Lernentwicklung von Kindern in der Ganztagsgrundschule

Das Projekt Ganztagsorganisation im Grundschulbereich untersucht den Lernerfolg von Kindern mit Sprachrückständen, insbesondere nicht deutscher Herkunftssprache und aus bildungsfernen Schichten, in den ersten Jahren der Grundschule vor dem Hintergrund der Ausgestaltung der Ganztagsorganisation und der neu gestalteten Schulanfangsphase in den Bundesländern Berlin, Nordrhein-Westfalen (NRW) und Brandenburg. Die Online-Redaktion sprach mit Dr. Nicole Bellin, Projektmitarbeiterin in Berlin, über erste Ergebnisse nach der zweiten Testphase.

Porträtfoto: Nicole Bellin

Online-Redaktion: Sie untersuchen die Lernentwicklung von Kindern mit Sprachrückständen in den ersten Jahren der Grundschule vor dem Hintergrund der Ausgestaltung der Ganztagsorganisation. Wie viele Kinder mit Sprachrückständen sind in den einzelnen Klassen jeweils vertreten?

Bellin: Die Lehrkräfte der ausgewählten Schulen in Berlin haben mit Beginn des Projekts, also zu Beginn der Grundschulzeit, den Sprachstand der Schülerinnen und Schüler in der Zielsprache Deutsch eingeschätzt. Die Bewertung erfolgte anhand verschiedener Merkmale, etwa ob das Kind Sachverhalte in Deutsch verstehen kann, wie es sich in Deutsch ausdrückt, oder wie es mit seinen Mitschülern auf Deutsch kommuniziert.

In den Klassen, zu denen uns Daten vorliegen, reicht der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Sprachförderbedarf von 0 bis 65 Prozent. Im Durchschnitt liegt der Anteil der Kinder mit Sprachförderbedarf in der Stichprobe für Berlin bei 26 Prozent, also bei etwa einem Viertel der untersuchten Kinder. Zwei Drittel davon sind Kinder mit Migrationshintergrund, so dass auch bei einem Drittel der Kinder deutscher Herkunftssprache von Sprachrückständen auszugehen ist.

Online-Redaktion: Wie werden die Kinder mit Sprachrückständen an den Schulen gefördert?

Bellin: Die Sprachförderung erfolgt an den Schulen im Unterricht und im außerunterrichtlichen Bereich. Zusätzlich gibt es in 66 Prozent der Klassen speziellen Förderunterricht Deutsch. Die Förderung von Schülern mit Sprachrückständen findet auf vielfältige Weise statt. Dies reicht von Maßnahmen zur Förderung der sprachlichen Korrektheit, zur Förderung der Lesekompetenz bis zum stärker individualisierten Unterricht. Es zeigt sich, dass diese Maßnahmen nicht an eine spezifische Form der Ganztagsorganisation gebunden sind.

Im außerunterrichtlichen Bereich findet eine systematische Sprachförderung nur in geringem Maße statt. Dies hat eine Befragung des pädagogischen Personals ergeben, das am Nachmittag tätig ist. In den gebundenen Ganztagsschulen ist sie etwas häufiger zu beobachten. Die Untersuchungen zeigen auch, dass den Kindern im außerunterrichtlichen Bereich häufig Material wie Bücher und Leseecken zur Verfügung gestellt werden, und dass sich die Erzieherinnen auch sehr bemühen, Gespräche zu initiieren, die sich nicht nur auf Alltagsroutinen beziehen. Jedoch regen nur etwa ein Viertel der Erzieherinnen und des weiteren pädagogischen Personals im Ganztag die Kinder dazu an, Bücher von zu Hause mitzubringen. Hier zeigt sich noch Entwicklungsbedarf. Der Fokus muss im außerunterrichtlichen Bereich noch mehr darauf gelegt werden, welche Sprachaktivitäten durchgeführt werden können.

Online-Redaktion: Wie testen Sie den Lernerfolg der ausgewählten Schülerinnen und Schüler?

Bellin: Wir begleiten die Kinder von der ersten bis zur dritten Klasse und untersuchen sie in ihrer Lernentwicklung. Einmal pro Schuljahr findet ein Testdurchlauf statt. Die ersten beiden Testgänge wurden bereits durchgeführt, im Sommer 2009 startet der dritte. Bei der ersten Erhebung haben wir Leistungen im basalen Lesen, in Mathematik und in der kognitiven Leistungsfähigkeit abgefragt. Bei der zweiten Erhebung haben wir die gleichen Leistungen erhoben und sie um einen Test zum Leseverständnis erweitert, der über die basale Leseleistung hinausgeht. Zum dritten Messzeitpunkt, also wenn die Kinder in der dritten Klasse sind, setzen wir zusätzlich einen Test zum Sprachverständnis sowie einen Fragebogen zur Einschätzung des Ganztags aus Schülersicht ein.

Online-Redaktion: Wie unterscheiden sich die Unterrichtsquantität und -qualität in der Zielsprache Deutsch an den einzelnen Schulen?

Bellin: Um dies zu überprüfen, haben wir ein Klassentagebuch eingesetzt, das von den Lehrkräften und dem weiteren pädagogischen Personal für eine Schulwoche ausgefüllt wurde und zusätzlich Unterrichtbeobachtungen durchgeführt. Für die Unterrichtsgestaltung zeigen sich große Unterschiede. Es dominiert fachgebundener Unterricht gegenüber dem offenen bzw. fachübergreifenden Unterricht. Annahmen, dass die Art der Nutzung und Konfrontation mit der Sprache Deutsch variieren, lassen sich nicht generell bestätigen. Es zeigen sich Hinweise auf einen höheren Sprachanteil der Schüler im offenen Unterricht. Hinsichtlich der Organisationsform zeigt sich, dass im gebundenen Ganztag die Förderung in der Zielsprache Deutsch im Team von Lehrkräften und weiterem pädagogisch tätigen Personal besser realisiert wird, als dies im offenen Ganztag der Fall ist.

Online-Redaktion: Welche Vorteile bietet die Ganztagsschule für den Lernerfolg der Schüler gegenüber der Halbtagsschule?

Bellin: Die Ergebnisse der Berliner Stichprobe zeigen, dass Schüler, die am offenen Ganztag teilnehmen, leichte Vorteile in der basalen Leseleistung aufweisen. Nach Berücksichtigung des Vorwissens, haben Kinder, die nicht teilnehmen, einen Rückstand von ca. sechs Wochen. In NRW zeigten sich zum zweiten Messzeitpunkt ebenfalls Hinweise zum Vorteil einer offenen Ganztagsschule gegenüber einer Halbtagsschule. Wir sind jetzt gespannt auf den dritten Messzeitpunkt, da erst dann differenzierte Aussagen hinsichtlich der Auswirkungen des Ganztags auf den Lernerfolg von Schülern mit Sprachförderbedarf möglich sein werden.

Allerdings sind die Erfolge davon abhängig, wie die Ausgestaltung stattfindet. Also wie sich die Angebote in offenen und gebundenen Ganztagsschulen unterscheiden, an welchen Angeboten die Kinder teilnehmen, ob die Angebote stärker sprachbezogen sind oder ob eher freizeitorientierte Aktivitäten im Vordergrund stehen. Das untersuchen wir gerade.

Online-Redaktion: Wie wirkt sich die Schuleingangsphase auf den Lernerfolg aus?

Bellin: Zu Beginn der Untersuchung hatten wir sieben Klassen an vier Schulen, die jahrgangsübergreifend organisiert waren, mit Beginn des zweiten Schuljahrs waren es dreihundert Kinder, die in jahrgangsstufenübergreifenden Klassen unterrichtet wurden und zum dritten Messzeitpunkt sind noch einmal Klassen hinzugekommen. Über die ersten beiden Messzeitpunkte können wir noch keine konkreten Aussagen treffen, wir müssen die Ergebnisse des dritten Messzeitpunktes abwarten.

Interessant wird sein, wie die Kinder abschneiden, die in den ersten beiden Schuljahren jahrgangsübergreifend unterrichtet wurden und jetzt wieder in einer homogen Klasse sind. Was sich zeigt, ist, dass sich hinsichtlich der Unterrichtsgestaltung eine Reaktion auf die Jahrgangsmischung ergibt. Es wird mehr individualisiert und differenziert unterrichtet.

Online-Redaktion: Können Sie zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen, welche Form der Ganztagsorganisation Kindern mit Migrationshintergrund und aus sozial schwachen Familien eine optimale Lernumgebung bietet?

Bellin: Zwar bieten gebundene Ganztagsschulen gerade in Bezirken mit einem hohen Anteil von Kindern mit Sprachförderbedarf die Möglichkeit der Förderung für alle Kinder bzw. Jahrgänge; dieser Vorteil kann jedoch durch Effekte der Klassenzusammensetzung möglicherweise nicht wirksam werden. Was wir jetzt schon über die ersten zwei Schuljahre hinweg sehen, ist, dass die Schul- und Klassenzugehörigkeit an Bedeutung für die Leistungen gewinnt. Auch hierzu sind erst fundierte Aussagen zum dritten Messzeitpunkt über die Längsschnittanalyse möglich.

Dr. Nicole Bellin, Magisterstudium an der Freien Universität Berlin, Promotion Januar 2008, seit Juni 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich für Empirische Erziehungswissenschaft der Freien Universität Berlin, zurzeit im Projekt Ganztagsorganisation im Grundschulbereich.

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