Individuelle Förderung als praktische Nagelprobe der Ganztagsschule

Ein Kernaspekt von Ganztagsschule ist die individuelle Förderung. Doch inwiefern gelingt sie bei Kindern in schwierigen Lebensverhältnissen? Eine Zwischenbilanz der "Studie zu Chancen und Problematiken besonderer erzieherischer Förderung in Ganztagsschulen" offenbart, dass aus dem Fachkonzept der individuellen Förderung erst ein Handlungskonzept geformt werden muss, das sich in der Praxis bewähren muss. Prof. Stephan Maykus von der FH Osnabrück sowie Timm Liesegang von der Universität Münster berichten der Online-Redaktion über die Herausforderungen, die noch zu bewältigen sind.

Online-Redaktion: Wie kam es zu dem Forschungsprojekt?

Porträtfoto: Stephan Maykus

 
Stephan Maykus: Hintergrund waren Erfahrungen des Instituts für soziale Arbeit im Bereich der Fortbildung für Ganztagsschulen. Dort wurde von Fachkräften im Ganztag, insbesondere aber von Seiten der Lehrkräfte und Sozialpädagogen immer wieder zurückgemeldet, dass der Umgang mit Kindern mit besonderem Förderbedarf, die übrigens häufig als "schwierig" bezeichnet werden, eine spezielle Herausforderung ist. Dabei dominiert häufig der Blick auf das "Schwierige" im Schulalltag, nicht auf die schwierigen Lebens- und Bildungssituationen der Kinder, die sich in der Schule äußern. Es war bei den Fortbildungen auch eine gewisse Unsicherheit der Akteure in den Schulen zu erkennen, wie diese Kinder besser gefördert werden können.

Bei mir und den Kollegen in Münster ist der Eindruck entstanden, dass sich daran in den letzten Jahren wenig geändert hat. Wir wollten das Ganze näher analysieren und schauen, woran es liegt, dass dieser Umstand das "Thema Nummer eins" auf Fortbildungen ist. Hinzu kam, dass die Forschung, die wir dann eingehend analysiert und bilanziert haben, aufzeigte, dass es zwar Projekte gab zum Thema Kinder, die von einer "gedachten Norm" abweichen, aber es wurden kaum die Professionellen, das heißt Lehrer und Sozialpädagogen,  und deren Umgang mit sogenannten schuldevianten Kindern thematisiert.. Vor allem wurden sie nicht im Blick auf das Thema Ganztagsschule und die neuen Rahmenkonzepte für individuelle Förderung sowie damit verbundene Ansprüche erörtert.

Die Frage lautet für uns: Bietet die Ganztagsschule einen neuen, besseren Rahmen dafür, Kindern mit besonderem erzieherischem Förderbedarf gerecht zu werden? Die individuelle Förderung war und ist ja der Anspruch jeder Ganztagsschule. Für uns stellte sich besonders die Frage, ob die individuelle Förderung gerade bei dieser Zielgruppe gelingt, denn aus unserer Sicht ist dies die praktische Nagelprobe: Wenn wir diesen Kindern wie allen anderen auch mit ihren unterschiedlichen Förderbedarfen gerecht werden, leisten wir eine gute individuelle Förderung an den Schulen.

Online-Redaktion: Inwieweit ist die Forschungsfrage praxisrelevant?

Porträtfoto: Timm Liesegang

Timm Liesegang: Die Herausforderung, die sich aus der Perspektive des Ausgleichs sozialer Benachteiligung durch integrierte Förderangebote stellt, findet ihre Rahmung in den Richtlinien und Erlassen der jeweiligen Ministerien. Der entscheidende Aspekt ist aber letztlich, was konkret auf der Steuerungsebene in der einzelnen Schule passiert. Der Prozess einer gelingenden individuellen Förderung muss aus wissenschaftlicher Perspektive vor allem auch im Kontext dieses komplexen Mehrebenensystems Schule betrachtet werden.

Das hilft dem Praktiker zunächst wenig. Aber wenn man auf der Systemebene der einzelnen Schule bleibt, so darf man nicht vergessen, dass deren materiellen, räumlichen, personellen sowie sozialräumlichen Dimensionen in der Regel untereinander genauso heterogen sind. wie deren Schülerschaft, ganz zu schweigen von den Eltern und deren Verortung in der jeweiligen Schulkultur.

Deswegen nützt es auch zunächst wenig, davon zu sprechen, welche Fördermethoden sich konkret in der Praxis bewähren. Die Schulen müssen sich vor allem darüber bewusst sein, wie sie ihre Rahmenbedingungen so nutzen können, dass  das bildungspolitische Ziel der individuellen Förderung optimal unter den gegebenen Bedingungen eingelöst werden kann. Verschiedene Studien, und das spiegelt sich auch in unseren Ergebnissen wieder, verweisen auf die zentrale Rolle einer starken Schulleitung sowie auf die Bedeutung der internen und externen multiprofessionellen Kooperation, einer guten Team- und Konzeptentwicklung und nicht zuletzt auf die der Einbeziehung der Eltern.

Online-Redaktion: Können Sie mit Ihrer Studie an die bisherigen Ergebnisse der "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen - StEG" anschließen?

Maykus: Anschlusspunkte gibt es dahingehend, dass das Thema Kooperation bei StEG sehr wichtig ist. StEG hat gezeigt, dass diejenigen Ganztagsschulen, die mit anderen Professionen kooperieren, in der Regel Schulen sind, die offener und dynamischer sind, was die Schulentwicklung anbelangt. Die betreiben eine durchaus intensivere Konzeptentwicklung und holen sich Anregungen auch von außerhalb.

Wir fragten uns, wenn Schulen sich so auszeichnen und diese Entwicklungsfähigkeit beweisen, ob man dies auch für individuelle Förderung im breiten Sinn sowie insbesondere für die Zielgruppe der Kinder mit besonderem Förderbedarf nutzen kann? Hierbei hatten wir vor allem das Thema Jugendhilfe und Schule im Fokus, da die Universität Münster die schulpädagogische Rolle und die Frage von Professionalitätskonzepten in den Blick nimmt, während das Institut für soziale Arbeit und jetzt auch die Fachhochschule Osnabrück die sozialpädagogische Seite beleuchtet. Wir verbinden mit der Ganztagsschule den Ort der multiprofessionellen Kooperation, und da stehen Schule und Jugendhilfe als Partner an erster Stelle.  

Online-Redaktion: Wie haben Sie die betrachteten Länder ausgewählt?

Maykus: Uns kam es darauf an, nicht nur in die Schulen zu schauen, sondern auch die Frage zu beantworten, wie die unterschiedlichen Rahmenbedingungen, die durch landesspezifische Ganztagskonzepte beeinflusst werden, auf den Schulalltag wirken. Wir haben

Bremen und Nordrhein-Westfalen - einen Stadtstaat und ein Flächenland in den Blick genommen, weil sie -auch aufgrund dieser Raumstrukturen -  zum Teil unterschiedliche Konzepte durchführen. Für uns stellte sich die Frage: Wie können die auf der Ebene der Ministerien entstandenen Konzepte in den Schulalltag hineinwirken? Unterscheidet sich darin ein Bundesland, das räumlich überschaubarer ist und vielleicht anders begleitet wird, von einem Flächenland? Wir wollten deshalb diese beiden Länder miteinander vergleichen.

Online-Redaktion: Können Sie dazu erste Ergebnisse nennen?

Maykus: Beim Ländervergleich stehen wir noch am Anfang. Man kann im Schulalltag durchaus erkennen, dass die Konzepte von individueller Förderung sich zwar fachlich nicht unterscheiden, aber dass die Umsetzung in den Schulen sowie die erlebte Begleitung durchaus differieren. So entstehen beispielsweise im kleineren überschaubaren Raum wie in Bremen leichter Kooperationen und intensivere gemeinsame Konzeptentwicklungen. In NRW wiederum ist inzwischen eine sehr intensive und wirksame Begleitstruktur entstanden. Schulen benennen dies auch als durchaus entlastende Möglichkeit. Dies betrifft Beratungspersonen im Ganztag, die vor Ort aktiv sind, sowie die Serviceagentur. 

Liesegang: Gleichwohl gibt es viele Tendenzen, die einer individuellen Förderung entgegenstehen. Diese steht im Spannungsverhältnis zur Selektions- und Allokationsfunktion von Schule, und wenn die Selektionsfunktion vor der Qualifikationsfunktion überbetont wird, dürfte ein Perspektivwechsel hin zu gelingender individueller Förderung kaum gelingen. Es gilt nach wie vor, die in 200 Jahren historisch gewachsene Fiktion der Schaffung homogener Lerngruppen zu überwinden.

Oder, als konkreter Aspekt "vor Ort": Im Kontext von "schwierigen" Kindern spielt insbesondere der Beziehungsaspekt eine wesentliche Rolle, doch hier zeigt sich auf personeller Ebene bei vielen Ganztagsschulen das mit großer Unsicherheit behaftete Problem der meist temporär im Schuljahresrhythmus beschäftigten sozialpädagogischen Fachkräfte. Veränderung setzt auch die Verfügung über mehr Zeit voraus.

Online-Redaktion: Welche Vorteile besitzen gebundene Ganztagsschulen?

Liesegang: Hier muss man zunächst die föderalen Unterschiede berücksichtigen und feststellen, dass die additiven Ganztagsschulen dominieren. Unserer Einschätzung nach stellen allerdings gerade die gebundenen Ganztagsschulen sowohl prinzipiell, also von ihren strukturellen Voraussetzungen her, als auch auf Prozessebene viel größere Potenziale im Kontext individueller Förderung bereit.

Im Vergleich zu offenen Systemen zeigt sich in dieser Organisationsform eine stärker entwickelte Lern- und Kooperationskultur, auch die konzeptuelle Verbindung zwischen normaler Unterrichtsarbeit und außerunterrichtlichen Gestaltungsformen gelingt besser. Zudem kann die optimale Verteilung der Lernprozesse im gebundenen System besser gewährleistet werden.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung für die Öffentlichkeit könnte die Studie erlangen?

Maykus: Für die Forschung ist bedeutsam, dass wir auf die Fragen aufmerksam machen können, die die programmatische Ebene der Umsetzung von individueller Förderung im Schulalltag betreffen. Dabei fällt auf, dass das Fachkonzept von individueller Förderung noch kein Handlungskonzept geworden ist. Die Umsetzung, mit der Problematik, das Ganze in kleinen praktischen Schritten zu bearbeiten, fällt doch recht schwer. Wir haben auch aus Vorstudien erfahren, dass es eine noch eher zaghafte Öffnung zu Kooperationspartnern außerhalb der Schule gibt.

Schulen neigen sehr dazu, den Förderbedarf für diese Zielgruppe intern lösen zu wollen, zum Beispiel durch die Schulpsychologie oder Beratungslehrer. Die Idee, dass das multiprofessionell besser klappen kann, wächst erst. Hier sehe ich einen Bedarf an weitergehender Forschung, unter welchen Bedingungen dies besser möglich ist.

Vor allem zeigt sich, dass das fachliche Ziel individueller Förderung und damit Orientierung an Heterogenität praktisch vor allem Differenzierung heißt. Differenzierung bedeutet, dass wir unterschiedliche Personengruppen sowie unterschiedliche Konzepte an der Schule benötigen. Weiterhin bedeutet dies, dass wir unsere Angebote differenzieren müssen - damit auch die Räume an den Ganztagsschulen. Dies alles wird von den Betroffenen als ein großes, langfristiges Projekt geschildert, das zum Teil mit Unsicherheit und Herausforderungen verbunden ist.

Manchmal ist es auch mit der Wahrnehmung von Überforderung verbunden, da die bestehenden Professionalitätsmuster und beruflichen Handlungsroutinen irritiert werden. Diese Zusammenhänge müssen in zukünftiger Forschung dargestellt und mit der Frage verbunden werden: Unter welchen Bedingungen kann individuelle Förderung gelingen und wie können wir das praktisch unterstützen?

Aus Sicht der Praxis hat das Thema Handlungsdruck ersten Rang. Dabei nehmen wir auch eine gewisse Verunsicherung der Beteiligten zur angesprochenen Frage wahr, wie das Fachkonzept in ein Handlungskonzept umgesetzt werden kann. Individuelle Förderung ist eine sehr allgemeine Leitformel, die es im je spezifischen Schulalltag zu konkretisieren gilt.

Vor allem ist es wichtig, dass die Praxis der Forschung zurückmeldet, unter welchen Rahmenbedingungen das gelingen kann und was die individuelle Förderung erschwert. Die Einblicke der Praktiker, der Experten und Fachkräfte vor Ort, sollten ernst genommen werden. Da der hohe fachliche Anspruch aber nicht immer mit der Ausstattung und den Rahmenbedingungen der Ganztagsschulen zusammenpasst, muss geschaut werden, wo der Entwicklungsbedarf genau liegt. Hier haben wir viele Einblicke erhalten.

Online-Redaktion: Wie haben denn die Schulen Ihre Forschung aufgenommen?

Liesegang: Trotz bekannter Empiriemüdigkeit waren die Erfahrungen während  der Zusammenarbeit sehr positiv Vor diesem Hintergrund haben wird den beteiligten Schulen ein Dankeschön- Angebot in Gestalt einer Methodenwerkstatt für ihre Beteiligung gemacht. Die zweitägige Veranstaltung wurde vom Institut für soziale Arbeit e.V. sowie der Universität Münster konzipiert, wobei sich rund 30 Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte beteiligten. In erster Linie ging es darum, verschiedene Methoden der Diagnostik und individuellen Förderung kennenzulernen. Das hohe Interesse seitens der zu Beforschenden verdeutlicht den großen Bedarf nach Fort- und Weiterbildung zum Thema.

Wir planen für nächstes Jahr eine Transferveranstaltung, in welcher wir Empfehlungen zur Praxis der individuellen Förderung geben möchten. Diese betreffen neben der Qualifizierung des Personals die Schulentwicklung, also Kooperationen oder Konzeptentwicklungen, die Gestaltung von Schulkultur und nicht zuletzt die Gestaltung der Beziehungen zu den Schülerinnen und Schülern. Von großer Bedeutung ist zudem die sozialräumliche Verankerung, sprich die Einbindung der Ganztagsschulen in lokale Bildungslandschaften und Netzwerke.

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