Wer einen Schüler individuell fördert, fördert zehn andere mit

Individuelle Förderung kann alles und nichts sein. Was bedeutet das Konzept für die Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen in schwierigen Lebens- und Bildungssituationen? Vom 10. bis 11. Juni 2010 stellte ein Fachkongress im westfälischen Münster neue Forschungsergebnisse in einen größeren theoretischen und praxisrelevanten Rahmen.

Ein Zauberwort der gegenwärtigen Bildungsdiskussion lautet "individuelle Förderung". Mit dem Wort verbindet sich ein ganzheitliches Lernverständnis, das davon ausgeht, dass alle Schülerinnen und Schüler einer besonderen, individuellen Förderung bedürfen, damit sie ihre Fähigkeiten voll entfalten und diese nicht zuletzt in bessere Schulleistungen umsetzen können. Obwohl die individuelle Förderung mehr Zeit und damit auch mehr Lehrpersonal und Betreuungszeit in Anspruch nimmt, wird gerade mit Blick auf die Schülerinnen und Schüler in schwierigen Lebens- und Bildungssituationen angenommen, dass an der individuellen Förderung kein Weg vorbeiführt.

Die Diskussion um die individuelle Förderung wurde durch die mäßigen Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler bei der international vergleichenden PISA-Studie 2000 angekurbelt. Diese wurden nicht zuletzt darauf zurückgeführt, dass das traditionell in Deutschland verwurzelte Halbtagsschulsystem kaum in der Lage sei, defizitäre Schulleistungen schwacher Schülerinnen und Schüler auszugleichen. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen hätten aufgrund ihres familiären und sozialen Umfelds kaum die Chance, ihre schulischen Defizite aus eigener Kraft zu kompensieren.

Individuelle Förderung: Was bedeutet das Konzept im Schulalltag?

Auf der Suche nach einem Rezept gegen das Abbrechen von Schullaufbahnen oder das Erreichen niedriger Schulabschlüsse versprach sich die Bildungspolitik von der Erweiterung schulischer und außerschulischer Ganztagsangebote deutliche Abhilfe. Seit dem Jahr 2003 wurden mit dem bundesweiten Auf- und Ausbaus von Ganztagsschulen im Rahmen des Investitionsprogramms Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB) und entsprechenden landeseigenen Programmen Nägel mit Köpfen gemacht.

Nun stellt sich die Frage, ob die Maßnahmen auch gefruchtet haben? Gibt es mit den erweiterten Ganztagsangeboten und den damit verbundenen Kooperationen tatsächlich mehr individuelle Förderung im Schulalltag, und wie wirkt sich das auf die Zielgruppe der benachteiligten Kinder und Jugendlichen aus? Verbessern sich ihre Schulleistungen, und erwerben sie damit bessere Lebenschancen? Ferner ist die Frage zu beantworten, ob das Leitkonzept der individuellen Förderung Teil des Schulalltags geworden ist.

Immerhin "konnte die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) aufzeigen, dass Ganztagsschulen, die mit anderen Professionen kooperieren, offener und dynamischer sind, was die Schulentwicklung anbelangt: Diese betreiben eine durchaus intensivere Konzeptentwicklung und holen sich Anregungen auch von außerhalb", so Prof. Dr. Stephan Maykus, Erziehungswissenschaftler an der Fachhochschule Osnabrück.

Grundbedingung individueller Förderung: Selbstwirksamkeitserfahrungen

Als das BMBF im Jahre 2007 die Modalitäten zur Förderung von Forschungsvorhaben zum Thema "Ganztägige Bildung, Erziehung und Betreuung" im Rahmen des IZBB ausschrieb, konnten viele Fachleute und vor allem die Praktiker vor lauten Bäumen oft den Wald nicht sehen. Nun liegen seit Mitte des Jahres 2010 die Ergebnisse zum Thema individuelle Förderung vor. Der Titel der entsprechenden Studie, die am 10. Juni 2010 auf einer Bilanztagung im westfälischen Münster vorgestellt wurde, lautet: "Individuelle Förderung in Ganztagsschulen - Inwiefern gelingt sie bei Kindern in schwierigen Lebens- und Bildungssituationen? Studie zu Chancen und Problematiken besonderer erzieherischer Förderung in Ganztagsschulen"

Eine Bilanztagung bietet die Möglichkeit, neue Forschungsergebnisse in einen größeren theoretischen und praxisrelevanten Rahmen zu stellen, so dass sich unterschiedliche Forschungsrichtungen gegenseitig reflektieren und ergänzen können. Gerade beim Thema individuelle Förderung ist ja die Frage besonders bedeutsam, wie aus einem Leitmotiv tägliche Praxis werden kann. Deshalb war es eine gute Idee, den  Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Matthias Jerusalem von der Humboldt-Universität zu Berlin einzuladen. Er hielt einen Impulsvortrag zum Thema "Individuelle Förderung durch Stärkung von Selbstwirksamkeit".

Der Wissenschaftler stellte fest: "Selbstwirksamkeit ist die persönliche Überzeugung, schwierige Anforderungen aus eigener Kraft meistern zu können." Das Konzept der Selbstwirksamkeit sei deshalb so wichtig für Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen, da es in "erhebliche Potenziale, auch bei geringen Fähigkeiten, zu wecken vermag", erläuterte der Erziehungswissenschaftler.

Überzogener Leistungswettbewerb fordert zu viele Verlierer

Bei Misserfolg erweist sich laut Jerusalem, dass Kinder und Jugendliche mit starken Selbstwirksamkeitserfahrungen nach Strategien suchen, diese durch Anstrengung zu überwinden. Die Schülerinnen und Schüler müssten beispielsweise lernen, durch das Setzen von Nahzielen relevante Erfolgserfahrungen zu sammeln. Hierzu könnten auch die Lehrpersonen wesentlich beitragen, indem sie Leistungen ihren Schülerinnen und Schülern aufmerksam kommentieren. Förderlich sei auch eine Lernzielorientierung sowie eine ausgewogene Fehlertoleranz.

Ausdrücklich warnte der Erziehungswissenschaftler davor, die Kinder und Jugendlichen durch starken Leistungswettbewerb abzuschrecken. Dies führe dazu, dass es viele Verlierer gebe und nur wenige Gewinner aus dem rauhen Wettbewerb hervorgehen. Außerdem begünstige diese Variante der Didaktik die extrinsische Motivation, die sich durch eine Jagd nach guten Noten auszeichnet. Demgegenüber erfordere die Orientierung von Schule an der Selbstwirksamkeit der Kinder und Jugendlichen vor allem Zeit und Geduld. Man brauche Zeit,um zu lernen, sich zu verbessern und zu zeigen, was man gelernt hat.

Ist die Regel konkret und positiv formuliert worden?

Eine zentrale Dimension für eine Didaktik der Selbstwirksamkeit ist die Lernkultur, oder mit anderen Worten "ein Klima der Wertschätzung in der Schule". So gibt es laut Jerusalem die Möglichkeit, das Klassenklima zu diagnostizieren und Prüfpunkte zum Erstellen von Regeln, die für Schüler, Eltern und Lehrkräfte gelten, einzuführen: Ist die Regel konkret formuliert? Ist das gewünschte Verhalten überprüfbar und positiv formuliert worden?

Von zunehmender Bedeutung ist die schulische Vermittlung sozialer Kompetenzen. Kein Wunder, sind diese doch ein Indikator, den künftige PISA-Untersuchungen abbilden werden. Hierzu gehört laut Jerusalem sowohl das kooperative Lernen als auch die Vermittlung von Fachwissen im Rahmen sozialer Lernsituationen: "In einem Team ist jeder vom anderen abhängig", erläuterte der Erziehungswissenschaftler. "Nicht alle müssen die gleiche Aufgabe lösen."

Wo die Leistungsmessung regiert, liegen Potenziale brach

Weitere Merkmale sozialer Kompetenzen sind die Fähigkeit zur Kooperation in heterogenen Gruppen oder die Übernahme persönlicher Verantwortung. Überhaupt sind gemäß der pädagogischen Forschung Selbstwirksamkeitserfahrungen von Kindern und Jugendlichen eine Voraussetzung für den Teamerfolg. Schenkt man den Forschungen zum Thema Selbstwirksamkeit Glauben, muss Schule sich gründlich neu orientieren, denn wo die Lehrkräfte sich am Paradigma der Leistungsmessung abarbeiten, liegen die größten Kräfte der Kinder und Jugendlichen brach: "Der Leistungsgesellschaft gelingt es paradoxerweise nicht, die Potenziale der Kinder und Jugendliche auszuschöpfen", folgerte Jerusalem in der anschließenden Diskussion.

Der anregende und für die Praxis richtungsweisende Impulsvortrag hatte sein Ziel nicht verfehlt, denn nun war der Boden bereitet, um die Ergebnisse der Studie zur Individuellen Förderung von Kindern und Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen detailliert vorzustellen. Diese Aufgabe übernahmen die Erziehungswissenschaftler André Altermann (Institut für soziale Arbeit e. V., Münster) und Timm Liesegang (Westfälische Wilhelms-Universität Münster), die neben Prof. Dr. Wolfgang Böttcher von der Universität Münster sowie Prof. Dr. Maykus die Studie betreuten.

Wie wird individuelle Förderung Teil des Schulalltags?

Eine zentrale Frage der Studie lautete: Wie kann individuelle Förderung Bestandteil des Schulalltags und anschlussfähig gemacht werden für professionelles Handeln? Zu diesem Zweck wurden 33 leitfadengestützte Interviews mit Lehrkräften und pädagogischen Partnern aus 16 Schulen in Bremen und Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Ferner wertete das Forscherteam Dokumente aus, um die ministeriellen Vorgaben und fachlichen Konzepte mit der schulischen Praxis zu kontrastieren.

"Das Thema individuelle Förderung findet sich auf breiter Ebene in den Gesetzestexten", führte Liesegang aus, allerdings stelle sich die Frage: "Wie kommt sie in die Schulprogramme hinein?" Dazu meinte der Erziehungswissenschaftler: "Auf der Programmebene bleibt die Leitidee der individuellen Förderung unbestimmt." Entscheidend sei, wie diese von den Akteuren vor Ort interpretiert werden. Als weiterer wichtiger Befund der Studie sei festzustellen, dass die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Berufskulturen deutlich zugenommen habe. Allerdings führten prekäre Beschäftigungsverhältnisse an den Ganztagsschulen oft dazu, dass keine Kontinuität in der Betreuung von Kindern aus schwierigen Verhältnissen gewährleistet sei.

Individuelle Förderung gelingt am besten in gebundenen Ganztagsschulen

Auf steuerungspolitischer Ebene ist festzuhalten, dass die Schulleitungen wie zu erwarten "Motor" schulspezifischer Entwicklungen sind. Allerdings zeigte sich auch, dass zu wenig funktionsübergreifender Austausch vorhanden ist. Deutlich wurde ferner: "Eine umfassende individuelle Förderung gibt es vor allem in den gebundenen Ganztagsschulen", so Liesegang. Offene Ganztagsschulmodelle haben eine gewisse Bremswirkung, da sie sich oft auf die Arbeit mit den Familien der Kinder beschränken, soweit ein eher ernüchterndes Ergebnis der Studie. Je höher der Problemdruck, desto größer die Bereitschaft, zu kooperieren. In den untersuchten Ganztagsschulen herrsche auch hier ein Mangel an personellen, räumlichen und finanziellen Ressourcen. Ferner gibt es einen großen Nachholbedarf auf dem Gebiet der sozialen Diagnose, so die Forscher. Klar ist: die individuelle Förderung für schwierige Kinder ist nur dort Bestandteil schulischen Alltags, wo es zu multiprofessionellen Kooperationen kommt.

In Bremen scheint die individuelle Förderung vergleichsweise gut zu gelingen, da hier die Bildung von Kleingruppen, Doppelstunden, verbindliche Teamzeiten sowie eine verbindlich festgeschriebene Kooperationszeit von 10 bis 11:30 Uhr weit verbreitet ist. "Entscheidend ist nicht das Ganztagsmodell, sondern das Bildungskonzept" gab Stefan Maykus zu bedenken. Man kann ihm auch nur zustimmen, wenn er feststellt: "Schulen neigen sehr dazu, den Förderbedarf für diese Zielgruppe intern lösen zu wollen, zum Beispiel durch die Schulpsychologie oder Beratungslehrer. Die Idee, dass das multiprofessionell besser klappen kann, wächst erst. Hier sehe ich einen Bedarf an weitergehender Forschung, unter welchen Bedingungen dies besser möglich ist."

Unterschiedliche Personengruppen, unterschiedliche Konzepte

Und der Erziehungswissenschaftler setzte hinzu: "Vor allem zeigt sich, dass das fachliche Ziel individueller Förderung und damit Orientierung an Heterogenität praktisch vor allem Differenzierung heißt. Differenzierung bedeutet, dass wir unterschiedliche Personengruppen sowie unterschiedliche Konzepte an der Schule benötigen. Weiterhin bedeutet dies, dass wir unsere Angebote differenzieren müssen - damit auch die Räume an den Ganztagsschulen. Dies alles wird von den Betroffenen als ein großes, langfristiges Projekt geschildert, das zum Teil mit Unsicherheit und Herausforderungen verbunden ist."

Während der Pausen gab es Gelegenheit, sich mit diversen Akteuren, Schulleiterinnen, Lehrern oder Sozialpädagogen, die sich an der Befragung beteiligten, auszutauschen. Dabei meinte die Pädagogin Brigitte Metz: "Für viele Kinder ist der Nachmittag die einzige Chance, sich gut zu entwickeln". Ob dies nun in Gestalt psychomotorischer Angebote, Sport oder Musik geschieht, ist wohl zweitranging. Entscheidend ist, dass die Kinder Erfahrungen von Selbstwirksamkeit machen und damit ihr Selbstbewusstsein stärken.

Man muss stärker auf die Kommunen setzen

In der nachfolgenden Podiumsdiskussion wurde die Perspektive noch einmal um die Akteure aus Verwaltung, Schule und außerschulische Partner erweitert. So meinte etwa Prof. Klaus Schäfer, Staatssekretär im Familienministerium des Landes NRW, dass es nötig sei, die Kommunen stärker einzubeziehen, ohne die Ziele seitens des Landes vorzugeben. Dr. Norbert Reichel, Referatsleiter im Schulministerium von NRW fügte hinzu, dass es vordringlich sei, sogenannte weiche Faktoren zu stärken sowie mehr Fortbildungen, Qualitätsentwicklung und Austausch anzubieten.

"Wenn ich einen Schüler individuell fördere, fördere ich zehn andere mit". Während der Podiumsdiskussion räumte er aber auch ein, dass es in NRW ein strukturelles Problem mit der Bezahlung vieler außerschulischer Pädagogen auf Honorarbasis gäbe. Stephan Maykus zog zum Abschluss der Veranstaltung eine klare Schlussfolgerung: "Individuelle Förderung kann gelingen, wenn die Rahmenbedigungen verbessert werden."

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