Ganztags miteinander im Austausch

Die Montessori-Sekundarschule Wetterau ist eine gebundene Ganztagsschule, in der Schülerinnen und Schüler gleichermaßen Freiheit und Verantwortung lernen, im Unterricht, auf dem „Acker“ oder in der Schulwerkstatt.

Mit ihrer Gründung im Jahr 2006 startete die Montessori-Sekundarschule Wetterau im hessischen Friedberg als Ganztagsschule. Das „Ganztagsprogramm“ der Schule fasst Schulleiterin Lea Ritter zusammen: „Die Schulgemeinschaft pflegen, Konflikte begleiten, Umgangsformen lernen, Perspektivwechsel einüben, viele Gespräche mit den Schülerinnen und Schülern, unterschiedliche Lernformen, Schülerinnen und Schüler, die ihren Mitschülerinnen und Mitschülern helfen – dafür nehmen wir uns Zeit, und so machte es Sinn, den Tag auszuweiten.“

Montessori-Sekundarschule Wetterau
© Montessori-Sekundarschule Wetterau

Die Sekundarschule Wetterau arbeitet als staatlich anerkannte Ersatzschule in der Schulform einer Integrierten Gesamtschule (IGS) mit einem gymnasialen Bildungsgang und Bildungsgängen zum Realschul- und Hauptschulabschluss. Rund 20 Pädagoginnen und Pädagogen arbeiten hier. Zum Montessori-Campus Friedberg gehören auch noch die benachbarte Grundschule und ein Kinderhaus. Derzeit lernen 112 Schülerinnen und Schüler von der 5. bis zur 10. Klasse in der Sekundarschule – von Montag bis Donnerstag in den Klassen 5 und 6 bis 15 Uhr und in den Klassen 7 bis 10 bis 16 Uhr.

„Hilf mir, Verantwortung zu übernehmen!“

Durch den ganzen Tag zieht sich das Prinzip der Schülerselbstverantwortung und Schülermitverantwortung. Das gilt sowohl für den eigenen Lernprozess als auch für die Gestaltung des Tages und für die Schulgemeinschaft. Das Montessori-Motto „Hilf mir, es selbst zu tun“ lautet hier abgewandelt: „Hilf mir, Verantwortung zu übernehmen!“

Schulleiterin Lea Ritter erläutert das: „Die Schülerinnen und Schüler arbeiten mit dem Wochenplan. Sie nehmen sich für jeden Tag ihre Arbeitsaufträge vor, mit denen sie beginnen. Später protokollieren sie im Lerntagebuch ihre Aufgaben.“ Der Unterricht findet in der Sekundarschule Wetterau jahrgangsgemischt statt: für die Klassen 5 und 6 sowie für die Klassen 7 bis 10. Insbesondere in den unteren Jahrgängen teilen die Klassenlehrkräfte die Klassen häufig für Kleingruppenarbeit auf.

© Montessori-Sekundarschule Wetterau

Hausaufgaben gibt es nicht. Stattdessen können die die Schülerinnen und Schüler in vielen Freiarbeitsphasen die Lerninhalte vertiefen und Nacharbeiten erledigen. Dabei erhalten sie Unterstützung durch begleitende Fachlehrkräfte. „Die Schülerinnen und Schüler können sich in der Freiarbeitszeit den Unterrichtsstoff aussuchen, an dem sie arbeiten wollen. Sie können entscheiden, wo sie arbeiten, ob in Einzel-, Gruppen- oder Partnerarbeit“, schildert die Schulleiterin den Ablauf.

In den oberen Jahrgängen startet jede Freiarbeit mit dem Silentium, eine Stillarbeit ohne Partner – „die Schüler lieben das“, weiß Lea Ritter. Den täglichen Morgenkreis leiten die Schülerinnen und Schülern selbst. Auch das anschließende Frühstück bereiten sie selbst zu.

Respektvolle Diskussionskultur lernen

In den Fächern Deutsch, Fremdsprachen, Mathematik und Sport gibt es überwiegend fachgebundenen Unterricht, mit Differenzierung in Lerngruppen. Einen großen Stellenwert besitzt jedoch der Projektunterricht, das fächerübergreifende und praxisorientierte Lernen. Denn neben fachlichem Wissen will die Schule die Einsicht in komplexere Zusammenhänge fördern.

Lehrerin Montessori-Sekundarschule Wetterau
© Montessori-Sekundarschule Wetterau

Projektlernen heißt außerdem, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Ergebnisse präsentieren lernen, auf klassischen Plakaten oder per PowerPoint-Präsentation. Lea Ritter und ihr Team freuen sich, wenn „wir von Ehemaligen hören, dass sie später keine Probleme hatten, zu präsentieren und vorzutragen. Unsere Schülerinnen und Schüler präsentieren auch unseren Stand beim Studienseminar oder beim Tag der offenen Tür.“

Ab Jahrgangsstufe 7 finden im Klassenverband regelmäßig auch von den Jugendlichen vorbereitete Diskussionen zu tagesaktuellen und wichtigen gesellschaftlichen Themen statt, in die sich die Lehrerinnen und Lehrer einbringen. „Da gehen wir richtig in die Diskussion“, sagt die Schulleiterin, „da geht es schon mal hoch her. Dann sind gegenseitiger Respekt, Kritikfähigkeit und Diskussionskultur wichtig.“

Lernen im Ganztag

© Montessori-Sekundarschule Wetterau

Die Schule setzt auf Kommunikation als Voraussetzung für die optimale Entwicklung der jungen Menschen während ihrer Schulzeit. Kommunikation und Selbstreflexion spielen auch eine entscheidende Rolle bei den fortlaufenden individuellen Feedback-Gesprächen der Lehrkräfte mit den Schülerinnen und Schüler im Alltag. Viermal jährlich finden Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche mit Rückmeldungen aus allen Fächern statt.

Am Nachmittag können die Schülerinnen und Schüler Arbeitsgemeinschaften wählen, so zum Beispiel eine Koch-AG, eine Werken-AG oder eine AG Englisches Theater. Teil des pädagogischen Konzepts ist auch die rund 10.000 Medien gut bestückte Schulbibliothek – „Raum zum Lesen, Recherchieren und zur Projektarbeit, im Buch oder mit neuen Medien“ –, die aus einer Elterninitiative hervorgegangen ist und ehrenamtliche Unterstützerinnen und Unterstützer hat.

Acker der Schulgarten AG
© Montessori-Sekundarschule Wetterau

Ein Aushängeschild der Schule verdankt sich sicherlich der Schulgarten-AG, die einen Acker zum „interdisziplinären Lernort“ gestaltet hat. „Unsere Schulgarten-AG läuft seit drei Jahren noch viel besser, seitdem wir Unterstützung vom Verein Ackerdemia bekommen haben“, freut sich Franziska Kessener, die zusammen mit Christina Heger zum Schulleitungsteam gehört. „Wir Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler haben alles in Theorie und Praxis über die Anlage eines Gemüseackers gelernt. Was wir ernten, kochen und essen wir zusammen, nutzen es für das Mittagessen oder verkaufen es.“

In den Jahrgangsstufen 7 bis 10 können die Schülerinnen und Schüler schließlich im Wahlpflichtunterricht – immer für ein halbes Jahr – ein umfangreiches und wechselndes Kursangebot wählen, zum Beispiel Fußball, Sticken, Mediation gegen Prüfungsangst, asiatische Bewegungskunst oder den Englisch Book Club.

IHK-Schulpreis-Schule

© Montessori-Sekundarschule Wetterau

Im Wahlpflichtunterricht ragt wiederum der Kurs „Werkstattarbeit“ heraus. Dafür ist im Schuljahr 2015/2016 die Schulwerkstatt verstärkt ausgebaut worden. Die Idee dahinter: Über das akademische Lernen hinaus sollen Kreativität und praktisches Denken gefördert werden, aber auch das selbstständige Arbeiten und damit das Selbstwertgefühl. Zwei der besonders sichtbar erfolgreichen Werkstattprojekte: der Bau eines Pizzaofens und der Bau einer Sitzbank. Sogar einfache Reparaturen im Schulgebäude und auf dem Schulgelände werden selbst ausgeführt.

Die Montessori-Sekundarschule Wetterau ist zugleich leistungsorientiert. Wegen der besonders guten Durchschnittsnote des Abschlussjahrgangs gewann die sie 2016 den Hessischen IHK-Schulpreis, den die Arbeitsgemeinschaft der hessischen Industrie- und Handelskammern jährlich verleiht. Mit dem Preis werden besonders Haupt- und Realschulen gewürdigt, die eine hohe Anzahl junger Menschen zu einem hervorragenden Schulabschluss führen und die ihre Schüler besonders gut auf den Start in die Berufswelt vorbereiten.

Holzwerkstatt
© Montessori-Sekundarschule Wetterau

Die Sekundarschule Wetterau setzt in der Berufsorientierung ab der 7. Klasse auf Pflichtpraktika. Die Siebtklässler absolvieren zum Beispiel in der ersten Schulwoche den Labor-Führerschein. Danach gehen dann alle in ein einwöchiges Praktikum in den Kindergarten. Die 8. und 9. Klassen absolvieren ein zweiwöchiges Berufspraktikum ihrer Wahl. So sammeln sie erste Erfahrungen in der Berufswelt, auch in unterschiedlichen Berufsfeldern. Die Zehntklässler haben nach den Abschlussprüfungen ebenfalls noch einmal die Möglichkeit zu einem Praktikum ihrer Wahl. Daneben können die Schülerinnen und Schüler einen Berufswahlpass erwerben, Berufsmessen und das Berufsinformationszentrum besuchen. In den 9. und 10. Klassen finden schon gezielte Berufsberatungsgespräche statt.

„Hinter der Freiheit steht eine Struktur“

Den „offenen Austausch‟ und die Kommunikation untereinander schätzt Franziska Kessener besonders an ihrer Schule. „Wir haben hier eine Kultur des Miteinanders. Der Tenor von Besuchern ist immer: wie ruhig es bei uns zugeht und wie höflich unsere Schülerinnen und Schüler sind. Bei uns lernen die Jugendlichen, nicht nur Einzelkämpfer zu sein, sondern auch Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen.“

© Montessori-Sekundarschule Wetterau

Schulleiterin Ritter ist noch eines wichtig: „Hinter der Freiheit für die Schülerinnen und Schüler steht eine Struktur. Es muss viel durchdacht werden, um allen Ansprüchen gerecht zu werden. Als ich kam, wollten die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel mehr Naturwissenschaften. Das läuft jetzt ganz gut. Aktuell arbeiten wir an einer Verbesserung und Verfeinerung unseres Medienkonzeptes.“ Und schmunzelnd: „Aber unser Stundenplan ist und bleibt ein Konstrukt für sich.“

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