Grundschulkongress: „Kinder lernen Zukunft“, auch ganztags

Der Computer stand schon 1986 vor der Schultür... 100 Jahre Grundschule und 50 Jahre Grundschulverband waren ein Anlass zum Austausch darüber, was und wie Kinder heute in der Grundschule lernen.

Der Bundespräsident in der Paulskirche© Redaktion

Im Artikel 146 der Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919 heißt es: „Auf einer für alle gemeinsamen Grundschule baut sich das mittlere und höhere Schulwesen auf.“ Was uns heute selbstverständlich erscheint, war vor 100 Jahren aber nicht weniger als „eine Revolution“, wie der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann betont hat. Ähnlich sieht das der Bundespräsident. Auf dem Festakt „100 Jahre Grundschule“ in der Frankfurter Paulskirche am 13. September 2019 erklärte Frank-Walter Steinmeier:

„Was die Nationalversammlung damals in nüchterner Sprache festschrieb, war nicht weniger als eine demokratische Revolution auch in der Schulpolitik. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte sollten alle Kinder gemeinsam in die Schule gehen, unabhängig von ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stellung (...)  'Freie Bahn jedem Tüchtigen' war der Slogan, der heute ein bisschen oldschool klingt, damals aber – im Kampf gegen Standesprivilegien – geradezu revolutionär war.“

Der Bundespräsident stellte den Bezug zur Demokratie her – „... jedem einzelnen Kind, aber auch der jungen deutschen Demokratie den Weg in eine erfolgreiche Zukunft zu ebnen“ –  und ging auch auf aktuelle Entwicklungen ein: „Die besten Lehrkräfte, gute Ganztagsangebote und intensive Sprachförderung“ wünschte er sich für Grundschulen.

Grundschulverband: „Ganztagsschule bietet beste Möglichkeiten“

Außenansicht der Goethe-Universität
Tagungsort: die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität© Redaktion

Für die Interessen der Grundschulen setzt sich seit 1969 der Grundschulverband ein, der den Festakt zum Doppeljubiläum organisiert hatte. In der Paulskirche endete vor 50 Jahren auch der erste Grundschulkongress. Maresi Lassek, die Verbandsvorsitzende, erklärte mit Blick auf das diesjährige Kongressmotto „Kinder lernen Zukunft“: „Die Zukunft der Grundschule hat längst begonnen. Das beweisen viele Schulen, in denen Kinder eigenaktiv lernen und Verantwortung für ihr Lernen und für die Gemeinschaft übernehmen.“ Und auch: „Eine gut ausgestattete Ganztagsschule bietet dafür die besten Möglichkeiten.“

Der Verband lud im Anschluss an den Festakt rund 1.000 Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer zu einem beeindruckenden zweitägigen Programm aus rund 25 Vorträgen und 55 Workshops in die Goethe-Universität ein. Neben konkreten didaktischen Anregungen für den Unterricht ging es auch um Kinderrechte, Lehrergesundheit und Schularchitektur. In sechs Foren wurde diskutiert, wie die Grundschule auf besondere gesellschaftliche Anforderungen wie Inklusion und Kinderarmut reagieren soll.

Mit App 14 Muttersprachen und Deutsch erlernen

Ein Thema, das seit dem letzten Kongress 2009 – die Grundschulkongresse finden alle zehn Jahre statt – an Bedeutung gewonnen hat, ist die Digitalisierung. Beat Döbeli Honegger, Professor für Medien- und Informatikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Schwyz in Goldau, erinnerte in seinem Vortrag „Digitalisierung ist eine Gegenwartsfrage“ daran, dass schon 1986 Heinz Moser in „Der Computer vor der Schultür“ konstatierte: „Der Computer kommt, ob wir wollen oder nicht. Gesellschaft und Schule werden ohne Computer bald nicht mehr vorstellbar sein.“

Prof. Beat Döbli Honegger: „Zäsur wie die Erfindung des Buchdrucks“ © Redaktion

Bemerkenswert ist Beat Döbeli Honegger zufolge, wenn es rund 35 Jahre später immer noch Diskussionen gäbe, ob die Schule digitale Medien in den Unterricht einbinden soll: „Vor ein paar Jahren habe ich noch auf einer Schulleitertagung in der Schweiz den Satz gehört: 'Das geht wieder weg'.“ Ein Zuhörer in Frankfurt flachste: „Wir schalten das Internet ab!“

Für Döbeli Honegger handelt es sich um eine so einschneidende Zäsur wie die Erfindung des Buchdrucks. Es gehe nicht nur um den Einsatz von Tablets in der Schule. Die Digitalisierung biete Potenziale für den Lernprozess. „Schülerinnen und Schüler können gemeinsam, sogar über Schulhausgrenzen hinweg, an digitalen Aufgaben arbeiten. Eine App ermöglicht beispielsweise Sprachförderung in 14 Muttersprachen und Deutsch gleichzeitig.“

Digitale Medien stufenweise integrieren

Auftritt des Schülerchors Primacanta im Hörsaal
Musikalische Einstimmung mit dem Schülerchor Primacanta © Redaktion

Doch was sagt die Praxis? Ein Beispiel, wie eine Grundschule digitale Medien integriert, bietet die Rosa-Luxemburg-Schule Potsdam. Medienpädagogin Katja Kaden stellte das Konzept der Ganztagsgrundschule im Workshop „Kooperative Lernformen und digitale Medien“ vor. An der medienfit-Referenzschule hat sie die Medienbildung zunächst mit Mini-Fortbildungen von jeweils einer Stunde für Kolleginnen und Kollegen ausgebaut. „Am Anfang saßen wir zu fünft da, aber die Teilnahme steigerte sich schnell“, erinnert sie sich. „Die Entwicklung verlief dann stufenweise, ausgehend von den Stärken der Kolleginnen und Kollegen.“

Mit Videoproduktionen ging es los, „weil man da schnell Fortschritte sehen kann“, wie Katja Kaden meint. „Das fördert das kooperative Arbeiten, die Inklusion und auch die Selbstwahrnehmung.“ Es folgten Projektunterricht wie LEGOwedo in Klasse 3 und Tablets im Unterricht, immer orientiert an der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler. Themen wie gesunde Ernährung, Schulgarten und Musik greifen die Lehrkräfte mit verschiedenen Programmen und Apps auf. Dass es auch schon vorher Projektunterricht und feste Projekte im Jahreskalender gab, in die sich digitale Medien einbinden lassen, ist ein Vorteil.

Medienpädagogin Katja Kaden© Redaktion

Schülerinnen und Schüler produzieren Erklärvideos, die im Deutsch- und Englischunterricht zum Einsatz kommen. Bei der Herstellung von Stop-Motion-Animationsfilmen „verbinden sich Medienkompetenz und kindliche Fantasie aufs Feinste“, meint Katja Kaden. Auch die Eltern werden einbezogen. Lehrkräfte bieten Informationsveranstaltungen zu Themen wie Smartphone, Regeln zur Mediennutzung und Gefahren im Internet an.

Schule und Eltern: „Reden, reden, reden“

Einen Klassiker der Grundschule thematisierte Prof. em. Werner Sacher in seinem Vortrag „Beziehung zwischen Schule und Elternhaus“. Der Bildungsforscher stellte verschiedene Konstellationen der beiden Bildungs- und Erziehungspartner vor. Zu häufig herrsche Passivität von beiden Seiten in der Kommunikation nach dem Motto „Solange der Laden gut läuft...“. Wenn man aber immer erst in Kontakt komme, „wenn es dampft, dann ist das schon zu spät, weil kein Vertrauen aufgebaut worden ist“. Reden, reden, reden – der Austausch der Sichtweisen sei nötig, „und daran fehlt es oft“.

Lehrerin und Mutter im Gespräch
„Besonders wichtig ist die Akzeptanz des Engagements der jeweils anderen Seite.“© Britta Hüning

Eine Bildungs- und Erziehungspartnerschaft ist die anzustrebende Beziehung zwischen Schule und Elternhaus“, so Sacher. „Sie ist aber nicht zu jeder Zeit und uneingeschränkt realisierbar. Besonders wichtig ist die Akzeptanz des Engagements der jeweils anderen Seite. Eine emotionale Beziehung ist dabei nicht zwingend.“ Nötig sei vielmehr eine Standortbestimmung, von der aus sich Schule und Eltern fragen, wie sie ihre Beziehung positiv gestalten könnten.

Nachhaltig lernen in der Grundschule

Auch die Themen Umweltbildung und Nachhaltigkeit gewinnen an Grundschulen an Bedeutung. Sowohl in der Paulskirche als auch in der Goethe-Universität kamen Jugendliche der „Fridays for Future“-Bewegung zu Wort. Die Erfurter Barfüßerschule ist ganz auf Nachhaltigkeit ausgerichtet: Nachhaltigkeit des Lernens und ökologische Nachhaltigkeit. Schulleiterin Ursula Zimmer präsentierte das im Schuljahr 2008/2009 eingeführte Konzept der Ganztagsgrundschule.

„Die Idee kam aus der Elternschaft“, erzählte sie. Ein Vater kannte das Programm „Transfer-21 –Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ und regte an, „in dem Bereich etwas zu machen“. Nachhaltigkeit des Lernens bedeutet für die Grundschule auch, dass die Schülerinnen und Schüler Empathie, Gerechtigkeits- und Gemeinschaftsgefühl entwickeln, Partnerschaften in der Lerngruppe bildeten, Hilfsaktionen organisieren, sich und andere motivierten, sich einzubringen und andere zu unterstützen. Und auch: sich selbst wahrzunehmen, eigene Wünsche und Interessen zu erkennen und zu reflektieren.

Schulleiterin Ursula Zimmer © Redaktion

Die Kultur der Nachhaltigkeit stärken traditionsreiche Angebote wie Theateraufführungen, Puppenspiele, Tanzgruppen, die Schulband „Crazy Feet“, die Schülerzeitung oder die Schulreporter, die die Homepage mitgestalten. Diese Kultur trägt schon Früchte: „Beim Frühlingskonzert wollen so viele Kinder auftreten, dass wir sie gar nicht alle unterkriegen“, berichtete Ursula Zimmer. „Daher schaffen wir über das ganze Jahr verteilt Präsentationsmöglichkeiten.“

Nachhaltigkeit entsteht aber auch durch die kontinuierliche Zusammenarbeit der Eltern, Erzieherinnen, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler und außerschulischen Kooperationspartner. Letztere sind beispielsweise die Stadtwerke, der Naturerlebnisgarten Fuchsfarm und das Deutsche Gartenbaumuseum. Für die Fairtrade-Schule ist ökologische Nachhaltigkeit besonders wichtig. Energiesparen, Müllvermeidung, regionales Einkaufen und die Nutzung erneuerbarer Energien und der Einbezug der Lebensräume wie der Erfurter Gartenausstellung und des Geländes der Lehr- und Versuchsanstalt Gartenbau stehen auf dem informellen Stundenplan.

Die Rosa-Luxemburg-Schule und die Barfüßerschule stehen exemplarisch für Grundschulen in ganz Deutschland. Auf die nächsten 100 Jahre!

 

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