Lokale Bildungslandschaften: Zwischen nachholender Modernisierung und Innovation II

Das Thema Lokale Bildungslandschaften ist komplex: Entgrenzung von Bildungsräumen, Heterogenität und Segregation spielen mit hinein. Ist Heterogenität eine Chance für das erfolgreichere Lernen von Schülerinnen und Schülern? Wie lässt sich diese in homogen zusammengesetzten Schulen und Stadtvierteln durchsetzen? Über diese Fragen diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Abschlusstagung des Forschungsprojektes "Lokale Bildungslandschaften in Kooperation von Ganztagsschule und Jugendhilfe" am 15. und 16. April 2010 im Deutschen Jugendinstitut München.

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Das Thema Lokale Bildungslandschaften ist komplex - nicht zuletzt deshalb, weil viele verschiedene Partner und Institutionen mit unterschiedlichen Einstellungen, Interessen und Voraussetzungen zusammenwirken. Dazu ist es nötig, dass sie sich wechselseitig öffnen. Für die Ganztagsschule, mit der sich unterschiedliche Erwartungen verknüpfen - die Erleichterung der Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben, die Entkopplung des schulischen Fortkommens von der sozialen Herkunft oder die Förderung leistungsschwächerer Schülern -, gilt das ganz besonders: Sie ist "mit dem Label der Öffnung versehen - der Öffnung zu Orten, Räumen, Inhalten, Partnern und Familien", so Prof. Sabine Reh. "Ihre öffentliche Überzeugungskraft gewinnt die Ganztagsschule in der bildungspolitischen Debatte als Konzeption einer offenen Schule."

Die Erziehungswissenschaftlerin von der Technischen Universität Berlin führte die Dimension der Öffnung in ihrem Vortrag "Bildungsräume entgrenzen" auf der Abschlusstagung des Forschungsprojektes "Lokale Bildungslandschaften in Kooperation von Ganztagsschule und Jugendhilfe" am 15. und 16. April 2010 im Deutschen Jugendinstitut in München noch weiter aus und besah sich die Öffnung des Unterrichts in Ganztagsschulen, die "Überwindung der Grenzen von Unterricht und Freizeit".

Sabine Reh und ihr Kooperationspartner Prof. Fritz-Ullrich Kolbe haben mit ihren Teams im Rahmen des Forschungsprojektes "Lernkultur- und Unterrichtsentwicklung in Ganztagsschulen" (LUGS) vier Jahre lang den Unterricht und die Angebote an Ganztagsschulen in Berlin, Brandenburg und Rheinland-Pfalz beobachtet. Am Beispiel von Fotografien aus einer Grundschule zeigte sie die Chancen, aber auch die Risiken eines entgrenzten Lernraums. Hier sind Wände herausgerissen worden, um einen einzigen großen Lernraum mit mehr Platz, beweglichen Möbeln, Lernlandschaften, Entspannungsecken und ohne Tafeln zu schaffen. Der Raum ist durch Schränke unterteilt, was die Sichtachsen einschränkt.

Entgrenzung der Lernsituationen

Die Erziehungswissenschaftlerin gab anhand spezifischer Situationen im Schulalltag zu bedenken, dass die völlige Öffnung des Unterrichts nicht per se Förderung bedeute, sondern potentiell auch die Leistungsstärke der Kinder zementieren könne: Während leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler von der Lehrerin mit zusätzlichen Aufgaben bedacht wurden, würden als leistungsschwächer etikettierte Kinder eher vorsichtig behandelt und könnten sich auch bewusst oder unbewusst in ausweichende Tätigkeiten flüchten. Es bestehe die Gefahr, von einem Extrem des formalisierten Fachunterrichts in das andere Extrem eines Unterrichts zu verfallen, bei dem die Grenzen von Unterricht und Freizeit fließend seien.

Thematisiert werden müsste, wie Pädagoginnen und Pädagogen jeweils Schülerinnen und Schüler adressieren und damit Heterogenität herstellen. "Wir kommen nicht umher, die Beurteilung von Unterschiedlichkeit zu diskutieren", forderte Sabine Reh.

Diese Gedanken haben sich auch die Verantwortlichen in den Modellregionen gemacht: "Das A und O wäre mehr Zeit für die Absprachen von Lehrpersonal und pädagogischen Partnern, die im Alltag bisher überhaupt nicht gegeben ist", erklärte Monika Käseberg von der Stabsstelle Planung, Schule und Jugendberufshilfe der Stadt Groß-Gerau. Gerd Schmidt vom Fachbereich Schule, Jugend und Familie der Stadt Arnsberg ergänzte: "Es ist notwendig, das eigene Handeln zu reflektieren."

Heterogene Lerngruppen als Bereicherung oder Belastung?

Eine weitere Entgrenzung kann zwischen verschiedenen Schulformen entstehen. In der Modellregion Lübeck gibt es das "Stadtteil und Schule"-Netzwerk: Es werden schulformübergreifende Ganztagsangebote in musischen, sportlichen, handwerklichen und sozialpädagogischen Bereichen angeboten. "Den Homogenisierungstendenzen im Bildungssystem setzt man von Seiten der Stadt eine Heterogenität in den Nachmittagsgruppen entgegen", berichteten Sofie Schalkhaußer und Dr. Vicki Täubig, die Ergebnisse aus ihrer Fallstudie im Rahmen des Projekts "Lokale Bildungslandschaften" vorstellten.

Vier Angebote besahen sich die Forscherinnen und befragten 18 Mädchen und zwölf Jungen  unterschiedlicher Schulformen, Altersgruppen, sozialer Hintergründe und Migrationshintergründe. Sie arbeiteten dabei mit leitfadengestützten Interviews und teilnehmenden Beobachtungen.

Ein Augenmerk lag dabei auf der Frage nach dem Interagieren in und dem Funktionieren von heterogenen Gruppen. Nehmen die Schülerinnen und Schüler überhaupt wahr, dass sich die Teilnehmer aus unterschiedlichen Schulformen rekrutieren? Empfinden sie das als Bereicherung oder Belastung? "Einige Schülerinnen und Schüler antworteten auf die Frage, was ihnen an den Angeboten gefallen habe, dass sie es schätzen, neue Kinder kennen zu lernen. Negative Wahrnehmungen beschränkten sich auf einzelne Personen, sodass es auch höchstens zu 'Konfliktchen', aber keinem Streit kam", bilanzierte Sofie Schalkhaußer. Lerneffekte ergaben sich hauptsächlich im Bereich des sozialen Lernens. "Die Frage der Schulform war für die Kinder nicht zentral, ebenso wenig wie die des Migrationshintergrundes", so Vicki Täubig.

Segregation kann sich fortsetzen

Die Heterogenität-Differenzlinien zeigten sich in den unterschiedlichen Redeanteilen, dem anderen Zuhören, unterschiedlicher Leistungsmotivationen, unterschiedlicher Reaktion auf Kritik und anderen Aufgabenstellungen. "Die positive Wahrnehmung bei Kindern und Jugendlichen überwiegt; sie nehmen diese Gruppen als Ressource für das Wiederbeleben alter und das Schließen neuer Freundschaften wahr", erklärten die Wissenschaftlerinnen. Auch seien die Angebote anregende Lernumgebungen. Dennoch müsse man auch konstatieren, dass sich aufgrund der Quartiersbezogenheit der AG-Angebote die Segregation am Nachmittag teilweise fortsetze.

Aber ist es überhaupt erstrebenswert, heterogene Lerngruppen zu bilden? Und falls ja, wie erreicht man dies in Schulen, die in nahezu völlig homogenisierten Stadtteilen liegen? Auf diese Fragen versuchten Prof. Beate Wischer von der Universität Osnabrück und Prof. Hartmut Häußermann, bis 2008 an der Humboldt-Universität zu Berlin, in ihren Vorträgen Antworten zu geben.

"Heterogenität als Chance?" fragte Beate Wischer. Die Idee einer individuellen Förderung gehe in Deutschland bis zu Ernst Christian Trapp zurück, erster deutscher Professor für Pädagogik, der bereits 1780 fragte: "Wie kannst du Kinder, deren Anlagen, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Neigungen und Bestimmungen verschieden sind, in ein- und derselben Stunde erziehen?"

Individuelle Förderung ist kontextspezifisch

Individuelle Förderung und Heterogenität würden allerdings inzwischen in der Debatte überbetont. "Pädagogen, die an den Konstruktionen von Heterogenität zweifeln, machen sich geradezu verdächtig", so die Schulforscherin. Der Lehrer werde wahlweise als "Reformhemmnis" oder "Motor" wahrgenommen, Ressourcenfragen und institutionelle Rahmenbedingungen blieben häufig ausgeblendet. Die Umsetzung individueller Förderung sei kontextspezifisch, generelle Empfehlungen daher nicht möglich. Die innere Differenzierung des Unterrichts sei wenig verbreitet oder es gebe "gravierende Umsetzungsprobleme". Ähnlich wie Sabine Reh warf Beate Wischer die "spannende Frage" auf, ob Bildungsbenachteiligung durch individuelle Förderung auch verschärft werden könne.

Heterogenität als Chance? Beate Wischer zog das Fazit, dass vom Umgang mit heterogenen Lerngruppen Impulse für eine Veränderung der Lernkultur ausgehen können. Dazu bedürfe es aber der zielorientierten Entwicklung der Einzelschule, multiprofessioneller Kooperationen und regionaler Vernetzung.

Der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann, Experte für Fragen der Segregation in den europäischen Metropolen und einer der Begründer des Quartiersmanagements in Berlin, wandte sich dem Problem zu, das bereits Vicki Täubig und Sofie Schalkhaußer hatten anklingen lassen: Wie lassen sich in Schulen überhaupt noch heterogene Lerngruppen bilden, wenn die Einzugsgebiete oft schon homogenisiert sind? In manchen Schulen sind Kinder mit Migrationshintergrund beinahe unter sich, in anderen Schulen wiederum die Kinder des gut situierten Bildungsbürgertums.

"Busing" als Antwort auf Segregation

"Die Segregation in Schulen ist mittlerweile stärker als in den Stadtvierteln selbst", konstatierte der Wissenschaftler. "In Kindergärten ist sie noch höher." Um diesen Trend umzukehren, seien "unglaublich viele Ressourcen" nötig, die dann auch erst mittelfristig wirksam würden. "Entscheidend ist es, Heterogenität herzustellen, um die Bildungsbenachteiligung der bildungsfernen Schichten zu beheben", befand Häußermann. "Nicht 'Lernen wie die Mittelschicht', sondern 'Lernen mit der Mittelschicht' muss das Konzept lauten."

Um die Entwicklung der Segregation in den Städten zurückzudrehen, sei eine soziale Wohnungspolitik notwendig, die derzeit nicht auf der Tagesordnung stehe. Daher sei der erfolgversprechendere Weg das "Busing". Mit dem in den USA bereits seit 1954 existierenden und per Entscheidung des Obersten Gerichtshofes eingeleiteten Schulbus-Programm (Crosstown School Busing) soll gezielt die soziale Mischung der Schülerinnen und Schüler an Schulen erreicht und der Segregation entgegengewirkt werden. "Diese Schulen müssen Ganztagsschulen seien, denn nur dort ist informelles Lernen möglich", meinte Häußermann. Die Idee des "Busing" stieß bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern allerdings auf erhebliche Skepsis.

Einen vielversprechenden Ansatz sah Heinz-Jürgen Stolz darin, Schulen an die Ränder von Stadtteilen zu legen, um so eine Mischung der Schülerschaft zu erreichen. "Jegliche sozialtechnologische Steuerung ist aber nur mit Beteiligung und mit Aufklärung möglich - Entscheidungen par ordre de mufti sind zum Scheitern verurteilt", so der Projektleiter.

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