Sächsischer Ganztagskongress: Selbstbestimmt durch das Leben finden

Der Ausbau von Ganztagsangeboten bildet seit 2005 einen Arbeitsschwerpunkt vieler Schulen in Sachsen. Mit den Herausforderungen einer Ganztagsschule wächst auch die Nachfrage von guten Beispielen. Der 1. Sächsische Kongress für Ganztagsangebote am 29. Oktober 2007 verstand sich als Kommunikationsplattform, um Erfahrungen, Möglichkeiten und Methoden ganztägigen Lernens auszutauschen. Rund 30 Ganztagsschulen ließen sich dazu in die Karten blicken.

"Wir in der Politik sind auch ständig Lernende." Der das am 29. Oktober 2007 auf der Bühne des Congress Center Dresden einräumt, ist kein Geringerer als der Sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt. Seine Rede eröffnete den 1. Sächsischen Kongress für Ganztagsangebote, den die Servicestelle Ganztagsangebote veranstaltete und der unter dem Motto "Gelebte Praxis" stand.

Die Verhandlungen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) mit der Landesregierung über die Einrichtung der Servicestelle Ganztag im Rahmen des Begleitprogramms "Ganztägig lernen! Ideen für mehr" waren nicht einfach. "Der Freistaat zeigte sich zunächst sehr skeptisch, um es freundlich auszudrücken", erinnerte sich die DKJS-Geschäftsführerin Heike Kahl auf dem Kongress. Doch die Entwicklung in den vergangenen 18 Monaten sei "rasant" verlaufen. Dass neben dem Kultusminister Steffen Flath auch der Ministerpräsident auf dem Ganztagsschulkongress sprach, war eine Geste und bezeugte diese Entwicklung, Ganztagsschulen nun aktiv zu unterstützen. Jährlich stellt das Land den Schulen zusätzlich zu den Mitteln aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes 30 Millionen Euro zur Verfügung, die für Honorare außerschulischer Partner verwendet werden können.

Die Zusammenarbeit des Kultusministeriums mit der Servicestelle Ganztagsangebote wird nun auch von Kultusminister Steffen Flath als fruchtbar empfunden. In seinem Grußwort verwies er darauf, dass die erste Förderrichtlinie des Landes zur Vergabe der Mittel aus dem IZBB-Programm "zu bürokratisch" geraten sei. Gerade durch die Zusammenarbeit mit der Servicestelle habe man nun eine praktikable Förderrichtlinie entwickelt, die den zunächst schleppenden Mittelabfluss entscheidend gesteigert hat: In diesem Jahr haben 991 Schulen Anträge auf Förderung gestellt.

Ministerpräsident Milbradt: Bildung ist Selbstzweck

Begrüßung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch Ministerpräsident Georg Milbradt (l.) und Kultusminister Steffen Flath

"Entscheidend für diese Dynamik ist der Wunsch von Schülern, Lehrern und Eltern nach individueller Förderung", stellte Flath fest, der sich über den vollbesetzten Saal beeindruckt zeigte. "Die Teilnahme am Kongress zeigt den Wunsch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ihre Schulen weiterzuentwickeln", so der Minister. "Ich habe viel Respekt vor dem überdurchschnittlichen Engagement der Lehrer und der Schulträger." In Sachsen werde den Schulen nicht verordnet, wie sie ihre Ganztagsschule zu gestalten hätten, sondern dies werde vor Ort entschieden. Die Rahmenbedingungen würden nicht verändert, um Kontinuität zu gewährleisten.

"Wir müssen die Bildungslandschaft im Ganzen sehen, aber Schulen differenziert betrachten", formulierte Ministerpräsident Milbradt. "Es soll keine Einheitslösung geben, sondern wir streben Vielfalt und Wettbewerb an." Die Schule könne nicht alle Versäumnisse der Gesellschaft und der Familien auffangen, aber Ganztagsangebote könnten Chancengleichheit herstellen. "Der Bildungsauftrag der Schule muss über den Fächerkanon hinaus erweitert werden, um für das Leben zu ertüchtigen. Um das Bildungsangebot breit anlegen zu können, braucht es Partner wie Eltern, Sportvereine, Musikschulen, Künstler und Ehrenamtliche. Auch die Gemeinden sollten stärker als bisher in die Gestaltung des Schullebens einbezogen werden." Bildung sei kein Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. "Die Kinder sollen selbstbestimmt durch das Leben finden können", sieht Georg Milbradt ein wesentliches Ziel ganztägiger Bildung.

In seinem anschließenden Vortrag knüpfte Hartmut von Hentig an diese Vorstellung an: "Ich hoffe, dass die Belehrungsschule in der Ganztagsschule durch eine Lebens- und Beteiligungsschule ersetzt wird. Es ist wirkungsvoller, wenn Gleichaltrige voneinander lernen." Projekte sollten in der Ganztagsschule immer ein Lebensproblem angehen, befand der Pädagoge. "Es geht hier nicht um ein schulorganisatorisches Problem, sondern Sie müssen Schule neu denken", forderte von Hentig die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf.

Helmholtz-Mittelschule Leipzig: Förderunterricht und Kanufahren

Dies ist naturgemäß nicht so einfach umzusetzen, denn neben manchmal skeptischen Lehrerkollegien können auch Sachzwänge wie Personalmangel hochfliegende Pläne zurechtstutzen, wie ein Rundgang durch die rund 20 Ausstellerschulen zeigte. So hält zum Beispiel die Helmholtz-Mittelschule in Leipzig ihre Lehrerstellen für zu knapp bemessen, sodass die Ganztagsangebote nicht längerfristig planbar seien, da die personelle Kontinuität nicht gewährleistet werden könne. Vielmehr müsse sich die Schule von Jahr zu Jahr neu orientieren, welche Angebote aufrechterhalten werden könnten.

Hartmut von Hentig
Hartmut von Hentig

Davon abgesehen ist seit der Einführung der Ganztagsangebote in der Klasse 5 im Jahr 2002 einiges erreicht worden. Über die Jahre sind die Angebote hochgewachsen, so dass nun sämtliche Jahrgänge bis Klasse 10 über Ganztagsangebote verfügen. Die Schülerinnen und Schüler sind zugänglicher geworden, es herrscht eine bessere Kommunikation, und auch die Zufriedenheit bei den Lehrerinnen und Lehrern ist gestiegen.

Zahlreiche Partner - manche mit Honorarvertrag, andere ehrenamtlich - bereichern das Schulleben. Da direkt hinter der Schule ein Kanal verläuft, kann ein örtlicher Kanuverein ein Training anbieten, für das der Schule acht eigene Kanus zur Verfügung stehen. Neben Keramikkurs, Ökolabor, Drucken und Gestalten, Gestalten mit Holz, Theater und vielen anderen Angeboten kommt aber auch die Förderung in den Unterrichtsfächern nicht zu kurz: In Deutsch, Mathematik und Englisch wird individuell gefördert, dazu gibt es eine zusätzliche Förderung für Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche.

35. Mittelschule Dresden: Besseres Sozialklima, bessere Lernleistungen

Auch die 35. Mittelschule in Dresden lässt die Ganztagsangebote hochwachsen. Lehrer Hans-Jörg Hinner kann diese Vorgehensweise anderen Schulen nur empfehlen: "Wenn man alles auf einmal verändern will, übernimmt man sich." Bereits vor einigen Jahren habe man beschlossen, dass für viele Kinder eine zuverlässige Betreuung und Förderung am Nachmittag als Alternative zum "Rumhängen und Fernsehen" notwendig sei. Das Kollegium begann daraufhin mit der Ausarbeitung eines Planes zum allmählichen Aufbau von Ganztagsangeboten. 2005 startete das Ganztagsangebot für die 5. Klassen. Inzwischen sind die Klassen bis Jahrgangsstufe 7 von 7.30 bis 16 Uhr in der Schule. Die Angebote an vier Tagen in der Woche kommen offenbar gut an, denn rund 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler dieser Jahrgänge nehmen sie wahr.

Die zusätzliche Zeit wird unter anderem für individuelle Lernzeiten genutzt: So fördern die Lehrerinnen und Lehrer unter anderem Schülerinnen und Schüler mit Lese-Rechtschreib-Schwäche oder mit Dyskalkulie. Der Unterricht selbst findet in 90-Minuten-Blöcken statt. Nach dem Mittagessen mit den Klassenlehrern finden am Nachmittag Hausaufgabenbetreuung, Arbeitsgemeinschaften, Elternforen, Diskussionsrunden und offene Angebote durch Lehrer, freie Träger und die Schulsozialarbeit statt.

Wie an der Helmholtz-Mittelschule in Leipzig kann Hans-Jörg Hinner auch für die 35. Mittelschule feststellen, dass das Lernklima in den Ganztagsklassen besser als in den Halbtagsklassen ist. "Man hat einfach mehr Zeit für Zuwendung, kann besser miteinander umgehen. Ich habe auch festgestellt, dass die Lernleistungen in Mathematik deutlich besser sind als in meinen Halbtagsklassen", berichtet der Lehrer.

Förderung in der "Drehtür"

"Begabungsförderung in sozialer Verantwortung" stellten Schulleiter Uwe Blazejczyk und Lehrer Thomas Koitsch vom Leon-Foucault-Gymnasium in Hoyerswerda in einem Workshop vor. 2005 setzte das Gymnasium erstmals das im Kollegium entwickelte Konzept der Begabungsförderung mit dem "Drehtürmodell" und Sportklassen um. Da die Schule in starker Konkurrenz zu zwei anderen Gymnasien stehe, "war es nötig, diesen langen Weg zu gehen", meinte Blazejczyk über die seit 2002 eingeleiteten Veränderungen, die einst mit der Arbeit am Schulprogramm initiiert worden waren.

Blick auf die Kongresshalle mit den Ausstellerschulen

Jetzt erhält jedes Kind in den Klassen 5 bis 7 zwei Wochenstunden individuelle Förderung in seinem Interessengebiet. Tests, beratende Gespräche mit dem Klassenlehrer und den Fachlehrern ermöglichen allen Schülern, ihren Begabungen nachzugehen. Dazu hat das Gymnasium mit der Bläserklasse der Musikschule und dem Stadtsportbund leistungsfähige und engagierte Partner gewonnen. In den Klassenstufen 5 und 6 sind in Kooperation mit den Grundschulen und dem Stadtsportbund Hoyerswerda zusätzliche Sportklassen zur Förderung von Spitzenleistungen eingerichtet worden.

Für die hochbegabten Kinder gibt es eine Spezialförderung mit dem so genannten Drehtürmodell. Hierbei werden Schüler der Klassenstufe 5 bis 9 vom regulären Unterricht für eine Wochenstunde befreit. In Kleinstgruppen erhalten die Schüler eine gesonderte Ausbildung, die über die allgemeine Schulbildung hinausgeht. In den Klassen 8 bis 10 sorgen neben dem Drehtürmodell Vertiefungskurse für die Förderung von Begabungen und die Vorbereitung auf Kurse der gymnasialen Oberstufe mit einer Wochenstunde am Nachmittag.

Die Spezialförderung ist ein wesentlicher Bestandteil der Schulentwicklung am Leon-Foucault-Gymnasium. Zu diesem Zweck hat das Kollegium eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, welche Konzepte für die Förderung entwickeln, fixieren, umsetzen und evaluieren soll. Demnächst werden die Fachschaften den Kollegen, der in dieses Gremium kommen soll, wählen. "Es geht uns auch darum, dass Selbstvertrauen der Schülerinnen und Schüler durch Erfolgserlebnisse zu stärken, und um die Förderung sozialer Kompetenzen", berichtete Thomas Koitsch.

Der 1. Sächsische Kongress für Ganztagsangebote machte die Palette an Möglichkeiten von Ganztagsschulen sichtbar. Deutlich wurde aber auch, dass vieles gerade erst begonnen worden ist und dass die von der Politik zugesicherte Kontinuität in diesem Bereich notwendig scheint. "Das wird nicht der letzte Kongress sein", versprach Ministerpräsident Georg Milbradt.

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: https://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 

 


 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)