Klasse Ganztag in Ingolstadt

Die Grundschule Gotthold Ephraim Lessing in Ingolstadt war die erste Grundschule der Stadt, die eine Ganztagsklasse einführte. Heute lernen alle Schülerinnen und Schüler differenziert und rhythmisiert im gebundenen Ganztag.

Dr. Stephanie Staudner und Dr. Michael Enzinger© Online-Redaktion

Wenn sich Dr. Michael Enzinger an die Anfangszeit vor 13 Jahren erinnert, wird der Schulleiter beinahe nostalgisch: „Das war eine tolle Zeit. Wir haben einfach mit einer Ganztagsklasse im dritten Jahrgang angefangen. Meine Kollegin Frau Staudner und ich waren überzeugt, dass das der richtige Weg ist.“ Damals habe man sozusagen abseits vom Rest des Kollegiums „ein eigenes Ding gemacht“. Und wenn dann mal der Caterer ausfiel, stand eben Michael Enzinger am Herd und schnippelte bergeweise Kartoffeln.

Solche Improvisationen sind heute nicht mehr nötig – und wären auch gar nicht möglich, denn inzwischen ist die gesamte Grundschule Gotthold Ephraim Lessing in Ingolstadt eine drei- bis vierzügige vollgebundene Ganztagsschule mit rund 300 Schülerinnen und Schülern und etwa 100 Mitarbeitenden, davon etwa die Hälfte Lehrkräfte. „Ab einer gewissen Größe muss man organisieren wie in einer Firma“, stellt Michael Enzinger fest.

Individualisiertes Lernen im Ganztag

Nach der Etablierung der Ganztagsklasse im Schuljahr 2007/2008 war es Schlag auf Schlag gegangen: Es folgten eine Ganztagsklasse im 4. Jahrgang, dann gleichzeitig zwei Klassen im 1. und 2. Jahrgang. Im Jahr darauf wurde schon der zweite Ganztagszug eingerichtet. Und inzwischen arbeiten alle 14 Klassen im gebundenen Ganztag – an vier Tagen der Woche bis 16 Uhr und freitags bis 12.15 Uhr. Die zusätzliche Zeit eines Schultages nutzt die Schule, um die Fähigkeiten ihrer Schülerinnen und Schüler, insbesondere ihre Handlungs- und Sprachkompetenzen, ihre Sozialkompetenzen und das Gesundheitsbewusstsein zu stärken.

Kinder malen
© Corinna Zimmermann

Der Unterricht verteilt sich über den ganzen Tag. Mit ansteigenden Jahrgangsstufen findet am Vormittag mehr Unterricht an einem Stück statt, aber rhythmisiert, im Wechsel von Lernphasen, Arbeitsgemeinschaften, Pausen und Mittagsfreizeit. Die rund 20 Arbeitsgemeinschaften mit jeweils rund zehn Schülerinnen und Schülern sind vielfältig und reichen von „Lesen macht Spaß“ über „Knete kunterbunt“ bis zu Tanz und Tennis. In der AG „Lessi-Club“ produzieren die Kinder das Schulradio.

Charakteristisch ist das stark individualisierte Lernen: Nach klassischen Instruktionsphasen lernen die Schülerinnen und Schüler mit Arbeitsplänen für den Tag – so die Erstklässler –, für die Woche oder den Monat. „Durch die Differenzierung bedingt, gibt es viel selbstgesteuertes Lernen bei uns“, beschreibt Dr. Stephanie Staudner, die Lehrerin und ehemalige Ganztagskoordinatorin, die mit dem Schulleiter zusammen von Anfang an den Ganztag gestaltet hat.

„Die Kinder suchen Herausforderungen“

„Ich kenne die Schülerinnen und Schüler im gebundenen Ganztag besser, weil ich sie den ganzen Tag im Blick habe, und weiß, was sie brauchen. Man hat als Lehrerin jedes einzelne Kind im Fokus, statt zu fragen: Was mache ich heute mit meiner Klasse?“ An der Grundschule Gotthold Ephraim Lessing heißt das automatisch, dass das gesamte Team im Bilde ist. „Wir besprechen uns regelmäßig im Team“, so Stephanie Staudner. Für jeden Jahrgang gibt es wöchentlich eine feste Besprechungsstunde.

„Mit diesem Team möchte ich weiterarbeiten“© Grundschule Gotthold Ephraim Lessing

Die Lehrerin arbeitet mit differenzierten Lernplänen, deren Aufgaben sich nach dem Leistungsvermögen der Schülerinnen und Schüler richten. „Es geht nicht darum, ein Pensum abzuhaken, sondern die Balance zu wahren, sodass die Kinder motiviert sind. Sie suchen Herausforderungen und freuen sich über positive Ergebnisse.“ Die Reduzierung des Zeit- und Leistungsdrucks ermögliche, dass die Schülerinnen und Schüler mit mehr Freude lernen. Das selbstgesteuerte Lernen und die Eigenverantwortung führen dazu, dass sie sich stärker mit dem eigenen Lernprozess auseinandersetzen. „Die Ganztagsschule bietet auch die Möglichkeit, mehr in Projekten zu arbeiten, sich zum Beispiel über längere Zeit mit einem Text zu befassen oder an einer Geometrie-Aufgabe zu tüfteln.“

Hausaufgaben gibt es an der Grundschule Gotthold Ephraim Lessing nur über das Wochenende, damit auch die Eltern eingebunden werden, „die wir nicht ganz aus der Verantwortung entlassen wollen“, so Stephanie Staudner. „Gerade das Lesen üben können wir den Eltern nicht abnehmen. Lesen, gemeinsames Lesen und Vorlesen zu Hause sind wertvoll.“ Ansonsten seien die Eltern froh, dass sie weitgehend von den Hausaufgaben entlastet werden. Am Wochenende gehen auch die Arbeitspläne mit den Bewertungen nach Hause, sodass die Eltern sehen können, welche Aufgaben unter der Woche gestellt und bearbeitet worden sind und wie ihr Kind sie gelöst oder nicht gelöst hat.

Sozialwirksame Schule

Nähen
© Corinna Zimmermann

Stunden, in denen zwei Lehrkräfte oder eine pädagogische Fachkraft in der Klasse eingesetzt nutzt die Lehrerin „gerne für Kleingruppenarbeit“. Kooperationspartner der Ganztagsschule ist die Caritas, die sozialpädagogische und erzieherische Angebote einbringt. „Wir unterscheiden in unserer Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern nicht nach Professionen“, betont die Lehrerin, „sondern sprechen allgemein von 'Erwachsenen'.“

Alle Lehrkräfte sind auch am Nachmittag eingesetzt. „Manchen Kolleginnen und Kollegen kommt das sogar entgegen“, wie Stephanie Staudner weiß. „Das Miteinander bringt es. Wir nehmen jeden so an, wie er ist – wir sind auch bei den Lehrerinnen und Lehrern inklusiv“, ergänzt Schulleiter Michael Enzinger schmunzelnd. „Wir helfen uns gegenseitig, es gibt einen guten Zusammenhalt im Kollegium, die soziale Kompetenz ist hoch. Und die Caritas ist ein guter Partner. Ich wünsche mir, weiter mit diesem Team zusammenzuarbeiten. Unser Motto ist: Wir leben Schule, und genau so ist es auch.

Musical Felicitas „Kunterbunt“© Grundschule Gotthold Ephraim Lessing

Die Ganztagsgrundschule setzt unter anderem das Konzept „Sozialwirksame Schule“ um, das seit 20 Jahren an inzwischen über 30 Schulen – vorwiegend in Bayern, aber auch in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen – Anwendung findet und von der „Systemischen Schulentwicklung“ bis zur „Kritischen Medienerziehung“ und Gewaltprävention reicht. In der Grundschule Gotthold Ephraim Lessing schlägt sich dies unter anderem in der „Sozialen Stunde“ nieder, die jede Klasse einmal wöchentlich hat. Hier können die Schülerinnen und Schüler ihre Gefühle verbalisieren oder Lehrerinnen und Lehrer Rückmeldungen zum Verhalten geben. Auch der Klassenrat findet in der „Sozialen Stunde“ statt.

Lieber in kleinen Räumen essen

Ein wichtiger Part des sozialen Lernens ist das Mittagessen. Zusammen zum Essen gehen, gemeinsam mit einem Tischspruch anfangen, anschließend gemeinsam aufräumen – all das gehört dazu. „Alle Schülerinnen und Schüler und die Lehrkräfte essen mit, und das gemeinsame Essen macht das Miteinander besser“, erklärt Stephanie Staudner. „Manche Kinder kennen den Ganztag mit dem gemeinsamen Mittagessen ja schon aus dem Kindergarten.“ Das Essen liefert ein Bio-Caterer, das dann vom Küchenteam erwärmt wird, dazu kommen Salate und Nachspeisen. Die Schülerinnen und Schüler bewerten das Essen von Zeit zu Zeit.

Statt in einer Mensa wird in vier umgewidmeten Klassenräumen gegessen – und die Schule ist mit diesem Zustand zufrieden. Selbst im nebenan aktuell entstehenden Neubau ist keine Mensa eingeplant. „In vielen Mensen ist es zu laut, was für Stress bei allen Beteiligten sorgt“, meint die Lehrerin. „In unseren kleinen Räumen ist das Essen in kleinen Gruppen besser möglich. So können wir auch auf den sozialen Aspekt achten.“

Schild Neubau
Direkt neben der Schule entsteht das neue Gebäude© Online-Redaktion

Auf das neue Gebäude, das derzeit gleich nebenan gebaut wird, wartet Schulleiter Michael Enzinger dennoch. Er hofft, dass es 2022 bezugsfähig sein wird. Das jetzige Schulgebäude aus dem Jahr 1960 ist zwar weitläufig, aber den Ansprüchen einer gebundenen Ganztagsschule entspricht es nicht mehr. „Nichts von dem, was unsere Schule heute ausmacht, ist von selbst gekommen. Wir haben um alles gerungen, das gilt auch für den Neubau.“ Manchmal sei er frustriert gewesen, dass sich die räumliche Ausstattung nicht längst verbessert hat. „Aber durch unsere Arbeit im gebundenen Ganztag haben wir überhaupt erst erkannt, welche Räume wir eigentlich genau benötigen und konnten dies in den Planungsprozess einspeisen.“

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