StEG: Die Ganztagsschule ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Die Ergebnisse der zweiten Befragungswelle 2007 der "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" (StEG) liegen vor. Am 8. September 2008 stellte das Konsortium der beteiligten Wissenschaftler diese in Berlin der Öffentlichkeit vor. Die Antworten von knapp 54.000 Befragten zeigen, dass sich viele Aspekte in den Ganztagsschulen positiv entwickeln. Hinsichtlich der pädagogischen und zeitlichen Gestaltung besteht aber nach wie vor Veränderungsbedarf.

Die zweite von drei Runden ist absolviert. Für die auf drei Befragungswellen angelegte "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen", die 2005 mit der Eingangsbefragung begonnen hat, liegen jetzt die Ergebnisse der Zwischenerhebung vom Frühjahr 2007 an 373 Ganztagsschulen in 14 Bundesländern vor.

Welche Trends sich abbilden lassen, ob sich die Zufriedenheit von rund 54.000 an Ganztagsschule Beteiligten verbessert oder verringert hat und welche Herausforderungen noch bestehen, gaben die Wissenschaftler des StEG-Konsortiums am 8. September 2008 auf einer Pressekonferenz im Berliner Büro der Leibniz-Gemeinschaft bekannt.

"Die Studie ermöglicht uns ein vertieftes Verständnis für die institutionellen Entwicklungen, die mit der Einführung des Ganztagsbetriebs verbunden sind", meinte Prof. Eckhard Klieme, Sprecher des Konsortiums und Vorstandsmitglied beim Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main. Neben ihm stellten Dr. Natalie Fischer, die für die Projektkoordination der StEG-Studie am DIPF zuständig ist, Dr. Ludwig Stecher vom DIPF, Prof. Heinz Günter Holtappels vom Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Technischen Universität Dortmund und Prof. Thomas Rauschenbach, Leiter des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München, die Ergebnisse vor.

Kontroverse Diskussion: Offen oder gebunden?

Fotos: Ludwig Stecher, Natalie Fischer und Heinz Günter Holtappels (von links nach rechts)
Ludwig Stecher, Natalie Fischer und Heinz Günter Holtappels (v.l.) präsentieren die StEG-Ergebnisse

53.929 befragte Personen  - "bis auf die Hausmeister haben wir alle Protagonisten der Ganztagsschule befragt" -  konnte Ludwig Stecher bei der Vorstellung der Daten bilanzieren. Diese Gruppe gliedert sich in 26.305 Schülerinnen und Schüler, 18.120 Eltern, 6.706 Lehrerinnen und Lehrer, 1.665 weiteres pädagogisch tätiges Personal, 820 Kooperationspartner und 313 Schulleiterinnen und Schulleiter.

Die mit Hilfe von Fragebögen gesammelten Antworten zeigen ein insgesamt positives Bild der Ganztagsschulentwicklung in den 373 Ganztagsschulen, deren Auswahl sich pars pro toto an der Ganztagsschullandschaft von 2005 orientiert. "Heute sieht diese Landschaft anders aus", erklärte Rauschenbach. "In der aktuellen Statistik der Kultusministerkonferenz haben die offenen Ganztagsschulen die gebundenen erstmals überflügelt."

Die Frage nach dem Unterschied zwischen gebundenen und offenen Ganztagsschulen spielte im Dialog zwischen den rund 20 Pressevertreterinnen und -vertretern und den Wissenschaftlern eine große Rolle. Sollte man nicht stärker für gebundene Ganztagsschulen werben, weil diese pädagogische Ziele wie Rhythmisierung und Vernetzung eher erfüllen als das offene Modell, das nur eine "Ganztagsschule light" sei?

Dies wird laut Klieme "unter Experten immer wieder kontrovers diskutiert", aber offenbar stehe dieses Potenzial nur auf dem Papier, denn in der empirischen Forschung ließen sich diese Unterschiede kaum darstellen. Zudem gebe es inzwischen so viele Mischmodelle von Ganztagsschulen   zum Beispiel offene Ganztagsschulen mit Ganztagsklassen   dass man eher von einem fließenden Übergang in der Breite sprechen müsse. "Es gibt fast keine Halbtagsschulen mehr, die am Nachmittag nicht in irgendeiner Form Angebote am Nachmittag machen. Man lügt sich in die Tasche, wenn man offene und gebundene Ganztagsschulen in einen Gegensatz bringen will."

Teilnahme der Schülerinnen und Schüler am Ganztagsunterricht steigt

Für Thomas Rauschenbach war es kluger Zug der Politik, auf Freiwilligkeit zu setzen. Hätte man zu Beginn die verbindliche Ganztagsschule gefordert, "wären wir mit der Entwicklung nie da, wo wir heute sind, sondern hätten eine Grundsatzdiskussion geführt, die das Projekt Ganztagsschule möglicherweise im Ansatz zum Scheitern gebracht hätte". So aber zeige sich   die neuen StEG-Zahlen belegen dies   ein wachsender Trend zur Ganztagsschule.

Eckhard Klieme (l.) und Thomas Rauschenbach

Die Teilnahmequote der Schülerinnen und Schüler steigt, vor allem in der Primarstufe. Im 3. Jahrgang nahmen im vergangenen Jahr 56 Prozent am Ganztagsunterricht teil; 2003 waren es 41 Prozent. In der 5. Jahrgangsstufe erhöhte sich der Anteil von 68 auf 70 Prozent. Mittlerweile nimmt an der Mehrheit der Ganztagsschulen auch eine Mehrheit der Kinder und Jugendlichen deren Angebote wahr. Der Anteil der Schulen, an denen über 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler an den Ganztagsangeboten teilnehmen, sprang in der 3. Klasse von 7 Prozent im Jahr 2005 auf 62 Prozent zwei Jahre darauf. Im 5. Jahrgang erhöhte sich die Anteil von 67 auf 80 Prozent.

Positiv ist dabei, dass sich der Befund von 2005 bestätigt hat, dass die Ganztagsschulen in der Teilnehmerstruktur auf keine soziale Selektivität schließen lassen   im Gegenteil: Kinder mit und ohne Migrationshintergrund sind nach wie vor gleichermaßen am Ganztag beteiligt. Während in der Grundschule die Kinder mit dem niedrigsten sozioökonomischen Status bei der Teilnahme den größten Zuwachs haben, sind es in der Sekundarstufe I die Kinder mit dem höchsten Status, weshalb Eckhard Klieme davon sprach, dass "die Ganztagsschule die Mitte der Gesellschaft erreicht hat".

Verzahnung nicht befriedigend

Die Angebotsbreite ist in den zwei Jahren deutlich gewachsen: Es wurden insbesondere in der Primarstufe mehr Hausaufgabenbetreuung und Förderung, mehr fachbezogene Angebote, mehr fächerübergreifende Arbeitsgemeinschaften und Projekte sowie Freizeitangebote gemacht. Diese Angebote werden von mehr Schülerinnen und Schülern in der Primarstufe genutzt; in der Sekundarstufe sind die Zahlen aber auch rückläufig. Die Motivation, mehr Zeit in der Schule zu verbringen, bleibt ab der 7. Jahrgangsstufe problematisch. Ebenso verbesserungswürdig ist aus Sicht der Wissenschaftler die Teilnahmequote der Schülerinnen und Schüler an Hausaufgabenbetreuung und Förderangeboten, die teilweise nur bei einem Drittel der Ganztagsschülerinnen und -schüler liegt.

Die Akzeptanz der Angebote bei den Schülerinnen und Schülern bleibt erfreulich hoch. Die Beziehung zu den pädagogischen Partnern wird ebenso gelobt wie die Orientierung der Angebote an den Interessen der Kinder und Jugendlichen. Der soziale Nutzen ist hoch: "In den Angeboten habe ich neue Freundinnen und Freunde kennen gelernt", berichtet der Großteil der Schülerschaft. Weniger gut und sogar rückläufig sind die Aussagen bezüglich des Lernnutzens. "Ich lerne in den Angeboten Dinge, die mir beim Lernen im Unterricht helfen", unterschreiben deutlich weniger Schülerinnen und Schüler.

Dies deutet auf eines der problematischen Ergebnisse der neuen Erhebung: Die mangelnde Verzahnung von Vor- und Nachmittag, ein der offenen Ganztagsschule oft immanentes organisatorisches Problem. Die Zahlen zeigen, dass die Verbindung zwischen Unterricht und Angeboten weiterhin nicht befriedigend ist. Gar rückläufig sind die Entwicklung von Zeitkonzepten für eine Tagesrhythmisierung und die Zusammenarbeit der Lehrkräfte mit den pädagogischen Partnern. Die strukturelle Verankerung von Kooperationspartnern via Kooperationsgremium in der Schule oder Partnern mit Kooperationsvertrag stagniert auf niedrigem Niveau.

An vielen Ganztagsschulen bleiben Unterricht und Angebote am Nachmittag zwei parallel existierende Welten. "Bezüglich der pädagogischen Gestaltung haben sich die Schulen wenig weiterentwickelt", bedauerte Heinz Günter Holtappels. "Auch bei den gebundenen Ganztagsschulen besteht hier ein hoher Nachholbedarf. Es muss jetzt an die konzeptionelle Feinarbeit gehen."

Angebotsbreite ein Zeichen für Qualität

Nichtsdestotrotz sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache der beachtlichen Zufriedenheit: Auf Seiten der Schulleitungen mit den vorhandenen Ressourcen, auf Seiten der Kooperationspartner mit der Zusammenarbeit mit der Schule, wie auch der Eltern mit der Arbeit der Ganztagsschule insgesamt. Allerdings mahnen die Erziehungsberechtigten eine verbesserte individuelle Förderung ihrer Kinder an.

Die Erweiterung und Intensivierung der individuellen Förderung benennt auch das Konsortium als die zentrale aktuelle Herausforderung in der Schulentwicklung, wobei Eckhard Klieme zu bedenken gab, dass "individuelle Förderung ein schillernder Begriff ist, der von Fördermaßnahmen im Unterricht bis zur Einzelfallförderung alles umfasst". Weitere Herausforderungen seien der verstärkte Ausbau von Angebot und Nutzung im Sekundarbereich sowie die Vernetzung zwischen Lehrerkollegium und außerschulischen Partnern in Konzeption, Planung, Kooperation und einer flexibleren Zeitorganisation. "Für viele Schulen ist die Ganztagsschule Neuland und sie brauchen sicher Zeit dafür. Sie müssen aber auch Beratung erhalten", führte Holtappels aus.

"Es geht nach dem quantitativen Ausbau durch die Politik jetzt eher um die pädagogische Qualität", erklärte Thomas Rauschenbach, "und das ist eine Aufgabe, die die Schulen vor Ort lösen müssen". Eckhard Klieme sah - bei den oben genannten Einschränkungen   die Ganztagsschulen auf einem guten Weg: "Die Angebotsbreite ist ein Zeichen für die Qualität und zeigt auch, dass die Schulen erkannt haben, dass die Ganztagsschule eine Bildungsaufgabe besitzt."

Wie sieht es mit der Erwartung aus, dass Ganztagsschulen die kognitive und psychosoziale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen fördert? "Ein solcher Einfluss kann derzeit noch nicht nachgewiesen werden. Hier müssen wir die dritte Erhebung abwarten, die im Frühjahr 2009 durchgeführt wird", entgegnete Klieme auf entsprechende Journalistenfragen. Auch über die Effekte einzelner Angebotsformen lägen kaum belastbare Befunde vor. Für ihn stehe allerdings fest, dass die Ganztagsschule keinen Effekt haben werden, "wenn sich der Unterricht selbst nicht verändert".

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