Ganztagsschulverband 2019: Herausforderung Digitalisierung

„Digitaler Irrgarten“ oder Zukunft, die schon begonnen hat? Der Bundeskongress „Ganztagsschule 2030: Herausforderung Digitalisierung“ bietet informative Expertenvorträge und beste Beispiele aus der Praxis.

„Ganztagsschule 2030“ © Redaktion

Der Digitalpakt kommt. Mit ihm unterstützen Bund und Länder die „Herausforderung Digitalisierung“. Der Ganztagsschulverband unterstreicht das Thema der Zukunft, die schon begonnen hat, mit seinem Bundeskongress „Ganztagsschule 2030: Herausforderung Digitalisierung“ vom 27. bis 29. November 2019 in Rust und Ettenheim (Baden-Württemberg). Wie in den Vorjahren führen am ersten Tag Fachvorträge renommierter Experten in das Titelthema ein. Am zweiten Tag können Ganztagsschulen aller Schulformen in der Umgebung besucht werden, 27 Schulen laden ein. Außerdem können die Teilnehmenden aus rund 20 Workshops wählen.

Der Diskussionsbedarf um die Digitalisierung ist groß. Dabei geht es vielen auch um das „rechte Maß“. In Baden-Württemberg zum Beispiel sind alle Schulen aufgefordert, einen Medienentwicklungsplan zu erarbeiten. Zugleich fragen sich manche Lehrkräfte und Eltern: Reicht es nicht schon, wenn die Kinder und Jugendlichen privat am Smartphone und vor dem Tablet „hängen“? Was bedeutet die Digitalisierung für die Kulturtechniken – für das Lesen, Schreiben und Rechnen? Sind alle genügend auf die Herausforderungen vorbereitet?

Volker Schebesta begrüßt das Publikum
Volker Schebesta, Staatssekretär im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport© Redaktion

In Baden-Württemberg hat die Landesregierung in den letzten Jahren das Fach Informatik in allen Schularten gestärkt, wie Staatssekretär Volker Schebesta vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport in seinem Grußwort an den Kongress berichtete. Im Aufbaukurs Informatik lernen Schülerinnen und Schüler grundlegende Kompetenzen der informatischen Bildung. Dabei geht es um die Codierung von Daten, den Umgang mit Algorithmen, digitale Kommunikation, aber auch um die Bedeutung und den Schutz von Daten in der Informationsgesellschaft. Der Aufbaukurs Informatik schließt an einen „Basiskurs Medienbildung“ an, der als Teil des neuen Bildungsplans von 2016, in dem die Medienbildung eine der „Leitperspektiven“ ist, in Klasse 5 verpflichtend ist.

„Rein in die Handlungsorientierung, rein in die Pädagogik

Eine der Teilnehmerinnen aus Rheinland-Pfalz ist Katharina Brandt von der Georg-Forster-Gesamtschule Wörrstadt. Die Ganztagsschulkoordinatorin nutzt den Kongress ganz bewusst zur Weiterbildung. „Wir stehen in unserer Ganztagsschule auch vor der Entscheidung, wie wir die Digitalisierung umsetzen. Wir haben dazu schon einen Fortbildungstag durchgeführt, mit vielen Workshop-Angeboten, bei denen es klick, klick, klick gemacht hat. So gingen einem die Lichter auf, wie sich neue Medien in den Unterricht einbinden lassen.“ Die Überzeugung der Lehrerin, weshalb sie das Thema nun auf dem Kongress vertieft: „Man kann die Digitalisierung nicht aus den Schulen halten, das wäre ja völlig lebensfremd.“

Bürgermeister Kai-Achim Klare© Redaktion

Dieser Feststellung schließen sich am ersten Kongresstag alle Anwesenden, ob aus Praxis, Wissenschaft oder Politik, an. Kai-Achim Klare, seit 2014 der Bürgermeister von Rust, stellt in seinem Grußwort gleich den Bezug her: „Die Ganztagsschule bietet mehr als nur Unterricht und daher auch die große Chance, neue Technologien zu erlernen. Noch nie hatten so viele Menschen Zugang zu Nachrichten und Bildungsangeboten. Noch nie war aber die Gefahr von Desinformation größer. Der Schule kommt eine entscheidende Rolle zu, hier den Schülerinnen und Schülern Orientierung zu geben.“

Über „Digitalisierung als Herausforderung von Bildung“ referierte Thomas Breyer-Mayländer, Professor für Medienmanagement an der Hochschule Offenburg, der auch das „emotionalisierende Thema“ berücksichtigte. „Die Digitalisierung ist eine gesellschaftliche Aufgabe“, hob er hervor. „Es geht hier auch um Teilhabe, Demokratiebildung, Talentförderung, Berufs- und Lebensperspektiven.“ Mediendidaktik, Medienkompetenz und IT-Kompetenz empfahl er über alle Phasen und über alle Themen hinweg zu nutzen und „ins komplette Spektrum der Ganztagsschule zu integrieren“. Projekte sollten sich mit der medialen Welt beschäftigen.

Schülerinnen und Schüler an Notebooks im Unterricht
© Britta Hüning

Entscheidend ist für ihn, dass Schülerinnen und Schüler lernen, reflektiert mit Medien umzugehen. Facebook als Quelle oder unkritische Übernahmen aus Wikipedia erlebt er selbst bei Studierenden – „da muss noch viel gelernt werden“. Andererseits hält er für falsch, eine „Gut-Böse-Diskussion“ zu führen, „ob ich für Handys und Tablets in der Schule bin, ja oder nein – was soll ich dazu sagen?“. Sein Credo: „Raus aus der Verbotszone, rein in die Handlungsorientierung und damit rein in die Pädagogik.“ Gute Beispiele gibt es aus seiner Sicht bereits reichlich, alleine rund um Rust.

Mit dem Tablet an der E-Gitarre und dem Wetterballon in die Stratosphäre

Die Musikschule Lahr kommt zum Beispiel mit dem GooveLab in die Schulen. In den Fächern E-Gitarre und E-Bass lernen Schülerinnen und Schüler – gemeinsam und einzeln – unter anderem mit Tablets, unter Anleitung der Lehrkräfte. Die Bildungsregion Ortenau hat den Schulwettbewerb „do it“ für die Klassen 5 bis 13 ins Leben gerufen. Mit Kreativität und Engagement sollen die Jugendlichen Alltags- und Schulprobleme mit Hilfe von digitalen Mitteln und Werkzeugen nachhaltig lösen. Es gibt ein freies Thema sowie vorgegebene „Digitale Projekte zur Verbesserung der Schulwebsite“.

© Britta Hüning

Das Heinrich-Hansjakob-Bildungszentrum Haslach, das Grundschule, Werkrealschule und Realschule mit jeweils einem Ganztageszug unter einem Dach vereint, bietet für den Sekundarbereich nicht nur Ganztagsangebote wie „Haslach entdecken mit dem Smartphone“ oder eine „Adventure Nerdz AG“ an, sondern auch „Informatik hautnah!“ in Kooperation mit einem Füllstand- und Druckmessgeräte-Hersteller. „Schiller in Space“ heißt wiederum ein Kooperationsprojekt des Schiller-Gymnasiums Offenburg, einer offenen Ganztagsschule, mit der Hochschule Offenburg: Schülerinnen und Schüler führen hier mit Hilfe von Wetterballons eigene Versuche in der Stratosphäre durch und lassen Modellflugzeuge mit Flugrobotik in große Höhen steigen.

Auch Grundschülerinnen und Grundschüler könnten bereits das Programmieren spielerisch erlernen, betonte Thomas Breyer-Mayländer. „Die Digitalisierung in der Ganztagsschule ist ein pädagogischer Entwicklungsprozess, der eine inhaltliche und ethische Fundierung genauso braucht wie eine begleitende Unterstützung. Lehrkräfte müssen hier durch Fortbildungen unterstützt werden“, resümierte der Wissenschaftler.

Bildung: Europäisch-humanistischer Weg der Digitalisierung

Stefan Aufenanger, Professor für Medienpädagogik der Johannes-Gutenberg- Universität Mainz, hat schon einmal 2017 in Berlin den Zusammenhang zur Ganztagsschule hergestellt. In seinem Vortrag „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“ zeigte er sich zweifach überzeugt: „Bildung braucht ganztags. Digitale Bildung ebenfalls.“ Die Schule als Ort, der Orientierung geben soll, müsse dies auch zur Frage, wie Kinder und Jugendliche sinnvoll mit digitalen Medien umgehen, leisten. „Bildung ist die Orientierungshilfe in der digitalen Welt und muss befähigen, souverän und sozial verantwortlich mit digitalen Medien handeln zu lernen.“

© Britta Hüning

Digitale Technologien könnten differenzierte Lernangebote unterstützen, im projektorientierten Lernen, das sich an realen Problemen orientieren sollte. „Das bedingt aber auch neue Raum- und Zeitstrukturen und neue Curricula“, hob Aufenanger hervor. Herausforderungen sieht der Erziehungswissenschaftler im „Potenzial der Ablenkung“, das Smartphones und andere Geräte eben auch böten, ebenso in der „richtigen pädagogischen Einbettung“ und nicht zuletzt in der Lehrerbildung, die aus seiner Sicht „noch hinterherhinkt“.

„Die Forschung zeigt, dass der Einsatz digitaler Medien Impulse für innovativen Unterricht gibt, die Lernkultur verändert, häufigere und intensivere Gruppenarbeit und selbstgesteuertes Lernen unterstützt und die Motivation und das Engagement von Schülern steigert.“ Lernen mit digitalen Medien sei erfolgreich, wenn die Schule „Raum zum Experimentieren“ eröffne und die Lehrkräfte zusammenarbeiten, sich auch mit denen anderer Schulen austauschen.

Lehrerband des August-Ruf-Bildungszentrums Ettenheim© Redaktion

Sein Fazit: „Die Digitalisierung können wir nicht aus den Schulen heraushalten. Man darf keine Schule dazu zwingen, digitale Medien einzusetzen, allerdings sollte sich jede Schule mit diesem Thema auseinandersetzen und alle Akteure in die Veränderungen einbeziehen.“ Bildung ist für Aufenanger letztlich der „europäisch-humanistische Weg der Digitalisierung“. Digitalisierung sei daher immer zusammen mit Demokratiebildung zu denken.

Gute Beispiele – vor Ort und von außerhalb

Als „sehr gutes Konzept, das Bekanntheit verdient hat“, hatte die Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes Baden-Württemberg, Beate Ritter, den „Qualitätsrahmen Ganztagsschule“, den das Land im Sommer 2019 veröffentlicht hat, in ihrer Begrüßung hervorgehoben. Um die erwartete Qualität zu verwirklichen, braucht es aus ihrer Sicht sowohl Ressourcen als auch qualifiziertes Personal, auch für die Digitalisierung.

Beate Ritter auf dem Podium
Schulleiterin Beate Ritter, Ganztagsschulverband Baden-Württemberg© Redaktion

Als Schulleiterin des August-Ruf-Bildungszentrums in Ettenheim und damit Gastgeberin des Kongresses konnte Beate Ritter selbst ein Beispiel geben. Das August-Ruf-Bildungszentrum kooperiert in der Berufsorientierung mit der Hochschule Offenburg, die den Girls' Digital Campus anbietet. Weitere Kooperationen sind geplant. Der Medienentwicklungsplan ist in Arbeit und steht unter der Frage, wie digitale Medien nachhaltig im Unterricht verankert werden können.

Die Besucherinnen und Besucher dieses Kongresses können sich somit vor Ort ein Bild davon machen, welche Lösungen andere Ganztagsschulen der Region für die Herausforderungen der Digitalisierung finden oder schon gefunden haben. Und auch kompetente Gäste sind angereist, die am Freitag in Workshops ihre Digitalkonzepte vorstellen – wie Moritz Uibel, Lehrer an der Grundschule am Buntentorsteinweg in Bremen mit dem Thema „Grundschule im digitalen Irrgarten“ oder Schulleiter Olaf Hubert und zwei Schüler (!) von der Freiherr-vom-Stein-Schule Neumünster, die  ihr integrales Medienkonzept für die „Schule in der digitalen Welt“ vorstellen.

Und besondere Aufmerksamkeit wird an diesem Tag sicherlich auch Lehrer und Medienpädagoge Valentin Helling von der Alemannenschule Wutöschingen, Schulpreis-Schule 2019 und seit 2018 „Apple Distinguished School“, finden, wenn er das „Digitale Schulkonzept“ vorstellt. Um noch einmal Schulleiter Stefan Ruppaner zu zitieren: „Die neuen Medien sind Werkzeuge, die man intelligent einsetzen muss.“

 

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