#digitalRaum Ganztagsschule in Sachsen-Anhalt

Beim #digitalRaumAustausch der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Sachsen-Anhalt in Magdeburg zeigten Praxisbeispiele, wie Digitale Medien die Lernmotivation und die Praxisnähe des Unterrichts stärken.

Jan Vedder: „Vor dem Können steht das Wollen.“© DKJS/Anna Kolata

Impulsgeber Jan Vedder brachte das Publikum gleich einmal ins Grübeln, als er über das „Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert" sprach: Den Einstieg von Schulen in die digitale Welt verglich der Lehrer von der Oberschule Berenbostel in Garbsen (Niedersachsen) mit der Überlegung, von einem Sprungbrett ins kalte Wasser zu springen. „Welcher Typ sind Sie nun?“, fragte er: „Der, der einfach den Kopfsprung wagt? Jener, der sanft ins Wasser gleitet? Oder der, der lieber erst einmal vom Beckenrand aus zuschaut? Oder sind Sie eher jener, der überzeugt ist: Springen ist nur etwas für junge Leute!“

Dass sich Schulen dem Sprung ins kalte Wasser „Digitale Medien“ nicht entziehen können, ist für Vedder klar. Er machte den rund 60 Zuhörerinnen und Zuhörern, die der Einladung der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Sachsen-Anhalt zum #digitalRaumAustausch im Internationalen Stiftungsgymnasium Magdeburg gefolgt waren, auch Mut: Erfahrungen zu sammeln und gegebenenfalls erst einmal kleine Schritte zu gehen.

Tablet mit Lernsoftware
„Der Realitätsbezug des Matheunterrichts steigt enorm.“© DKJS/Anna Kolata

Dabei steht für den Lehrer und Seminarleiter am Studienseminar der Region Hannover außer Frage, dass es im Team leichter geht: „Wenn wir eventuell mit jemand anders gemeinsam reinspringen, empfinden wir das Wasser möglicherweise als nicht so kalt.“ Doch ebenso eindeutig ist für Vedder: „Wenn wir unseren Unterricht nicht ändern, nur die Schiefertafeln gegen Tablets austauschen, erreichen wir nichts. Und: Vor dem Können steht das Wollen.“

Mathe zeitgemäß: Das Wohnungsprojekt

Wie seine Schule, eine teilgebundene Ganztagsschule, das umsetzt, verriet er in seinem nachmittäglichen Workshop „Das Wohnungsprojekt – Matheunterricht zeitgemäß gestalten“. In ihm stehen die Schülerinnen und Schüler vor der Aufgabe, eine 100 Quadratmeter große Vier-Zimmer-Wohnung für eine fünfköpfige Familie zu gestalten. Der Grundriss muss gezeichnet, Möbel müssen ausgesucht und platziert, die erforderlichen Bodenbeläge, Wandfarben und Fußleisten ausgewählt, ihre Menge und Kosten dafür berechnet werden. Rund 50 Wochenstunden stehen den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung.

„Der Unterricht ändert sich für die Lehrkraft völlig.“© DKJS/Anna Kolata

Die Tablets, die für alle Kinder bereits in Jahrgangsstufe 5 durch die Eltern angeschafft werden, dienen der Recherche und Planung. Jan Vedder: „Der Unterricht ändert sich für die Lehrkraft völlig. Sie muss auf jedes Kind individuell eingehen und sich ständig auf wechselnde Themen einstellen. Denn niemals arbeiten alle zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Thema.“ Doch der Pädagoge ist überzeugt: „Die Lernmotivation und der Realitätsbezug des Matheunterrichts steigen enorm.“

Unterricht als Schatzsuche

Die Vielzahl der angebotenen, sehr praxisnahen Workshops stellte die Gäste vor die Herausforderung der richtigen Wahl. Spannend waren sie alle. Etwa jener mit dem neugierig machenden Titel „’Gamifikation’ trifft ’Education’ – Edubreakout“. Hinter dem geheimnisvollen Namen verbirgt sich für die Schülerinnen und Schüler von Elke Noah, Lehrerin an der Gemeinschaftsschule August Wilhelm Francke in Magdeburg, Spannendes:

Teilnehmende mit einem QR-Code auf einem Blatt
„Edubreakout“: Rätsel per QR-Codes© DKJS/Anna Kolata

In Anlehnung an die sogenannten Escape Rooms gehen sie auf die Suche nach Lösungen für Rätsel unterschiedlichster Art. Nur wenn sie diese im Team lösen, finden sie den Zahlencode für ein Schloss, das den Weg zum ersehnten Schatz versperrt. Elke Noah: „Durch Knobeln, kombinieren und geschickte Teamarbeit erarbeiten sich die Gruppen einen Code nach dem anderen. Je besser ein Team zusammenarbeitet, umso schneller stellt sich der Erfolg ein.“ Sie empfiehlt eine gute Mischung aus analogen und digitalen Aufgaben: „Dann ist die Motivation besonders hoch.“

Elke Noah weiß, dass die Vorbereitung einer solchen Stunde einigen Aufwand mit sich bringt. Sie empfiehlt: „In digitaler Form eröffnen sich unzählige Möglichkeiten – beispielsweise mit Learning Apps, H5P-Filmen beziehungsweise interaktiven Videos oder mit einfacher Internetrecherche. Besonders unkompliziert kann man Rätsel mit QR-Codes bereitstellen.“

Selbstverständlich wie der Stromanschluss

Nur in Teamarbeit lassen sich die Schlösser öffnen.© DKJS/Anna Kolata

Diese und viele ähnliche Konzepte lassen Digitale Medien sinnvoll im Unterricht nutzen, weiß Lehrerausbilder Dr. Volkmar Hinz von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Voraussetzungen sind ein superschneller und stabiler Internetzugang sowie ein solides drahtgebundenes und -loses Netzwerk. „Das muss in unseren Schulen der Zukunft so selbstverständlich wie der Strom- und Wasseranschluss werden.“

In seinem Workshop „AHA! Dank IT – Naturwissenschaften erlebbar machen“ vermittelte Hinz nun Ideen, wie moderne Medien im Naturwissenschaftsunterricht einsetzbar sind und den Unterricht für die Schülerinnen und Schüler spannend und praxisnah werden lassen. Schon die Installation einer entsprechenden App ermöglicht es, mit dem Handy zu messen, wie schnell ein Gegenstand eine Ebene entlangrollt und wann er sein nächstes Ziel erreicht.

Workshop „AHA! Dank IT – Naturwissenschaften erlebbar machen“
Dr. Volkmar Hinz (r.): „Wechsel von analogen und digitalen Medien“© DKJS/Anna Kolata

Dr. Hinz: „Vieles, was der Computer beispielsweise bei Autorennen macht, können wir mit dem Handy auch. So verstehen die Kinder und Jugendlichen viel besser, wie ein Computer funktioniert.“ Zugleich plädiert auch er für einen angemessenen Wechsel von analogen und digitalen Medien: „Die Fahrt des Legoautos wird mit dem Handy berechnet, die Ergebnisse werden per Hand auf Millimeterpapier festgehalten.“

Digitale Lernwerkzeuge

Dass digitale Medien herkömmlichen Unterricht nicht ersetzen, sondern bereichern, machte der Leiter des Stiftungsgymnasiums, Mike Keune, deutlich: „Bildung in der digitalen Welt heißt nicht, analoge Vorgänge zu digitalisieren.“ Digitale Medien werden an diesem Gymnasium als Werkzeuge begriffen. Keune: „Ein Buch zum Beispiel kann wichtiger und nutzbringender sein als ein PDF-Dokument. Wenn es aber ein PDF-Dokument gibt und es nur als Gedankenstütze dient, dann sollten wir es nicht ausdrucken.“

Vortrag von Mike Keune
Mike Keune, Leiter des Internationalen Stiftungsgymnasiums Magdeburg© DKJS/Anna Kolata

Keune formulierte aus seiner Sicht wichtige Standards: Digitale Lernwerkzeuge sollten robust, einfach verfügbar und möglichst universal sein. „Das bedeutet beispielsweise, dass digitale Tafeln alles können und bieten müssen, was eine grüne Tafel schon immer konnte.“ Und noch ein Standard des Stiftungsgymnasiums: „Lehrer sind Lehrer und keine Administratoren. Darum erlauben wir unserem Kollegium nicht, sich um die Technik zu kümmern.“

Klein(computer), aber oho

Für alle, die sich im Umgang mit digitalen Medien zu jenen rechnen, die glauben, dass Springen etwas für junge Leute sei, hielten drei Schüler der Schülerfirma CC-Stadtfeld – CC steht für ComputerClub – in ihrem Workshop „Coding & Making in School – Calliope – Einplatinencomputer“ Wertvolles parat. Die Schülerfirma ist im Gymnasium Stadtfeld Wernigerode aus einer Computer-AG gegründet worden.

Wie IT funktioniert, lässt sich anhand von Kleinstcomputern erklären.© DKJS/Anna Kolata

Till, Erik und Julian präsentierten den faszinierten Zuhörerinnen und Zuhörern einen Kleinstcomputer auf einer Platine. „Damit können schon Grundschüler lernen, wie IT funktioniert“, versicherten sie. Er fördere das Verständnis fürs Programmieren und sei viel preiswerter als ein Computer. Und praktisch einsetzbar ist er auch. Etwa bei der Pflanzenbewässerung: Ein Sensor misst, wie feucht die Erde der Pflanze ist, wenn nötig springt eine Pumpe an.

Schmunzelnd gaben die Schüler den Lehrkräften als Motivation mit auf den Weg: „Sie können ihn auch so programmieren, dass ein Warnlicht angeht, wenn es in Ihrer Klasse zu laut wird…“

Erklärvideos als Mutmacher

Den praktischen Wert digitaler Medien für den Unterricht verdeutlichten Ines Hirsch-Golinski und ihr Team, zu dem auch einige Schülerinnen und Schüler zählten, im Workshop „Selbst sehen oder drehen = mehr verstehen – Erklärvideos“. Konkret drehten die Jugendlichen der Sekundarschule Förderstedt in Staßfurt beispielsweise Videos zum Thema Kresse. Die Rollen zum Schreiben der Stücke, wie zum Beispiel das Legen der Materialien und das Sprechen, verteilten sie selbst. Dabei achteten sie besonders auf die Stärken ihrer Teammitglieder.

Vortrag von Ines Hirsch-Golinski
Workshop über Erklärvideos mit Ines Hirsch-Golinski© DKJS/Anna Kolata

„Die Schülerinnen und Schüler setzen sich intensiv mit Sachverhalten auseinander, organisieren ihren Lernprozess selbstständig und eigenverantwortlich. Sie lernen durch Erklären und schaffen es, ihr Wissen mit kreativen Mitteln zu gestalten“, erläuterte Ines Hirsch-Golinski. Ihre Schülerinnen sind begeistert. Joelle (15) strahlt: „Ich habe jetzt keine Angst mehr, vor der Klasse zu stehen.“ Elly (13) ergänzt: „Durch das Video lernt man frei zu sprechen. Das hilft mir sehr.“

Eine Lehrerin zeigt sich von dem Projekt und der gesamten Fortbildung der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ sehr angetan. Sie verlasse angeregt den Workshop: „Ich habe so viele Ideen für meine Schule und was wir alles noch verändern können.“

 

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