"Weiß man zu wenig, arbeitet man im Nebel" - Ganztagsschule und Integration

Schulen sind ein zentraler Integrationsort. Gibt es aber besondere schulische Merkmale, die darauf hindeuten, ob und inwiefern die Ganztagsschule besser als die Halbtagsschule die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund befördert? Prof. Heinz Reinders gibt über diese Frage sowie über den Stand des Forschungsprojekts "Ganztagsschulbesuch und Integrationsprozesse bei Migranten" (GIM) Auskunft.

Porträtfoto: Prof. Heinz Reinders

Online-Redaktion: Wie kam es zu diesem Forschungsprojekt?

Reinders: Das Projekt ist entstanden, weil wir den Eindruck hatten, dass es wenige Informationen darüber gibt, ob Ganztagsschulen dem Integrationsprozess von Migranten eigentlich zuträglich sind. Der Hintergrund ist auch der, dass mit den Ganztagsschulen die Erwartungshaltung verknüpft ist, dass sie besser geeignet sind, die Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zumindest tendenziell auszugleichen. Bisher gibt es noch keinen Vergleich von Ganztagsschulen mit Halbtagsschulen.

Online-Redaktion: Wer ist der Auftraggeber des Projektes und welche Kooperationspartner sitzen im Boot?

Reinders: Das Projekt ist im Rahmen des BMBF-Schwerpunktes zur Ganztagsschulforschung ausgeschrieben worden. Es hat eine Laufzeit bis Mitte 2010. Das ist der Zeitpunkt, wo wir über zentrale Befunde berichten können. Kooperationspartner des Projektes, das wir gemeinsam beantragt haben, sind die Empirische Bildungsforschung an der Universität Würzburg, die Kollegin Prof. Ingrid Gogolin von der Universität Hamburg, die für die international vergleichende und interkulturelle Erziehungswissenschaft zuständig ist, sowie von der Universität Mannheim der Kollege Jan W. van Deth, der die Internationale Politikwissenschaft vertritt.

Online-Redaktion: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

Reinders: Diese Kooperationen funktionieren sehr gut, unter anderem deshalb, weil sich alle Partner gut in ihren Kompetenzen ergänzen. Es gibt in dem Projekt drei thematische Schwerpunkte: die Frage der sprachlichen Förderung, wofür Ingrid Gogolin mit ihrem Team zuständig ist. Wir haben ferner die Frage der sozialen Integration, also interkultureller Freundschaften und Beziehungen, die gepflegt werden - dieser Bereich ist an unserem Lehrstuhl angesiedelt. Der Aspekt der gesellschaftspolitischen Kompetenzen wird aus der politologischen Perspektive von Jan W. van Deth und seinem Team bearbeitet.

Online-Redaktion: Das ist ein ziemlich komplexes Vorhaben. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Reinders: Das hat damit zu tun, dass der Migrationsprozess selbst eine komplexe Angelegenheit ist und nicht eindimensional verläuft. Das Thema bewegt sich auf sehr vielen Schienen. Uns war es wichtig, die relevantesten Aspekte dieser Komplexität simultan zu betrachten und deshalb keine thematische Verengung etwa nur auf die Sprachförderung vorzunehmen. Wir wissen, dass die Sozialintegration ein wichtiger Aspekt dafür ist, wie sich Migranten akkulturieren.

Online-Redaktion: Wie ist der gegenwärtige Stand des Forschungsvorhabens?

Reinders: Es handelt sich um eine Längsschnittstudie mit zwei Befragungen im Abstand von rund einem Jahr. Wir haben jetzt gerade die erste Befragung sowohl in der Primarstufe (1. Klasse) als auch in der Sekundarstufe (5. Klasse) abgeschlossen und in den beteiligten Ganztags- und Halbtagsschulen Interviews mit Schulleitern und Lehrpersonen durchgeführt.

Online-Redaktion: Welche Migrantengruppen nimmt das Projekt in den Blick?

Reinders: In unserer Studie sind die wichtigsten Migrantengruppen vertreten. Das heißt, diejenigen, die auch in Deutschland am stärksten sind: türkische, italienische, griechische Migrantengruppen, aber auch die Kinder und Jugendlichen, die als so genannte Aussiedlerdeutsche bezeichnet werden

Online-Redaktion: Die neuen Länder haben Sie aber nicht berücksichtigt.

Reinders: In den neuen Ländern ist der Forschungsgegenstand nicht so stark gegeben, denn der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist relativ gering, aber man kann sich natürlich wünschen, dass man den Untersuchungsgegenstand regional ausweitet. Wir haben mit Hamburg und Bayern allerdings eine paradigmatische Studie, deren Befunde dazu führen werden, dass man den Blick sowohl regional als auch thematisch erweitert und fokussiert.

Online-Redaktion: Haben Sie besonders Schulen berücksichtigt, die aus den Mitteln des IZBB gefördert werden?

Reinders: Wir haben auch IZBB-Schulen in unserer Studie, aber die Auswahl der Schulen musste nach inhaltlichen Kriterien erfolgen. An allen Ganztagsschulen in Bayern und Hamburg wurde durch einen so genannten Screening-Fragebogen ermittelt, wie hoch der Migrantenanteil an diesen Schulen in den ersten und fünften Jahrgangsstufen ist und um welche Form des Ganztagsangebots es sich handelt. Basierend auf diesen Informationen haben wir dann die Schulen gezielt angesprochen, um ihre Teilnahme gebeten und insgesamt ganz gute Erfahrungen gemacht.

Online-Redaktion: Worin besteht aus Ihrer Sicht der innovative Aspekt des Forschungsvorhabens und inwiefern beziehen Sie sich dabei auf die "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" (StEG)?

Reinders: Jede Forschung hat immer Vorläufer und Anknüpfungspunkte an die bisherige Forschung - und im Idealfall auch einen Erkenntnisgewinn, der über die bisherige Forschung hinausgeht. Sie haben mit StEG bereits eine wichtige Grundlage angesprochen. Ohne solche Studien wüssten wir viel zu wenig darüber, wie die Gestalt von Ganztagsschulen in Deutschland ist und in welchen Entwicklungsschritten sie sich gerade befinden.

Wir nutzen dieses Grundlagenwissen aus StEG. Dort gibt es auch Informationen, wie die Schüler aus Familien mit Migrationshintergrund im Vergleich zu den anderen Schülern den Nutzen der Ganztagsschulen einschätzen. Der innovative Aspekt unseres Projektes liegt darin, dass wir einen Schritt weiter gehen und erstens ganz speziell Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in ihren Schulbiographien anschauen.

Der zweite innovative Aspekt ist der Vergleich von Ganztags- mit Halbtagsschulen. Damit sind wir in unserer Wahrnehmung in Deutschland einzigartig. Die Frage lautet: Worin bestehen die unterschiedlichen Integrationsprozesse, die in Ganztagsschulen im Vergleich zu Halbtagsschulen stattfinden?

Online-Redaktion: Welche Relevanz ergibt sich daraus für die theoretische und praktische Seite?

Reinders: Fangen wir mit dem theoretischen Aspekt an. Solange man nicht weiß, welche Bowlingkugel besser rollt - die blank polierte oder die nicht blank polierte -, muss man sich das genau anschauen. Das ist auch die Grundidee unseres Projekts. Wenn man die Erwartung hat, dass die Ganztagsschule viele Dinge anders oder vielleicht auch besser macht als Halbtagsschulen, ist es sinnvoll, sich zu fragen, ob dies zutrifft und falls ja, unter welchen Bedingungen.

Ferner ist die Frage relevant, ob es besondere schulische Merkmale gibt, die darauf hindeuten, ob und inwiefern die Ganztagsschule besser als die Halbtagsschule funktioniert. Oder gibt es eine andere Konstellation, bei der man sagen würde: Hier ist die Halbtagsschule besser. Daraus ergibt sich auch die praktische Relevanz. Wenn Schulakteure bestrebt sind - und davon gehen wir aus - die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu verbessern, ist natürlich wichtig zu wissen, an welcher Schraube man drehen kann.

Konkret sind das praktische Fragen wie: Welche günstigen Rahmenbedingungen sollte ich an meiner Schule schaffen, damit ich die Integration der Kinder und Jugendlichen fördern kann? An dieser Stelle erwarten wir von dem Forschungsprojekt Hinweise, was an den Schulen gut funktioniert, wenn die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gefördert werden soll.  

Online-Redaktion: Angenommen, Eltern mit Migrationshintergrund stehen vor der Wahl, ihr Kind auf eine Ganztags- oder Halbtagsschule zu schicken, inwiefern können Sie zu dem Besuch einer Ganztagsschule ermutigen?

Reinders: Dazu müssen wir uns erstmal anschauen, was an diesen beiden Schulformen passiert. Man kann dann erstmal eine globale Empfehlung geben. Ganztagsschulen sind im Durchschnitt etwa bei der sprachlichen Förderung oder Sozialintegration von Vorteil. Aber dann muss man auch schauen, dass sich innerhalb einer Ganztagsform deutliche Unterschiede ergeben. Nicht alle Ganztagsschulen sind gleich. Neben dieser globalen könnte es eine differenzierte Empfehlung geben. Da würden wir sagen, dass die Eltern auf die Passung des Kindes zu der Ganztagsform achten sollten.

Wenn ich mir beispielsweise vorstelle, dass die Kinder von sich aus Schwierigkeiten haben, strukturiert zu Hause zu lernen, dann würde man sagen, ist die Passung zu einer Ganztagsschule in gebundener Form sicherlich eher gegeben. Wir versuchen, beide Ebenen zu beleuchten und eine Tendenz aufzuzeigen, aber gleichzeitig möchten wir zeigen, unter welchen Bedingungen eine Schule besonders gut passt. Das hängt - nach unserer Erwartung - besonders von dem Profil der Schule sowie davon ab, ob die Schule auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung könnte dem Quartier für die Integration zukommen?

Reinders: Wir bitten die Schulen um eine Einschätzung bezogen auf das Quartier, in dem sie sich befinden. Wenn man sich eine Schule in einem sozialen Brennpunkt mit ausgeprägten Problematiken in der Sozialstruktur vorstellt, sind die Arbeitsvoraussetzungen ganz andere, als bei Schulen, bei denen dies nicht der Fall ist. Insofern lassen sich solche auf den "Kiez" bezogenen Aussagen durchaus treffen.

Auf der anderen Seite kennen wir auch einzelne Schulbeispiele, wo es Schulen in sozialen Brennpunkten durch ein enormes Engagement des Kollegiums schaffen, ganz andere Bedingungen herzustellen als vergleichbare Schulen in vergleichbarer Umgebung.

Was wir schon aus Gründen der Anzahl der befragten Schulen nicht schaffen werden, ist eine Art Kiez-Landkarte der Schulen in Bayern oder Hamburg. Darum geht es aber nicht, sondern vielmehr darum zu zeigen, wie das Verhältnis von Voraussetzungen der Schulen bezogen auf die Ziele ist, die sie erreichen können.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung hat das Forschungsprojekt für die Praxis?

Reinders: Eine sehr große, davon gehen wir aus. Wenn man nicht weiß, ob und unter welchen Bedingungen Ganztagsschulen besonders förderlich sind, um Bildungsungleichheiten zu nivellieren, arbeitet man im Nebel und kann in der Praxis nicht verallgemeinern, ob es funktioniert.

Ich denke schon, dass die Praktiker eine Idee davon haben, was bei ihnen gut funktioniert oder nicht. Wir wollen das Ganze aber auf eine systematische Grundlage stellen, aus der man auch Praxiserfahrungen ableiten und signalisieren kann: Wenn man Ganztagsschule macht, ist es besonders förderlich, wenn dieses oder jenes weiterverfolgt und umgesetzt wird.

Online-Redaktion: Blicken Sie dabei auch auf die Nachbarländer?

Reinders: Wir haben mit der deutschen Schulsituation das Problem, dass wir nicht richtig vergleichen können. Wir sind eines der wenigen Länder, in denen es ein Halbtagsschulsystem gibt. Das bietet natürlich die Chance, Halbtags- und Ganztagsschulen miteinander zu vergleichen. Wir schauen uns vor diesem Hintergrund genauer an, was wir aus dem Fulltime-Schooling, also der Ganztagsbeschulung in den anderen Ländern an positiven Effekten wissen. In der amerikanischen Forschung interessieren uns die extracurricularen Aktivitäten. Diese sind zwar schulisch eingebunden, haben aber nicht unterrichtlichen Status. Sie sind beispielsweise durchaus für die kognitive Entwicklung förderlich. 

Online-Redaktion: Wird die Ganztagsschule der zentrale Integrationsort?

Reinders: Genau das versuchen wir herauszufinden. Wenn man davon ausgeht, dass Kinder mit und ohne Migrationshintergrund in der Schule mehr Zeit verbringen, dann sollte man das annehmen. Das Gleiche gilt auch für die Sprachförderung, wo man über den Tag verteilt mehr Zeit hat, um Elemente der Sprachförderung über die Unterrichtsfächer hinweg einzuflechten. Dann sollte es nach unserer Erwartung tatsächlich besser gelingen.

Online-Redaktion: Was verstehen Sie unter dem Begriff Bildungsgerechtigkeit?

Reinders: Bei den Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund besteht ein offenkundiger Aspekt der Bildungsungerechtigkeit darin, dass ihre Teilhabe an höherer Bildung unterdurchschnittlich ausfällt.

Wenn man aber davon ausgeht, dass die kognitiven Fähigkeiten auch bei diesen Schülerinnen und Schülern im Vergleich zu den anderen Kindern gleich verteilt sind, dann wäre ein wichtiger Aspekt von Bildungsgerechtigkeit, dass sie entsprechend ihren kognitiven Fähigkeiten, ihrem Entfaltungspotenzial und ihren sozialen Bedürfnissen gefördert werden.

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