Qualität macht attraktiv

In Nordrhein-Westfalen ist die offene Ganztagsgrundschule inzwischen fast flächendeckend eingeführt. Auf der Praxismesse "Qualität im offenen Ganztag" am 18. April 2007 in Hamm tauschten sich rund 1.400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über gelungene Beispiele und Probleme im Alltag dieser Schulen aus.

Am 11. Februar 2005 fand in der Alfred-Fischer-Halle im westfälischen Hamm die Tagung "Ein Jahr offene Ganztagsgrundschule in Nordrhein-Westfalen" statt, zu der rund 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erschienen. Rund zwei Jahre später kamen am 18. April 2007 bereits über 1.400 Interessierte nach Hamm, um sich an gleicher Stelle auf der Nachfolgeveranstaltung, der Praxismesse "Qualität im offenen Ganztag", zu informieren.

Der gestiegene Besucherandrang spiegelt das zwangsläufig wachsende Interesse am Thema Ganztagsschule wider, denn in Nordrhein-Westfalen werden immer mehr Grundschulen zu offenen Ganztagsgrundschulen ausgebaut. Schulministerin Barbara Sommer stellte in Hamm die entsprechenden Zahlen vor: Im kommenden Schuljahr werden 375 der 396 nordrhein-westfälischen Gemeinden über eine Ganztagsgrundschule verfügen. Insgesamt wird es dann 2.881 dieser Schulen geben, die 164.500 Schülerinnen und Schülern besuchen. "Bis zum Schuljahr 2009/2010 wollen wir 250.000 Plätze an offenen Ganztagsgrundschulen einrichten", kündigte die Ministerin an. Den Grund für den Andrang an Ganztagsschulen sieht sie in der "Qualität, die attraktiv macht".

Nun ist Masse bekanntlich nicht automatisch Klasse, und die Praxismesse sollte das Augenmerk daher auch auf das Thema Qualitätsentwicklung legen, die laut Veranstalter, der Regionalen Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen, eine Daueraufgabe ist. "Qualitätsentwicklung im Ganztag heißt Qualitätsentwicklung zur Verknüpfung von Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten", erklärte dazu Barbara Sommer. "Der Erfolg misst sich daran, wie es gelingt, Kinder individuell zu fördern - auch und gerade die Kinder, die es schwerer haben als andere."

Ein Rundgang durch die Messehalle mit den insgesamt 57 Ständen, an denen sich 20 Ganztagsgrundschulen, 29 Träger, Anbieter und Partner, vier Kommunen, die beiden Landesjugendämter sowie die Regionale Serviceagentur präsentierten, vermittelte einen Eindruck, was offene Ganztagsschulen seit dem Start mit dem Schuljahr 2003/2004 bereits erreicht haben, wo aber auch noch der Schuh drückt.

"Ich habe selten eine Messe mit so viel Wissbegier erlebt", meinte Sonja Kruse, Mitarbeiterin der VHS Minden, nachdem sie sich an einigen Ständen ausgetauscht hatte. "Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer saugen alle Informationen regelrecht auf."

Einige der Herausforderungen wie die verbesserungswürdige, weil manchmal einfach gar nicht vorhandene Verzahnung von Vor- und Nachmittag, die Hausaufgabenfrage, die Essensfinanzierung, aber auch die Begeisterung und Entschlossenheit der für das Schulleben engagierten Lehrer, Schulleiter, Erzieher, pädagogischen Mitarbeiter und außerschulischen Partner zogen sich beim Messerundgang wie rote Fäden durch die Gespräche.


Man muss einfach anfangen.

Torsten Buncher, Schulleiter der Südschule Lemgo: "Unsere Schule hat 2005 mit dem offenen Ganztag begonnen, der Träger ist das Deutsche Rote Kreuz. Die Zeit war damals einfach reif für diese Entscheidung, alle Kolleginnen und Kollegen trugen das mit. Bei der Einrichtung hat uns geholfen, dass in Lemgo Schulverwaltungsamt und Jugendamt fusioniert haben und uns damit viel Abstimmung und Lauferei erspart blieben. Hilfreich ist auch mein junges Kollegium gewesen."

Andrea Krämer, Diplompädagogin beim Natur & Kultur-Netzwerk e.V. in Köln: "Wir organisieren seit dem Schuljahr 2004/2005 an derzeit 14 offenen Ganztagsgrundschulen in Köln den Ganztag. Im kommenden Schuljahr werden es 20 Schulen mit insgesamt 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sein. Die meisten Schulen sind auf unser Angebot auf einem "Markt der Möglichkeiten" aufmerksam geworden, auf dem wir uns präsentiert haben. Ein Schwerpunkt unseres Nachmittagsangebots liegt auf der ökologischen Bildungsarbeit."

Sonja Kruse, Mitarbeiterin der VHS Minden: "Die VHS Minden bietet an neun Ganztagsschulen in Porta Westfalica, Minden und Petershagen einmal die Woche für 60 Minuten unter anderem Sprachkurse an. Für die Sprachkurse verpflichten sich die Schülerinnen und Schüler für ein Jahr zur Teilnahme, bei anderen Angeboten wie beispielsweise Tanz auf ein halbes Jahr. Für viele Kinder ist es, was die Sprachkurse angeht, ein nahezu einmaliges Angebot, denn im Alltag kommen sie mit Fremdsprachen wie Spanisch nicht in Kontakt."

Petra Müller-Kramer, Leiterin des Ganztags an der OGS Schwerte-Villigst: "Seit dem Schuljahr 2003/2004 ist unsere Schule Ganztagsschule, und es lief von Anfang an gut. Die Schule ist derzeit vierzügig, und von den 210 Schülerinnen und Schülern besuchen 118 den Ganztag. Die Anmeldezahlen für das kommende Schuljahr sind sehr gut. Der Träger ist die Kommune, und der Elternverein ist der Arbeitgeber."

Johannes Hunold, Schulleiter der Gemeinschaftsgrundschule Wiehl: "Über 300 Schülerinnen und Schüler besuchen unsere Schule, davon gehen 80 in den offenen Ganztag. Zu unserem Kollegium gehören 21 Lehrerinnen und Lehrer und acht pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 2002 sind wir mit 17 Kindern im offenen Ganztag gestartet, und die Zahlen haben sich seitdem ohne Werbung erhöht. Es läuft einfach durch das gute Beispiel."

Monika Isemann, Schulleiterin der Grundschule Radewig in Herford: "Seit 2003 sind wir Offene Ganztagsschule mit 350 Schülerinnen und Schülern und haben eine Ganztagsklasse eingerichtet. Unsere Kooperationspartner kommen vorwiegend aus der Jugendarbeit."


Verzahnung von Vor- und Nachmittag.

Torsten Buncher, Schulleiter der Südschule Lemgo: "Unsere außerschulischen Pädagogen stehen im engen Kontakt mit den Lehrerinnen und Lehrern, es gehen Mitteilungsbücher zwischen Vor- und Nachmittag hin und her. Im Nachmittagsbereich ist von 13 bis 14 sowie von 14 bis 15 Uhr jeweils eine Lehrerin anwesend."

Andrea Krämer, Diplompädagogin beim Natur & Kultur-Netzwerk e.V. in Köln: "Die Abstimmung mit den Lehrerinnen und Lehrern ist schwierig, es fehlen uns dazu auch die entsprechenden Zeiträume. Die Leitung der Offenen Ganztagsschule nimmt an den Lehrerkonferenzen teil, darüber hinaus gibt es einmal wöchentlich Besprechungen."

Sonja Kruse, Mitarbeiterin der VHS Minden: "Wir haben Kontakt zu den Erzieherinnen, aber nicht immer genügend zu den Lehrerinnen und Lehrern. Es wäre schön, wenn die Lehrer mehr kooperieren würden und wir selbstverständlicher Bestandteil der Schule wären. Wir sehen zum Beispiel die Eltern häufiger, als die Lehrer dies tun, da manche Eltern ihre Kinder aus der Betreuung abholen. Von den dabei entstehenden Tür- und Angelgesprächen könnte auch das Kollegium profitieren. Das Ziel muss eine vernetzte Zusammenarbeit sein."

Petra Müller-Kramer, Leiterin des Ganztags an der OGS Schwerte-Villigst: "Das Lehrpersonal und die Erzieherinnen arbeiten ganz eng zusammen, wir halten auch alle Konferenzen gemeinsam. Die Lehrerinnen und Lehrer sind im Förderunterricht am Nachmittag eingesetzt, und im Ganztagsunterricht sind neun pädagogisch ausgebildete Mitarbeiter im Einsatz. Das diagnostische Arbeiten wird so einfacher."

Johannes Hunold, Schulleiter der Gemeinschaftsgrundschule Wiehl: "Bei uns sind die Prozesse inzwischen etabliert und die Kommunikation ist kein Problem mehr. Stetigkeit ist jetzt das Thema. Dazu wäre ein Präsenzarbeitszeitmodell von Vorteil. Die pädagogische Leitung liegt immer bei der Klassenlehrerin, diese ist aber auch verpflichtet, Informationen weiterzugeben, so wie die Ganztagsleiterin immer die Klassenlehrerin zeitnah informieren muss. Die Ganztagsleiterin nimmt auch an der Lehrerkonferenz teil. Alle ziehen bei uns mit, weil sie sehen, wie fruchtbar es ist, gemeinsam den Unterricht vorzubereiten. Jeder hat Schlüssel zu allen Räumen, und auf dem Geburtstagskalender stehen auch die Namen der Ganztagsschulmitarbeiter. Auch an solchen Kleinigkeiten zeigt sich das Schulklima."

Monika Isemann, Schulleiterin der Grundschule Radewig in Herford: "In unseren Ganztagsklassen arbeiten jeweils eine Lehrerin, eine Erzieherin und eine pädagogische Mitarbeiterin in festen Teams zusammen. Die Chemie in diesen Teams muss natürlich stimmen. Ist das der Fall, erreicht man phantastische Ergebnisse, da sitzt richtig Spaß dahinter."


Ganztagsschule für die Kinder und Jugendlichen.

Torsten Buncher, Schulleiter der Südschule Lemgo: "Der große Vorteil der Ganztagsschule ist, dass ich mich viel besser um die Kinder - gerade auch um solche mit Lernproblemen - besser kümmern kann und einen größeren pädagogischen Einfluss habe. Auch der Kontakt zu den Eltern ist so eher gegeben. Das bringt allerdings auch eindeutig mehr Arbeit mit sich. Ich persönlich bin zum Beispiel jeden Tag von sieben bis 18 Uhr in der Schule."

Andrea Krämer, Diplompädagogin beim Natur & Kultur-Netzwerk e.V. in Köln: "Wir haben im Laufe des Schuljahres gelernt, dass feste Strukturen den Kindern helfen. Als wir beispielsweise zu Beginn das Freie Spielen nach dem Motto organisierten, dass jeder das machen kann, wozu er Lust hat, führte das nur zu Chaos. Die Kinder räumten die Schränke leer und spielten letztendlich mit gar nichts richtig. Jetzt überlegen die Kinder gemeinsam zu Beginn der Freispielstunden, wozu sie Lust haben. Das funktioniert wesentlich besser."

Torsten Buncher, Schulleiter der Südschule Lemgo: "Muße und Entschleunigung sind die großen Pfunde für die Kinder. Jedes kann in seinem Lerntempo lernen, und es heißt nicht länger: 'Los, los, um viertel nach eins kommt der Bus!' Wenn ein Schüler etwas vormittags nicht geschafft hat, beschäftigt er sich eben nach dem Mittagessen damit weiter. Es zeigt sich auch, dass in unserer Ganztagsklasse ein größerer Zusammenhalt besteht."

Sonja Kruse, Mitarbeiterin der VHS Minden: "Für manche Kinder bietet die Ganztagsschule Essen und eine Obhut, was ihnen sonst fehlte. Aber es geht auch um Bildung am Nachmittag, und da müssen die Angebote gut sein, um alle anzusprechen. Viele Eltern können ihren Kindern an Anregung oft nichts bieten, außer sie bezahlen dafür. Kirmes, Kino oder Computerspiele sind aber häufig eine unbefriedigende Antwort auf die Wissbegier der Kinder."

Petra Müller-Kramer, Leiterin des Ganztags an der OGS Schwerte-Villigst: "Wir wollen Schule ganzheitlich gestalten. Die Schüler sollen ihre Schule auch als Lebensort wahrnehmen, als einen Ort, an dem man sich wohl fühlt. Die Nachmittags-AGs sollen das Schulleben bereichern. Alles in allem kann man sagen, dass eine Ganztagsschule einen anderen emotionalen Touch bekommt."

Johannes Hunold, Schulleiter der Gemeinschaftsgrundschule Wiehl: "Um es klar zu sagen: Die Kinder sind bei uns, statt vor der Glotze zu hocken. Sie finden Ansprechpartner, Spielkameraden, eine gute Hausaufgabenbetreuung und ein gutes Bildungsangebot. Bei uns engagieren sich vier Sportvereine, ein Schachclub, es gibt eine Chemie- und eine Technik-AG, eine Theater-AG, an der die Musikschule beteiligt ist. Insgesamt gibt es 18 Angebote. Die Schülerinnen und Schüler wählen zwei aus, eins davon muss ein sportliches sein."

Monika Isemann, Schulleiterin der Grundschule Radewig in Herford: "Für die jetzige Klasse 1a, eine Ganztagsklasse, kann ich besseres soziales Verhalten und bessere Leistungen bestätigen - die Klasse ist wie eine große Familie. Bei der jetzigen 4a sind doppelt so viele Realschul- wie Hauptschulempfehlungen gegeben worden als in den Halbtagsparallelklassen. Man kann halt in der Ganztagsschule enorm fördern. Dazu sind Teamarbeit, Flexibilität, Rhythmisierung und Bewegung wichtig."

Andrea Krämer, Diplompädagogin beim Natur & Kultur-Netzwerk e.V. in Köln: "An einigen unserer Ganztagsschulen haben wir Kinderparlamente eingerichtet. Wir möchten möglichst viel Verantwortung an die Kinder abgeben und demokratische Strukturen verankern. Die Kinder lernen, ruhig zuzuhören, der Reihe nach zu sprechen und über Dinge abzustimmen."


Zeit für mehr.

Torsten Buncher, Schulleiter der Südschule Lemgo: "Wir lernen an unserer Schule seit diesem Schuljahr jahrgangsübergreifend von Klasse eins bis drei. Manche Eltern waren zunächst skeptisch, inzwischen sieht jeder, dass die Jahrgangsmischung eine der besten Entscheidungen gewesen ist, die wir für unsere Schule gefällt haben. Wir sehen jetzt erst richtig, welche Ressourcen da sind: Man gewinnt sehr viel Zeit, und die Kinder kommen viel schneller voran. Die jahrgangsübergreifenden Klassen sind derzeit in ihrem Lernstand sechs Wochen weiter als die nicht jahrgangsgemischten Klassen zum vergleichbaren Zeitpunkt. Wichtig ist auch die Rhythmisierung: Die Kinder verteilen sich in unserer Schule für bestimmte Lernphasen, können zum Beispiel auch in den Innenhof, für den es Klapptische zum Rausstellen gibt."

Andrea Krämer, Diplompädagogin beim Natur & Kultur-Netzwerk e.V. in Köln: "Jeder Inhalt braucht einen Rahmen. Mittwochs und Donnerstags stehen Aktionsstunden auf dem Ganztagsschulplan, die unter den Oberbegriffen "Soziales Lernen" und "Ökologische Bildungsarbeit" stehen. Hier geht es zum Beispiel um Ess- und Trinkkultur, Ernährung, Sinneswahrnehmung oder die Vertiefung von Projekten wie "Vom Weizenkorn zum Mehl". Diese Stunden sind mehr praktisch als theoretisch orientiert, denn so spät am Tag sind die Kinder für Theorie nicht mehr allzu aufnahmefähig."

Monika Isemann, Schulleiterin der Grundschule Radewig in Herford: "In den ersten beiden Jahren haben wir uns selbst zu sehr unter Druck gesetzt beziehungsweise setzen lassen und die Nachmittage mit Arbeitsgemeinschaften voll gepackt. Dies widersprach aber der Ruhe und der Kontinuität, welche die Kinder benötigen."


Mittagessen.

Torsten Buncher, Schulleiter der Südschule Lemgo: "Wir essen zusammen mit den Kindern zu Mittag. Das Essen kostet 2,50 Euro pro Tag und wird von einem Caterer angeliefert. Manche Eltern können sich aber selbst die 42 Euro im Monat nicht leisten, und die Außenstände, die sich bei den Essensrechnungen auftürmten, drohten irgendwann unser ganzes Ganztagsschulprojekt zu gefährden. Wir haben mit Menupartnerschaften auf diese Situation reagiert: Das Deutsche Rote Kreuz, der Kinderschutzbund und die Arbeiterwohlfahrt übernehmen die Kosten für das Mittagessen einzelner Schülerinnen und Schüler."

Andrea Krämer, Diplompädagogin beim Natur & Kultur-Netzwerk e.V. in Köln: "Mit dem Essen sind die Kinder zufrieden. An der Gemeinschaftsgrundschule Westerwaldstraße, an der ich beschäftigt bin, gibt es eine Köchin, die viel Rohkost und Obst und Gemüse anbietet. Das Essen kostet 50 Euro monatlich, ermäßigt 18,40 Euro. Ab dem Sommer können wir in einen Neubau mit Mensa ziehen."

Sonja Kruse, Mitarbeiterin der VHS Minden: "An den Mindener und Portaraner Ganztagsschulen müssen die Eltern zwischen 40 bis 45 Euro für das Mittagessen pro Monat aufwenden. Das ist für manche zu viel Geld, aber die Stadt tut sich schwer, Zuschüsse zu geben. So springt der Rotary Club finanziell ein. Auch Einzelpersonen haben uns bereits Essenpartnerschaften angeboten."

Petra Müller-Kramer, Leiterin des Ganztags an der OGS Schwerte-Villigst: "An unserer Schule sind zwei Köchinnen in Teilzeit beschäftigt. Das Essen kostet 45 bis 55 Euro im Monat. Probleme mit dem Bezahlen gibt es bei uns nicht."

Johannes Hunold, Schulleiter der Gemeinschaftsgrundschule Wiehl: "Wir haben eine eigene Küche mit guter Ausstattung, in der zwei Köchinnen und eine Hilfskraft beschäftigt sind. Diese kochen kindgerecht mit Lebensmitteln, die von einem örtlichen Lebensmittelhändler geliefert werden. Tee und Äpfel gibt es den ganzen Tag, und in den Ferien wird jeden Morgen ein regelrechtes Hotelbuffet aufgefahren - da zeigt sich dann auch die Esskultur, wenn die Schülerinnen und Schüler in Ruhe ihr Essen aussuchen. Die Kosten werden zusammen mit dem Elternbeitrag von der Kommune eingezogen, die Schule hat damit nichts zu tun. Das Kreisjugendamt springt bei manchen Eltern für den Essensbeitrag ein, denn es ist der politische Wille der Stadt Wiehl, dass alle Kinder an der Ganztagsschule und damit auch am Essen teilnehmen können."


Hausaufgaben.

Torsten Buncher, Schulleiter der Südschule Lemgo: "Die offene Ganztagsschule hat uns gezeigt, dass die Kinder zu viel und zu schwere Hausaufgaben bekommen. Dienstags und Donnerstags sind bei uns nun hausaufgabenfreie Tage. Während mir Eltern zunächst vorgerechnet haben, wie viel Zeit und damit Stoff den Kindern beim Lernen dadurch fehle, zeigt sich inzwischen, dass sie auch so ihr Pensum schaffen."

Petra Müller-Kramer, Leiterin des Ganztags an der OGS Schwerte-Villigst: "Die pädagogischen Mitarbeiter haben zusammen mit den Lehrern auf einer Konferenz Standards für die Hausaufgaben entwickelt, nachdem es zu Anfang ein bisschen Gezerre gegeben hatte."

Johannes Hunold, Schulleiter der Gemeinschaftsgrundschule Wiehl: "Wir haben einen Hausaufgabenplan entwickelt, in den die Erzieherinnen genau eintragen können, ob Kinder Schwierigkeiten bei den Aufgaben hatten, Hilfestellung benötigten, ob sie konzentriert, selbstständig und ordentlich arbeiteten und welche Zeit sie für die Aufgaben brauchten. Dieses Formular geht als Rückmeldung an die Lehrerinnen und Lehrer, die dann genau sehen können, ob Umfang und Schwierigkeitsgrad der von ihnen gestellten Aufgaben angemessen waren. Dieses Formular findet hier auf der Messe gerade das größte Interesse."

Monika Isemann, Schulleiterin der Grundschule Radewig in Herford: "Nach zwei Jahren Querelen mit den Eltern geben wir keine Hausaufgaben mehr auf."


Eltern.

Torsten Buncher, Schulleiter der Südschule Lemgo: "Es besteht eindeutig ein Betreuungsbedarf, aber viele Eltern sehen auch die Bildungschancen, welche die Ganztagsschule bietet."

Sonja Kruse, Mitarbeiterin der VHS Minden: "Wir müssten mehr Zeit zur Beratung von Eltern haben. Tür- und Angelgespräche sind zwar sinnvoll, reichen oft aber nicht aus. Familienberatung sollte ein fester Bestandteil der offenen Ganztagsschule werden."

Johannes Hunold, Schulleiter der Gemeinschaftsgrundschule Wiehl: "Der Schulleiter muss steuern, der Träger muss wollen, und die Eltern muss man mitziehen. Wir haben eine Ganztagsschulpflegschaft gegründet, als uns auffiel, dass keine Ganztagsschuleltern in der Schulkonferenz vertreten waren."

Monika Isemann, Schulleiterin der Grundschule Radewig in Herford: "Ich rate, was die Abholzeiten am Nachmittag angeht, zu einer klaren Linie gegenüber den Eltern, sonst verstrickt man sich in endlose Diskussionen. An unserer Schule können Montage und Freitage für Arzttermine genutzt werden, aber von Dienstag bis Donnerstag gelten Kernzeiten bis 16.00 Uhr, aus denen niemand früher rauskommt."

Torsten Buncher, Schulleiter der Südschule Lemgo: "Wir haben den Eltern klar gesagt, dass kein Abholen vor Unterrichtsende möglich ist. Die Schule ist zu Ende, wenn sie zu Ende ist."


Organisatorisches.

Thomas Hunsteger-Petermann, Oberbürgermeister der Stadt Hamm: "In Hamm haben wir an unseren offenen Ganztagsgrundschulen den Beitragshöchstsatz auf 45 Euro im Monat festgesetzt, statt der vom Land eingeräumten möglichen 150 Euro. Wir möchten, dass alle Kinder teilnehmen können, denn wir sehen, wie sehr viele von den Angeboten profitieren. Aber die Landeszuschüsse von 820 Euro pro Schüler sind seit 2003 unverändert und müssen dringend erhöht werden. Wir benötigen noch mehr Räume. Allein in Hamm kommen jedes Schuljahr rund 250 Ganztagsschülerinnen und -schüler dazu. Zwar haben wir seit 2005 über zehn Millionen Euro in neue Räumlichkeiten investiert, aber alleine können wir so etwas auf Dauer nicht leisten. Daher sollte das Investitionsprogramm ,Zukunft Bildung und Betreuung' über 2009 hinaus verlängert werden."

Torsten Buncher, Schulleiter der Südschule Lemgo: "Der organisatorische Aufwand hat sich erheblich vergrößert, die Zahl der Mitsprechenden hat sich verdreifacht: Zu meinem Kollegium kommen nun drei Erzieherinnen, zwei geringfügig Beschäftigte, elf Kooperationspartner und Praktikanten hinzu. Wir haben bis zu 100 Ansprechpartner. In der Schule selbst sind stets 60 verschiedene Personen tätig. Das macht die Arbeit schwieriger, aber auch spannender. Als Schulleiter muss ich zu viel Unterricht geben, das bindet Ressourcen an der falschen Stelle. Ich bin so sehr mit der Organisation beschäftigt, dass für eine ausreichende Unterrichtsvorbereitung manchmal keine Zeit bleibt. Darunter leidet meine Unterrichtsqualität, muss ich mir selbstkritisch eingestehen, und das haben die Kinder nicht verdient. Aber beides zugleich - Manager der Schule und unterrichtender Lehrer - kann ich allein zeitlich nicht leisten."

Petra Müller-Kramer, Leiterin des Ganztags an der OGS Schwerte-Villigst: "Der Arbeitslohn für ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher ist mit 8,50 Euro zu niedrig."

Torsten Buncher, Schulleiter der Südschule Lemgo: "Unsere Schule hat Kooperationsverträge mit vier Kindergärten abgeschlossen, um einen regelmäßigen Austausch zu gewährleisten. Schülerinnen und Schüler unserer Schule stellen sich als Lernpartner zur Verfügung, um die Kinder, die demnächst eingeschult werden, schon mal mit dem Schulleben vertraut zu machen."

Monika Isemann, Schulleiterin der Grundschule Radewig in Herford: "Wenn eine Lehrerin eine Ganztagsklasse übernimmt, ist das zunächst absolute Last, die nach und nach zur absoluten Lust wird."


Ausblick.

Torsten Buncher, Schulleiter der Südschule Lemgo: "Wir wollen unsere Ganztagsschule ausbauen, bis alle Kinder Ganztagsklassen besuchen. Momentan sind es an unserer dreizügigen Schule 300 Schülerinnen und Schüler, 55 davon gehen in die offene Ganztagsschule, und 25 besuchen die Ganztagsklasse. Wir trommeln bei den Eltern für diese Idee der gebundenen Ganztagsschule."

Johannes Hunold, Schulleiter der Gemeinschaftsgrundschule Wiehl: "Mein Wunsch ist es, anders zu rhythmisieren. Deshalb möchte ich eine Ganztagsklasse einführen."

Torsten Buncher, Schulleiter der Südschule Lemgo: "Die Lehrerrolle verändert sich, das ist eine Riesenchance. Wir müssen das noch besser mit der Arbeit der außerschulischen Pädagoginnen und Pädagogen verzahnen."

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