Ganztagsschulen in ländlichen Räumen

Die Forschungslage zur Auswirkung von Ganztagsschulen auf das Freizeitverhalten Jugendlicher und das Vereinsleben in ländlichen Räumen ist dünn. Welche Herausforderungen verbinden sich mit dem demographischen Wandel? Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen Kooperationen und Sozialstruktur im ländlichen Raum? Welche Ideen und welche Ganztagsschulmodelle eignen sich am besten? Die Agrarsoziale Gesellschaft in Göttingen und die Friedrich-Schiller-Universität Jena forschen an zwölf Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz und Thüringen.

Der demographische Wandel wirkt sich besonders auch in vielen ländlichen Regionen aus. Welche Chancen gibt es hier für Ganztagsschulen?

"Ganztagsschule in ländlichen Räumen (GaLäR) - Kooperationen von Jugendarbeit und Schule unter Berücksichtigung sozialräumlicher und infrastruktureller Aspekte und Auswirkungen" heißt ein Forschungsprojekt, das seit März 2008 gemeinsam vom Lehrstuhl für Sozialpädagogik und außerschulische Bildung an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und der Agrarsozialen Gesellschaft e.V. in Göttingen durchgeführt wird. Unter der Projektleitung von Prof. Dr. Roland Merten und Dr. Christine Wiezorek (Jena) sowie Dr. Dieter Czech (Göttingen) arbeiten drei beziehungsweise zwei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Forschungsvorhaben. An der Universität Jena findet auch ein Projektseminar mit Studierenden zum Thema statt.

Die GaLaeR-Projektgruppe (v.l.n.r.): Benno Dieminger, Stefanie Hörnlein, Claudia Wiezorek, Manuel Dethloff, Sebastian Stark, Roland Merten und Claudia Busch.

Zu diesem Thema - da sind sich Dr. Christine Wiezorek von der Universität Jena und Claudia Busch von der Agrarsozialen Gesellschaft einig - ist die Forschungslage bisher äußerst dünn. Das wissenschaftliche Interesse an der Jugendarbeit respektive an der Kooperation von Jugendarbeit und Schule ist zwar inzwischen groß, betrifft jedoch überwiegend die urbanen Räume und vor allem die großstädtischen Metropolen. "In der bundesweiten StEG-Studie gibt es einen kleinen Bereich, der sich mit den Auswirkungen auf die Vereinsarbeit befasst", berichtet Claudia Busch, die zusammen mit ihrem Kollegen Manuel Dethloff am Forschungsprojekt arbeitet, "aber von speziell auf den ländlichen Raum gerichteter Forschung ist uns nichts bekannt." In der StEG-Studie von 2007 war dementsprechend empfohlen worden, weitere Forschungsvorhaben zur Kooperation mit außerschulischen Partnern und Kommunen aus sozialräumlicher und infrastruktureller Sicht durchzuführen.

"Uns interessieren die Strukturen und Vorgänge im ländlichen Raum", erklärt Claudia Busch, "und als wir von Vereinen die Besorgnis wahrnahmen, die Ganztagsschule könne die Vereinsarbeit behindern, wollten wir genauer erforschen, wie sich die Einführung von Ganztagsschulen in ländlichen Räumen tatsächlich auswirkt." Auf eine Ausschreibung des BMBF habe man sich daher mit einem entsprechenden Forschungsdesign beworben.

Welche Kooperationsmodelle eignen sich zum Erhalt dörflicher Strukturen?

Zugleich bewarb sich auch die Universität Jena, allerdings mit einem anderen Schwerpunkt. Während sich die Agrarsoziale Gesellschaft für die Perspektive der Kommune und der Vereine interessiert und für die Frage, welche Veränderungen die Ganztagsschulen im sozialen Leben und im Freizeitverhalten der Jugendlichen verursachen, steht für die Jenaer die innere Sicht der Ganztagsschulen im Sek I-Bereich auf ihre Kooperationsbeziehungen mit der Jugendarbeit im Vordergrund.

Schließlich fanden beide Ansätze unter einem gemeinsamen Dach als Verbundprojekt zusammen, das bis zum März 2010 läuft. Das Teilprojekt A: "Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe" der Universität Jena und das Teilprojekt B: "Ganztagsschule und dörflicher Sozialraum" in Göttingen laufen dabei weitgehend parallel, nutzen aber auch gegenseitig Daten und werden gemeinsam Ergebnisse vorlegen. Aus beiden Perspektiven sollen Erkenntnisse gewonnen werden, welche Kooperationsmodelle sich für die infrastrukturellen Gegebenheiten ländlicher Räume eignen und gleichzeitig zum Erhalt oder zur Erneuerung lebendiger Dorfstrukturen beitragen können.

In je zwei Regionen in Thüringen und Rheinland-Pfalz untersuchen die Jenaer und die Göttinger nun die Wechselwirkungen zwischen Kooperationen und Sozialstruktur im ländlichen Raum. Während Thüringen als Forschungsfeld im wahrsten Sinne nahe lag, wurde Rheinland-Pfalz von den Niedersachsen ausgewählt, weil Claudia Busch zufolge "die Ganztagsschulentwicklung hier schon weit vorangeschritten ist". Die in der Region "Thüringen Nord" untersuchten Schulen und ihre jeweiligen Einzugsgebiete liegen in den Landkreisen Eichsfeld und Unstrut-Hainich, die der Region "Thüringen Süd" im Südosten des Thüringer Schiefergebirges an der Grenze zu Bayern. Es handelt sich durchgehend um Regelschulen, an denen sowohl ein Haupt- als auch ein Realschulabschluss erworben werden kann.

Mit der Eifel und dem Hunsrück konnten ebenfalls ländliche Gebiete gefunden werden, in denen das Einzugsgebiet einer Schule mitunter 50 Dörfer und Ortschaften umfasst. In der Region Eifel werden die Kooperationsbeziehungen und -möglichkeiten an einer Regionalen Schule, einer Haupt- und einer Realschule sowie die dörflichen Strukturen in ihren jeweiligen Einzugsgebieten untersucht, während im Hunsrück eine Hauptschule und zwei Regionale Schulen gewählt wurden.

Teilprojekt A: "Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe"

Für das Teilprojekt präzisiert Christine Wiezorek, eine in der Schul- und Jugendforschung erfahrene Erziehungswissenschaftlerin, die Fragestellung: "Welche anderen Rahmenbedingungen hat die außerschulische Jugendarbeit im ländlichen Raum verglichen mit denen in der Stadt?" Ausgangspunkt für diese Überlegung war die Magisterarbeit der damaligen Studentin Stefanie Hörnlein, die nun als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt beteiligt ist. Sie hatte mit einer kleinen Studie an zwei Landgymnasien auf die besondere Spezifik der Kooperation von Jugendarbeit und Schule in ländlichen Räumen aufmerksam gemacht.

"Wir untersuchen Gelingens- und Gefährdungspotenziale von Kooperationen auf vier Ebenen", beschreibt Christine Wiezorek. "Uns interessieren die jeweiligen bildungs- und sozialpolitischen Rahmenbedingungen in den beiden Bundesländern und die jeweilige sozialräumliche und kommunalpolitische Situation. Des weiteren erforschen wir die Vernetzung der einzelnen Ganztagsschulen mit den Trägern der Jugendarbeit auf institutioneller Ebene und vergleichen sie mit Ganztagsschulen und anderen Schulen im Raum. Schließlich interessiert uns die konkrete Kooperation der beteiligten schulischen und außerschulischen Akteure vor Ort."

Porträtfoto: Claudia Busch
Claudia Busch

Das Forschungsteam nähert sich dieser Frage über einen qualitativen Zugang durch leitfadengestützte offene Interviews - mit der Schulleitung, mit den Ganztagsschulkoordinatoren und mit AG-Leiterinnen und -Leitern. "Die Beteiligten schildern ihre Erfahrungen mit der Entwicklung zur Ganztagsschule", erläutert die Projektleiterin. Die Interviews mit den Ganztagsschulkoordinatoren werden auch durch die Göttinger ausgewertet - ein Synergieeffekt, der doppelte Befragungen erspart.

Nach der Hälfte der Laufzeit sind bisher zwei der vier Regionen untersucht worden. Die Auswertung dieser ersten Daten wird Ende März 2009 beginnen. Da es sich um eine Querschnittserhebung handelt, werden die Schulen nur einmal befragt. "In jeder der Regionen haben wir uns eine so genannte Eckschule ausgewählt, die wir in der Tiefe erforschen und intensiv auswerten, um Fallstudien zu erstellen, in denen die konkrete Zusammenarbeit mit den Akteuren vor Ort mit ihren Chancen, aber auch den Problemen im Detail aufgezeigt werden kann", beschreibt Christine Wiezorek. "Wir möchten sichtbar machen, wie verwoben die Themen ländlicher Raum und Kooperationspotenziale besonders mit der Jugendarbeit sind."

Erste Eindrücke: Bei manchen Ganztagsschulen ist der Wille da, mit Kooperationspartnern zu arbeiten, was aber mitunter schlicht an den Finanzen scheitert. Laut der Projektleiterin stehen manche Ganztagsschulen dank einer engagierten Schulleitung hinter der Ganztagsschule und den Kooperationen, während andere Schulen die Arbeit eher pragmatisch nach dem Motto "Wir müssen das machen" einschätzen. Und ein Thema spielt eine große Rolle: Die Fahrzeiten der Busunternehmen, die das Angebot einer Ganztagsschule einschränken können.

Teilprojekt B: "Ganztagsschule und dörflicher Sozialraum"

Im Teilprojekt "Ganztagsschule und dörflicher Sozialraum" arbeiten die Forscherinnen und Forscher mit Fragebögen. "Wir befragen Schülerinnen und Schüler des 7. bis 9. Jahrgangs aus je drei Klassen pro Schule, ihre Eltern, Vereinsvorsitzende und Bürgermeister", berichtet Claudia Busch, "und möchten herausfinden, was die Jugendlichen in ihrer Freizeit machen und ob sich durch die Einführung der Ganztagsschule etwas in ihrem Freizeitverhalten verändert hat."

Daneben sollen auch die Ansprüche herausgearbeitet werden, die Familien und Akteure, welche sich für den Erhalt und die Förderung lebendiger Dorfstrukturen einsetzen, an Ganztagsschulen stellen. Und schließlich soll geklärt werden, welche Ganztagsschulkonzepte und Kooperationsmodelle die zuvor ermittelten Ansprüche bestmöglich integrieren und diese mit Bildungsanforderungen verbinden.

Claudia Busch und ihr Kollege Manuel Dethloff vom Göttinger Team sowie Stefanie Hörnlein und Benno Dieminger vom Jenaer Team haben bislang vor allem in zwei der vier Regionen Befragungen und Interviews durchgeführt. Rund 50 Interviews sind bereits zusammengekommen. Zur Halbzeit des Projekts zeigt sich laut Claudia Busch ein "gewisser Ost-West-Unterschied": In Thüringen lägen mehr Vereinsangebote am Wochenende und auch am Sonntag, was im Westen weniger vorstellbar sei. In Rheinland-Pfalz würden die Befürchtungen, die Vereinsmitglieder bezüglich der Einrichtung von Ganztagsschulen haben, stärker artikuliert als in Thüringen. "Natürlich fehlen uns die Kinder", klagten manche Vereine. Die Hoffnung, dass sich die Vereine umgekehrt in den Ganztagsschulen engagieren werden, erfüllt sich mancherorts nicht, da die Ehrenamtlichen häufig berufstätig sind und kaum vor 15 Uhr in die Schule kommen können.

"Mit der Untersuchung kann man auf die Probleme hinweisen, aber wir möchten auch Ideen aufgreifen", meint Claudia Busch. So überlegten Jugendfeuerwehr, Technisches Hilfswerk und die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), ihre Ausbildungen im Rahmen der Ganztagsschule anzubieten - auch um Nachwuchs zu rekrutieren, was besonders in dörflichen Regionen heute schwierig sei.

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