Ein „Bunter Ball“ für Ganztagsgrundschulen

Sie waren erfolgreiche Profi-Fußballer und wissen um den pädagogischen und integrativen Wert des Sports. Jetzt engagieren sich die Torhüter Jonas Ermes, Andreas Luthe und ihr Team für Integration in Ganztagsschulen.

Andreas Luthe und Jonas Ermes (v.l.) © Sarah Rauch

Online‐Redaktion: Sie haben 2015 das Projekt „In safe hands“ gegründet, unter dem Motto „Fußball ist mehr als 11 gegen 11. Es ist die Möglichkeit, Gesellschaft zu gestalten“. Wie kam es zur Gründung?

Jonas Ermes: 2009 habe ich bei der U17-Weltmeisterschaft in Nigeria selbst erlebt, dass Fußball ein tolles Medium ist, Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenzubringen. Als dann 2015 die Fluchtbewegung ihren Höhepunkt erreichte und tausende Kinder ihrer Kindheit beraubt wurden, wollte ich handeln. Mit Andreas Luthe vom VfL Bochum fand ich den richtigen Mitstreiter. Unsere Vision ist es, Sport und Bewegung zu fördern und gleichzeitig emotionale, soziale und interkulturelle Kompetenzen zu stärken. So möchten wir zu einem vorurteilsfreien und wertschätzenden Zusammenleben beitragen. Wir beide sind überzeugt, dass der Profifußball ein Zeichen setzen sollte, dass Menschen, die zu uns kommen, willkommen sind. Vielleicht können wir so andere mitnehmen.

Online‐Redaktion: Mit Ihrem Projekt „Bunter Ball“ wenden Sie sich gezielt an Ganztagsgrundschulen. Wie läuft das konkret ab?

Andres Luthe und Jugendliche beim Training
© Sarah Rauch

Ermes: Wir bieten unsere Arbeitsgemeinschaft bislang in sechs Ganztagsgrundschulen über vier Jahre, vom ersten bis zum vierten Schuljahr, einmal wöchentlich an. Das heißt, wir erleben die Schülerinnen und Schüler und ihre Entwicklung wöchentlich. In Herne und Bochum handelt es sich um Schulen im rhythmisierten Ganztag. Das hat den Vorteil, dass wir über diese lange Zeitspanne mit denselben Kindern, mit einer kompletten Klasse bereits im Vormittag arbeiten können und dass die Gruppen sich nicht ständig ändern.

Natürlich stehen Fußball, aber überhaupt Sport und Bewegung an erster Stelle. Wir spielen nicht nur Fußball, schließlich lassen sich nicht alle Kinder von dieser Sportart faszinieren. Doch hinter aller Bewegung stehen pädagogische Ziele. Die Stärkung des Individuums, des Gemeinschaftssinns, aber auch der Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber oder auch der Konzentrationsfähigkeit sind solche Ziele. Ein wesentlicher Schwerpunkt unserer Arbeit ist auch die Förderung des Umgangs mit Emotionen.

Online‐Redaktion: Können Sie ein Beispiel geben, wie dies in einer Arbeitsgemeinschaft gelingen kann?

„Überrascht“: Gefühlskarte beim Drachenreiten © Tim Kramer

Ermes: Die bekannten und im Sportunterricht oft eingesetzten Parcours-Läufe haben wir zu einer Geschichte ausgebaut. Sie spielt im kleinen Dorf „Draconis“. Alle Kinder wollen als Drachenreiterinnen und Drachenreiter mit den magischen Wesen in die Lüfte steigen. Dafür trainieren sie fleißig. Bevor sie einen Drachen fliegen können, müssen sie lernen, die Gefühle eines Drachen wahrzunehmen. Denn nur, wenn ein Drache glücklich ist, darf er fliegen. Die Kinder müssen als Kleingruppe den Parcours meistern, wir nennen ihn den „abenteuerlichen Weg“. An dessen Ende liegen sogenannte Gefühlskarten. Jeder Gruppe wird ein Gefühl zugeteilt, zum Beispiel „Euer Drache ist glücklich.“ Anschließend müssen die Kinder die Gefühlskarten einsammeln, die das ihnen zugeteilte Gefühl zeigen, zum Beispiel nur das glückliche Gesicht. Zum Abschluss des Spiels dürfen sie mit ihrem Drachen fliegen. Dazu spannen sie als Symbol für die Drachenflügel ein Tuch zwischen ihren Händen und rennen schnell durch die Halle.

Online-Redaktion: Was bewirkt das?

Ermes: Zum einen natürlich ganz viel Bewegung, die Geschicklichkeit und Motorik schult. Der Teamgeist wird ausgeprägt und das alles in einer Art Geschichte, ja fast schon einem Märchen. Daran haben die Kinder naturgemäß Freude. Der primäre Input besteht aber darin, dass wir die Fähigkeit fördern, Emotionen zu identifizieren, besonders auch die Emotionen anderer. So lernen die Schülerinnen und Schüler im Laufe der vier Jahre immer stärker einen empathischen und wertschätzenden Umgang mit ihrem Gegenüber.

Online-Redaktion: Unterscheiden sich die Arbeitsgemeinschaften von Jahrgang zu Jahrgang?

Porträtfoto Jonas Ermes
Jonas Ermes: „Vielleicht können wir so andere mitnehmen“© Sarah Rauch

Ermes: Wir können natürlich nicht jedes Jahr das Gleiche anbieten. Das würde zum einen langweilig, zum anderen würde es dem jeweiligen Entwicklungsstand nicht gerecht werden. Wir erhöhen die Anforderungen sowohl in den Bewegungsabläufen als auch in der Auseinandersetzung mit einem Thema. Während wir beispielsweise in den Jahrgangsstufen 1 und 2 den pädagogischen Zweck im Spiel eher verstecken und ihn nur in einer kleinen Reflexionsrunde am Ende der Stunde altersgerecht aufdecken, sprechen wir bei den Älteren die Ziele offen an. Dann beschäftigen sich die Schülerinnen und Schülern im gemeinsamen Austausch mit Fragen, wie sie das Spiel erlebt haben und welche Erkenntnisse sie für sich mitnehmen.

Online-Redaktion: Ihre Vision des Projekts umfasst auch Weltoffenheit, Verständnis für andere, Integration und Inklusion.

Ermes: Genau das erreichen wir doch verstärkt, wenn wir jungen Menschen ermöglichen, andere kennenzulernen, ihre Gefühle, Wünsche, Hoffnungen und Ängste ernst zu nehmen. Wir sind überzeugt, Sport bietet sich als Lernmethode dafür geradezu an. Je früher wir sie nutzen, desto besser. Auch deshalb bieten wir das Projekt „Bunter Ball“ bewusst in Ganztagsgrundschulen an.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung haben die Namen „In safe hands“ und „Bunter Ball“?

Seit der Gründung haben 1.800 Kinder teilgenommen© Sarah Rauch

Ermes: „In safe hands“ ist eng verbunden mit der Position, die Andreas und ich im Fußball bekleiden: der Torwart-Position. Da ist der Ball in sicheren Händen. In den Projekten wiederum sollen die Kids in sicheren Händen sein, indem sie eine unbeschwerte Zeit mit vielfältigen Lernimpulsen verbringen. Mit „Bunter Ball“ haben wir einen Namen gesucht, der kindgerecht ist und der die Vielfalt der Kinder, denen wir in den Klassen begegnen, und das Medium Sport widerspiegelt.

Online-Redaktion: Sie, die Initiatoren, sind keine Pädagogen. Wie sichern Sie die fachliche Qualität?

Ermes: Seit 2017 gehört Greta Tacke zu unserem Team. Sie hat Lehramt studiert und ihren Master im Bereich Internationale Sportentwicklung und -politik absolviert. Das Konzept „Bunter Ball“ hat sie in ihrer Masterarbeit entwickelt. Zudem werden wir vom Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln und vom Lehrstuhl für Erziehungshilfe und sozial-emotionale Entwicklung der Universität zu Köln wissenschaftlich begleitet. Unser Konzept wird also fortlaufend geprüft und optimiert.

Online-Redaktion: Gibt es schon Ergebnisse der Evaluation?

Kinder sitzen in einer Turnhalle im Kreis
Reflexionsrunde im Kreis der Freundschaft© Sarah Rauch

Ermes: Zur Evaluation durch die Sporthochschule Köln gehören umfassende Tests der Kinder in der Anfangsphase – hinsichtlich ihrer sozial-emotionalen Entwicklung sowie ihrer psychischen und physischen Gesundheit. Unter anderem wird der Umgang mit Stresssituationen gecheckt. Einen erneuten Test gibt es nach einer längeren Phase der Projektbeteiligung. Erste Ergebnisse zeigen, dass die Fähigkeit der Kinder, Emotionen der anderen zu identifizieren, deutlich gestiegen ist. Einschränkend muss man aber sagen, dass wir noch keine perfekte Vergleichsgruppe haben, sprich nicht hundertprozentig sicher sein können, welchen Anteil genau unser Projekt an dieser Entwicklung ausmacht.

Online-Redaktion: Um viele Ganztagsschulen erreichen zu können, benötigen sie viel qualifiziertes Personal.

Ermes: Das ist in der Tat die große Herausforderung. Wir bilden Übungsleiterinnen und Übungsleiter entsprechend aus und fort. Oft handelt es sich um Studierende, und nicht immer wird es möglich sein, dass sie vier Jahre an einer Schule aktiv sind. Auch deshalb denken wir darüber nach, eine Schulung für Mitarbeitende von Trägern des Ganztags zu entwickeln, vielleicht auch parallel eine etwas kleinere Version unseres doch sehr komplexen Projektes.

Online-Redaktion: Wie finanzieren Sie das Projekt?

© Sarah Rauch

Ermes: Da es sich um ein Präventionsprojekt handelt, konnten wir bislang eine Betriebskrankenkasse, die BKK ProVita, als Unterstützer gewinnen. Im Moment sprechen wir auch mit anderen Kassen und mit Stiftungen aus dem Bereich Sport.  Die Arbeitsgemeinschaften selbst finanziert der Träger des Ganztags. Bislang handelt es sich in allen Fällen um die Arbeiterwohlfahrt (AWO). Sie hat uns auch an der Bochumer Grundschule Auf dem Alten Kamp die Türen geöffnet. Dort lief unser Pilotprojekt.

Online-Redaktion: Ein Jahr Pilotphase ist vorüber, wo sehen Sie den „Bunten Ball“ beim ersten kleinen Jubiläum – in vier Jahren?

Ermes:  Zum einen werden wir dann mit unseren beiden Pilotklassen den gesamten Grundschulzeitraum durchlaufen und dann richtig aussagekräftige Evaluationsergebnisse vorliegen haben. Zum anderen erhoffe ich mir, dass unser Projekt bis dahin in weitere Städte hineingewachsen ist und sich uns über eine Multiplikatorenschulung weitere Träger angeschlossen haben werden.

 

Zur Person:
Jonas Ermes, Jg. 1992, ist seit Juni 2016 Vorsitzender des Vereins In safe hands e. V. Als Torwart spielte er von 2008 bis 2019 u.a. für den VfL Bochum und Alemannia Aachen. Er absolvierte ein Bachelor-Studium „Management and Economics“ an der Ruhr-Universität Bochum und die Weiterbildung zum CSR (Corporate Social Responsibility)-Manager. 2015 gründete er mit Profi-Torwart Andreas Luthe vom FC Augsburg, mit dem er beim VfL Bochum zusammengespielt hatte, den Verein In safe hands e. V.

Neben dem Projekt „Bunter Ball“ führt In safe hands die Projekte „Fremd wird Freund“ in Augsburg, „Integrationsschule“ mit weiterführenden Schulen in Bochum und Herne sowie das Projekt der politischen Bildung zu Flucht, Vielfalt und Integration „Schuldialog“ für Viertklässler durch. Für Letzteres wurden in Zusammenarbeit mit dem Fanprojekt Wuppertal und unterstützt vom Ministerium für Kinder, Familie und Flüchtlinge NRW auch Unterrichtsmaterialien entwickelt.

 

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