Forschungen zu Familie, Peers und Ganztagsschule - Teil 1

Eltern sind zuweilen der Meinung, Ganztagsschule solle alles können, doch oft wissen sie nicht so ganz genau, was dort zu welchem Zweck passiert. Ganz zu schweigen von den Wirkungen der Ganztagsschule auf die unterschiedlichen Akteure. Auf der Bilanztagung "Familie und Ganztagsschule", die am 6. und 7. Mai 2010 im Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München stattfand, konnte die in den letzten zwei Jahren vom BMBF geförderte Forschung praxisrelevante Erkenntnisse zum Verhältnis von Familie und Ganztagsschule beitragen.

Für viele Eltern ist die Ganztagsschule noch eine regelrechte "Black Box", wie Studien zeigen: Mal wird sie von einer Mutter mit einer Streitschlichter-AG gleichgesetzt, mal wird sie von Eltern auf die Hausaufgabenhilfe am Nachmittag reduziert. Obwohl die Eltern große Erwartungen an Ganztagsschulen haben, ist bei vielen wenig bekannt, was diese konkret für die Kinder und Jugendlichen leisten können. Fördern sie die Motivation zum Lernen und die schulischen Leistungen oder die für das Wohlbefinden so unabdingbaren Freundschaften?

Links: Dr. Petra Gruner vom BMBF eröffnete die Bilanztagung. Rechts: Prof. Andreas Lange vom Deutschen Jugendinstitut.

Einigkeit bestand unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung "Familie und Ganztagsschule", die am 6. und 7. Mai 2010 in Kooperation des BMBF mit dem Deutschen Jugendinstitut in München durchgeführt wurde, allerdings darin: "Die Forschungsprojekte zum Thema Familie und Peers sind eine Chance, in die Praxis reinzugehen und zu sehen, was in den Ganztagsschulen passiert", so Dr. Anna Brake von der Universität Augsburg. Die qualitativen Forschungsprojekte des BMBF, die die empirischen Ergebnisse der StEG-Studie in wichtigen Aspekten wie Familie, Professionalisierung, Kooperation oder lokalen Bildungslandschaften vertiefen, sollen nicht zuletzt denjenigen, die für konkrete Entwicklungsaufgaben der Ganztagsschulen verantwortlich sind, mehr Aufschluss über den Stand dieser Entwicklungen geben. 

Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die aus der Forschung, der pädagogischen Praxis, der Politik und Verwaltung kamen, wurden die Ergebnisse aus sechs Forschungsprojekten zum Verhältnis Familie und Ganztagsschule vorgestellt. Dabei stand die Veranstaltung von Anfang an unter einem guten Vorzeichen, da die Forschungsergebnisse sich als aktuell und wesentlich für die Praxis erwiesen und der lebendige Austausch darüber zum Nachdenken über die praktischen und theoretischen Implikationen der Forschung anregte.

Die Familie im gesellschaftlichen Umbruch

Ein Beispiel dafür war der Vortrag von Prof. Andreas Lange zum Thema "Familie und gesellschaftlicher Wandel - Herausforderungen für die Bildung". Dem Soziologen vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) gelang es, das Thema Familie und Ganztagsschule in einen größeren systematischen Zusammenhang zu stellen. So führte Lange aus, wie sich der Wandel der gesellschaftlichen Arbeitsbeziehungen auf die familiären Lebenswelten und die Bildung auswirkt.

Die Familien stehen infolge des sozioökonomischen Wandels seit 1990er Jahren vor neuen Herausforderungen, die sowohl mit Chancen und Risiken verbunden sind. "Es ist nicht nur und nicht primär der endogene soziale Wandel von Familie per se, der Konsequenzen für die Organisation von Bildung und für die konkreten in Familie und die in Bildungsinstitutionen tagtäglich ablaufenden Bildungsprozesse hat. Vielmehr bedingt der vielschichtige familienexogene soziale Wandel eine Reihe von Herausforderungen für Familien - mit der Konsequenz, dass die Herstellung von Familie zu einer störungsanfälligen Angelegenheit wird."

Unter exogenem sozialen Wandel versteht der Soziologe die postfordistische, finanzmarktgetriebene Ökonomie, die mit einer forcierten ökonomischen Entgrenzung einhergehe. Infolgedessen seien auch die Arbeitsplätze der Mittelschichten nicht mehr sicher, was zu einer Verunsicherung führt, die eine "Bildungsaufrüstung" bzw. einer Aufwertung von Bildung als Instrument zum Erhalt des sozialen Status zur Folge habe.

"Professionelle Gestaltung von Care-Beziehungen"

Die Neudefinition des Verhältnisses von Markt, Arbeitsorganisation, Sozialstaat und Familie begünstigte laut Andreas Lange den Ausbau ganztägiger Bildung und Betreuung, sei es unter öffentlicher oder privater Obhut: "Die Ganztagsschulen übernehmen die professionelle Gestaltung von Care-Beziehungen." Im Zuge der postfordistischen Transformation sei die weibliche Erwerbsarbeit einerseits ökonomische Notwendigkeit im Rahmen des Übergangs zu einer wissensintensiven Dienstleistungsgesellschaft, die zur Deckung des Bedarf an qualifiziertem Humankapital auf Männer und Frauen angewiesen ist, andererseits emanzipatorische Notwendigkeit.

Auch in Deutschland sei mittlerweile nachgewiesen, so der Soziologe unter Verweis auf eine Studie von Una M. Röhr-Sendlmeier, Una M. (Berufstätige Mütter und die Schulleistungen ihrer Kinder. Bildung und Erziehung, Heft 2/2009, S. 225-242), dass die stärkere Erwerbsintegration von Müttern, insbesondere in qualitätsreiche und gut bezahlte Arbeitsfelder, positive Effekte auf die kognitiven Fähigkeiten der Kinder habe. "Care" als gesellschaftliche Aufgabe sei eine Ko-Produktion privater und öffentlicher Zuständigkeit und eine Kooperation der Geschlechter.

Während in der "neuen Ordnung der Sorge" Bildung und Betreuung zunehmend als staatliche Aufgabe angesehen werden, haben die Familien sich aber mit dem Moment einer ästhetisierten und medialisierten Erlebnisökonomie auseinanderzusetzen: "Gemeint ist vor allem die Explosion von Angeboten und Gütern der Medienindustrie, welche den Alltag von Familien heute bis in die Kapillaren mitbestimmen." Eine weitere Herausforderung sieht Lange in der Multiethnizität, das heißt der Tatsache, dass derzeit gut jede vierte Familie einen Migrationshintergrund habe.

Auf diese Dimensionen muss die Ganztagsschule reagieren, denn hier spielten nun für ganztägige Angebote auch Alltag und Kultur eine große Rolle. Lange sieht insgesamt eine Entwicklung weg von einer defizitorientierten Begründung ganztägiger Betreuung: "Ganztägige Bildungssettings stellen keine Reparaturbetriebe gesellschaftlicher und individueller Fehlentwicklungen dar, sondern es erscheint produktiver, sie als Institutionen der experimentellen Innovation des Zusammenhangs von Bildung und alltäglicher Lebensführung von Heranwachsenden in der späten Moderne anzusehen."

StEG: Bildungs- und Erziehungspartnerschaft entlastet Eltern

Fotos: Prof. Ivo Züchner und Regina Soremski
Links: Prof. Ivo Züchner von der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Rechts: Erziehungswissenschaftlerin Regina Soremski vom DJI.

Sind Ganztagsschulen eine experimentelle Innovation? Der Erziehungswissenschaftler Dr. Ivo Züchner von der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt wertete Daten aus der StEG-Studie im Hinblick auf ihre Relevanz für die Familien aus und konnte so Thesen aus dem Vortrag von Andreas Lange empirisch untermauern. Ein interessantes Ergebnis lautete: "Ganztagsschulen leisten einen deutlichen Beitrag zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf."  

Insbesondere in der Grundschule ermöglicht die Ganztagsschule eine erweiterte Beschäftigung von Müttern: Eltern mit einem niedrigen Berufsstatus und Eltern mit Migrationshintergrund haben zudem signifikante Vorteile durch die Ganztagsschulbetreuung. Unter dem Terminus der Bildungs- und Erziehungspartnerschaften führte Züchner aus, dass ein großer Teil der Eltern die Ganztagsschule als Entlastung in ihrer eigenen Erziehungsfunktion wahrnimmt, nicht zuletzt hinsichtlich der Schulvorbereitungen. So gab die Hälfte der befragten Mütter an, dass sie durch die Ganztagsschulen in ihrer Funktion als "Hilfslehrerinnen" entlastet würden.

Einen Entwicklungseffekt sah der Wissenschaftler darin: Wenn die Kinder konsequent in die Ganztagsschule gehen, steigt die Kommunikation über Schule bei den Kindern aus den unteren Schichten an. Mit anderen Worten: Der Besuch der Ganztagsschule fördert ein entwickeltes Familienleben und zwar insbesondere bei sozial schwachen Familien, aber auch beispielsweise bei Familien mit Migrationshintergrund. In der Diskussion wurde dieser Befund bestätigt: "Die Schulfreude der Kinder ist ein Prädiktor für die Zufriedenheit der Eltern."

Schulzufriedenheit der Eltern steigt mit dem Wohlbefinden der Kinder

Mit den Ganztagsschulen gibt es eine bessere Verbindung zwischen Familie und Schule, als dies im Rahmen der Halbtagsschule möglich wäre. Doch wie sieht die Ganztagsschule eigentlich aus Sicht der Kinder und Jugendlichen aus? Der Nachwuchswissenschaftlerin Regina Soremski vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) gelang mit ihrem Vortrag ein wichtiger Schritt in der Konkretisierung der Ganztagsschulpraxis, wofür ihr viel Lob zuteil wurde. Schon der Titel ihres Vortrags zeigte an, dass sie ins Schwarze getroffen hatte: "Training zwei Mal die Woche und dann auch noch Ganztagsschule und dann noch Lernen zu Hause... Alltägliche Lebensführung Jugendlicher im Kontext von Familie und Ganztagsschule".

Ihre erklärte Absicht war es, "einen Einblick in den Bildungs- und Freizeitalltag jugendlicher Ganztagsschüler zu geben und ferner den Austausch zwischen Familie und Ganztagsschule näher zu beleuchten". In dem von ihr gemeinsam mit Andreas Lange durchgeführten Projekt "Bildungsprozesse zwischen Familie und Ganztagsschule" untersuchte sie das Zusammenspiel von Familienalltag, Ganztagsschulbetrieb und alltäglicher Lebensführung der Kinder und Jugendlichen sowie das Zusammenwirken von schulischen und familialen Bildungsprozessen.

Ein Ausgangspunkt der Untersuchung war, dass die Familien eine relativ ähnliche sozio-ökonomische Lage aufwiesen, aber hinsichtlich ihrer Familienstruktur abwichen. Die befragten Mittelschichtsfamilien hatten Kinder der Klassenstufen sieben, acht und neun, die ein offenes oder gebundenes Ganztagsangebot der Realschule oder des Gymnasiums besuchten. Es war also davon auszugehen, dass die schulische Bildung bei diesen Familien eine große Rolle spielt und die Freizeit der Kinder ziemlich eingeschränkt ist. Die Erhebungsinstrumente der Studie waren leitfadengestützte Interviews, teilnehmende Beobachtungen an Schulen sowie die Verwendung von zweiwöchigen Online-Tagebüchern, in denen die Jugendlichen ihren Tagesablauf sorgfältig dokumentierten.

So sieht die Ganztagsschule von innen aus

Ziel des Projektes war es, " Anregungen für eine Stärkung der Lebensführungskompetenz von Heranwachsenden zu erarbeiten sowie für die Zusammenarbeit zwischen Familie und Ganztagsschule im Sinne einer Bildungspartnerschaft zu geben". Eine besondere Leistung der Studie bestand zudem darin, dass sie zwischen Makro-, Meso- und Mikro-Ebenen differenzierte, das heißt, dass sie zwischen Struktur- und Handlungsebene vermittelte: "Um das alltägliche Bildungsgeschehen von Jugendlichen zu erfassen, gilt es, die Veränderungen auf gesellschaftlicher Ebene mit denjenigen auf der Handlungsebene in Verbindung zu bringen.

Ein interessanter Befund, der aus der Nutzung der Online-Tagebücher hervorgeht, lautet, dass die Ganztagsschülerinnen und -schüler nicht weniger Sport treiben oder außerschulischen Beschäftigungen nachgehen als die Halbtagsschülerinnen und -schüler. Um die These des hohen Stellenwerts des Sports bei Jungen zu konkretisieren, dokumentierte Soremski den typischen Wochenablauf eines männlichen Gymnasiasten einer gebundenen Ganztagsschule der Klasse 8: Wie der Tagesablauf des Schülers zeigt, nimmt der 13-jährige Marco nach Schule und Sport am Dienstag um 18:20 Uhr Nachhilfe, sodass er erst um 20 Uhr nach Hause kommt und zwischen 22 und 24 Uhr zum Schlafen kommt. Für Marko sind Familie, Freizeit/ Erholung, Lernen, Kommunikation; Hobbys usw. alles gleichberechtigte Dimensionen.

Doch schon um 5:30 Uhr heißt es für ihn Aufstehen und Schulweg per S- und U-Bahn auf sich zu nehmen. Bei den Jungen, erläuterte Soremski stehen sport- und körperbezogene Bildungserfahrungen im Vordergrund, während bei den Mädchen die Ausbildung der Persönlichkeit von größerem Interesse ist. Die Online-Tagbücher bestätigen laut Regina Soremski Befunde der StEG-Studie: "Auch die Online-Tagebücher dokumentieren, dass Familie als Ort der reinen Versorgung an Bedeutung verliert und nun verstärkt der Regeneration dient."

In der Untersuchung zeigt sich auch, dass einige Jugendlichen ihre Freizeitinteressen in den Ganztag gut integrieren können, andere wiederum in Schule und außerschulischer Freizeit gewissermaßen unter großem Druck stehen und regelrecht ein "Vereinbarkeitsproblem" haben. Von einer Tagungsteilnehmerin wurde in diesem Zusammenhang das G8-Gymnasium erwähnt. Belastungen könnten ihrer Ansicht nach zur Sprachlosigkeit in den Familien führen. Andererseits dokumentieren die Ergebnisse der Studie, dass mehr Eltern- und Kinderbeteiligung dazu führt, dass die Ganztagsschule die Grundlage für eine gemeinsame Erziehungs- und Bildungsverantwortung bietet.

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