Vom Mythos Kooperation zur kooperativen Ganztagsschule

Mit dem Forschungsprojekt "Professionelle Kooperation von unterschiedlichen Berufskulturen an Ganztagsschulen (ProKoop)", das der Erziehungswissenschaftler Dr. Karsten Speck (Universität Potsdam) und der Sozialpädagoge Prof. Dr. Thomas Olk (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) initiiert haben und gemeinsam leiten, wird ein Kernbereich der Ganztagsschulentwicklung wissenschaftlich ausgeleuchtet: die Kooperationsbeziehungen zwischen Ganztagsschulen und ihren vielfältigen schulischen und außerschulischen Partnern. In einem Gespräch mit der Online-Redaktion berichtet Dr. Karsten Speck über das Vorhaben.

Porträtfoto: Dr. Karsten Speck

Online-Redaktion: Wie ist das Forschungsprojekt "Professionelle Kooperation von unterschiedlichen Berufskulturen an Ganztagsschulen zustande gekommen?

Speck: Prof. Olk und ich forschen bereits seit mehreren Jahren zur Kooperation unterschiedlicher Berufsgruppen, besonders an der Schnittstelle von Jugendhilfe und Schule.Wir können anhand unserer vorangegangenen Untersuchungen an Halbtagsschulen in verschiedenen Bundesländern zeigen, dass eine ertragreiche Kooperation äußerst anforderungsreich und nicht selten konfliktanfällig ist.

Sie muss sehr ergebnisorientiert ausgerichtet sein und bedarf einer hohen Unterstützung durch die Schulleitungen und gründlichen konzeptionellen Vorarbeit. Die Beteiligten müssen sich vorher über die Ziele, die Rahmenbedingungen und die Zuständigkeiten genau verständigen, um spätere Kooperationsprobleme zu vermeiden. Kooperation braucht im Verlauf zudem feste Ansprechpartner, Zeitressourcen und Kommunikationsstrukturen.

Für eine tragfähige Kooperation muss schließlich ein professionelles Verständnis davon vorhanden sein, was ich beispielsweise als Lehrer oder Sozialpädagoge kann und wo ich möglicherweise die jeweils andere Profession und deren Kompetenzen einbinden sollte: Wenn ich den Kooperationspartner als Konkurrenten ansehe, wird Kooperation eher schwierig. Wenn ich in meinem Handeln hingegen sicher bin, und auch weiß, was ich von anderen Professionen erwarten kann, funktioniert Kooperation deutlich besser.

Da Prof. Olk und ich uns eine weitere Zusammenarbeit sehr gut vorstellen konnten und als Erziehungswissenschaftler ein hohes Interesse an der inhaltlichen Weiterentwicklung der unseres Erachtens forschungsmäßig bislang zu wenig beachteten Kooperation an Ganztagsschulen haben, entwickelten wir ein gemeinsames Forschungsprojekt. Wir favorisierten dabei Fallstudien an einzelnen Ganztagsschulen, um die Sichtweisen, Erfahrungen und Wechselbeziehungen der unterschiedlichen Kooperationsbeteiligten und die Gelingens- und Misslingensbedingungen der Kooperation an Ganztagsschulen genauer betrachten zu können.

Unsere Grundüberlegung war, dass an Ganztagsschulen mehr Möglichkeiten, aber auch Notwendigkeiten zur Kooperation unterschiedlichster Berufsgruppen bestehen. Das Forschungsprojekt "Professionelle Kooperation von unterschiedlichen Berufskulturen an Ganztagsschulen (kurz: ProKoop)", das aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und des Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert wird, besteht seit Januar 2008 und läuft bis Ende 2009. Wir haben also zwei Jahre Zeit und haben jetzt die Hälfte der Projektlaufzeit erreicht.

Online-Redaktion: Wer wirkt an dem Forschungsprojekt ProKoop mit?

Speck: Das Projekt ProKoop selbst besteht aus drei Teilprojekten: zwei Teilprojekten in Brandenburg und Niedersachsen, für die ich an der Universität Potsdam maßgeblich zuständig bin, und einem Teilprojekt in Sachsen-Anhalt, für das Prof. Dr. Thomas Olk an der Universität Halle-Wittenberg zuständig ist. Das Forschungsprojekt in Brandenburg und Niedersachsen wird zudem durch Prof. Dr. Wilfried Schubarth und Dr. Andreas Seidel unterstützt.

In den Teilprojekten sind jeweils eine wissenschaftliche Mitarbeiterin bzw. ein wissenschaftlicher Mitarbeiter mit einer halben Stelle und jeweils zwei studentische Hilfskräfte beschäftigt. Da in dem Projekt unterschiedliche Professionen beteiligt sind, Mitarbeiter mit erziehungswissenschaftlichem, soziologischem und politikwissenschaftlichem Hintergrund, gibt es eine sehr ertragreiche Diskussion aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Online-Redaktion: Warum ist das Thema Kooperation für die Ganztagsschulentwicklung so bedeutsam?

Speck: Ein wichtiger Ausgangspunkt für unser Forschungsprojekt waren die Ziele des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB). Die Umsetzung der anspruchsvollen Ziele dieses Programms setzt voraus, dass die Ganztagsschulen mit inner- und außerschulischen Partnern eng zusammenarbeiten. Ganztagsschule in Deutschland bedeutet in jedem Fall eine Kooperation mit verschiedenen Partnern und Professionen. Es gibt in der Politik, in der Fachliteratur sowie in der Öffentlichkeit dabei hohe Erwartungen an Ganztagschulen, nicht zuletzt mit Blick auf die Kooperation.

Zuweilen muss man schon von einem "Mythos Kooperation" sprechen - diesen wollen wir wissenschaftlich hinterfragen und empirisch abgesicherte Vorschläge zur Weiterentwicklung der Kooperation an Ganztagsschulen unterbreiten. Uns interessiert konkret, über welche Kooperationsvorstellungen die verschiedenen Partner an Ganztagsschulen verfügen, wie die Kooperation der unterschiedlichen Berufskulturen an Ganztagsschulen aussieht und wie der Kooperationserfolg von den unterschiedlichen Beteiligten beurteilt wird. Zwar wissen wir bereits viel über die Kooperation von Lehrern und Sozialarbeitern, aber bis dato eher wenig darüber, wie die Kooperation von Schulen mit Unternehmen, Handwerkern etc. besonders an Ganztagsschulen funktioniert.

Ziel des Forschungsprojektes ist es, am Ende Gelingens- und Misslingensbedingungen der Kooperation an Ganztagsschulen empirisch fundiert darzustellen.

Online-Redaktion: Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie die Bundesländer ausgewählt?

Speck: Für unsere Untersuchung benötigten wir Länder, die man sinnvoll miteinander vergleichen kann und die dennoch über unterschiedliche Rahmenbedingungen zur Kooperation verfügen, um zu untersuchen, welchen Einfluss möglicherweise, Traditionen, Regelungen und konzeptionelle Vorgaben in den Ländern auf die Entwicklung der Ganztagsschule haben.

Aufgrund unserer langjährigen Forschungserfahrungen und -kontakte stießen wir sehr schnell auf die Länder Brandenburg und Sachsen-Anhalt und trafen dort auch auf eine Offenheit in den Ministerien und Serviceagenturen für den Ganztag. Die Länder Brandenburg und Sachsen-Anhalt waren für uns aufgrund der gemeinsamen ostdeutschen Geschichte mit einem verlässlichen Hortangebot und außerunterrichtlichen Angeboten, der politischen Bestrebungen zum Ausbau von Ganztagsschulen sowie des favorisierten Ausbaus der Ganztagsschulen im Bereich der Sekundarstufe I und der Grundschulen von Interesse und relativ gut vergleichbar.

Das Land Brandenburg haben wir unter anderem auch deshalb ausgewählt, weil das Schulgesetz dort schon seit längerem Ganztagsangebote vorsieht und Verwaltungsvorschriften sogar verbindlich Kooperationen vorschreiben. In Brandenburg besteht der politische Anspruch, quasi im Sinne einer Flächenversorgung, für einen beträchtlichen Teil der Schülerinnen und Schüler ganztägige Angebote vorzuhalten.

Sachsen-Anhalt hingegen war kontrastierend dazu für uns interessant, weil die schulrechtlichen Regelungen zur Kooperation deutlich ausgebaut wurden und das Land im Rahmen des Bundesprogramms IZBB den Anspruch verfolgt, eine begrenzte Zahl anspruchsvoller, beispielhafter und origineller Ganztagsschulen zu fördern, die als Referenzmodelle gelingender Schulreform dienen sollen.

Das Teilprojekt im Land Niedersachsen bot uns darüber hinaus die Möglichkeit, unsere Forschungsfragen in einem westdeutschen Bundesland zu untersuchen. Dabei ist Niedersachsen besonders spannend, weil dort der Kooperation an Ganztagsschulen ein hoher landespolitischer Stellenwert eingeräumt wird. Auch hier bestand bereits bei der ersten telefonischen Kontaktaufnahme ein sehr großes Entgegenkommen im Ministerium.

Online-Redaktion: Wie würden Sie Ihren methodischen Ansatz beschreiben?

Speck: Da wir aufgrund unseres Erkenntnisinteresses eine qualitative Studie mit Fallstudien an einzelnen Schulen durchführen wollten, arbeiten wir in diesem Forschungsprojekt nicht mit Fragebögen. Vielmehr führen wir mit Hilfe von Gruppendiskussionen, Interviews sowie Beobachtungen vor Ort Fallstudien durch, die zu Schulporträts führen sollen. Konkret erfassen wir dabei an einzelnen Schulen die schulische Kooperationsperspektive, die Perspektive der inner- und außerschulischen Kooperationspartner sowie die konkrete Kooperationspraxis.

Um die schulische Perspektive zu untersuchen, analysieren wir - neben ausgewählten Dokumenten der Länder- die Dokumente der einzelnen Schulen, beispielsweise deren Homepage, Schulprogramm oder Kooperationsverträge. Darüber hinaus führen wir Gruppendiskussionen mit Lehrkräften durch.

Um die Perspektive der innerschulischen und der außerschulischen Kooperationspartner zu berücksichtigen, führen wir Interviews mit innerschulischen Kooperationspartnern, beispielsweise mit Schulsozialarbeitern, und mit außerschulischen Kooperationspartnern, beispielsweise mit Sportvereinen, Ehrenamtlichen, Unternehmen usw. durch. Außerdem gibt es Gruppendiskussionen mit Eltern an den Schulen, um auch deren Sichtweise zu erfassen.

Um die reale Kooperationspraxis zwischen Lehrern auf der einen Seite sowie den innerschulischen und der außerschulischen Kooperationspartnern auf der anderen Seite zu betrachten, halten wir uns vor Ort an den Schulen auf. An den Schulen führen wir dann zum einen Beobachtungen und zum anderen Tonbandaufzeichnungen und Auswertungen von Kooperationsgremien, Steuerungsgruppen und Auswertungsrunden mit Kooperationspartnern durch. Dieser Ansatz hat sich in der Schulforschung als sehr ertragreich erwiesen. Zusätzlich werden die Schüler in Gruppendiskussionen zu ihren Erfahrungen befragt.

Online-Redaktion: Nach welchen Kriterien wurden denn die Ganztagsschulen ausgesucht?

Speck: Für die jeweils fünf Schulen in den Ländern Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen wurden vorher vier Auswahlkriterien festgelegt und in Absprache mit den Ministerien und Serviceagenturen Auswahlentscheidungen vorgenommen. Mitunter musste auf andere Schulen ausgewichen werden, weil es schwierig war, interessierte bzw. Schulen zu finden. Voraussetzung für die Auswahl der Schulen war dabei zunächst, dass sich das Forschungsprojekt auf den Sekundarschulbereich I konzentriert und nicht nur "Leuchtturm-Ganztagsschulen" untersucht werden sollten.

Davon abgesehen haben wir als erstes Kriterium in jedem Bundesland sowohl Schulen gesucht, die bereits vor dem IZBB Ganztagsschulen waren, als auch Schulen, die im Zuge des IZBB als Ganztagsschulen eingerichtet wurden. Die Idee dabei ist, Schulen mit unterschiedlich langen Erfahrungen im Ganztagsbereich zu erfassen. Ein zweites wichtiges Auswahlkriterium für uns war die Berücksichtigung von voll gebundenen bzw. teilgebundenen und offenen Ganztagsschulen. Unsere Erwartung ist hier, dass an vollgebundenen Ganztagsschulen eine intensiviere und stärker auf Bildungsfragen ausgerichtete Kooperation stattfindet bzw. stattfinden muss.

Ein drittes Kriterium waren die Schulformen. Wir vermuten, dass sich in unterschiedlichen Schulformen auch Unterschiede in den Kooperationsangeboten und den Kooperationspartnern nachweisen lassen. Das vierte Kriterium zielte auf die Auswahl von Schulen aus dem städtischen und ländlichen Raum ab, da wir hier divergierende Kooperationsbegründungen, -erfahrungen und -probleme vermuten.

Online-Redaktion: Sie beziehen auch internationale Erfahrungen ein. Welcher Art sind diese?

Speck: Die Kooperation mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem Ausland, aus Russland, Polen und USA eröffnet den Blick für andere Sichtweisen und Lösungsansätze an Schulen bzw. Ganztagsschulen. Einige Mitglieder des Forschungsteams waren beispielsweise vor einem Monat in Russland. Die Reise hat gezeigt, dass man dort über reichhaltige Kooperationserfahrungen mit außerschulischen Partnern, differenzierte Kooperationskonzepte und entsprechende Kooperationsstrukturen verfügt.

So gibt es neben der eigentlichen Leitung eine Person in Schulleitungsfunktion, die für den Ganztag zuständig ist und diesen Bereich personell und konzeptionell koordiniert. Gut gefallen hat uns auch, dass es fundierte pädagogische Überlegungen und Konzepte für die Verknüpfung des Vor- und Nachmittagsbereiches gibt. Vorgefunden haben wir beispielsweise auch ein psychologisch-medizinisch-soziales Zentrum, in dem unterschiedliche Professionen zusammenarbeiten.

Mit anderen Worten: Im internationalen Bereich kennt man sich mit der Kooperation mit unterschiedlichen Partnern und multiprofessionellen Teams schon lange aus. Diese ist in Deutschland - wie verschiedene Studien zeigen - noch deutlich ausbaufähig. Unsere Kooperation mit Polen und den USA beruht ähnlich wie die Zusammenarbeit mit Russland auf einer bestehenden Kooperation mit den entsprechenden Universitäten. In dem wissenschaftlichen Netzwerk tauschen wir uns schon seit längerem über Fragen der Lehrerbildung und des Bildungssystems, Probleme von Jugendlichen und nicht zuletzt über Fragen der Kooperation mit außerschulischen Partnern aus.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung könnte die Studie für die aktuelle Ganztagsschulforschung haben?

Speck: Die Fragestellungen unseres Forschungsprojektes ProKoop ergänzen aus unserer Sicht recht gut die vorliegenden Untersuchungsergebnisse, beispielsweise der "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen - StEG". Sie erlauben ein sehr differenziertes Bild auf die divergierenden Kooperationserwartungen an Ganztagsschulen, den organisatorisch sehr aufwändigen Kooperationsalltag sowie die Fallstricke in der Kooperation an Ganztagschulen.

Wir können bezogen auf Einzelschulen die Sichtweisen, Deutungen, Erfahrungen und Probleme von schulischen Akteuren sowie inner- und außerschulischen Akteuren genauer rekonstruieren und gegenüberstellen. Die Fallstudien an den einzelnen Schulen liefern letztlich nützliche Erkenntnisse zu den Wechselbeziehungen zwischen den Kooperationsbeteiligten, zu Gelingens- und Misslingensbedingungen der Kooperation an Ganztagsschulen und zur Frage, wie die Kooperation an Ganztagsschulen verbessert werden kann.

Das Forschungsprojekt ProKoop ermöglicht über die Ganztagsforschung hinaus zudem einen praxisnahen Nutzen. So wird ein Praxistransfer unter anderem durch Rückmeldungen an die Schulen, die Einbindung in die Seminare an den Universitäten, die Zusammenarbeit mit den Serviceagenturen, eine Publikation und nicht zuletzt unsere Projekthomepage http://www.kooperation-an-ganztagsschulen.de gewährleistet.

Speck, Karsten, geb. 1973, Dr. phil., wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Potsdam. Arbeitsschwerpunkte: Bildungsforschung, Professions- und Kooperationsforschung, Jugend- und Sozialisationsforschung, Kooperation von Jugendhilfe und Schule/Schulsozialarbeit, Bürgerschaftliches Engagement, Qualitätsentwicklung und Evaluation

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