Ein Tag im Leben einer Schulleiterin: Iris Lehmann

Als Lehrerin hatte sie sich gefragt: Was machen die den ganzen Tag? Jetzt weiß sie es. In der Reihe „Ein Tag im Leben einer Schulleiterin“ berichtet Iris Lehmann aus ihrem Alltag an der Heinrich-Heine-Schule Gadebusch.

© Stadt Gadebusch

Online-Redaktion: Frau Lehmann, wie sah Ihr gestriger Schultag aus?

Iris Lehmann: Ich fange morgens um 7 Uhr an, um noch bis halb acht etwas Ruhe zu haben. Es warten ganz viel Organisation, ganz viele E-Mails, gerade jetzt zum Schuljahresanfang. Meine Tür steht immer offen, und den ganzen Tag über stecken Kolleginnen und Kollegen, die Fragen haben, den Kopf herein. Ein ungeplantes Elterngespräch kam hinzu: Eine Mutter hat ihren Sohn an eine andere Schule gegeben, aber nach drei Tagen hat der Junge festgestellt, dass das nichts wird, und möchte wieder zurück. Da müssen wir sehen, ob und wie das möglich ist.

Dann bin ich zu unserem zweiten Standort, unserer Grundschule in der Innenstadt gefahren, um dort mit der Koordinatorin den Einsatzplan zu besprechen, weil es da auch noch Veränderungen gegeben hat. Danach folgte nur noch Büroarbeit, denn ich hatte gestern keinen Unterricht. Trotz der vielen Vorarbeiten, die ich schon mit Kolleginnen und Kollegen während der letzten beiden Ferienwochen erledigt hatte, um dann nicht so ins Schuljahr hineingeworfen zu werden, kommt immer noch genug zusammen. Zum Beispiel organisatorische Fragen und Informationen vom Schulamt.

Iris Lehmann an ihrem Schreibtisch
Schulleiterin Iris Lehmann: „Meine Tür steht immer offen“© Redaktion

Das Postfach ist jeden Tag unglaublich voll mit Anfragen, und da muss man eine Auswahl treffen, worauf man überhaupt reagieren kann und will. Dass wir als Schule erzieherische Aufgaben übernehmen, ist ja klar. Vielseitigkeit finde ich gut, und es gibt viele Fragen, die vielleicht heute anders beantwortet werden müssen als noch vor 30 Jahren. Aber ab einem bestimmten Zeitpunkt müssen wir uns auch fragen: Wo bleibt dann die Bildung? Es kann nicht alles, was früher in Familien verortet war, in die Schule geholt werden.

Online-Redaktion: In welchen Bereichen arbeiten Sie besonders gerne?

Lehmann: Ich unterrichte nach wie vor sehr gerne. Der Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern ist mir sehr wichtig. Aus meiner Erfahrung ist es wichtig, dass sie dich auch im Unterricht erleben, denn ansonsten erleben sie dich als Schulleiterin oft nur reglementierend, weil sie meistens nur in mein Büro kommen, wenn es Probleme gibt. Wenn ich ihnen dagegen im Alltag auch als Lehrerin begegne, ergibt sich eine andere Beziehung.

Grundsätzlich reizt es mich – das Wort „Vision“ finde ich immer ein bisschen hochgestochen –, dass man versucht, Schule gemeinsam mit dem Kollegium zu prägen. Das gelingt nie von heute auf morgen, aber es ist schön, Elemente, die einem selbst und den Kolleginnen und Kollegen wichtig sind, zu verwirklichen. Das schweißt Schulleitung und Kollegium auch zusammen.

© Heinrich-Heine-Schule

Ein besonderer Moment ist jedes Jahr die Vergabe der Abschlusszeugnisse. Da gibt es viele Schülerinnen und Schüler, bei denen du jahrelang mitgefiebert hast und manchmal Zweifel hattest, ob sie es schaffen. Und dann stehen sie da strahlend mit ihren Zeugnissen. Später triffst du sie dann in der Stadt, sie haben eine Lehre begonnen, stehen im Beruf, haben Familien gegründet, haben selbst Kinder. Sie sind ihren Weg gegangen. Mit Hilfe ihrer Eltern, aber auch wir als Schule haben dazu beigetragen. Mit den Jahren habe ich die innere Überzeugung gewonnen, dass die meisten unserer Schülerinnen und Schüler ganz tolle Menschen mit tollen Familien sind.

Online-Redaktion: Wie sind Sie Schulleiterin geworden?

Lehmann: Ich habe 1982 mein Studium an der Universität Greifswald mit dem Diplom beendet und dann als Lehrerin in Greifswald gearbeitet. Die „Wende“-Zeit habe ich als Lehrerin in Wismar erlebt, wo ich bis 1996 gearbeitet habe. Ich habe mich schon immer für Strukturen in der Schule interessiert, und ich habe mich in Gruppen – damals nannte man das noch nicht Schulentwicklungsgruppen – eingebracht. Ich habe auch immer schon gerne Ideen mit Eltern umgesetzt. Da war der Schulförderverein eine gute Möglichkeit, in denen ich als Schulvertreterin engagiert war.

Atrium der Heinrich-Heine-Schule
Atrium© Heinrich-Heine-Schule

Ich habe zwei unterschiedliche Schulleiterinnen erlebt, die mich beide durch ihre strukturierte Arbeitsweise beeindruckt haben. Sie haben immer versucht, die Kolleginnen und Kollegen zu motivieren, mehr für die Schule zu tun, als nur ihren Unterricht zu halten. Beide haben mich in meinen Interessen unterstützt und mir Mut gemacht, mich auf die Schulleitungsposition vorzubereiten. Vom Land gab es die sogenannte Führungskräfte-Qualifizierung mit vier Terminen pro Jahr, die ich 2003 mitgemacht habe. 2005 habe ich mich dann an drei Schulen als Schulleiterin beworben und zum 1. Mai 2006 hier in Gadebusch angefangen.

Online-Redaktion: Können Sie sich noch an Ihre ersten Monate erinnern?

Lehmann: Es war am Anfang schon überwältigend. Ich habe doch gar nicht gewusst, wie viel Bürokratie hinter diesem Schreibtisch herrscht. Früher hab ich mich als Lehrerin gefragt: Was machen die den ganzen Tag? Jetzt weiß ich es: Nonstop von 7 bis 15 Uhr Anrufe, Statistiken, Tabellen ausfüllen, Mails, Besprechungen, unvorhergesehene Probleme. Ohne eine gute Schulsachbearbeiterin, die selbstständig arbeitet, würde man untergehen. Manchmal nehme ich mir mein Mittagessen mit und komme nicht dazu.

© Heinrich-Heine-Schule

Damals hatte ich aber großes Glück: Einer der beiden Stellvertreter hat mich im ersten Halbjahr eingearbeitet. Wir haben hier zu zweit gesessen, und wenn ich eine Frage hatte, habe ich einfach zu seinem Schreibtisch rübergerufen. Wenn ich das nicht gehabt hätte... Das hat mir sehr geholfen. Ich musste die Wege und die Abläufe verstehen lernen und den richtigen Ton gegenüber den Kolleginnen und Kollegen finden. Was aus dem Kollegium zu dir dringt, kannst du als Empfehlung nehmen, aber entscheiden musst du schon selbst.

Online-Redaktion: Sie haben auch die Ganztagsschule mit geprägt?

Lehmann: Ich habe mich 2006 der Schulgemeinschaft mit dem Plan vorgestellt, dass wir gebundene Ganztagsschule werden. Damit wollte ich beginnen, und wenn, dann richtig. Die offene Ganztagsschule fand ich halbherzig, und aufgrund der starren Busfahrzeiten bot sich der gebundene Ganztag bis 15.30 Uhr an. Das haben viele skeptisch gesehen, und die Abstimmung in der Schulkonferenz fiel knapp aus, aber es hat gereicht.

In den ersten zehn Jahren haben wir dann viel experimentiert und zum Beispiel ganz häufig die Zeitraster verändert. Auch das Essen musste organisiert werden. Da kam die Idee auf, im Foyer oder gar im Keller zu essen, wogegen ich strikt war. Mit IZBB-Mitteln haben wir dann eine Mensa bekommen. Besonders im Bereich der Hausaufgaben war es ein langer Prozess. Manche Kolleginnen und Kollegen hingen wie an einem alten Zopf an ihren Hausaufgaben, obwohl alle schimpften, dass die Hausaufgaben nicht gemacht würden und welcher Aufwand es sei, zu kontrollieren. Heute nehmen die Schülerinnen und Schüler keine schriftlichen Aufgaben mehr mit nach Hause, sondern erledigen individuell zugeschnittene Aufgaben in den Lernzeiten.

Online-Redaktion: Warum waren Sie für die gebundene Ganztagsschule?

Schülerinnen und Schüler im Unterricht
„Klasse mit Köpfen“: Anti-Mobbing-Training in Klasse 2 © Heinrich-Heine-Schule

Lehmann: Wir bleiben beim Thema – Hausaufgaben. Das ist für mich ganz wichtig gewesen, hier etwas zu ändern, weil es so viel Zeit und unnötige Energie gefressen hat. Hausaufgaben waren ständig ein Thema, und jeder hat vergeblich versucht, das anders in den Griff zu bekommen. In unserer Ganztagsschule können die Schülerinnen und Schüler in den zusätzlichen Lernzeiten nun viel besser und effektiver üben und vertiefen. Montags gibt es zudem Nacharbeitszeiten, in denen die Jugendlichen das bearbeiten, was sie eventuell in den Lernzeiten nicht geschafft haben. Auch das ermöglicht der Ganztag. Sowohl für die Kollegen als auch für die Schüler ist das eine große Entlastung.

Eine zweite Sache sind die Angebote, die wir auch mit Hilfe von Kooperationspartnern anbieten. Unsere Schülerinnen und Schüler können hier künstlerische und sportliche Sachen machen, die sie ohne die Ganztagsschule nicht wahrnehmen könnten. Das ist eine Tatsache. Ich finde es auch gut, dass sie ihre Lehrerinnen und Lehrer als AG-Leiter von einer anderen Seite erleben, und umgekehrt. Ein Kollege bietet seit Jahren eine Skat-AG an. Da ist es was anderes, wenn ich ihn da im Spiel schlage, weil ich es so gut gelernt habe, als wenn ich ihn nur als Lehrer kenne, der vorne steht. Schülerinnen und Schüler haben bei uns auch schon selbst AGs geleitet, beispielsweise in einer Tanz-AG ihren jüngeren Mitschülern Tänze beigebracht. Wir nutzen die zusätzliche Zeit auch für Förderangebote wie den Mathe-Club. So was kann man im Unterricht nicht anbieten, das geht nur im Ganztag.

Online-Redaktion: Was stresst Sie im Berufsalltag?

Die neue Sporthalle soll im Sommer 2020 eröffnen© Heinrich-Heine-Schule

Lehmann: Stress empfinde ich immer dann, wenn eigentlich klare Absprachen wieder als Fragen zu mir zurückkommen. Das ist Zeitverschwendung. Gerade müssen wir eine Vertretung regeln, was mir auch immer Stress verursacht. Nicht angenehm sind die zunehmenden Anfragen des Schulamtes oder seitens des Landes, wenn beispielsweise Kleine Anfragen gestellt worden sind – und das muss dann immer ganz schnell gehen. Dass ich hier inzwischen eine Fachkraft für Verwaltungsrecht bin, war so nicht abzusehen, und darauf hat mich ja auch niemand vorbereitet. Aber die positiven Momente überwiegen.

Online-Redaktion: Welches Selbstverständnis haben Sie als Schulleiterin?

Lehmann: Ich fand es früher schade, dass man als Lehrkraft kaum Kontakt zur Schulleitung hatte – „Gehe nicht zum Fürst, wenn du nicht gerufen wirst.“ Das wollte ich anders machen. Hier gibt es keine Berührungsängste. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Entscheidungen immer am besten tragen, wenn ich sie nicht alleine gefällt habe. Man wird nie mit allen einen Konsens erreichen, aber zwei Drittel sollte man schon für seine Ideen gewinnen und daher vorab gemeinsam diskutieren, nicht anordnen, sondern erklären. Lehrerinnen und Lehrer sind nun mal sehr individuell, aber bei der Größe einer Schule wie unserer geht das nicht anders, das müssen wir uns auf bestimmte Grundsätze und Abläufe einigen. Wenn ich mal nicht da bin, läuft der Laden wie gewohnt weiter. Wenn das so ist, hat man, glaube ich, auch was richtig gemacht.

Online-Redaktion: Ihre Schule ist Mitglied im Ganztagsschulnetzwerk Mecklenburg-Vorpommern. Was nehmen Sie daraus mit?

Lehmann: Die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ ist auf uns zugekommen, denn so viele Ganztagsschulen gab es damals noch nicht. Unsere Ganztagsschulkoordinatorin hat sich bereiterklärt, sich mit mir dort einzubringen. Seitdem stehen wir mit dem Gymnasium Neukloster, mit der Regionalen Schule Banzkow und mit der Siemens-Schule Schwerin im Kontakt und organisieren uns inzwischen alleine. Wir suchen uns Themen, die für uns interessant sind, und dann tauschen wir uns dazu aus. Wir haben unheimlich viel aus diesem Austausch mitgenommen, und vor allem gesehen, dass auch Rückschläge dazu gehören.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

In der Reihe „Ein Tag im Leben eines Schulleiters“ berichten auf www.ganztagsschulen.org seit 2006 regelmäßig Schulleiterinnen und Schuleiter von Ganztagsschulen verschiedener Schularten und Regionen von ihrem Alltag. Alle Interviews finden Sie in der Rubrik „Schulleitung und Schulmanagement“.

 

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