Rheinland-Pfalz auf dem Weg zum Ganztagsschulland

Ganztagsschulen sind in Rheinland-Pfalz heute beinahe so selbstverständlich wie manches Schloss am Ufer des Rheins oder die Weinberge. Sieben Jahre nach dem Start des rheinland-pfälzischen Ganztagsschulprogramms haben am 4. April 2008 rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Zwischenbilanz gezogen. Unter dem Motto "Wir sind Ganztagsschule" erhielt das bundesweit vorbildliche Programm in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz den erhofften Rückenwind - von Seiten der Wissenschaft, der Politik und nicht zuletzt durch die Praktiker vor Ort.

Die Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz ist einer jener funktionalen wie repräsentativen Orte, die sich gut dazu eignen, eine Zwischenbilanz des rheinland-pfälzischen Ganztagsschulprogramms zu ziehen. Auf sieben Jahre Aus- und Aufbau der Ganztagsschulen blickten die rund 150 geladenen Praktiker und Wissenschaftler während der Veranstaltung zurück, die das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur (MBWJK), das Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung, der Landesjugendring sowie das Institut für schulische Fortbildung und schulpsychologische Beratung (IFB) organisiert hatten.

Vera Reiß

Die Staatssekretärin des MBWJK, Vera Reiß, hob zur Begrüßung die bundesweite Vorreiterrolle des Landes hervor, das bereits vor dem PISA-Schock den Aufbau der Ganztagsschulen initiiert habe. Die kritischen Stimmen, die zu Beginn des rheinland-pfälzischen Ganztagsschulprogramms 2001 zu vernehmen waren, seien nun verstummt: "Dass die Ganztagsschulen ein Erfolgsmodell geworden sind, ist eine Folge der Landespolitik sowie der pädagogischen Partner." Diese hätten dazu beigetragen, dass sich Rheinland-Pfalz als Ganztagsschulland viel Anerkennung erworben habe.

"Es gibt kein anderes Land in Deutschland, das die Ganztagsschulen 100 Prozent finanziert", stellte der Abteilungsleiter im MBWJK, Dr. Richard Hartmann, fest. Das Land schaffe die strukturellen Voraussetzungen für den Ganztagsschulsausbau mit dem Ziel, eine neue Lernkultur flächendeckend einzuführen.

Rheinland-Pfalz hat sich selbst übertroffen

Dabei sprechen die Zahlen für sich: Hielt das Ministerium laut Reiß die Schaffung von 300 Ganztagsschulen in Angebotsform in vier Jahren noch für ein anspruchsvolles Ziel, so habe man dieses bis jetzt mit 458 Ganztagsschulen in Angebotsform weit übertroffen. Bis zum Ende der Legislaturperiode 2011 sollen es sogar neue 580 Ganztagsschulen werden, womit jede dritte Schule eine Ganztagsschule in Angebotsform wäre. Der Erfolg erkläre sich auch damit, dass das Land bis zu 100 Prozent der Personalkosten übernehme und ein gutes Unterstützungssystem aufgebaut habe.

Ferner bekommen die Schulen und Schulträger schnelle und unbürokratische Hilfen durch das Ministerium. Dieses legt großen Wert auf die Arbeit an der Basis und auf den Netzwerkgedanken: "Es gibt kaum eine Ganztagsschule im Land, die Johannes Jung noch nicht besucht hat", hob die Staatssekretärin den Einsatz des Referatsleiters Ganztagsschule hervor. Nicht nur Johannes Jung, auch die Referentin im Ganztagsschulreferat, Julia Maria Koch, sowie der Abteilungsleiter im MBWJK, Dr. Richard Hartmann, waren während der gesamten Veranstaltung vor Ort präsent.

Die Einbeziehung externer Partner bildet einen zentralen Schwerpunkt des rheinland-pfälzischen Ganztagsschulmodells. Gute Zusammenarbeit zwischen den Ganztagsschulen und ihren Partnern will aber gelernt sein: Sie beinhaltet für Vera Reiß einen kontinuierlichen Lernprozess, der seit 2002 durch eine Fortbildungsreihe des Instituts für schulische Fortbildung und schulpsychologische Beratung (IFB) und dem Sozialpädagogischen Fortbildungszentrum (PFZ) unterstützt werde und bereits über 520 Personen in Tandems (Lehrkraft und pädagogische Mitarbeiter) fortgebildet habe.

Ein wesentliches Ziel dieser Verbindung von formaler (Schule), nonformaler (z.B. Kinder- und Jugendhilfe) und informeller Bildung (Peer-Groups) ist laut der Staatssekretärin die "Herstellung von Chancengleichheit, unabhängig von Herkunft und Geschlecht".

Rückenwind durch die wissenschaftliche Begleitforschung

Prof. Thomas Rauschenbach

Der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist auch ein zentraler Punkt der "Studie zur Entwicklung der Ganztagsschulen" (StEG). Die als empirische Längsschnittstudie über mehrere Jahre angelegte Untersuchung gibt u. a. Auskunft über die Gelingensbedingungen externer Kooperationen. Prof. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI), ging unter dem Titel "Das Projekt Ganztagsschule aus Sicht der Kooperationspartner" näher darauf ein: "Die Länder haben den Aufbau der Ganztagsschulen zu einem Schwerpunkt gemacht. Dies verdanken sie auch dem Impuls, den das IZBB-Programm gegeben hat."

Gegenwärtig seien fast 30 Prozent aller Schulen in Deutschland als Ganztagsangebote organisiert. Allein bei den Gymnasien habe es in den vergangenen vier Jahren einen Zuwachs um 129 Prozent und bei den Hauptschulen einen Zuwachs um 115 Prozent gegeben. Insgesamt zählt die Statistik zurzeit bundesweit rund 1,5 Mio. Schülerinnen und Schüler, die ein Ganztagsangebot wahrnehmen.

Beim Ausbau der Ganztagsschulen, so Rauschenbach weiter, seien die neuen Länder prozentual ganz vorn, was mit der Verbreitung von Horten zu DDR-Zeiten zusammenhänge, die eng mit den Schulen verknüpft gewesen seien. Rauschenbach riet allerdings von einem Ländervergleich ab, da die Ganztagsschulen in Deutschland sehr heterogen seien.

Wie werden die Kooperationspartner eingebunden?

In allen Ländern außer Rheinland-Pfalz sei der Ausbau der Ganztagsschulen im Rahmen des IZBB eine Reaktion auf den PISA-Schock gewesen. Die Landesregierung in Mainz hat sich bereits 2001 auf dem Weg zur flächendeckenden Einführung von Ganztagsschulen in Angebotsform gemacht, deren pädagogisches Konzept die Mitgestaltung der Schulen durch die pädagogischen Partner vorsieht. Doch wie werden in Rheinland-Pfalz die Kooperationspartner - allen voran die Kinder- und Jugendhilfe - sowie die Sportvereine eingebunden? "Nach StEG erfüllen die Kooperationen weitgehend die Erwartungen", führte Rauschenbach aus.

Die Vereine erreichten in den Schulen beispielsweise eine Klientel, die sie sonst nicht angesprochen hätten: "Vier von fünf Akteuren sind zufrieden." In der Primarstufe dominieren dabei Betreuungsangebote wie Sport und das gemeinsame Mittagessen, während in der Sekundarstufe das soziale Lernen oder Projektarbeit den Ausschlag geben.

Welchen Anteil haben die externen Partner an dem pädagogischen Angebot der rheinland-pfälzischen Ganztagsschulen? Die öffentlichen Anbieter -  Wohlfahrtsverbände, Jugendämter -  erreichen dem Wissenschaftler zufolge einen Anteil von 21 Prozent, die gewerblichen Anbieter -  Musikschulen -  15 Prozent und die freien Anbieter -  Freizeit, Sport, Kirchen -  rund 64 Prozent. Die vielfältigen Kooperationen werden in Rheinland-Pfalz durch entsprechende Rahmenvereinbarungen verbindlich geregelt.

Die StEG-Studie zeigt auf, dass es in diesem Bereich allerdings noch Verbesserungsbedarf gibt: "Die besten Rahmenbedingungen nützen nichts, wenn beide Seiten nicht zusammenkommen", betonte Rauschenbach. So komme es auf Einzelaspekte an wie Kooperation auf Augenhöhe, gute Personalpolitik, leistungsfähige Organisation oder Verbesserung der lokalen Bildungslandschaften. "Der Weg zum Ziel ist länger, als es sich viele wünschen", resümierte der Erziehungswissenschaftler.

Die Ganztagsschule im Spiegel des Open Space

In den Kaffeepausen passieren zuweilen wichtige Dinge: Es werden beispielsweise neue Kontakte angebahnt oder Themen aufgegriffen, an die kein Veranstalter vorher gedacht hat. Der Amerikaner Harrison Owen erkannte dies und entwickelte hieraus die so genannte Open-Space-Methode. Dieses Moderationsverfahren wurde auch auf der MainzerTagung mit großer Zustimmung angewendet, denn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestimmten selbst die Themen, die für ihre Arbeit in den Ganztagsschulen vor Ort von Bedeutung sind.

Dazu gehörten folgende Themen und Fragestellungen: "Welche Fehler sollte man vermeiden, wenn man die Ganztagsschule neu anfängt?" "Wie können kommunale Bildungslandschaften aussehen?", "Was sind die Indikatoren für gelingendes Lernen in Ganztagsschulen?", "Wie können alle auf einer Augenhöhe arbeiten?", "Woher kommt die Differenz zwischen Angebot und Nachfrage in den Ganztagsschulen?", "Ist unser Bildungssystem moderner als seine Benotung?", "Wie können außerschulische Kräfte im Umgang mit schwierigen Schülern besser zurechtkommen?".

Lokale Bildungslandschaften und Einführung der G8

Julia Maria Koch

Julia Maria Koch kommentierte die Themenwahl: "Ich finde es toll, dass die verschiedenen Gruppen zu Wort kommen." Bernhard Marohn vom Dezernat für Schulen und Hochschulen des Bistums Mainz interessierte sich im Rahmen des Open Space für das Thema Lokale Bildungslandschaften: "Wie können kommunale Bildungslandschaften aussehen?".

Das Bistum Mainz vereint 26 Schulen aller Schulformen unter einem Dach sowie die Kinder- und Jugendarbeit. Es ist also sowohl Schulträger als auch Träger eines relevanten Anteils der Kinder- und Jugendarbeit in Mainz. Dazu gehören die katholische Jugendbildung, Kindertagesstätten, Familienbildungsstätten. Außerdem ist es eines der Trägerbistümer der Katholischen Fachhochschule Mainz und pflegt enge Kontakte zur Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt und der Technischen Universität Darmstadt. So bringt das Bistum Mainz ideale Voraussetzungen für das lebenslange Lernen im Rahmen einer Lokalen Bildungslandschaft mit.

Doch diese stehen in Rheinland-Pfalz noch am Anfang: "Wir forcieren das Thema und tragen es auch an das Ministerium heran", erläuterte die Geschäftsführerin Delia Helmerking vom Landesjugendring ihr Interesse daran in den Open Space. Im Landesjugendring sind 22 Kinder- und Jugendverbände zusammengeschlossen. Ein Ziel ist der Aufbau eines überregionalen Netzwerkes, das sich mit freien Trägern an der Gestaltung der Ganztagsschulen in Angebotsform beteiligen möchte. Auf der Tagung "Wir sind Ganztagsschule" sind die Überlegungen zur Schaffung Lokaler Bildungslandschaften weiter gereift.

Die "MAINZER 8"

Bernhard Marohn

Dabei sind Kontakte entstanden wie etwa zwischen dem Landesjugendring und dem Bistum Mainz. In diesem Zusammenhang spielen für Bernhard Marohn nicht zuletzt die Ganztagsschulen eine große Rolle: "Die traditionelle katholische Familie gibt es kaum noch", stellte der Studiendirektor fest. Auf die von der Landesregierung angestrebte Verkürzung der gymnasialen Schulzeit hat das Bistum Mainz mit einem eigenen Ansatz reagiert. Mit dem "Rahmenkonzept für die Arbeit der weiterführenden Schulen des Bistums Mainz bei Einführung der Schulzeitverkürzung", kurz "MAINZER 8" wurde bereits ab dem Jahr 2002 für alle weiterführenden Schulen des Bistums ein verbindlicher Rahmen geschaffen.

Sein Herzstück ist ein Schulentwicklungsprogramm, das eine Kontingentstundentafel beinhaltet, womit die Schulen laut Marohn mehr Autonomie bei der Gestaltung der Stundenverteilung erhalten. Ferner werden Unterrichts- und Arbeitsformen geschaffen, die die Individualisierung des Lernens fördern. Für die Hausaufgaben werden Lernzeiten geschaffen, Sport- und Musikangebote sowie religiöse und soziale Projekte runden das Profil der "MAINZER 8" ab. Zwei kirchliche Gymnasien im Bistum Mainz nehmen überdies am landesweiten G8GTS-Modellprojekt teil, das im Sommer mit sieben Schulen an den Start geht.

Das G8 als Ganztagsgymnasium

Der Weg zum G8-Gymnasium zeichnet sich in Rheinland-Pfalz dadurch aus, dass die verkürzte gymnasiale Schulzeit als Ganztagsangebot durchgeführt wird: "Voraussetzung für G8 ist die Ganztagsschule", erläutert Julia Koch. Schulen, die in Rheinland-Pfalz G8-Gymnasien werden wollen, müssen ein Ganztagskonzept vorlegen. Außerdem müssen sie sich an einem Rahmenkonzept für Ganztagsgymnasien mit achtjährigem Bildungsgang (G8GTS) orientieren, das vom Ministerium vorgegeben wird.

Dazu gehört in den Klassen fünf bis sechs eine Orientierungsstufe mit 30 Wochenstunden. In den Klassen sieben bis zehn werden die Wochenstunden angehoben und die Teilnahme am Ganztag als verpflichtendes Angebot durchgeführt. In der Oberstufe wird im Kurssystem mit obligatorischem Nachmittagsunterricht gearbeitet. Das rheinland-pfälzische G8-Modell verfügt ferner über ein fein abgestimmtes Unterstützungssystem aus Beratungs- und Fortbildungsangeboten, zusätzlichen Lehrerwochenstunden sowie über Pauschalen in Höhe von 75.000 Euro je Gymnasium zum Umbau und zur Ausstattung des Lehr- und Lernraums.

"Mit Rücksicht auf die Eltern und auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler wird das G8-Gymnasium in Rheinland-Pfalz sehr behutsam und kindorientiert gestaltet", resümierte Julia Maria Koch. Sichtlich zufrieden fügte sie hinzu: "Auf der Fachtagung sind die zentralen Themen diskutiert worden, die in Rheinland-Pfalz beim Ausbau der Ganztagsschulen eine Rolle spielen."

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