StEG: Ganztagsschulen sind familienfreundlich und nicht selektiv

Die erstmalige öffentliche Vorstellung der "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen in Deutschland" (StEG) scheint auch die Kritiker davon zu überzeugen, dass sich der Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland auf einem passablen Weg befindet. Auf der Pressekonferenz am 19. März 2007 in Berlin, wurden vorab Ergebnisse der StEG-Basiserhebung von 2005 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Nun ist es quasi amtlich: Das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) hat die Entwicklung der Ganztagsschulen quantitativ und qualitativ vorangebracht. In beinahe allen abgefragten Bereichen zeigen die Ergebnisse der ersten Erhebung der "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen - StEG" von 2005, dass die neu an den Start gegangenen Ganztagsschulen auf recht gutem Weg sind.

Foto von der Pressekonferenz: Stecher, Klieme und Holtappels
PD Dr. Ludwig Stecher, Prof. Dr. Eckhard Klieme und Prof. Dr. Heinz Günter Holtappels bei der Pressekonferenz.

Die Längsschnittstudie, die insgesamt drei Erhebungszeitpunkte vorsieht, wurde am 19. März 2007 im Rahmen einer Pressekonferenz von drei renommierten Bildungsforschern vorgestellt: von Prof. Dr. Eckhard Klieme, Leiter des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), Prof. Dr. Heinz Günter Holtappels (Institut für Schulentwicklungsforschung Dortmund) sowie Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstitutes in München.

Im Fokus: die Startphase der neuen Ganztagsschulen

Die in den Räumen der Wissenschaftsgesellschaft Gottfried Wilhelm Leibniz in Berlin vorgestellten Ergebnisse beruhen auf der ersten Erhebung vom Frühsommer 2005. "Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und Lehrkräfte, Schulleitungen, das im Ganztagsbetrieb tätige Personal sowie externe Kooperationspartner an insgesamt 373 Schulen aus 14 Bundesländern wurden befragt", heißt es in der Presseerklärung von StEG. Die Studie wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erstellt und in enger Abstimmung mit den Ländern unter dem Gesichtspunkt von Ausbau, Nutzung und Wirkungen von Ganztagsangeboten realisiert.

Der Koordinator der Studie, PD Dr. Ludwig Stecher, skizzierte eingangs der Pressekonferenz den Rahmen: StEG sei eine quantitativ-standardisierte Befragungsstudie, die sich durch die Mehrperspektivität der Datenerhebung auszeichne. StEG ist ferner eine Längsschnittstudie, bei der die Schulen zu drei unterschiedlichen Zeitpunkten befragt werden (2005, 2007, 2009). Erst nach der dritten Erhebung werden sich Entwicklungen und Gelingensbedingungen der neuen Ganztagsschulen genauer bestimmen lassen.

Unter hoher Beteiligung der Schülerinnen und Schüler

An der bundesweiten Stichprobe sind Ganztagsschulen aus 14 Bundesländern beteiligt. Neben einer Basisstichprobe von IZBB-geförderten Ganztagsschulen gibt es noch eine Ergänzungsstichprobe, in der - auf Wunsch der Länder - auch länger bestehende Ganztagsschulen befragt wurden. Insgesamt 64.652 befragte Personen beantworteten die ausführlichen Fragebögen, deren Daten vom DPC Hamburg, in dessen Händen auch die PISA-Studien liegen, verarbeitet wurden. Auffallend ist die große Zahl der Schülerinnen und Schüler, die über 30.000 Fragebögen ausgefüllt haben. Hohe Rücklaufquoten gab es auch bei den Eltern und bei den Lehrerinnen und Lehrern.

"Die neu eingerichteten Ganztagsschulen sind mit wenigen Ausnahmen bereits an vier oder fünf Wochentagen geöffnet. Fast überall finden Hausaufgabenbetreuung, Projekte, sportliche und musikalische Angebote statt. Förderunterricht wird an der überwiegenden Mehrheit der Schulen angeboten", heißt es in der Presseerklärung.

Gut 80 Prozent der Schüler, die die Angebote in Ganztagsgrundschulen besuchen, nehmen an drei oder mehr Tagen an dem Ganztagsangebot der Einrichtungen teil. Das Bild ändert sich ab der Sekundarstufe. Dort gilt: Je höher die Klasse, umso geringer die Neigung, sich auf die Ganztagsangebote einzulassen.

Offene Ganztagsschulen zahlenmäßig vorn

Bei den im Zuge des IZBB neu entstandenen Ganztagsangeboten dominieren die offenen Ganztagsschulen. Hier ist den Schülerinnen und Schülern freigestellt, ob sie an den Nachmittagsangeboten teilnehmen oder nicht. Offene Ganztagsangebote sind gemäß der Kultusministerkonferenz solche Einrichtungen, die an mindestens drei Tagen in der Woche ein Ganztagsangebot unterbreiten. Im Durchschnitt nehmen 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler daran teil.

Die älteren Jahrgänge ab Klasse 7, die im Schnitt nicht mehr als zweimal die Woche an den Nachmittagsangeboten teilnehmen, ließen sich dann stärker auf den Ganztag ein, wenn "sie sich in den Beziehungen zu ihren Lehrkräften wohl fühlen und ein breites Angebot zur Verfügung gestellt bekommen", fügte Stecher hinzu. Ein selbstbewusst und kompetent auftretendes Lehrerkollegium steigert übrigens die Teilnahme am Ganztag. Für die gebundenen Ganztagsschulen gilt: Ihr meist weiter entwickeltes pädagogisches Konzept trägt dennoch nicht zwangsläufig zu breiteren und innovativeren Angeboten bei.

Wer sind die Zugpferde beim Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland? "Den stärksten Zuwachs verzeichneten die westdeutschen Flächenländer, die aber nach wie vor mit einem Anteil von 22 Prozent Ganztagsschulen deutlich hinter den neuen Bundesländern (49 Prozent) zurückbleiben, in denen allerdings ein Großteil der Ganztagsangebote als Verbund von Schule und Hort realisiert wird. In den Stadtstaaten beträgt der Anteil an Ganztagsschulen 53 Prozent", schreiben die Bildungsforscher in einer Broschüre, die extra zur Pressekonferenz vorlag. Sie ist ein Vorabdruck ihrer für Mai angekündigten Publikation "Ganztagsschule in Deutschland", die im Juventa-Verlag erscheinen wird  

Ganztagsschulen sind nicht sozial selektiv

Was leisten die neuen Ganztagsschulen? Unter dem Blickwinkel der individuellen Förderung - so Eckhard Klieme - spielt die Hausaufgabenbetreuung eine große Rolle. "In den Grundschulen nimmt mehr als die Hälfte der Kinder an den Hausaufgaben teil, die Hausaufgabenhilfe gehört dort zum Kernangebot". In den Sekundarschulen sei dagegen eine signifikant niedrigere Teilnahmequote festzustellen. Nur jeder vierte Schüler nimmt dort an der Hausaufgabenbetreuung teil. In der Sekundarschule dominieren fächerübergreifende Arbeitszusammenhänge und Projektarbeit als Teil des Ganztagsangebotes. Die Schülerinnen und Schüler entscheiden in der Sekundarschule überwiegend selbst, ob sie an einem Ganztagsangebot teilnehmen wollen oder nicht. Deswegen spielt hier die Breite des Angebotes eine zentrale Rolle.

Auf die Frage eines Journalisten, ob Ganztagsschulen einen Beitrag leisten zur Verbesserung der Schulleistungen, die ja bei PISA eine zentrale Rolle spielen, antwortete Ludwig Stecher: "Die Schulleistungen standen in der ersten Erhebungswelle noch nicht im Vordergrund". Man könne aber davon ausgehen - so fügte Klieme hinzu -, dass "die Förderung des sozialen Bereiches sich mittelbar auf die Leistung der Schülerinnen und Schüler auswirken wird". Wenn in künftigen PISA-Erhebungen auch Angaben zum Ganztagsbereich erfragt werden, könnten Einflüsse auf Schulleistungen und soziales Lernen noch genauer erhoben werden.

Ein zentraler Befund von StEG für Eckhard Klieme: Die Teilnahme am Ganztagsangebot ist tendenziell sozial ausgewogen. "Die Ganztagsschulen funktionieren nicht sozial selektiv". Dennoch seien die Angebote für individuelle Förderung noch stark ausbaufähig.

Vereine und Ganztagsschulen ergänzen sich

Auch über die Gelingensbedingungen von Ganztagsschulen lässt sich bereits vorsichtig etwas sagen. Eine erweiterte Lernkultur, Kompetenzbezogenheit, die Förderung von Identifikation mit der Schule und die Öffnung der Schulen für außerschulische Kooperationspartner sind - Holtappels zufolge - vier Zielperspektiven, die wesentlich zum Entwicklungsprozess der Ganztagsschulen beitragen. So brächten beispielsweise kompetenzorientierte Grundschulen breitere Bildungsangebote hervor.

Links: Prof. Klaus Schäfer. Rechts: Klieme im Gespräch mit Hans Konrad Koch.

Gut zwei Drittel aller Ganztagsschulen arbeiten mit externen Partnern zusammen. Es gäbe eine große Vielfalt und eine breite Landschaft von Kooperationspartnern. An erster Stelle stehen bundesweit die Sportvereine. Die Kinder- und Jugendhilfe sei der konzeptionell wichtigste Partner, in Nordrhein-Westfalen sogar strategischer Gesamtpartner der Ganztagsschulen. "Wir müssen die Bedeutung der informellen Bildung in den Vordergrund rücken", meinte Thomas Rauschenbach. Es käme darauf an, ein Klima an Schulen zu schaffen, dass die Kinder freiwillig da bleiben.

"Die Daten zeigen, dass Vereine und andere Kooperationspartner durch die Zusammenarbeit mit den Schulen gestärkt werden", so die Presseerklärung von StEG. Wichtige Kooperationspartner sind ferner die Wohlfahrtsverbände, Betriebe, Bibliotheken, Musikschulen, aber auch die Arbeitsagenturen. "Die Ganztagsschule öffnet sich für Kinder, die vorher nichts mit sich anzufangen wussten", so Thomas Rauschenbach. Gerade sozial benachteiligte Kinder würden von den Ganztagsangeboten einer Musikschule oder eines Sportvereines profitieren.

Bessere Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie

Gefährdet die Ganztagsschule den Familienalltag? "Im Gegenteil" meint Thomas Rauschenbach, der Familienalltag werde sogar positiv beeinflusst. 64 Prozent der befragten Mütter sehen eine Entlastung der Familie durch die Erledigung der Hausaufgaben im Rahmen der Ganztagsangebote. Die Ganztagsschule erlaube auch eine Ausweitung der Berufstätigkeit, so Rauschenbach. Und: Die Ganztagsschule hat keinen negativen Einfluss auf die gemeinsamen Zeiten in der Familie. Ganztagsschülerinnen und -schüler verbringen z. T. sogar mehr Zeit mit ihren Eltern.

Prof. Dr. Heinz Günter Holtappels und Prof. Dr. Thomas Rauschenbach
Rechts im Bild: Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstitutes (DJI).

Gute Noten bekamen die neu formierten Ganztagsschulen auch bei der Integration benachteiligter Schülerinnen und Schüler. Ganztagsschulen haben einen etwas höheren Migrantenanteil als andere Schulen. Dennoch haben die soziale Herkunft und der Migrationshintergrund keinen Einfluss auf die Entscheidung der Schüler und Eltern, ob sie an einem Ganztagsangebot teilnehmen.

Zur Nachhaltigkeit der Bildungsreform

Viel Zuversicht über den weiteren positiven Verlauf der Ganztagsschulen äußerte Eckhard Klieme. Trotz Föderalismusreform sehe er die Nachhaltigkeit auch nach Auslaufen des IZBB-Programms gegeben. Nach den baulichen Investitionen in die Ganztagsschulen würden die Länder dafür sorgen, dass der Ausbau der Ganztagsschulen ein Schwerpunkt ihrer Bildungspolitik bleibt.

Um dieses Ziel zu gewährleisten, dürften die Finanzminister aber ihre Investitionen nicht zurückfahren: "Ich bin sehr optimistisch über den weiteren Verlauf der Ganztagsschulentwicklung in Deutschland", so der Sprecher des StEG-Konsortiums. Dennoch seien die Ganztagsschulen im Hinblick auf PISA "keine Universalstrategie zur Lösung aller Probleme des Bildungssystems in Deutschland", sondern es bedürfe weiterer begleitender Maßnahmen.

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