Ganztagsgrundschule „An der Trießnitz“ erhält Jakob-Muth-Preis

Gut 20 Jahre besteht die Staatliche Grundschule „An der Trießnitz“ in Jena. Seit zehn Jahren arbeitet sie integrativ. Nun wurde sie mit dem Jakob-Muth-Preis ausgezeichnet.

Schüler
© Ulfert Engelkes

204 Schülerinnen und Schüler lernen an der offenen Ganztagsschule. 27 Kinder mit Förderbedarf gehören zu dieser Gemeinschaft, die in drei nach schwedischem Modell konzipierten Lernhäusern von 13 Lehrerinnen und Lehrern, vier Sonderpädagog/innen, einer sonderpädagogischen Fachkraft und drei Lehramtsanwärterinnen unterrichtet werden. Ergänzt wird das Team, das einen intensiven und regelmäßigen Austausch pflegt, von 13 Erzieherinnen und neun Schulbegleiter/innen. Vier Lerngruppen mit jeweils etwa 18 Kindern gehören einem Lernhaus an. Zwei Gruppen bilden die jahrgangsübergreifende Eingangsphase der Klassen 1 und 2, zwei die der „älteren“ Jahrgänge. Jede Gruppe wird von einem festen Lehrerteam und einem Horterzieher begleitet. Die Kinder verbringen ihre gesamte Grundschulzeit in ihrem Lernhaus.

Die flexible Eingangsphase kann ein bis drei Jahre umfassen. Und auch im zweiten Teil der Grundschulzeit besteht die Möglichkeit, ein so genanntes Dehnungsjahr in Anspruch zu nehmen, wenn es die individuelle Entwicklung sinnvoll erscheinen lässt. Dass sie die gesamte Grundschulzeit in „ihrem“ Lernhaus mit einem festen Team verbringen kann, findet Lena (Name von der Redaktion geändert) toll: „Das ist für mich wie eine große Familie, in der ich mich sicher fühle und gerne lerne“, sagt die Zehnjährige.

Individuelle Förderung bei 36 Kindern in der Unterrichtseinheit

Für sie und ihre Mitschüler/innen ist es „total normal“, dass sie gemeinsam mit Kindern mit Behinderung und Kindern mit Förderbedarf lernen. Wie gut dies gelingt, zeigt der Werkunterricht zweier Lerngruppen der Eingangsphase. Sticken steht heute auf dem Stundenplan. 36 Kinder arbeiten konzentriert in Gruppen. Stickbuchstaben erstellen, lautet die Aufgabe für die Anfänger. Jene, die schon geübter sind, sticken ein Lesezeichen. Die siebenjährige Jolina, eine Schülerin mit Downsyndrom, macht enorme Fortschritte. Ihre Schulbegleiterin ist dabei, und zwei Lehrerinnen stehen ebenfalls als Ansprechpartnerinnen für die Kinder zur Verfügung.

Weiß ein Kind einmal nicht weiter, sucht es allerdings zunächst die Unterstützung der Mitschüler/innen. Erst, wenn das nicht ausreicht, wendet es sich an die Lehrkräfte. Eine von ihnen ist Jeannette Dölschner. Sie erlebte die Geburtsstunden dieser Grundschule mit. Als vor mehr als zehn Jahren erste Gedanken aufkamen, inklusiv arbeiten zu wollen, hatte sie durchaus ihre Bedenken. „Na klar, auch ich habe mich gefragt, wie das funktionieren soll“, erinnert sie sich. „Meine größte Sorge war, jedem Kind gerecht werden zu können“, sagt sie und hilft gleichzeitig Hannes beim nächsten Stickschritt. Der Siebenjährige gilt als besonders begabt. Ob er es gut findet, gemeinsam mit Kindern mit Behinderung oder Förderbedarf zu lernen, wollen wir wissen. „Ja“, versichert er, „hier schaffen alle die Aufgaben, die sie kriegen.“

Binnendifferenzierung nennen es die Pädagogen. Ob er denn auch mit einem Kind mit Förderbedarf spiele, haken wir nach. „Nein.“ Was Sonderschullehrerin Heidi Pihan schmunzeln lässt. Hannes’ bester Freund ist ein Kind mit Förderbedarf. Heidi Pihan hatte uns in das Lernhaus geführt. Große Aufmerksamkeit erregt ihre Anwesenheit nicht. Man kennt sich, man sieht sich, man ist dabei. Und die Kinder, zu deren Lehrerteam Heidi Pihan gar nicht gehört, fragen sie ganz selbstverständlich auch um Stick-Rat.

Die andere Profession schätzen

Jeannette Dölschner weiß, was ihr die anfänglichen Sorgen und Ängste nahm. Das Wissen, nicht allein auf sich gestellt zu sein, sondern Unterstützung durch professionelle Sonderpädagogen/innen zu erhalten sowie zahlreiche Besuche in anderen integrativ arbeitenden Schulen hätten ihr gezeigt, dass integrative Schule keine Utopie bleiben muss. Sie hebt die Bedeutung des Teams mit seinen wöchentlichen Sitzungen, in denen über die Kinder gesprochen und gemeinsames Unterrichtsmaterial entwickelt wird, hervor. Aber sie macht auch klar: „Wenn du 30 Kinder in einer Gruppe oder Klasse hast, und es sind fünf mit Förderbedarf dabei, muss eine Sonderpädagogin anwesend sein.“

Ihr Schulleiter ist seit jeher Norbert Beckert. Auch er erinnert sich gut an die eigene Unbeholfenheit, als er in seiner Schule dem ersten Kind mit Behinderung gegenüberstand. „Ich war ratlos und wusste nicht wirklich, wie ich mich verhalten sollte“, gesteht er. Er suchte Rat beim Sonderpädagogen. „Da passierte etwas für Lehrer häufig Unübliches: Man musste Kollegen um Rat fragen“, berichtet er und bezeichnet dieses Ratsuchen als Beginn der Teamarbeit. Man brauche, sagt er, Netzwerkpartner, die Dinge gelernt hätten und einbringen könnten, die man selbst nicht könne. „Denn eines geht nicht: Drei Eimer Fortbildung hinschütten und glauben, jetzt könne man integrativ arbeiten.“

Ohne Sponsoren wäre vieles kaum möglich

So wichtig wie das ausreichend stark besetzte multiprofessionelle Team in Schule und Hort ist nach Ansicht von Norbert Beckert und Heidi Pihan auch die sächliche Ausstattung. Doch sie betonen, dass der Startschuss für integrative Arbeit bereits fallen kann, wenn die Rahmenbedingungen noch nicht optimal sind. Dass die Grundschule „An der Trießnitz“ inzwischen vergleichsweise gut für die integrative Arbeit gerüstet ist, verdankt sie, obwohl die große Sanierung erst in einigen Jahren erfolgen soll, der Kommune, vor allem aber eigener Fantasie und Kontakten.

Einen schuleigenen Kleinbus mit Tankkarte machten Sponsoren möglich, den Snoozelraum mit beheiztem Wasserbett und Musikanlage zum Entspannen ebenfalls. Ein Spielplatz entstand dank Elterninitiative sowie der Aktion „Ein Herz für Kinder“. Streetsoccer kann dank der Kooperation mit dem FC Carl-Zeiss Jena angeboten werden. Stadt und Sponsoren legten zusammen, um einen Aufzug, behindertengerechte Sanitäranlagen und zwei Soundfield-Anlagen, mit deren Hilfe hörgeschädigte Kinder dem Unterricht folgen können, zu ermöglichen.

Das Kollegium um Norbert Beckert hat sich um diese Förderer bemüht: „Bei uns hat keiner geklopft und gefragt, ob wir etwas benötigen.“ Ohne derartige private Unterstützung wäre auch das großzügige Außengelände mit Spiellandschaften, Klettergeräten, Baumlehrpfad, Beach-Anlage, Basketballfeld und Fuß-Fühl-Strecke nicht realisierbar gewesen.

„Gemeinsam Leben und Lernen in unserem Haus“

Integrative Schule gelingt, wenn der Unterricht stark differenziert wird. Das erlebt man in der Grundschule „An der Trießnitz“, deren Leitmotiv „Gemeinsam Leben und Lernen in unserem Haus“ lautet. Es gibt Phasen von Wochen- und Projektarbeit, durchaus aber auch Frontalunterricht. Jeder Gruppenraum ist ausgestattet mit umfangreichem Lern- und Unterrichtsmaterial, das den unterschiedlichen Niveaus der Schülerinnen und Schüler gerecht wird. „Wir, aber auch der Hort, wollen viel Lernmaterial bereitstellen, um häusliche Defizite auszugleichen und weil die Kinder ausreichend Anregung finden sollen“, erläutert die Schulleitung.

Der thüringische Lehrplan erlaubt starke Individualisierung. Jolina etwa lernt erst einmal Großbuchstaben, derweil ihre Klassenkameraden sich bereits an die Groß- und Kleinschreibung begeben. Ihre Mitschüler/innen wertschätzen ihre Fortschritte. Parallel werden Kurse in Mathematik, Deutsch und Heimatkunde angeboten, in denen Kinder mit ähnlichem Leistungsstand gemeinsam unterricht werden. Erleichtert wird die Differenzierung, weil Noten fast tabu sind. „Die verteilen wir nur bei Kindern mit Förderbedarf, wenn es der Entwicklung des Kindes dient. Das wäre in der Grundschule für alle Kinder von Vorteil“, sagt Heidi Pihan. Als Alternative wurden förderdiagnostische und differenzierte Rückmeldeverfahren entwickelt.

„Perfekt ist man nie“

Mehr und mehr hat sich die Ganztagsschule zu einem zweiten Lebensort der Kinder entwickelt. 98 Prozent der Kinder nutzen den Ganztag – das sind noch mehr als der Thüringer Durchschnitt von 81 Prozent. Viele besuchen den Frühhort, der ab 6.30 Uhr geöffnet ist. Der Schultag beginnt um 7.30 Uhr mit einer offenen Lerneingangsphase. Der in drei Blöcke unterteilte Unterricht endet um 14 Uhr. Ihm schließen sich zahlreiche Arbeitsgemeinschaften, Freizeitangebote und die Hausaufgabenbetreuung im Hort an, der seine Pforten um 17 Uhr schließt.

Den Austausch zwischen Lehrkräften und dem im Hort tätigen Personal stellen zahlreiche Teamberatungen, in die stets alle Professionen einbezogen werden, aber auch der kurze Draht beim Treffen auf dem Flur sicher. Die Kinder werden täglich von einer Lehrkraft an die Erzieher/innen übergeben. Freitags ist grundsätzlich ein Erzieher in der letzten Unterrichtsstunde anwesend. „So können wir den Informationsfluss sicherstellen und auch spontan reagieren, wenn es erforderlich ist“, sagt Schulleiter Beckert. Das alles ist möglich, weil sich hier Menschen getroffen haben, denen die Entwicklung eines jeden Kindes am Herzen liegt. Beckert weiß um die Arbeitsbelastung des gesamten Teams. Die fiele noch weit höher aus, „wenn wir uns nicht aufs Wesentliche konzentrieren würden.“ Man arbeite effektiv, auch weil man sich in Moderation und Gesprächsführung geschult habe. Perfekt, sagt Beckert, sei man nie. Deshalb setze man sich stets neue kleinschrittige Ziele und evaluiere die Entwicklung permanent. „Genau das verlangen wir ja auch von Kindern.“

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