Serviceagentur Schleswig-Holstein: „Ganztag“ ist kein Beiboot

Ricardo Grams leitet die Serviceagentur „Ganztägig Lernen“ Schleswig-Holstein. Im Interview bilanziert er die bisherige Arbeit, zu der ein Referenzschulnetzwerk gehört, und erläutert neue Konzepte und Anforderungen.

Ricardo Grams: „Nicht Beiboot, sondern Kreuzfahrtschiff“ © Andi Weiland/DKJS

Online‐Redaktion: Herr Grams, bis 2022 sollen alle Grundschulen in Schleswig‐Holstein ein verlässliches Ganztagsangebot unterbreiten. Wieviel Arbeit bereitet Ihnen das Vorhaben des Landes?

Ricardo Grams: Bevor ich Ihre Frage beantworte, möchte auf eine sprachliche und nur oberflächlich unwichtig erscheinende Formulierung hinweisen: An vielen Schulen lautet der Sprachduktus, dass die Offene Ganztagsschule am Nachmittag stattfindet. Wir sprechen bewusst nicht davon, dass Schulen „einen Ganztag haben“, sondern dass sie Ganztagsschulen sind.

Online‐Redaktion: Sorry, warum ist Ihnen diese Formulierung wichtig?

Grams: Wir möchten damit noch stärker das Bewusstsein dafür schärfen, dass Ganztag eben nicht nur bedeutet, nachmittägliche Betreuungsangebote zu unterbreiten, sondern dass Ganztag Teil des Schulprogramms sein soll.

Wir hier im Norden an der See nutzen gerne folgenden Vergleich: Schulleitungen sehen häufig den Unterricht am Vormittag als Schlepper und den Nachmittag als Beiboot, das schon einmal außer Acht gerät. Wir möchten, dass aus diesem Kahn ein Kreuzfahrtschiff wird, in dem Vor‐ und Nachmittag strukturell, inhaltlich und personell verzahnt sind, die dort tätigen unterschiedlichen Professionen an einem Strang ziehen und auf dem sich alle wohlfühlen, Schülerinnen und Schüler ebenso wie Erwachsene. Dafür gibt es im Land bereits sehr viele gute Beispiele. Jedoch gibt es auch Schulen, die diesbezüglich noch ein Entwicklungspotenzial haben. Das Bild vom Kreuzfahrtschiff öffnet für unsere Vorstellung von Ganztagsschulen die Augen.

Gruppenfoto der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Schleswig-Holstein
Team der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Schleswig-Holstein © Serviceagentur

Online‐Redaktion: Wie werden Sie Grundschulen beim Aufbau eines Ganztagsangebots unterstützen?

Grams: Es gibt gar nicht mehr so viele Grundschulen ohne ein entsprechendes Angebot. Für diese rund 30 Schulen, aber auch für die 166 Schulen mit Betreuungsangeboten in der Primarstufe und für alle weiteren Schularten entwickeln wir gemeinsam mit dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein ein zweistufiges Unterstützungsinstrument. Ein Flyer soll alle relevanten Informationen für einen erfolgreichen Start als Ganztagsschule beinhalten. Zugleich arbeiten wir an einem Unterstützungs‐ und Begleitungsangebot für die Phasen vor und nach der Genehmigung als Offene Ganztagsschule. Beides erfordert einen besonderen Einsatz aller Beteiligten.

Online‐Redaktion: Die Kongresse „Ganztag zwischen den Meeren“ belegen, wie sehr eine zweite seit Jahren von der Serviceagentur gesteuerte Initiative wirkt: die Referenzschulnetzwerke. Sind Netzwerke ein Erfolgsrezept?

Landeskongress „Ganztag zwischen den Meeren“ © Jörg Asmus-Wieben

Grams: Ohne Frage. Dieser Austausch ist für die Schulen überhaupt nicht mehr wegzudenken. Über den Tellerrand zu schauen, hat die Arbeit vieler Ganztagsschulen befruchtet. Und es sind ganz nebenbei enge Kontakte, ja Freundschaften gewachsen, von denen die Schulen und damit am Ende die Schülerinnen und Schüler profitieren. Aktuell läuft die Ausschreibung eines neuen Referenzschulnetzwerkes.

Online‐Redaktion: Gibt es Veränderungen?

Grams: Bislang starteten die Netzwerke erst einmal ohne konkrete Themenvorgaben. Zuletzt waren es 24 Ganztagsschulen. Sie entwickelten im Netzwerk und an ihrer Schule eine Projektidee weiter und setzten diese als schulisches Entwicklungsvorhaben um. In diesem Jahr stehen drei Themen der Qualitätsentwicklung im Fokus. Wir werden uns mit der Verzahnung von Unterricht und den Angeboten am Nachmittag, mit einer kreativen Raum‐ und Flächennutzung und mit den Strukturen für Kooperation und Partizipation beschäftigen.

Diese Themen haben nach so vielen Jahren Ganztagschulentwicklung noch immer nicht an Aktualität verloren und sind zentrale Entwicklungsfelder für die Schulen. Das Ziel ist, innovative Ansätze und Wege für die mit jedem Thema verbundenen Herausforderungen modellhaft zu entwickeln und zu erproben. Wir haben jetzt schon gute Beispiele dafür im Land, brauchen aber weitere mit unterschiedlichen Ansätzen und hoher Qualität, von denen die Schulen gegenseitig lernen können. Die Serviceagentur sorgt dafür, dass die relevanten Erfahrungen und Ergebnisse auch sichtbar werden.

Gruppenfoto des Referenzschulnetzwerks 2017/2018 in Bad Segeberg
Das Referenzschulnetzwerk 2017/2018 in Bad Segeberg © Jörg Asmus-Wieben

Online‐Redaktion: Sie bieten seit 2005 zahlreiche Fortbildungen, Qualifizierungen und Beratungen an. Wie unterscheiden sich die Inhalte damals und heute?

Grams: Der Phase der Pionierarbeit, in der Schulen experimentiert haben, in der sie Kooperationspartner gesucht oder überlegt haben, wie beispielsweise Rhythmisierung gelingen könnte, ist eine Zeit der Konsolidierung und klaren Ganztagskonzepte gefolgt. Aktuell geht es bei der Qualitätssteigerung sehr stark darum, wie eine Ganztagsschule kind- und jugendgerecht mit guter Qualität arbeiten kann. Wir werden zurzeit besonders dann angefragt, wenn es etwa um die Überarbeitung bestehender Konzepte, die Qualifizierung des Personals oder eine geschickte Raumnutzung geht.

Online‐Redaktion: Welche Bedeutung hat das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen?

Grams: Man könnte sagen: Synergien, Synergien, Synergien. Die Ganztagsschulen profitieren vom jeweiligen Fachwissen, dem regelmäßigen Erfahrungsaustausch und dem dichten „Dransein“ an aktuellen Themen und Entwicklungen.

Grund- und Gemeinschaftsschule Boostedt im Landkreis Bad Segeberg © Schule Boostedt

Online‐Redaktion: Wie sieht es in Schleswig‐Holstein mit Qualitätsstandards für Ganztagsschulen aus?

Grams: Wir geben, unter anderem mit unserer Handreichung „Impulse für Qualität“, wichtige Hinweise zur Qualitätsentwicklung. Allgemeingültige Standards können aber auch Vielfalt und Kreativität einschränken, denn Qualität entsteht vor Ort, ganz konkret in den Aushandlungsprozessen mit allen Beteiligten. Wir begrüßen es durchaus, dass wir eine vielfältige Ganztagsschullandschaft erleben. Sie spiegelt am Ende auch die Heterogenität der Schulgemeinden und die unterschiedlichen Ausgangspositionen wider. Natürlich braucht es auch verlässliche Rahmenbedingungen, Kontinuität und Zeit. Das Thema Standards haben inzwischen die Schulträger für sich entdeckt.

Online‐Redaktion: Inwiefern?

Grams: Viele haben die Ganztagsschule als deutlichen Standortfaktor erkannt. Auch in den Jugendämtern einiger Kommunen ist die Ganztagsschule in den Fokus gerückt. Man nimmt Strategien zur aktiven Einbindung der Kinder‐ und Jugendarbeit in die Qualitätsentwicklung und die Arbeit von multiprofessionellen Teams gezielt in den Blick. Es wird immer stärker analysiert, wie Schulträger ihre Ganztagsschulen ausstatten und unterstützen müssen, um qualitativ hochwertige Angebote zu entwickeln.

Schülerinnen und Schüler in der Aula
„Ganztagsschule als Standortfaktor“: Klaus-Groth-Schule Tornesch © Britta Hüning

Insbesondere Lübeck, Flensburg und Norderstedt gehören zu diesen Kommunen. Allerdings besteht so auch das Risiko, dass es zu Ungleichgewichten in der Qualität zwischen Schulträgern, die sich entsprechende Ausgaben leisten, und solchen, die es eben nicht können, kommen kann. Grundsätzlich ist es zu begrüßen, dass sich Schulen und Schulträger regional auf Standards verständigen beziehungsweise in Entwicklungsprozesse eingetreten sind.

Online‐Redaktion: Sie nennen drei Städte – gibt es da eine Diskrepanz zwischen Städten und dem ländlichen Raum?

Grams: Durchaus. Wir spüren den Unterschied auch bei unserer täglichen Arbeit. In den Ballungsgebieten sind wir sehr bekannt. Aber in manchen Landstrichen wie etwa der Westküste werden wir deutlich weniger wahrgenommen.

Online‐Redaktion: Wie erklären Sie sich das?

Grams: Wir haben das noch nicht evaluiert. Es fällt uns nur auf. Aber wir werden künftig unser Augenmerk verstärkt auf den ländlichen Raum richten, denn als zentrale Bildungs- und Begegnungsorte stehen die Schulen dort ebenfalls vor großen Herausforderungen.

Domschule Schleswig: Traditionsbewusst und modern © Domschule Schleswig

Online‐Redaktion: Wir haben viel über Vernetzung und Synergien gesprochen. Welche Vorteile sehen Sie darin, dass Sie einerseits die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ leiten und gleichzeitig im Programm „LiGa - Lernen im Ganztag“ mitarbeiten?

Grams: Auch hier geht es darum, „über den Tellerrand zu schauen“. Im Programm LiGa haben wir ganz aktuell die dänische Hafenstadt Aarhus besucht, um zu erfahren, wie die dortige Kommune gemeinsam mit den Schulleitungen Qualität entwickelt. Wir haben an drei Schulen unter anderem erfahren, wie kind- und jugendgerechte Schularchitektur oder Bewegungskonzepte die Unterrichts- und Schulkultur verändern. Es ging auch darum, wie eine datenbasierte Schulentwicklung, professionelle Lerngemeinschaften und eine konsequente Elternarbeit zu nachweisbarem Schulerfolg führen und wie zentral dafür ein schülerzentriertes Schulleitungshandeln ist. Wir haben viele Impulse und Fragen mitgebracht und werden nun schauen, wie wir diese Erfahrungen in die weitere Arbeit einfließen lassen können.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

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