„Ganztag zwischen den Meeren“: ein Kongress der Impulse

„Impulse für eine Schule der Vielfalt“ lautete das Motto des schleswig-holsteinischen Ganztagsschulkongresses „Ganztag zwischen den Meeren“ in Rendsburg (5. März 2013). Die Veranstaltung hielt, was das Motto versprach. Die 250 Gäste nahmen zahlreiche wertvolle Impulse mit.

Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer

„Vielfalt an Schulen ist eine Tatsache. Sie ist eine große Bereicherung für den Schulalltag und birgt gleichzeitig viele Herausforderungen“, hieß es im Flyer der Tagung, die von der Serviceagentur „Ganztägig Lernen“ Schleswig-Holstein in Kooperation mit dem Ministerium für Bildung und Wissenschaft (MBW) sowie dem Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie und Gleichstellung (MSGFG) Schleswig-Holstein im Kulturzentrum von Rendsburg veranstaltet worden war. Dass es zum Umgang mit dieser Vielfalt eines engen und vertrauensvollen Miteinanders der Professionen bedarf, machten zum Auftakt die Staatssekretärin Anette Langner (MSDFG), die stellvertretende und für Schulentwicklung verantwortliche Abteilungsleiterin, Claudia Schiffler (MBW), sowie die Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, Dr. Heike Kahl, deutlich.

„Ganztagsschule kann nur funktionieren, wenn man andere Professionen hinzunimmt“, so Anette Langner. Vor zehn Jahren hätten sich mit Schule und Jugendhilfe noch zwei sehr unterschiedliche Systeme gegenüber gestanden. „Da hat sich viel angenähert und das hat Schule verändert“, betonte sie. Claudia Schiffler ergänzte: „Die Schule der Zukunft wird nicht nur von der Schule, sondern von multiprofessionellen Teams organisiert. Das ist keine Vision mehr.“ Für Heike Kahl stand fest: „Kooperation ist das Schlüsselwort. Dabei aber kommt es auf deren Qualität und nicht die Quantität an.“

Kooperation entlastet den Einzelnen

Das Stichwort Kooperation wurde an diesem sonnigen Nachmittag in Rendsburg auch in zahlreichen Workshops „Gute Praxis“, Gesprächen, Foren und im Café der Vielfalt aufgegriffen. Unter anderem auch im Forum Kooperation „Gemeinsam planen entlastet“. In ihm machte die Grundschule am Heidenberger Teich aus Kiel anschaulich deutlich, dass ihr der Wandel zur und das Leben als gebundene Ganztagsschule durch die Kooperation mit außerschulischen Partnern und die Arbeit in multiprofessionellen Teams deutlich erleichtert worden sei.

Dass Kooperation in Form gemeinsamer Planung die Arbeit für den Einzelnen effektiver und entspannter machen kann, findet der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Oliver Böhm-Kasper in seinen Forschungen bestätigt. Natürlich koste die Etablierung und Pflege von innerschulischer Kooperation Zeit und könne nicht zum Nulltarif zu erhalten sein. „Dieses zusätzliche Engagement wird meines Erachtens noch zu wenig anerkannt und nicht ausreichend durch räumliche und zeitliche Ressourcen unterstützt“, meinte er und teilte damit die Einstellung seines Plenums.  Zugleich aber unterstrich er, dass durch Kooperation eine Arbeitsteilung hergestellt werden könne, die der Einzelne insgesamt in seiner eigenen Wahrnehmung als Entlastung wertschätze.

Gegenüber www.ganztagsschulen.org hob er aber auch die sozial-emotionale Komponente von Kooperation hervor: „Die Beteiligten fühlen sich zufriedener, wenn sie mit anderen auf gleicher Wellenlänge liegen und gemeinsam ein Ziel anstreben und erreichen.“ Das gelte sogar im Fall eines Misserfolgs. „Man hat dann einen Leidenspartner. Man verliert als Mannschaft und muss die Niederlage nicht als Einzelner verarbeiten.“ Kooperation sei für den Einzelgänger Mensch durchaus nicht selbstverständlich. Darum müsse stets der Mehrwert, der durch eine Kooperation winke, herausgestellt werden.

Elternlotsen als Brücke zwischen Schule und Elternhaus

Ein Bild von gelingender Kooperation zwischen Schule und Eltern konnte man sich in Rendsburg im Café der Vielfalt bei den Gaardener Elternlotsen aus Kiel machen. Giuliana Runge und ihr Kollege Okan Yalçın unterstützen im Auftrag der Deutschen Angestellten Akademie seit einem Jahr drei Kieler Ganztagsschulen, deren Schülerinnen und Schüler zu 80 Prozent aus Familien mit Migrationshintergrund kommen, in ihrem Bemühen, Eltern stärker in die Arbeit der Schule einzubeziehen. „Und zwar im Interesse eines jeden Kindes“, betonte Giuliana Runge.

Sie spricht fließend arabisch und stellt die „Brücke“ zwischen Schule und Elternhäusern dieser Muttersprache her, während sich ihr Kollege Okan Yalçın Kindern und Familien mit türkischen Wurzeln widmet. Die beiden Lotsen besuchen die Eltern zuhause, laden sie zum Gespräch und ins wöchentliche Elterncafé der Schulen ein. Sie schreiben Elternbriefe in der  Muttersprache, dolmetschen, wenn ein Lehrer Unterstützung benötigt. Und sie werben für Verständnis auf beiden Seiten. Bei den Eltern für das deutsche Schulsystem und die Arbeit  der Pädagogen, bei den Lehrkräften für die Situation der Familien und ihrer Kinder.

„Wenn einem Lehrer erst einmal bewusst wird, welches Schicksal ein Kind hinter sich hat, das aus einem Kriegsgebiet fliehen musste, von einem Land zum anderen ,weitergereicht` worden ist, möglicherweise Familienangehörige und Freunde im Krieg verloren hat, sieht er es mit anderen Augen. Erste Erfolge können die beiden engagierten Lotsen verzeichnen. „Aber es sind kleine“, räumt Runge ein. Sie freut sich darüber, dass kürzlich zwei von ihnen betreute Elternpaare erstmals zum Zeugnisgespräch in die Schule gekommen sind. Und sie freut sich über jeden erfolgreichen Hausbesuch: „In jedem dritten Fall wird uns die Haustür geöffnet.“

Uslucan plädiert für stärkere Sensibilisierung der Lehrkräfte

Gut möglich, dass sich unter jenen, die die Kieler Elternlotsen begleiten, verborgene, aufgrund von Sprach- und damit Verständigungsproblemen nicht wahrgenommene Talente, vielleicht sogar kleine Genies befinden. Davon jedenfalls ist der Entwicklungspsychologe an der Universität Duisburg-Essen und wissenschaftliche Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung, Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan überzeugt. In seinem Impulsvortrag „Verzerrte Bilder über die ,Anderen` - Stereotype und ihre Auswirkungen auf die Bildungsbiografie von Schülerinnen und Schülern“, ging er nicht nur auf Vorurteile und vorgefasste Meinungen des Menschen in der Einschätzung seines Gegenübers ein. Im Mittelpunkt seiner Überlegung stand der Umgang mit hochbegabten Kindern und Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund.

„Ihre vorhandenen Begabungen werden nicht erkannt, weil beispielsweise das Instrument, das sie hervorragend beherrschen, hier keine kulturelle Wertschätzung erfährt“, erläuterte er. Bedenkliche Folgeerscheinungen seien das Verkümmern von Potenzialen des Einzelnen sowie Schwierigkeiten bei der Integration. Im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org plädierte Uslucan für stärkere Fortbildungsmaßnahmen der Lehrkräfte. Sie müssten stärker für diese Problematik sensibilisiert werden. „Das gilt besonders für diejenigen, die an Ganztagsschulen arbeiten. Dort ist die Chance größer, auf den Einzelnen einzugehen.“

Von der Schwierigkeit, Hochbegabung zu erkennen

Dass der Umgang mit hochbegabten Kindern und Jugendlichen die Pädagogen vor besondere Herausforderungen stellt, machte Prof. Dr. habil. Thomas Trautmann in seinem Forum „Überflieger, die nicht fliegen“ deutlich. Der Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg zeigte auf, wie schwer und zugleich wichtig es ist zu erkennen, ob ein Kind über- oder unterfordert ist. „Sieben von zehn Hochbegabten fallen uns gar nicht auf. Drei von zehn prägen ihre Hochbegabung exzentrisch aus – zumeist Jungen“, erläuterte er der Zuhörerschaft. Eine Teilnehmerin berichtete nach dem Forum: „Ich habe einen Jungen völlig falsch eingeschätzt, habe ihn für einen Störenfried gehalten. Erst als mir klar wurde, dass er sich langweilt und deshalb ´stört`, habe ich mir Rat bei einem Experten geholt. Anschließend habe ich ihn mit besonderen und individuellen Aufgaben herausgefordert und ihm besondere Verantwortung in der Klassengemeinschaft übertragen. Danach wurde es deutlich besser und der Schüler ist richtig aufgeblüht.“

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