Lokale Bildungslandschaften: Zwischen nachholender Modernisierung und Innovation

Am 30. April 2010 endet nach drei Jahren das vom BMBF geförderte Forschungsprojekt "Lokale Bildungslandschaften in Kooperation von Ganztagsschule und Jugendhilfe" des Deutschen Jugendinstituts. Auf einer zweitägigen Abschlusstagung am 15. und 16. April 2010 in München zogen rund 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Vertreterinnen und Vertreter der sechs im Projekt begleiteten Modellregionen eine Bilanz. Welche positiven Ergebnisse haben die Lokalen Bildungslandschaften für die Schülerinnen und Schüler gezeitigt, welche Herausforderungen gilt es noch zu meistern?

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Seit dem "Paukenschlag" - so die Formulierung von Prof. Thomas Rauschenbach, dem Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI) - der Einführung des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" dreht sich in Deutschland die bildungspolitische und pädagogische Diskussion darum, wie sich Schule verändern muss. Die Konstruktion der Ganztagsschulen in manchen Bundesländern, bei der bewusst die Jugendhilfe als Partner für eine "Schule plus x" unter das Schuldach geholt wurde, lenkt den Blick seit Jahren verstärkt auf die außerschulischen Partner und andere Institutionen in den Kommunen, die ergänzende Angebote im Ganztagsbereich machen konnten. Mehr und mehr geriet die Frage in den Mittelpunkt, wie sich alle diese pädagogischen Partner und Institutionen zu einer "Lokalen Bildungslandschaft" vernetzen können, um gemeinsam den Schülerinnen und Schülern eine bessere Bildung zu bieten.

In vielen Kommunen haben sich die Ganztagsschulen bereits mit ihren Partnern auf den Weg gemacht, sich besser zu vernetzen und eine gemeinsame Strategie zu entwerfen. Um herauszufinden, wie sich neue Strukturen und Strategien entwickeln, in einer Kommune Konsens entsteht und sich Zuschnitt und Aufgabenbereiche der Institutionen und Einrichtungen verändern, förderte das BMBF seit Februar 2007 das Forschungsprojekt "Lokale Bildungslandschaften in Kooperation von Ganztagsschule und Jugendhilfe", das Ende April 2010 endet.

Das Deutsche Jugendinstitut hat in diesem Zeitraum sechs Modellregionen in Arnsberg, Forchheim, Groß-Gerau, Hamburg, Jena und Lübeck unter anderem mit leitfadengestützten und problemzentrierten Interviews sowie der Analyse relevanter Dokumente begleitet. Projektleiter Dr. Heinz-Jürgen Stolz, Monika Bradna, Annika Meinecke und Vicki Täubig betrachteten die Entwicklungen in den Modellregionen hinsichtlich drei zentraler Fragestellungen: Welchen Stellenwert erhielt das Leitziel "Abbau herkunftsbedingter Bildungsbenachteiligung" auf der bildungspolitischen Agenda? Welche Impulse hin zur Öffnung, Heterogenisierung und sozialen Durchmischung bildungsbezogener Gelegenheitsstrukturen setzten die Modellregionen? Welche Auswirkungen hatte die Gestaltung lokaler Bildungslandschaften auf die institutionellen Akteure, insbesondere auf Ganztagsschule und Jugendhilfe?

"Lokale Bildungslandschaften sind eines der wichtigsten Zukunftsthemen"

Lokale Bildungslandschaften lassen sich laut Stolz aus vier Blickwinkeln betrachten: Beim Fokus auf Politik und Verwaltung steht die Planungsdimension im Vordergrund: Gibt es eine lokale Bildungsplanung und -berichterstattung sowie eine integrierte Stadtplanung? Die zivilgesellschaftliche Dimension besieht sich die Rolle von freien Trägern und Stiftungen: Entsteht durch die Lokale Bildungslandschaft ein öffentlich verantwortetes Bildungsnetzwerk, das den nichtstaatlichen Bildungsanbietern ein Mitspracherecht einräumt? Kinder, Jugendliche und Eltern sind bei der Aneignungsdiskussion von Interesse: Wie gestalten sich anregende Lern- und Lebensumgebungen, die auch ein Lernen außerhalb pädagogisch angeleiteter Angebots- und Unterrichtsformen erlauben? Schließlich ist bei der Professionsdimension die Fortbildung von Leitungs- und Fachkräften, die zwischen den beteiligten Institutionen abgestimmt ist, von Interesse.

Anlässlich des Abschlusses organisierte das Deutsche Jugendinstitut in München eine Tagung mit dem Titel "Zwischen nachholender Modernisierung und Innovation" mit rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. "Lokale Bildungslandschaften sind eines der wichtigsten Zukunftsthemen", erklärte Dr. Petra Gruner vom BMBF zum Auftakt der zweitägigen Veranstaltung in den Räumen des DJI. Für Deutschland sei dieses Thema neu: "Historisch gesehen ist in Deutschland die Verankerung der Schule in der Kommune nicht selbstverständlich. Eher wurde engen lokalen Bindungen misstraut; der hoheitliche staatliche Bildungsauftrag setzte voraus, die Schule aus solchen Bindungen zu lösen. Seit Ende des 20. Jahrhunderts findet jedoch ein Umdenken statt: Nun gewinnt, gerade auch vor dem Hintergrund der Globalisierung, die Rückbindung an Orte an Bedeutung, und das Potenzial regionaler und lokaler Vernetzung wird sichtbar. Wir haben noch einen größeren Umbruch vor uns."

Das Resümee von Heinz-Jürgen Stolz zu seinem "arbeitsreichen Projekt" zeigte in der Tat, dass - gemessen an den Beobachtungen in den sechs Modellregionen - trotz der von ihm gelobten "hohen Motivation aller Beteiligten" die Entwicklung der Lokalen Bildungslandschaften noch Stolpersteine zu überwinden hat und an institutionelle Grenzen und Beschränkungen stößt.

Vielfalt der Ansätze

Beispielsweise kommt dem Leitziel des Abbaus von Bildungsbenachteiligung ein anderer Stellenwert zu als anderen Begründungen für die Einführung von Ganztagsschulen und Bildungslandschaften wie Standortsicherung oder Betreuungsaspekt: "Es ist eher ein Grundwert als ein Ziel", formulierte der Soziologe. "Die Kommunen arbeiten ganz konkret in dieser Richtung, man 'vermarktet' dies aber nicht, wirbt beispielsweise nicht auf der kommunalen Website damit, dass es in der eigenen Region mehr Bildungsgerechtigkeit gebe als anderswo."

Hinsichtlich des Komplexes "Öffnung von Schule, Heterogenität und sozialer Durchmischung" sind unterschiedliche Signale zu deuten: Eine verstärkte Öffnung der Schulen kann ebenso konstatiert werden wie eine vermehrte Orientierung der Jugendhilfe in Richtung Schulkooperation. Dagegen sind die Ansätze zur Bildung heterogener Lerngruppen und sozialer Durchmischung noch eher selten zu beobachten. Sie sind nicht flächendeckend implementiert und werden auch nicht bildungsplanerisch reflektiert. Die Durchmischungsansätze aus der Stadt- und Quartiersplanung könnten hier stärker adaptiert werden.

Uneinheitlich zeigt sich das Bild bei den Auswirkungen der lokalen Vernetzung auf Ganztagsschule und Jugendhilfe. Diese Frage ist Stolz zufolge konkret nur regionalspezifisch zu beantworten. Es sei aber ein künftig höherer Einfluss lokaler Vernetzung immer dann zu erwarten, wenn sich der Schwerpunkt vom quantitativen Ausbau hin zur Qualitätsentwicklung verlagere. Die Kommunen könnten bei der Erarbeitung von gemeinsamen Qualitätskriterien und -zielen in stadtweiten Qualitätszirkeln eine Moderatorenrolle übernehmen. "Es ist dann auch eine Top-Down-Implementierung der zuvor 'Bottom-Up' gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse vorstellbar", meinte der Wissenschaftler. Es sei derzeit schwierig, "Wirkungen" der lokalen Vernetzung im Hinblick auf die Erreichung der vor Ort formulierten Ziele zu bestimmen, da zu viele intervenierende Variablen - wie die Schulautonomie, das Quartiersmanagement oder die Nutzung von Förderprogrammen - hier hinein spielten.

Hoher Konsens in den Kommunen

Zur Steuerungsphilosophie lokaler Bildungslandschaften hat das DJI-Forscherteam zwei Leitprinzipien herausgearbeitet. "Structure Follows Culture" fasst Stolz das erste zusammen: In den Kommunen bestehe ein "hohes lokales Konsenspotenzial". Sich auf neuere neoinstitutionalistische Konzepte stützend, sprach der Wissenschaftler hier von den so genannten "Rationalitätsmythen", das heißt einer Orientierung an weltkulturell als "vernünftig" geltenden Vorstellungen darüber, was bei der Gestaltung von Institutionen, auch in Bildungssystemen, effektivitäts- und effizienzfördernd ist.

Als solche sehen die Beteiligten in den Kommunen zum Beispiel ein ganzheitliches Lern- und Bildungsverständnis, Schulautonomie mit Budget- und Personalverantwortung, ein kommunales Bildungsnetzwerk mit den Kerninstitutionen Jugendhilfe und Schule, eine "Local Governance" mit der Schaffung einer lokalen Aushandlungs- und Beteiligungskultur und nicht zuletzt die Ganztagsschule.

Der Konsens über diese Zielsetzungen münde in das Schaffen interinstitutioneller Regelungsstrukturen wie Steuerungs-, Lenkungs- und Projektgruppen. Besonders im ländlichen Raum kommt es zur Etablierung zivilgesellschaftlicher Strukturen mit informellen Kooperationen der Funktionseliten aus den verschiedenen Bereichen. Dabei lassen sich Stolz zufolge keine Tendenzen "baugleicher" Strukturierungen der Organisationsformen in lokalen Bildungslandschaften rekonstruieren, sondern von den jeweiligen Bedingungen ausgehende Lösungen.

Parallelstrukturen überwinden

Das zweite Leitprinzip der Steuerungsphilosophie lautet "Kontingentes Wechselspiel der Regelungsformen". Hier wies Stolz auf ein "pragmatisches Wechselspiel von Top-Down-, Bottom-Up- und horizontalen Regelungsformen" in fünf der sechs untersuchten Modellregionen hin. Der Aufbau lokaler Bildungslandschaften kompensiert dabei auch als dysfunktional erlebte Strukturen - vor allem die Trennung in äußere Schulträgerschaft und innere Schulaufsicht oder die unzureichende Regionalisierung der inneren Schulaufsicht in den meisten Regionen.

Eine zentrale Herausforderung bestehe daher in der Bewältigung eben jener als ungünstig empfundenen Rahmenbedingungen wie der Trennung der äußeren Schulträgerschaft und der inneren Schulaufsicht, der als unzureichend empfundenen Zuweisung von Lehrpersonal und der mangelnden Refinanzierungsmöglichkeiten bei Schulkooperationen. "Die qualitative Weiterentwicklung von Ganztagsangeboten erfordert refinanzierbare Verfügungszeiten zur Vor- und Nachbereitung, da sonst eine Tendenz der Beschäftigung von - trägerunabhängigen - Honorarkräften ohne Interesse an Strukturentwicklung besteht", erläuterte der Wissenschaftler. Nötig ist Stolz zufolge auch der Aufbau eines systematischen, lokalen Bildungsmanagements, das über den Erhalt von Parallelstrukturen und eine "trial-and-error"-Arbeitsweise hinausgeht.

Bildungslandschaften zu Beteiligungslandschaften entwickeln

Weitere Stolpersteine sind der oft lediglich lose Zusammenhang zwischen dem lokalen Bildungsnetzwerk und pädagogischen Innovationen. Es bedarf besserer Vernetzung der multiprofessionellen Teams und genuiner Fortbildungsaktivitäten zur qualitativen Anleitung des Arbeitens in multiprofessionellen Teams.

Ebenso steht die Beteiligungsorientierung für die "Lernsubjekte", also die Schülerinnen und Schüler, erst am Anfang. Der Projektleiter brachte das auf die Formel "Bildungslandschaften sind derzeit noch keine Beteiligungslandschaften". Es bestehe so die Gefahr, dass Bildungslandschaften "demokratische Herrschaft der Eliten" blieben. Insofern stehe der Paradigmenwechsel von der "Ganztagsschule" zur "Ganztagsbildung" noch aus.

"Lokale Bildungslandschaften sind aufgrund ihrer basalen Konsensorientierung ein kulturelles Projekt -,Outputsteuerung' und ,Netzwerkmanagement' sind dem eindeutig nachgeordnet", resümierte Heinz Jürgen Stolz. "Dies bremst das bloße Kopieren in der Bildungssystemgestaltung und ermöglicht lokal angepasste Lösungen." Die Nachhaltigkeit der lokalen Innovationen sei jedoch durch den Fortbestand der Trennung von äußerer Schulträgerschaft und innerer Schulaufsicht gefährdet, es komme dadurch noch nicht konsequent zu veränderten administrativen Aufbauorganisationen, fand der Forscher abschließend.

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