Bestmöglich fördern im gebundenen Ganztag

Mit Zirkus Dobbelino ist die Schule am Budenberg in Haiger (Lahn-Dill-Kreis) spektakulär ins Schuljahr gestartet. Die ausgezeichnete Berufsorientierung, der Wahlpflichtunterricht und Kooperationen zeichnen die Schule aus.

Die Schulleitung: Stefanie Fiedler, Silvia Fladerer, Marko Best und Sebastian Pulfrich© Redaktion

Das Schuljahr war gerade mal drei Wochen alt, da gab es in der Schule am Budenberg schon Zirkus – und zwar einen, „von dem unsere Schülerinnen und Schüler noch lange zehren werden“, wie Schulleiterin Silvia Fladerer meint.

Auf einer Wiese in der Nähe des Schulgeländes schlug der Zirkus Dobbelino aus Braunschweig für eine Woche sein Zelt auf. Die gesamte Schulgemeinschaft half bei tropischen Temperaturen mit, das Zelt für rund 400 Zuschauerinnen und Zuschauer aufzubauen. „Das hat fünfeinhalb Stunden gedauert und uns buchstäblich zusammengeschweißt“, erzählt Sebastian Pulfrich, der Leiter der Grund- und Mittelstufe, augenzwinkernd.

Die Aktion kann man laut Silvia Fladerer aber auch als Sinnbild für die Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen sehen: „Unsere Schule lebt von vielen engagierten Kolleginnen und Kollegen, Erzieherinnen, der Sozialarbeiterin an Schulen, sowie den Eltern und vielen Kooperationspartnern. Sie alle arbeiten daran, den Kindern und Jugendlichen eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen!“

1.000 Besucher im Zirkuszelt

Aufbau des Zirkuszelts
50 fleißige Helfer bauen das Zirkuszelt auf© Schule am Budenberg

Eine Woche lang übten die Zirkuspädagogen vom Dobbelino mit den Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 2 bis 10 Kunststücke und Akrobatik ein. Manche Schülerin und mancher Schüler entdeckte Talente, die sonst wohl verborgen geblieben wären – sei es als Tellerdreher, Fakir oder Feuerschlucker. Lehrerinnen und Lehrer staunten aber auch über einen Jugendlichen, „der ganz wunderbar mit Zweitklässlern zusammengearbeitet hat“, berichtet Marko Best, der stellvertretende Schulleiter. „Das war toll, da hat er eine ganz andere Seite von sich zeigen können.“

Begeistert waren dann am Freitag erst recht 260 Kinder der Haigerer Grundschule und Kindergärten aus der Umgebung, die der Generalprobe beiwohnen konnten. Am Samstagnachmittag und -abend klatschten jeweils die Zuschauerinnen und Zuschauer in zwei ausverkauften Vorstellungen Beifall. Insgesamt sahen also rund 1.000 Besucherinnen und Besucher die Nachwuchsartisten – in einer Stadt mit etwa 19.000 Einwohnern.

Beim Üben für die Aufführung traten verborgene Talente zutage© Schule am Budenberg

„Wir liegen hier zwar am Ortsrand, aber wir sind keine Schule am Rand der Gesellschaft“, betont Sebastian Pulfrich, „sondern ein fester Bestandteil des Stadtlebens in Haiger. Nicht nur durch solche Projekte, sondern auch dank unserer zahlreichen Partnerschaften. Wir kooperieren mit einem Seniorenheim, Institutionen der Berufsbildung wie der Berufsschule in Dillenburg und den Firmen und Unternehmen vor Ort. Mit den Grundschulen wollen wir die Zusammenarbeit noch intensivieren. Und wenn 2022 hier in Haiger der Hessentag stattfinden wird, werden wir auch mitmischen.“

Dritte Zertifizierung für die Berufsorientierung

An der Schule am Budenberg lernen rund 120 Schülerinnen und Schüler von der 1. bis zur 10. Jahrgangsstufe. Darunter sind auch Kinder und Jugendliche mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung. 27 Lehrerinnen und Lehrer, fünf Erzieherinnen, eine Schulsozialarbeiterin, zwei FSJler gehören zum Kollegium, das in dem 2015 grundsanierten Gebäude arbeitet. Dazu kommen noch für die Therapien zwei Logopädinnen, zwei Ergotherapeutinnen und zwei Physiotherapeutinnen.

Zwei FSJlerinnen in der Schulküche
Die FSJlerinnen bereiten das tägliche Frühstücksbuffet© Schule am Budenberg

Zusätzlich arbeiten noch 55 Lehrkräfte im Beratungs-und Förderzentrum (BFZ) in der inklusiven Beschulung und fördern Schülerinnen und Schüler mit Anspruch auf sonderpädagogische Förderung. Sie unterstützen, beraten und arbeiten auf Augenhöhe mit Kolleginnen und Kollegen, Schulleitungen und Eltern in 33 Grundschulen und zehn weiterführenden Schulen.

„Wir sind froh, dass sich viele allgemeine Schulen dem Auftrag der Inklusion angenommen haben und viele Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen sonderpädagogischen Ansprüchen erfolgreich fördern. Wir stehen als Schule am Budenberg mit unseren Unterstützungsleistungen des regionalen Beratungs- und Förderzentrums für eine intensive Weiterentwicklung und den Ausbau dieser inklusiven Beschulung!“, erläutert Silvia Fladerer.

Die Schülerinnen und Schüler im Förderschwerpunkt Lernen können den sogenannten Berufsorientierten Abschluss erwerben und damit in weiterführenden Einrichtungen oder Bildungsgängen zur Berufsvorbereitung den Hauptschulabschluss erlangen oder sofort einen Beruf ergreifen. Seit 2009 besteht eine Kooperation mit der Johann-Textor-Schule, einer Kooperativen Gesamtschule mit Ganztagsangebot, in der Hauptschulabschluss erworben werden kann. In den letzten Jahren waren dies jährlich rund 50 Prozent der Abgängerinnen und Abgänger.

Von der Qualität der Berufsorientierung an der Schule am Budenberg zeugen gleich am Eingang zum Verwaltungsgebäude zwei Plaketten mit dem OloV-Gütesiegel. OloV steht für „Optimierung der lokalen Vermittlungsarbeit im Übergang Schule–Beruf“ und wird seit einigen Jahren vom Hessischen Kultusministerium für ein „vorbildlich handlungsorientiertes, fächerübergreifendes und arbeitsweltbezogenes Konzept“ verliehen. Die Schule am Budenberg hat es bereits 2013 und 2017 erhalten – und die nächste Rezertifizierung steht in einer Woche an. „Wir bekommen unsere dritte Plakette am 11. September in Frankfurt“, freut sich Ganztagskoordinatorin Stefanie Fiedler, die zugleich Leiterin der Berufsorientierten Stufe ist.

„Die Firma“ und Schulhund Michel

„Wir sind als kleine Schule hier eine große Familie“© Schule am Budenberg

Ein Standbein der Berufsorientierung ist seit 2007 „Die Firma“. Bis zu 14 Schülerinnen und Schüler aus der 9. und 10. Jahrgangsstufe arbeiten in der Schülerfirma – in den Montage-, Konfektionierungs- und Verpackungssparten sowie in der Auftragsabwicklung für die heimische Industrie. Jedes Jahr haben die Jugendlichen zwei Jahre lang zwölf Unterrichtsstunden in der Woche, vier Stunden Wahlpflichtunterricht (WPU) und arbeiten 25 Stunden in einem angemieteten externen Gebäude für die heimischen Firmen, um ihre beruflichen Handlungskompetenzen zu erweitern und auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können.

Seit 2016 ist die Schule am Budenberg auch Ganztagsschule, und zwar im Profil 3. Das heißt, sie bietet einen gebundenen Ganztag an vier Wochentagen von 8.15 bis 15.10 Uhr an. Alle Klassen der Mittel- und Berufsorientierungsstufe werden montags, mittwochs und freitags komplett im Klassenverband unterrichtet. Dienstags und donnerstags findet nachmittags der Wahlpflichtunterricht statt. Das WPU-Angebot reicht von Bogenschießen und dem Waldlehrpfad über die Schulband und Graffiti bis zum „Tierisch guten Umgang mit Hunden und anderen Tieren“, bei dem Schulhund Michel ins Spiel kommt. Die Schülerinnen und Schüler der Grundstufe nehmen am Wahlpflichtunterricht noch nicht teil, sondern wählen eigene Angebote.

Bepflanzte Traktor-Reifen
Die Schulgarten-AG war in Aktion© Schule am Budenberg

Das große Außengelände mit öffentlichem Spielplatz, der Schulgarten, das Kleinfußballfeld, die auch für Pausenangebote geöffnete Turnhalle, die Bücherei, der Werk- und Friseurraum für das Berufskundeprojekt in der 8. Klasse, die Ruhezonen, die Forscherwerkstatt im Bauwagen, der Rückzugsraum mit Matten und Boxsack sowie die Therapieräume laden zu den unterschiedlichsten Aktivitäten ein. Oder auch einfach nur zum Ausruhen, was besonders für die Grundstufenschülerinnen und -schüler noch wichtig ist.

Fest eingebunden in den Ganztag, beispielsweise mit Angeboten in den Pausen, im Wahlpflichtunterricht und in einer Kooperation mit dem Haigerer Jugendtreff, ist Schulsozialarbeiterin Angela Schlösser. Sie ist bei der Caritas angestellt und mit einer halben Stelle an der Schule am Budenberg tätig, mitfinanziert durch den Förderverein der Schule, und bietet unter anderem genderspezifische Angebote an.

Ganztag: Autonomie mit Überblick

© Schule am Budenberg

„Der Ganztag ermöglicht uns vor allem eine sehr freie und flexible Ausgestaltung des Tages ganz nach den individuellen Bedürfnissen unserer Schülerschaft“, meint Marko Best. „Mit der Einführung des Profils 3 hat wirklich ein Umdenken in der Tagesstruktur begonnen. Wir können jetzt noch flexibler auf die Schülerinnen und Schüler eingehen und ihnen gerecht werden.“ Klassenteams und Stufenteams entscheiden jeweils selbstständig, wie sie Unterrichtsinhalte zeitlich strukturieren, ob sie fächerübergreifendes Arbeiten, Projekte, Übungszeiten, freies Spiel oder individuelle Fördermaßnahmen ansetzen. Best fügt hinzu: „Zusammen mit den Eltern und der Schulsozialarbeiterin nehmen wir auch die Erziehungsverantwortung noch stärker wahr. Uns leitet immer die Frage: Wie können wir bestmöglich fördern?“

In der Grund- und Mittelstufe gelingt dies unter anderem mit den sogenannten Büroklassen. Hier besitzt jede Schülerin und jeder Schüler einen Arbeitsplatz, an dem auch Fotos von Familie und Freunden hängen dürfen. In den Schubladen liegen Arbeitsmaterialien, die individuell auf das Lernniveau abgestimmt sind. „Die Schülerinnen und Schüler profitieren sichtlich von dieser Methode“, hat Sebastian Pulfrich beobachtet. Bei aller Autonomie der Klassen und Stufen geht der Überblick nicht verloren. Dafür sorgen die regelmäßigen Treffen des Schulleitungsteams um Schulleiterin Silvia Fladerer einmal in der Woche und die Stufenkonferenzen im Wechsel mit den Gesamtkonferenzen. Die Schülerinnen und Schüler partizipieren demokratisch über die Klassenräte ein. Außerdem bestimmen sie die WPU-Angebote mit.

„Wir sind als kleine Schule hier eine große Familie“, beschreibt Ganztagskoordinatorin Stefanie Fiedler die „tolle Atmosphäre“ an der Schule am Budenberg. „Wir nehmen das manchmal gar nicht mehr selbst wahr. Aber wenn Besucher kommen, dann hören wir immer, wie aufgeschlossen und freundlich unsere Schülerinnen und Schüler sind. Zuletzt erst sagte das eine der Zirkuspädagoginnen. Der gute Umgang miteinander hat uns schon immer ausgemacht.“ Selbst wenn Zirkus ist.

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