„Es fehlen Konzepte für Sport- und Bewegungsangebote an Ganztagsschulen“

„Welchen Sport benötigen Ganztagsschulen?“ war das Thema einer Tagung des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung und der Sportkommission der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Hamburg im Februar 2013. www.ganztagsschulen.org sprach mit dem Hauptreferenten Prof. Dr. Ralf Laging, Erziehungs- und Sportwissenschaftler an der Universität Marburg.

Online-Redaktion: Das Thema der Veranstaltung aufgreifend: Welchen Sport benötigen Ganztagsschulen?

Prof. Dr. Ralf Laging© Rolf Laging

Prof. Dr. Ralf Laging: Sie brauchen einen Sport, der geeignet ist, den Ganztag in der Schule zu gestalten. Dafür muss man zunächst klären, was Sport in der Ganztagsschule ist und sein kann. Im Allgemeinen verstehen wir darunter die uns bekannten Sportarten in ihren vielfältigen Erscheinungsweisen, die wir als Ganztagsangebote zur Betreuung der Schülerinnen und Schüler anbieten. Dies geschieht oft zusammen mit  Kooperationspartnern, wie den Sportvereinen. Neben diesen klassischen Sportarten, die nach der bisherigen Forschungslage den größten Teil der Angebote an Ganztagsschulen ausmachen, finden auch viele alternative Bewegungsprojekte statt, die Bewegung als Bildungsbeitrag inszenieren, seien es kreative Tanzprojekte, interkulturelle Spiel- und Sportprojekte, Bewegungstheater, Bewegungsprojekte zum sozialen Miteinander oder sportliches Handeln als  Gewaltprävention.

Online-Redaktion: Reicht das für Ganztagsschulen aus?

Laging: Nein. Und es wird auch dem Gegenstand Bewegung nicht gerecht. Sport ist selbstzweckhaft, wir betreiben ihn um seiner selbst willen, er vermittelt uns originäre Körpererfahrungen, sportliches Können. Er führt uns zu einem sicheren Umgang in unserer Bewegungsgeschicklichkeit im Alltag und in der Teilhabe an vielen sportlichen Situationen. Aber der Sport ist nur eine Ausdrucksmöglichkeit unseres Körpers. Es ist daher sinnvoll, von der Bewegung als körperliche Aufführungspraxis zu sprechen.

kletternde Kinder
© Sophie-Scholl-Schule-Gießen

Über Bewegung treten wir in einen Dialog mit der Welt, wir erfahren uns und die Welt in der Bewegung. Wenn wir beispielsweise Geschwindigkeit oder Beschleunigung in Physik, geometrische Formen in Mathematik oder Rollenspiele in Deutsch in Bewegung erfahren oder beim Vokabellernen, Rechnen oder Rechtschreiben uns begleitend bewegen, dann geht es um die Bewegung als Mittel für andere Zwecke. Mit „Bewegung“ und „Sport“ lässt sich dann auch ein Schultag zwischen Ruhe, konzentriertem Lernen und ausgelassenen Bewegungsaktivitäten rhythmisieren. Hierfür braucht es Zeit und Raum, mit denen Ganztagsschulen anders umgehen müssen, als dies in Halbtagsschulen der Fall ist. Hierzu gehören auch die vielen informellen Gelegenheiten zur Bewegung in den Pausen und freien Zeiten, die im Schulgelände und im Schulgebäude auffindbar sein müssen. Daher spreche ich von Bewegungskonzepten in der Ganztagsschule, so wie wir dies in unserem Film „Bewegt den ganzen Tag“ zeigen.

Online-Redaktion: Wie sollten Sport und Bewegung in der Ganztagsplanung berücksichtigt und verankert  werden?

Laging: Ganztagsschulen benötigen eine schulische Planungsgruppe, die Bewegung, Spiel und Sport als rhythmisierende Elemente und zur Gestaltung des Schultages berücksichtigt. Es geht um die Schaffung von ausreichend langen Pausen zwischen einem nach Unterrichtsblöcken strukturierten Schultag. Unterrichtsblöcke von vielleicht 80 bis 100 Minuten brauchen eine Unterrichtsrhythmisierung mit bewegtem Lernen, dynamischem Sitzen, Bewegungspausen und einer bewegungsfördernden Raumgestaltung. Die Pausen sollten nicht kürzer als 20 Minuten, eher deutlich länger sein, um den Schülerinnen und Schülern Gelegenheiten für informelles Bewegen, für Rückzug, Miteinander und Ruhe zu geben. Weiterhin gehören Bewegungs- und Sportaktivitäten in das Ganztagsangebot und haben dort ihren festen Platz. In allen hier genannten Bewegungsfeldern der Ganztagsschule müssen Bewegung, Spiel und Sport ausreichend Zeit und Raum haben.

Online-Redaktion: Sport in der Ganztagsschule wird häufig aus Sicht der Vereine, die von der Sorge des eigenen Überlebens geprägt ist, betrachtet. Muss die Sichtweise der Schule deutlicher betont werden?

Film-Cover "Bewegt den ganzen Tag"© Schneider Verlag

Laging: Die Sorge der Vereine kann nach allem, was wir aus empirischen Untersuchungen wissen, bisher nicht bestätigt werden. Auch wenn sich zum Teil eine etwas geringere Mitgliedschaft bei Ganztagsschülerinnen und -schülern gegenüber Halbtagsschülerinnen und  schülern abzeichnet, sind Vereinsmitglieder zusätzlich in der Ganztagsschule sportlich tätig. Unter dem Strich sind sie dann deutlich bewegungsaktiver. Zudem erreicht die Ganztagsschule mit ihren Sport- und Bewegungsangeboten auch solche Schülerinnen und Schüler, die nicht oder nur wenig vereins- und freizeitaktiv sind. Dies ist jedenfalls das Ergebnis einer neuen Studie, die wir gerade in Marburg abschließen.

Bedeutsamer ist aber, dass das Thema Ganztagsschule vor allem aus der Perspektive der eigenen Schulentwicklung gesehen werden muss. Eine Ganztagsschule muss sich fragen, wie sie mit der neu hinzugewachsenen Verantwortung für Körperlichkeit und Bewegung umgehen will. Ganztagsschulen müssen klären, wie sie für ihre Schülerinnen und Schüler in ihrer regionalen oder lokalen Verankerung Bewegung, Spiel und Sport in die Schule integrieren wollen. Dazu gehört auch die Frage, welche Sport- und Bewegungsangebote für die eigenen Schülerinnen und Schüler sinnvoll und förderlich sind, welche Angebote die Schule mit den eigenen Lehrkräften bestreiten und welche Angebote sie gerne mit kooperierenden Sportvereinen vereinbaren möchte.

Online-Redaktion: Müssen die Sport- und Bewegungsangebote der Ganztagsschule und der außerschulischen Partner stärker aufeinander abgestimmt werden?

rennende Jungen
© Sophie-Scholl-Schule-Gießen

Laging: Nach dem, was ich gerade gesagt habe, ist eine Verständigung zwischen Ganztagsschule und Kooperationspartnern zwingend erforderlich. Nach meiner Auffassung müssen hier so etwas wie pädagogische Arbeitsbündnisse entstehen. Verantwortliche der Schule und Verantwortliche der Vereine und weiterer Bewegungs- und Sportanbieter auf lokaler Ebene müssen in multiprofessionellen Teams einen konzeptionellen Rahmen entwickeln, der Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung fördert und ihnen Möglichkeiten der Teilhabe an der Bewegungs- und Sportkultur eröffnet. Solche Bündnisse sind mehr als Organisationsgremien, sie müssen sich als pädagogische Planungs-, Umsetzungs- und Reflexionsinstanzen zur Entwicklung von Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule verstehen.

Online-Redaktion: Ist die Forderung der Vereine an die Schule nach einem Miteinander auf Augenhöhe erfüllbar oder muss Schule sagen: Das Angebot brauchen wir, das erwarten wir?

Laging: Wenn man „Arbeitsbündnis“ sagt, dann handelt es sich immer um ein Miteinander unterschiedlicher Professionen auf Augenhöhe. Derzeit sind nach meiner Einschätzung und auf der Grundlage unserer Auswertungen zum Thema Kooperationen die Vereine aufgrund ihrer personellen Ausstattung, Qualifizierung und Ehrenamtlichkeit zeitlich und auch inhaltlich oft nicht in der Lage, Verständigungsprozesse auf Augenhöhe wahrzunehmen und konstruktiv zu gestalten. Hier sind die Verbände dabei, entsprechende Qualifizierungsmaßnahmen anzubieten.

Aber auch die Schule ist oft nicht bereit, sich auf einen gemeinsamen Entwicklungsprozess einzulassen – oft auch, weil es keine entsprechenden Partner gibt. So kommt es oft genug dazu, dass die Bedarfe an die Vereine herangetragen werden, mit der Bitte, diese Angebote zu realisieren. Umgekehrt bieten Vereine den Schulen etwas an, was nicht hinreichend auf Nachfrage und Qualität geprüft wird. Hier ist also noch ein erheblicher Entwicklungsbedarf auf dem Weg zu einer guten, gemeinsam gestalteten Ganztagsschule.

Online-Redaktion: Wie können die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt werden?

© Britta Hüning

Laging: Das scheint mir ein ganz wichtiger Punkt zu sein. Hier müssen die Schülerinnen und Schüler gehört werden. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen: Es können Wünsche abgefragt werden, die Schülervertretung kann an der Erstellung der Ganztagsangebote beteiligt werden, und es sind Beobachtungen der Lehrerinnen und Lehrer zu den Bewegungsbedürfnissen der Schülerinnen und Schüler erforderlich. Aber das allein würde noch nicht zu einem hinreichenden Angebot führen.

Wenn wir uns die derzeitige Praxis ansehen, dann stellen wir fest, dass vor allem Angebote für Jungen in den klassischen Sportarten, vor allem den Spielsportarten, dominieren. Die Mädchen nehmen daran deutlich weniger teil, sie sind eher in allgemeinen Bewegungsprojekten aktiv. Auch Schulhöfe sind in den Bewegungsbereichen deutlich von Jungen dominiert. Hier muss also ein bewusstes Umsteuern zugunsten der Mädchen stattfinden. Auch konzentrieren sich die bisherigen Bewegungsaktivitäten auf die jüngeren Schülerinnen und Schüler. Es fehlt bis heute ein jugendorientiertes Konzept der Sport- und Bewegungsangebote an Ganztagsschulen. Hier müssen für die Bedürfnisse von Jungen und Mädchen im Jugendalter völlig neue Formen und Gelegenheiten geschaffen werden, um sich körperlich in Bewegung zeigen und erproben zu können.

Online-Redaktion: Teilen Sie die Befürchtung einiger Wissenschaftler, dass Ganztagsschulen zum Sammelbecken bewegungsarmer und übergewichtiger Kinder werden könnten, wenn sie nicht gezielt zum Sport animiert werden und gleichzeitig keine Zeit mehr haben, im Sportverein aktiv zu sein?

Laging: Hier kommen eine Reihe von Vorurteilen und unbegründete Annahmen zusammen, die meines Erachtens so nicht zutreffen. Erstens gibt es nach allem, was wir wissen, keinen Anlass, Kinder und Jugendliche pauschal zu Bewegungsmuffeln zu stempeln. Es ist unbestritten, dass das heutige Aufwachsen für viele Kinder und Jugendliche Veränderungen im Umgang mit dem eigenen Körper mit sich bringt, die nicht immer von Vorteil für die Gesundheit und die Lebensqualität sind.

Kinder mit Fahrrad und Roller auf dem Schulhof
© Britta Hüning

Aber viele Kinder und Jugendliche bewegen sich so viel wie noch nie, sie sind mehr denn je in Vereinen oder in der informellen Freizeit bewegungsaktiv. Wir haben es mit einem Wandel der Bewegungskultur zu tun, die anderes von Kindern und Jugendlichen fordert, als dies noch vor 30 und mehr Jahren der Fall war. Nach wie vor haben wir eine hohe Quote der Mitgliedschaft in Vereinen. Zudem betreiben ebenso viele Kinder und Jugendliche zusätzlich Sport in selbstorganisierten Zusammenhängen. Wie ich schon sagte, eröffnet die Ganztagsschule – und das wäre mein zweiter Punkt – eher neue und zusätzliche Gelegenheiten für Sport- und Bewegungsaktivitäten. Dies ist jedenfalls der Stand der derzeitigen empirischen Forschung.

Zudem – so können wir aus unserer Studie (StuBSS) folgern – haben Ganztagsschulen eine Chance mehr Bewegung, Spiel und Sport zu ermöglichen. Wir konnten zeigen, dass Schulen, die eher innovative Konzepte wie offene Unterrichtsformen, Rhythmisierung des Tages oder Kooperationsbereitschaft verfolgen und einen gebundenen Ganztag gestalten, mehr Bewegung, Spiel und Sport in den Schultag integrieren als dies bei additiven Konzepten der Fall ist. Zudem lässt sich nicht nachweisen, dass Ganztagsschülerinnen und -schüler nennenswert den Vereinen fern bleiben. Insofern halte ich diese Befürchtung für unberechtigt. Hierzu haben wir in einer neuen Studie, die wir in Marburg durchgeführt haben und gerade auswerten, einige interessante Ergebnisse gewinnen können, die wir in einigen Wochen vorstellen werden.

Prof. Dr. Ralf Laging lehrt und forscht an der Philipps-Universität Marburg, Institut für Sportwissenschaft und Motologie. Seit 1994 ist er Professor für Sport- und Bewegungspädagogik, zunächst in Magdeburg und seit 2001 in Marburg. Von 1997 bis 2004 Mitherausgeber der Zeitschrift „sportpädagogik“ und von 2000 bis 2004 Vorsitzender der Kommission Sportpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). Arbeits- und Publikationsschwerpunkte: Bewegungsbildung und Bewegungslernen, Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule, Schulsport- und Unterrichtsforschung, Öffnung des Sportunterrichts, Bewegte Schule, Turnen, Methoden im Sportunterricht.

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