besuchen wir den Hort? Normalerweise verlassen die Schülerinnen und Schüler von 12 bis 14 Uhr die Schule, um daheim zu essen, und kommen dann von 14 bis 16 Uhr für den Unterricht in die Schule zurück.

Der eigentliche Initialpunkt ergab sich für mich vor zehn Jahren, als ich den Auftrag der Stadt Zürich erhielt, zu evaluieren, warum die Eltern ihre Kinder in den wenigen ungebundenen und gebundenen Projekttagesschulen anmeldeten, statt sie in den Hort zu schicken. Ich arbeitete damals mit einer Kollegin von der Hochschule für Soziale Arbeit zusammen. Das war eine fruchtbare Zusammenarbeit, bei der wir gemerkt haben, dass ich als Erziehungswissenschaftlerin nur einen eingeschränkten Blick auf die Ganztagsbildung hatte. Ich habe sehr stark auf die Schulpädagogik und die Person der Lehrkraft fokussiert.

© Stadt Zürich

Online-Redaktion: In der Schweiz geht es also wie in Deutschland auch um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Schuler Braunschweig: Man hat es von Seiten der Politik immer ein bisschen pädagogisch verpackt, aber der eigentliche Treiber war auch hier deutlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In den Städten, besonders in Zürich, konnte man im letzten Jahrzehnt sehen, dass die Hortangebote an ihre Kapazitätsgrenzen stießen und überlastet waren, weil es immer mehr arbeitende Mütter gab. Viele Familien versuchten, die Betreuung ihrer Kinder am Nachmittag mit den Großeltern zu organisieren oder indem sie ihr Arbeitspensum reduzierten. Aber das waren alles nur private, zum Teil sehr fragile Lösungen.

Nicht nur die Familien, sondern auch die Arbeitgeber haben auf Lösungen gedrängt und darauf hingewiesen, dass es auch volkswirtschaftlich unsinnig ist, Frauen gut auszubilden, die dann zu Hause sitzen müssen. Es stellte sich also die Frage, wie man den Familien helfen konnte. Allerdings muss ich einschränkend sagen: Die Schweiz ist ein wertkonservatives Land. In ländlichen Regionen ist es meist weiterhin so, dass die Kinder über Mittag nach Hause gehen, um dort – meistens von der Mutter – bekocht zu werden.

SchülerInnen springen über Springseil
© PH Zürich

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt die Qualität der Angebote?

Schuler Braunschweig: Die Hortangebote sind stark sozialpädagogisch ausgerichtet und konzentrieren sich auf die Bespielung der Freizeit. Wenn jetzt die Schulen die sogenannte Übermittagszeit gestalten, beginnen die Diskussionen, ob und wie viele formale Kursangebote Eingang finden sollen oder ob der Betreuungs- und Freizeitcharakter dominiert. Soll auch in der Freizeit eine stärkere Formalisierung stattfinden? Soll die Chance genutzt werden, für möglichst viele Schülerinnen und Schüler durch Kurse und Ateliers qualitativ hochwertige Angebote zu machen? Oder haben die Kinder auch das Recht auf eine freie Gestaltung ihrer Zeit? Die Eltern haben da wieder andere Meinungen als die Lehrkräfte und das Betreuungspersonal.

Online-Redaktion: Ist das Thema Ganztag in der Ausbildung von Lehrkräften und des weiteren pädagogischen Personals verankert?

© Britta Hüning

Schuler Braunschweig: Da ist wirklich Ebbe. In der Ausbildung passiert überhaupt nichts. Die Studierenden begegnen den Tagesschulen nur, wenn sie zufällig in einer solchen Schule ihr Praktikum absolvieren. Anders sieht es in der Weiterbildung aus. Da gibt es viele Angebote, die von den Schulen verstärkt wahrgenommen werden. Wie in Zürich, wo sich derzeit unter der Überschrift „Zürich 2025“ alle Schulen zu Tagesschulen weiterentwickeln, müssen sich zum Beispiel die Schulleitungen und Lehrkräfte über die Kooperation mit anderen pädagogischen Professionen Gedanken machen.

Ich versuche immer wieder, das Thema Ganztagsbildung an unserer Hochschule unterzubringen. Da muss ich aber auch sagen, dass mich die sehr traditionelle Haltung vieler Studierender manchmal erschreckt. Komme ich mit dem Thema Tagesschule, stoße ich auf viel Ablehnung. Viele Studierende sagen mir, dass sie für ihre Kinder zu Hause da sein wollen – und wir sind hier im urbanen Zürich!

Online-Redaktion: Aktuell haben Sie sich in einem Forschungsprojekt den sportorientierten Angeboten an Tagesschulen zugewandt. Warum?

SchülerInnen spielen in der Pause
© Britta Hüning

Schuler Braunschweig: In der Stadt gibt es das Schulamt, die Schuladministration. Dieses nimmt Ideen auf und macht sie den Schulen schmackhaft. Das Sportamt ist mit dem Schulamt assoziiert, agiert aber ziemlich autonom. Es organisiert Sportkurse nach 16 Uhr, für die die Eltern ihre Kinder anmelden. Das Sportamt hat mit der Einführung der Tagesschulen schnell erkannt, dass es mit diesen sehr gut nachgefragten Sportangeboten dort andocken könnte. Statt dass die Kinder nach 16 Uhr quer durch die Stadt fahren, um ihren Sport zu betreiben, könnten sie ja den Sport auch an der Schule ausüben.

Nun ist die Frage, wie man die Angebote so gestaltet und einbettet, dass sie auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler zugeschnitten sind, aber gleichzeitig für die Schule ein Gewinn sind, zum Beispiel, weil sie zur Profilbildung und Steigerung der Attraktivität der Schule beitragen. Außerdem muss man sich überlegen, wie das Betreuungspersonal der Schulen für solche Angebote aus- und weitergebildet werden kann, gleichzeitig aber auch weiterhin Sportlerinnen und Sportler, Trainer und Trainerinnen aus Sportvereinen tätig sein können. Und mit diesen Fragen hat sich das Sportamt an uns gewandt. Daraus haben wir unser Forschungsprojekt „SLS – Sport im Lebensraum Schule“ entwickelt. Es läuft seit September 2019 und ist bis Ende 2021 geplant.

© Bildungsdirektion Kanton Zürich, Volksschulamt 2017

Online-Redaktion: Können Sie einiges zu den Inhalten sagen?

Schuler Braunschweig: Wir haben den beteiligten Tagesschulen angeboten, sie in der Konzeption ihres sport- und bewegungsorientierten Angebots zu begleiten. Dazu finden drei Befragungswellen statt: in diesem Schuljahr in 14 Tagesschulen, ab dem Sommer werden es 25 sein. Und in der dritten Welle sollen dann alle Schulen erfasst werden. Noch vor der Einführung der Tagesschule haben wir zunächst vor einem Jahr Interviews mit den Schulleitungen, den Sportverantwortlichen und den Betreuungsverantwortlichen der Schulen durchgeführt und sie erst einmal nach ihren Bedürfnissen gefragt.

Derzeit befragen wir sie wieder, nun zu den ersten Gehversuchen. Im Sommer wollen wir zudem eine sogenannte Vollerhebung an zwei Primarschulen und einer Sekundarschule durchführen. Das heißt, wir befragen wir alle Betreuungspersonen und Lehrkräfte, aber auch die Schülerinnen und Schüler der Schulen zu ihren bisher gemachten Erfahrungen. Eine solche Vollerhebung soll dann im kommenden Jahr an sämtlichen Tagesschulen in Zürich stattfinden. Auf dieser Basis werden wir ein Aus- und Weiterbildungsangebot für Lehr- und Betreuungspersonen erarbeiten.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

Zur Person:

Dr. Patricia Schuler Braunschweig ist Professorin für Professionsforschung unter besonderer Berücksichtigung innovativer Schulkontexte an der Pädagogischen Hochschule Zürich, wo sie das Zentrum „Professionalisierung und Kompetenzentwicklung im Bildungsbereich“ leitet. Nach der Ausbildung zur Primar- und Sekundarlehrerin war sie als Lehrerin an Schulen im Kanton Zürich tätig. Von 1996 bis 2001 studierte sie an der Universität Zürich Pädagogik, Publizistik und Psychopathologie, mit Studienaufenthalten am College of Education der University of Minnesota (USA). 2002 wurde sie wissenschaftliche Dozentin und 2004 Leiterin des Forschungsbereichs Schulqualität & Schulentwicklung am Pädagogischen Institut der Universität Zürich. Von 2003 bis 2006 war sie für das Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich an der Evaluation „Kits für Kids“ zur Einführung von „Informations and Communications Technologies“ (ICT) an Schulen und von 2009 bis an einer Evaluation der Tagesschulen und Schülerclubs der Stadt Zürich beteiligt. Von 2016 bis 2020 leitete sie mit Prof. Dr. Emanuela Chiapparini das vom Schweizer Nationalfonds geförderte Forschungsprojekt „AusTEr – Aushandlungsprozesse der pädagogischen Zuständigkeiten in Tagesschulen im Spannungsfeld öffentlicher Erziehung“.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind neue Professionskompetenzen, Tagesschulen, Tagesstrukturen und Ganztagsbildung sowie Schulqualität und Schulentwicklung. Sie ist u. a. Mitglied des Forschungsnetzwerks Extended Education bei der World Education Research Association (WERA IRN).

Veröffentlichungen u. a.:

Schuler Braunschweig, P., C. Kappler & E. Chiapparini (2019): No More Homework? Negotiations of Parental Engagement in All-day Schools. International Journal About Parents in Education 11 (1), 46–54.

Chiapparini E., C. Kappler, P. Schuler & K. Selmani (2018). „Die wissen gar nicht, was wir alles machen“: Befunde zu multiprofessioneller Kooperation im Zuge der Einführung von Tagesschulen in der Stadt Zürich. In: Chiapparini, E., R. Stohler & E. Bussmann (Hg.) Soziale Arbeit im Kontext Schule. Opladen: Barbara Budrich, S. 48-60.

Schuler Braunschweig, P. & C. Kappler (2017): Tagesstrukturen und Tagesschulen in der Stadt und im Kanton Zürich. In M. Schüpbach, L. Frei & W. Nieuwenboom (Hg.): Tagesschulen. Ein Überblick. Wiesbaden: Springer, S. 85-99.

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