Bewegung, Spiel und Sport im Film

In jeder Ganztagsschule steckt unglaublich viel Dynamik, die man nur freisetzen muss. Der Film "Bewegt den ganzen Tag", der in Kooperation des Instituts für Medienwissenschaft und des Instituts für Sportwissenschaft und Motologie der Philipps-Universität Marburg entstanden ist, öffnet die Perspektive für eine der schönsten Seiten von Ganztagsschulen: für Bewegung, Spiel und Sport. Sechs ganz unterschiedliche Ganztagsschulen aus drei Ländern, die auch am Forschungsprojekt "StuBSS - Studie zur Entwicklung von Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule" teilnehmen, zeigen im Film, worauf es dabei ankommt.

Aline Becker und Matthias Michel

Es gibt eine andere, oft übersehene Seite von Ganztagsschule, die mit dem Körper zu tun hat. In freier Bewegung oder gar bei Sport und Spiel kommt diese Seite zum Vorschein. Man sieht dann Kinder mit flinken Beinen auf der Wiese, die über den Bolzplatz rennen, oder Mädchen und Jungen, die beim Matheunterricht oder dem Unterricht in Naturwissenschaften ins Freie gehen, um die Dimensionen von Körper und Raum oder Themen wie Geschwindigkeit am eigenen Leib zu erfahren. Oder man hört einfach lautes Rufen und Stimmengewirr beim Spiel auf dem Schulhof als Ausdruck spontaner Lebensfreude.

Der Film "Bewegt den ganzen Tag" schärft den Sinn für diese Seite der Ganztagsschule, bei der man die Kinder und Jugendlichen von morgens früh bis zum späten Nachmittag in Bewegung erlebt. Es zeigt sich im Film, dass es an Ganztagsschulen in verschiedenen Bereichen vielfältige Möglichkeiten gibt, Bewegung verstärkt in den Schulalltag und das Schulleben zu integrieren. Zum Teil spielen hier auch erfolgreiche Kooperationen mit außerschulischen Partnern eine Rolle. Wie es gelingen kann, Schule für Schülerinnen und Schüler den ganzen Tag bewegt zu gestalten, zeigt der Film in ausdrucksstarken Bildern.

StEG und der Film "Bewegt den ganzen Tag"

Die Bewegungsangebote an den Ganztagsschulen, dies belegt nicht zuletzt auch die "Studie zur Entwicklung der Ganztagsschulen" (StEG), werden zunehmend durch die außerschulischen Partner in die Ganztagsschulen getragen. An 90 bis 95 Prozent aller Ganztagsschulen sind solche Angebote vorhanden, woraus den Ganztagsschulen auch eine Verantwortung im Umgang mit Körper und Bewegung sowie hinsichtlich der Herstellung von Chancengleichheit erwächst, so Prof. Ralf Laging, Sportwissenschaftler an der Philipps-Universität Marburg und Projektleiter von "StuBSS - Studie zur Entwicklung von Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule".

Schule ohne Bewegung gibt es ohnehin nicht. Alle 45 Minuten beziehungsweise nach einer Doppelstunde suchen die Schülerinnen und Schüler einer Halbtagsschule in der Regel neue Klassenräume auf, und in den Pausen drängen sie dann auf den Schulhof, bis sie sich wieder dem starren Rhythmus des Frontalunterrichtes angepasst haben. Dann legen sie ihren Körper gewissermaßen an der Garderobe ab.

Bewegungsräume für die Individualität der Kinder

Durch Bewegung kommt der Körper wieder ins Spiel und mit ihm die Individualität der Kinder und Jugendlichen. Der Film "Bewegt den ganzen Tag" illustriert diese Rückgewinnung von Bewegungs- und Spielräumen für die Schülerinnen und Schüler und ihren Nutzen für den Unterricht. Sechs Ganztagsschulen unterschiedlicher Schulformen, unterschiedlicher Prägung aus den Ländern Hessen, Niedersachsen und Thüringen öffneten den Filmemachern ihre Türen: die Gesamtschule Ebsdorfer Grund, die IGS Peine, die Wartburgschule Eisenach, die Reformschule Kassel, die Sophie-Scholl-Schule Gießen sowie die Glocksee Schule Hannover.

Vor allem sind es jene Schulen, die sich auch am Forschungsvorhaben "StuBSS - Studie zur Entwicklung von Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule" beteiligen. Das Forschungsvorhaben, das in das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) eingebunden ist, ist ein länderübergreifendes Verbundprojekt, für das sich die Philipps-Universität Marburg, die Technische Universität Braunschweig sowie die Friedrich-Schiller-Universität Jena zusammengeschlossen haben.

"Der Film ist eine Ergänzungsarbeit des BMBF-Projektes", erläuterte Prof. Laging. Die Ergebnisse von StuBSS sollen Ende des Jahres 2008 vorliegen und Empfehlungen sowie Materialien wie den Film liefern. Der Film "Bewegt den ganzen Tag" wird dann als DVD in einer Kurz- und Langfassung erhältlich sein.

Wie kommt der Vereinssport in die Ganztagsschulen?

Die Kernfrage der Studie wie des Films lautet Laging zufolge: Wie finden Bewegung, Spiel und Sport, die hierzulande überwiegend auf Vereinsebene oder anderweitig organisiert sind, den Weg in die Ganztagsschulen, und wie können sie dort in das Schulleben integriert werden? 

Prof. Laging und Prof. Prümm. Im Hintergrund die Filmemacher.

Die Filmemacher Aline Becker (Regie und Drehbuch) sowie Matthias Michel (Kamera, Schnitt), die Prof. Karl Prümm vom Institut für Medienwissenschaften der Universität Marburg mit der Produktion des Films beauftragt hat, haben ihren Auftrag aus Sicht des Medienwissenschaftlers "glänzend erfüllt". Auch Ralf Laging, der die inhaltlichen Aspekte des Filmprojektes betreute, hob das Talent des Filmteams hervor, sich in den Gegenstand der Ganztagsschulforschung hineinzuversetzen und daraus einen professionellen Fortbildungsfilm für die Praxis zu erstellen.

"Diese Kooperation zwischen dem Institut für Sportwissenschaft und dem Institut für Medienwissenschaft hat uns Spaß gemacht", so Karl Prümm, der als Medienwissenschaftler für die filmische Seite des Projektes verantwortlich war und den Film aus medienwissenschaftlicher Perspektive begleitet hat. Zur Vorpremiere des Films, die auch als Lehrerfortbildung im Rahmen der Vorlesungsreihe "Sport und Schule in Bewegung" gedacht war, waren zahlreiche Protagonisten des Films erschienen, die meisten aus der Gesamtschule Ebsdorfer Grund.

"Bewegt den ganzen Tag" zur Fortbildung empfohlen

"Der Film gibt Einblicke in das Schulleben an sechs Schulen, die eigene Wege gegangen sind, um Bewegung in den Schulalltag zu integrieren", erläuterte die Regisseurin. Da der Film als Fortbildungsangebot unter anderem der Lehrerbildung zugute kommen soll, ist er in fünf thematische Bereiche unterteilt.

In Interviews mit Schulleitern, Lehrern, Schülern sowie den außerschulischen Partnern illustrieren die entsprechenden Schulen, wie Bewegung, Spiel und Sport in das pädagogische Konzept eingegangen sind. Im Vordergrund standen die Themen: Rhythmisierung des Schultages, die Integration von Bewegung in den Unterricht, Bewegungsmöglichkeiten in den Pausen, Sport- und Bewegungsangebote sowie die Integration von Bewegung, Spiel und Sport in das Schulleben in Form eines besonderen Fests und bewegungsorientierten Projekttagen.

Kinder in Bewegung zu filmen ist eine Herausforderung

Die Dreharbeiten haben im Herbst 2007 stattgefunden. Dem Kameramann Matthias Michel zufolge war das Drehen mit den Kindern eine Herausforderung, da Kinder nie das tun, was man im nächsten Moment vielleicht erwarten würde. Da die Bewegungsaktivitäten und folglich auch die entsprechenden Aufnahmen für den Film nicht inszeniert wurden, galt es mit der Kamera stets unmittelbar auf die Geschehnisse einzugehen. Für die Kinder waren die Filmarbeiten in ihren Schulen ein echtes Highlight. "Sie waren sehr offen, ließen sich nicht beirren", meint Michel. Scheu vor der Kamera kannten die meisten ohnehin nicht.

Das merkt man den Film von Anfang bis zum Ende an. Die Szenen mit den Kindern erscheinen unverkrampft und authentisch. Den gleichen Eindruck erwecken die Einstellungen der Kamera, wenn sie die Schulhäuser fokussieren. Man sieht die Schulen dann so, wie sie jedermann aus dem Alltag kennt. Der Film dokumentiert die Gegebenheiten an den Schulen wie auch den aktuellen Entwicklungsstand. Das visuelle Konzept des Films stellt sich dabei in den Dienst des Themas.

Bewegung von innen her erschließen

Die Idee von Karl Prümm sei es gewesen, bewegte Bilder mit der Steady Cam zu machen, die den Kindern bei ihren kleinen Abenteuern im freien Schulgelände und bei ihren sportlichen Aktivitäten folgt. Für Ralf Laging kam es insbesondere darauf an, das Thema von innen zu erschließen und zu zeigen, wie sich die Schulen auf dem Weg gemacht haben, Bewegung, Spiel und Sport wie einen roten Faden durch das Schulleben zu ziehen. Der Film präsentiert einen abwechslungsreichen, aber nicht zu bunten Strauß von Beispielen, wie Räume dem Bewegungsdrang von Kindern zuspielen.

 Weil die traditionellen Formen des Unterrichts nicht mehr funktionieren, so der Didaktische Leiter der IGS Peine Dr. Bernd Hauck, hat die Schule einen handlungsorientierten Unterricht eingeführt. Die Naturwissenschaften werden dann in der freien Natur erkundet: "Die Schülerinnen und Schüler freuen sich auf solche Stunden.", so die Lehrkraft Ulrike Heuer. Eine Lehrerin der Reformschule Kassel schildert die Vorteile bewegungsorientierten Unterrichts für Schülerinnen und Schüler mit ADHS-Problematik, denen ein solcher Unterricht Motivation zum Lernen liefere: "Bewegung spielt eine Schlüsselrolle, die Lernen erst ermöglicht."

Bewegung im Unterricht - und in den Pausen

Zum Thema "Bewegung in den Pausen" gibt es auch eine Menge zu lernen. So bietet die Gesamtschule am Ebsdorfer Grund ein offenes Pausenangebot im Außengelände an, wo die Schülerinnen und Schüler u.a. dem König Fußball frönen.

An der IGS Peine nahm praktisch die gesamte Schulgemeinschaft das Heft in die Hand, um das Außengelände der Schule komplett umzugestalten und zu verschönern. Nachdem der Schulträger dafür grünes Licht gab, machte sich die Schule unter Anleitung eines Vaters, der als Landschaftsarchitekt tätig ist, daran, das große Gelände neu zu formen. Es wurden zahlreiche neue  Bewegungsmöglichkeiten geschaffen, Bewegungsräume für vielfältige Aktivitäten eröffnet.

Auf dem Gelände befindet sich nun beispielsweise ein großes Angebot an Spiel- und Klettergeräten mit Aufforderungscharakter. In einem Bereich des Geländes wurde ein Ökogarten geschaffen, der als Lernort und Bewegungsraum Möglichkeiten bietet. Dieses Beispiel und viele andere mehr werden mit kraftvollen Bildern von Kindern illustriert, die sich in ihrem Körper zu Hause fühlen und gerade deswegen ihrer Neugierde und ihrem Wissensdurst frönen.

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