Ganztagsgymnasium Oelde: „Erfolg kostet Raum“

Gemütlich, fast familiär, hell, offen, erstaunlich gelassen und harmonisch: Das Thomas-Morus-Gymnasium in Oelde (Münsterland) hat sich im gebundenen Ganztag auf G9 vorbereitet.

Schulgebäude
© TMG Oelde

Wir treffen Maya (15), Samira (15) und Elena (16) im Eingangsbereich. Die Schülerinnen sitzen entspannt auf bequemen Holzbänken, tauschen sich in einer Freistunde aus. Was gefällt ihnen am TMG, was weniger? Auf Letzteres erhalten wir zunächst keinen Hinweis. Nicht, weil die Jugendlichen sich nicht trauen. Ihnen fällt spontan nichts wirklich Negatives ein.

Die Lehrkräfte sind „fast alle gut und nett“, und vor allem: „Man darf seine Meinung äußern.“ Das Gebäude ist auch gut. Aber: Es gibt gar nichts weniger Schönes? „Doch“, sagen die drei plötzlich, „es wäre besser, wenn es auch in der Oberstufe Lernzeiten wie in der Sekundarstufe I geben würde.“

Lernzeiten: Kein Anhängsel des Unterrichts

Schulleiter Dr. Philipp Hermeier hört den Wunsch mit Freude. Auch wenn er ihn nicht erfüllen kann: „Das funktioniert angesichts des ohnehin vollen Stundenplans und fehlender Lehrerstellen im Ganztag nicht.“ Leider, steht auf seiner Stirn geschrieben. Im regionalen Arbeitskreis Zukunftsschule grübeln er und sein Team allerdings über Wege nach, wie das abgestellt werden kann. Daher erprobt die Schule das „Lern(zeit)büro‟ in der Einführungsphase als Variation der Lernzeiten in der Sek I und integriert hier Unterstützungs- und Förderangebote.

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Noch aber bleibt es bei den Lernzeiten in der Sekundarstufe I. Sie liegen täglich im Zentrum des Schultages, unmittelbar vor und nach der Mittagspause. „Sie sind eben kein Anhängsel an den Unterricht, sondern eine wertvolle Lernphase“, sagt Hermeier. Die Lernzeiten sind an dieser UNESCO-Projektschule nicht fachgebunden. In den Klassenräumen betreuen außerschulische Fachkräfte die Stillarbeit. Um ihre Stellen zu finanzieren, werden Mittel „kapitalisiert“, also Lehrerstellenanteile für außerunterrichtliche Ganztagsangebote eingesetzt, wie es das Programm „Geld oder Stelle“ in NRW vorsieht.

Im angrenzenden Forum der Jahrgangsstufe unterstützen wiederum zwei Lehrkräfte der in Jahrgangsteams arbeitenden Kollegen, die sich auch durch kollegiale Hospitationen unterstützen („Teamstrukturen prägen unsere Arbeit“), die Schülerinnen und Schüler im Arbeits- und Lernprozess. Die Lernzeiten ersetzen die Hausaufgaben, sieht man einmal vom Üben der Vokabeln und der letzten Vorbereitung auf Klassenarbeiten ab.

Raum, Organisation und pädagogisches Konzept bilden eine Einheit

Tischkicker
© TMG Oelde

Eine sinnvolle Konzeption, finden Ganztags- und Mittelstufenkoordinatorin Charlotte Ullrich und Schulleiter Philipp Hermeier. Sie sprechen von einem häufig viel zu romantisierten Bild, das Hausaufgaben anhafte: „Wir wissen doch nie, wer sie wirklich gemacht hat, ob sie vom Klassenkameraden per WhatsApp weitergeleitet wurden und ob etwas davon in den Köpfen hängengeblieben ist.“ Außerdem sind beide der Auffassung, es sei ein Versprechen des Ganztags, dass Schülerinnen und Schüler am Ende eines langen Tages auch tatsächlich mit der Schule fertig seien, wenn sie nach Hause gingen.

Dank der Lernzeit trainieren die Schülerinnen und Schüler, ihren Arbeitsprozess zu organisieren: Wozu nutze ich die Lernzeit? Wann mache ich was? Was ist erst einmal das Wichtigste? Dieser Arbeitsprozess findet stets in klar gegliederten Stufenbereichen im Gebäude statt. Letztere entstanden in aufwändigen, von der Gemeinde finanzierten, Umbauarbeiten im Bestand.

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„Eine phänomenale Leistung und Kraftanstrengung“, lobt Hermeier. Dass ab Ostern ein riesiger Neubau, der auch dem gewollten Kriterium der Offenheit (große Fenster, offene Türen, keine Schließfächer) entspricht, für sechs Millionen Euro entsteht, erfüllt die Schulleitung mit Zufriedenheit. Denn „Erfolg kostet Raum. Und bei uns bilden Raum, Organisation und pädagogisches Konzept eine Einheit.“

Phänomenbasiert und deshalb nachhaltig

Wesentlicher Bestandteil des pädagogischen Konzeptes ist das „Phänomenbasierte Lernen“ (PBL). Es wurde im Schuljahr 2019/2020 eingeführt. Das Kollegium hatte sich zuvor die Frage gestellt, wie sich das Gymnasium insgesamt entwickeln soll, wenn in diesem Schuljahr das G9, also das Abitur nach neun Jahren, wieder eingeführt wird. Werkstattgespräche („Das machen wir bei allen Schulentwicklungsfragen“) mit allen an der Schule vertretenen Professionen, mit Eltern, Schülerinnen und Schülern, aber auch die Anregungen aus der Qualitätsanalyse nach dem Referenzrahmen Schulqualität des Landes NRW, die das Kollegium regelmäßig durchführt, mündeten in die Überlegungen: Wie wollen wir uns im Bereich des selbstgesteuerten Lernens weiterentwickeln und was zeichnet eigentlich guten, modernen Unterricht aus?

SchülerInnen in der Klasse
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„Wir sahen im Systemwechsel zu G9 noch einmal eine große Chance, unsere Schulentwick-lung voranzubringen“, betont Philipp Hermeier. Zwei zentrale Elemente rückten in den Fokus: mehr Projektorientierung sowie das nachhaltige, vernetzte, langfristige und selbstgesteuerte Lernen. Eine Gruppe von 30 Kolleginnen und Kollegen beschäftigte sich fortan mit diesen Fragen. Die Arbeit führte zur Einführung des neuen Lernsansatzes „Phänomenbasiertes Lernen“.

Die Inhalte in den Jahrgangsstufen 6 bis 9 orientieren sich an den unterschiedlichen Nachhaltigkeitszielen der UNESCO. Aktuell etwa stehen die Ökosysteme an Land und im Wasser wöchentlich zwei Stunden lang als Leitthema auf dem Unterrichtsplan der 6. Klassen. Wie sich die Schülerinnen und Schüler dem Thema annähern, bleibt ihnen überlassen. Konkret kann es beispielsweise darum gehen, warum es in der Nordsee immer weniger Dorsche, dafür aber immer mehr Heringe gibt.

Nun greift ein Schüler eventuell die Frage auf, welche Rolle die Politik spielt, eine Schülerin untersucht den Zusammenhang mit Meeresströmen. Die Freiheit des Forschens wird gestärkt durch den fehlenden Druck: Noten gibt es für das Fach nicht. Schulleiter Hermeier und sein Kollegium sind überzeugt: „Auch das führt dazu, dass die Kinder nicht für eine Prüfung oder Note lernen. Da bleibt sicher mehr hängen, Lernen wird nachhaltiger.“

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Wachsendes Vertrauen in den Ganztag

Für die Lehrkräfte eine neue, ja wertvolle Erfahrung. Ganztagskoordinatorin Charlotte Ullrich hebt hervor: „Wir haben zwar schon immer bei der pädagogischen Ausrichtung zusammengearbeitet, jetzt wird das auf das Interdisziplinäre ausgeweitet.“ Verschiedene Lernvorstel-lungen und methodische Unterschiede kommen in dieser überfachlichen Arbeit zusammen. Dass das neue Fach etabliert werden konnte, ist ein Ergebnis des vor rund zehn Jahren eingeführten gebundenen Ganztags. Er wird durch die zusätzlich zur Verfügung stehenden Unterrichtsstunden möglich.

Charlotte Ullrich verhehlt nicht, dass die Abkehr vom Halbtag beim damaligen Kollegium nicht durchweg Begeisterung ausgelöst hatte: „Es gab Vorbehalte, angeregte, aber auch erregte Diskussionen. Bei einigen überwog zunächst die Sorge, noch mehr erzieherische Aufgaben übernehmen zu müssen.“ Kritik und Bedenken wurden auch als Impulse verstanden. Das Vertrauen in den Weg zum Ganztag wuchs Stück für Stück.

Die Resonanz in der rund 30.000 Einwohner zählenden Stadt Oelde wächst ebenso kontinuierlich. Seit einigen Jahren steigen die Anmeldezahlen des Thomas-Morus-Gymnasiums. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Schallgrenze von 800 Schülerinnen und Schülern durchbrochen sein wird.

Individuelle Förderung und Wertebildung

Glas auf Bunsenbrenner
© TMG Oelde

Die Schülerinnen und Schüler können sich auch über Neigungsfächer als wichtiges Element der individuellen Förderung freuen: Schwimmen, Circus, Badminton, Roboting, Forscherwerkstatt, Theater, „Handmade“, Kochen, Garten und Hörspiel lauten nur einige von ihnen. Die Angebote sind ebenfalls unbenotet. In den Jahrgangsstufen 6 und 7 stehen sie jahrgangsübergreifend auf dem Arbeitsplan. Das stärkt die Vernetzung in der Schulgemeinschaft.

Die fühlt sich nicht nur den zentralen Werten der UNESCO wie Menschenrechtsbildung und Demokratieerziehung, interkulturellem Lernen, Freiheit und Chancen der Digitalisierung oder der Bildung für nachhaltige Entwicklung verpflichtet. Sie lebt auch ein intensives Engagement als „Schule ohne Rassismus“. Ein in diesen Tagen wohl besonders wichtiges Element schulischer Bildung und Erziehung.

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