Beispiele, Partner, Fördermöglichkeiten: Kulturelle Bildung in Sachsen-Anhalt

Diese Trias sollte Schule machen: Beispiele, Partner, Fördermöglichkeiten. Am 11. Oktober 2007 veranstaltete die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Sachsen-Anhalt in Kooperation mit dem Kultusministerium Sachsen-Anhalt und dem Landesinstitut für Lehrerbildung (LISA) die Fachtagung "Ganztagsschulen und Kulturelle Bildung in Sachsen-Anhalt: Beispiele, Partner, Förder(er)möglichkeiten." Die Systematik der Veranstaltung, die Praxisorientierung und die Illustration guter Beispiele eigneten sich hervorragend, um die Kulturelle Bildung voran zu bringen.

Was immer das Herz an Kultur begehrte, es wurde auf der Fachtagung "Kulturelle Bildung in Sachsen-Anhalt" geboten: Theateraufführungen, Lesungen, musikalische Darbietungen, Videoaufführungen mit Schülerinnen und Schülern. Pointierte Thesen des Kunstexperten und Moderators Wolfgang Knapp zum Verhältnis Kunst und Schule gaben der Veranstaltung ihre Würze: "Kunst muss stören."

Am Nachmittag war Zeit für Gespräche und Gelegenheit zum Schmieden neuer kultureller Vorhaben. Zuvor erläuterte Dr. Jürgen Engelmann vom Kultusministerium die Förderbedingungen und Schwerpunkte der kulturellen Bildung in Sachsen-Anhalt. Den "Spielraum für Gefühle", den Projekte aus der Kulturpädagogik einräumen, erhellte ein Seminarprojekt der Fachhochschule Merseburg.

"Überschreiten Sie Grenzen!"

Wie man Kindern und Jugendlichen, die sich aufzugeben drohen, eine Bühne ihrer Existenz in der "Arena des Lebens" gibt, offenbarte das Beispiel einer Schule in einem so genannten sozialen Brennpunkt. Viele Kinder und Jugendliche, vor allem solche aus so genannten bildungsfernen Familien, haben keinen Zugang zur Kunst. Darauf machte Kultusminister Prof. Jan-Hendrik Olbertz zum Auftakt der Veranstaltung aufmerksam: "Die Schule muss sich von der Kunst aus stärken." Auf sich allein gestellt, könnten die Schulen ihrem Bildungsauftrag und dem Menschenrecht auf Kultur nicht mehr gerecht werden.

Jan-Hendrik Olbertz

Symptomatisch dafür sei die Situation des Musikunterrichtes: Rund 80 Prozent des Musikunterrichtes werden Olbertz zufolge fachfremd oder überhaupt nicht erteilt. Der Musikunterricht gehöre sogar zum unbeliebtesten Fach. "Gerade der Ganztag ermöglicht ein kulturelles Bildungsangebot, das sich über den Tag erstreckt", betonte Olbertz den Beitrag, den der Ausbau der Ganztagsschulen leistet.

Dass die Kulturelle Bildung auf das Potenzial der Ganztagsschulen vertraut, betonte Thomas Busch in seinem Grußwort für die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). Sie ermöglichten räumlich und zeitlich das ästhetische Kompetenzlernen, das ein Charakteristikum der kulturellen Bildung sei: "Überschreiten Sie Grenzen! Wagen Sie eine Offensive von unten, um die kulturelle Bildung von der Peripherie ins Zentrum der Schulen zu holen", appellierte er an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Von der Peripherie ins Zentrum der Schulen

Ein Instrument, dieses Ziel zu erreichen, ist das Themenatelier "Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen", das Thomas Busch leitet. Dieses seit 2005 von der DKJS in Kooperation mit der PwC-Stiftung initiierte und mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung seit 2007 erheblich erweiterte Vorhaben fördert Kulturprojekte zwischen Ganztagsschulen und außerschulischen Partnern, die sich neuen Ansätzen verschrieben haben. Das Themenatelier gewährt den geförderten Projekten dafür eine externe Prozessbegleitung sowie Fortbildungsangebote. Einzelprojekte in Berlin, Bremen, Hamburg und Sachsen-Anhalt werden mit bis zu 1.500 Euro in den Sparten Literatur, Museum, Tanz und Theater in den Ländern Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt bedacht.

Vorhang auf für die Kulturelle Bildung in Sachsen-Anhalt! Fünf exemplarische Kulturprojekte des Landes betraten die Bühne im Forum Gestaltung. In der Sparte Musik traten Kinder der "Astrid Lindgren" Grundschule Stendal hervor, die während einer Aufführung ihr Können an zwei Musikinstrumenten vorführten. Möglich machte es der Einzel- und Gruppenunterricht, den das Projekt "Klassen musizieren" in Kooperation mit der Musikschule Stendal durchführte. Jeden Tag üben die Kinder auf ihren Instrumenten: "Wir reichen den Kindern mit einem Konzertauftritt ein Bonbon", so Swetanka Stereonowa von der Musikschule.

Zeit für Literatur in Sachsen-Anhalt

Zeit für Lyrik und Literatur: Vier junge Schülerinnen aus dem Literaturprojekt "Kindsein in Sachsen-Anhalt" betraten die Bühne. Ihre Gedichte, deren Themen im Umkreis von Liebe und Familie angesiedelt waren, entstanden kurz zuvor in der Schreibwerkstatt der Sekundarschule "Albert Schweizer", die der Schriftsteller Siegfried Maaß leitet: "Während des Projektes sind die Schülerinnen und Schüler vom Unterricht befreit", begrüßte der Schriftsteller, der auch Mitglied des Friedrich-Bödecker-Kreises ist, den Spielraum, den die Ganztagsschulen dem Schreiben einräumen.

"Kindsein in Sachsen-Anhalt" ist ein Projekt der Leseförderung des Friedrich-Bödecker-Kreises Sachsen-Anhalt. Der bundesweite Wettbewerb "Unzensiert und Unfrisiert" lade die Schülerinnen und Schüler ferner dazu ein, ihr Können einer Jury aus drei Schriftstellern und einem Wissenschaftler unter Beweis zu stellen.

Um die Zukunft des Buches macht man sich hier - trotz Fernsehen und neuer Medien - keine Sorgen: "Nach wie vor ist die Nutzung der Bücher mit 60 bis 70 Prozent in den Bibliotheken vorrangig - trotz Google", erläuterte Gabriele Herrmann, Vorsitzende des Bibliotheksverbandes des Landes Sachsen-Anhalt. Die Tagung diene dem Verband dazu, den Kontakt zu den Schulen zu vertiefen: "Wir sind hier an neuen Ideen und Partnern interessiert", fügte Herrmann hinzu.

Raum für Theater: "Missstände künstlerisch ausdrücken"

Einen Abstecher nach ,Absurdistan' unternahm die Theatergruppe "Hechtsprung" des Albert-Einstein-Gymnasiums Magdeburg. Gespielt wurde unter anderem Stück, in dem ein Paar ein absurdes Gespräch über Reden und Schweigen in einer Beziehung anstimmt. Die Schülerinnen und Schüler des KLaTSch-Projektes, die durch die Theaterpädagogin Kerstin Reichelt angeleitet wurden, zeigten, dass man im Theater "auch mal spinnen" und selbst empfundene Missstände künstlerisch ausdrücken kann. "KLaTSch!-Kulturelles Lernen an (Off) Theater und Schule" ist ein Projekt des Landeszentrums Spiel und Theater, in dem 15 freie Theatergruppen in Sachsen-Anhalt mit den Schulen kooperieren.

"Unsere Schülerinnen und Schüler haben sich während des Projektes unglaublich entwickelt", erkannte die verantwortliche Lehrerin Ulla Brandt. Auch sei der Respekt der Lehrerkollegen gegenüber den jungen Darstellern sichtlich gestiegen. Für den Kunstexperten Wolfgang Knapp waren die vorgestellten Kulturprojekte auch ein Beispiel dafür, dass sich die Kinder und Jugendlichen durch künstlerische Tätigkeit selber finden: "Man bekommt dadurch einen anderen Kontakt zu sich selbst."
 
Musisch-ästhetische Bildung, Leseförderung und die Unterstützung des Theaters sind drei Säulen des Landes im Bereich Kulturelle Bildung und Ganztagsschulen, so Dr. Jürgen Engelmann vom Kultusministerium Sachsen-Anhalt. In Zahlen ausgedrückt: 25 Musikschulen kooperieren mit 80 Schulen aller Schulformen. Im Bereich der Leseförderung und Literatur kooperieren 60 Bibliotheken mit 190 Schulen und im Theaterbereich 15 freie Theater mit 20 Schulen. Auf der Magdeburger Tagung spielten ferner die Sparten Bildende Kunst und Video als gute Beispiele eine Rolle.

Fördermöglichkeiten des Landes Sachsen-Anhalt

Die Förderbereiche und Fördermöglichkeiten des Landes sind ausgesprochen vielfältig: "Sie müssen nur angewandt und gestaltet werden", meinte Engelmann. Und sie müssen bekannter gemacht werden. Beispielsweise fördert das "Programm: Kultur in Schule und Verein" den Besuch von Ausstellungen, Leseförderung, Kinder- und Jugendtheater, Multimediaprojekte oder die "Traditions- und Brauchtums"-Pflege. Die "Richtlinie über die Gewährung von Zuwendungen zur Förderung von Kunst und Kultur" ermöglicht Projekte in allen Bereichen. "Nur wenige Wochen, nachdem die Serviceagentur ,Ganztägig lernen' einen Flyer herausgegeben hat, der die Fördermöglichkeiten in Sachsen-Anhalt bündelt, haben acht Schulen bei den außerschulischen Partnern angerufen", erläutert Sylvia Ruge das Interesse an solchen Informationen.

Auf der Tagung wurden eigens Tische zur Verfügung gestellt, an denen Mitarbeiter des Landesverwaltungsamtes Schulen und außerschulische Kooperationspartner bei der Antragstellung berieten. Dasselbe Verfahren kam für die Förderprogramme "Jugend-Kultur-Preis des Landes Sachsen-Anhalt", das "Themenatelier Kulturelle Bildung" sowie für das Programm "Bildende Künstler und Künstlerinnen in Schulen" zur Anwendung.

Ein Blick auf die Tische verdeutlicht die Vielfalt der außerschulischen Partner: Zu diesen gehören die Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. und die Fachhochschule/ Kultur- und Medienpädagogik, das Kultusministerium und das Landesverwaltungsamt, das Landeszentrum Spiel und Theater e.V., der  Friedrich-Bödecker-Kreis und der Bibliotheksverband, der Berufsverband Bildender Künstler, der Landesverband Offene Kanäle, der Landesverband der Museen und Landesmusikschulverband sowie die Landesstelle Kinder- und Jugendschutz und die Freiwilligenagentur Projekt Engagement macht Schule (EMS).

"Es gibt keine Spartenbegrenzung, alles ist möglich", meinte Engelmann. Ein Runderlass des Ministeriums vom 4. April 2007 fordert die Ganztagsschulen des Landes ausdrücklich dazu auf, Kooperationen mit außerschulischen Partnern einzugehen, um ihre Angebote quantitativ und qualitativ zu bereichern.

Über die Kooperationen mit den außerschulischen Partnern in der Region und im Gemeinwesen sollen sie sich zum sozialen, kulturellen und betrieblichen Umfeld öffnen. "Die Förderprogramme sind ein wesentlicher Impulsgeber für die kulturelle Arbeit in den Ganztagsschulen", ergänzte Engelmann. Sie sollten aber so früh wie möglich beginnen. "Eintagsfliegen werden nicht gefördert".

Arenen und individuelle Förderung statt Klassen

Bernd Walz

Doch geht es nicht nur darum, möglichst früh mit Kulturprojekten anzusetzen. An manchen Schulen ist die Kulturelle Bildung der sprichwörtliche Rettungsanker, wie das Beispiel "Kreativität in die Schule" (KidS) der Ferdinand-Freiligrath-Oberschule in Berlin-Kreuzberg verdeutlichte.

Bernd Walz, Lehrer an der Schule schilderte die Ausgangslage wie folgt: Die Schülerinnen und Schüler an vielen Hauptschulen fühlten sich stigmatisiert und sehen sich als Verlierer, die man auf das gesellschaftliche Abstellgleis stelle: "Die Jugendlichen fühlen sich so - und ich kann es ihnen nicht ausreden." Deshalb habe die Freiligrath-Schule um Schulleiterin Hiltrud Kagerer den Unterricht zunächst mit KidS und ab 2000 im Berliner Schulversuch "Schulen im gesellschaftlichen Verbund" völlig umgekrempelt.

"Arenen, die während der Unterrichtszeit stattfinden, ersetzen die Klassen", erläuterte Walz. Musiker, Maler, Sportler oder Techniker übernehmen dabei einen Teil des Unterrichtes. Diese Fachleute und Künstler haben die Fähigkeit, den Einzelnen wahrzunehmen. Die Arenen greifen gerade solche Themen auf, welche die Jugendlichen emotional beschäftigen. Neben den jahrgangsübergreifenden Arenen "Atelier", "Bühne", "Gesellschaft und Medien", "Natur und Technik", "Stadion" sowie "Wirtschaft und Produktion" gibt es jahrgangsbezogene Arenen-Klassen mit je zwei Lehrerinnen und Lehrern, in denen die Pädagogen und Schüler mit außerschulischen Partnern zusammen arbeiten.

Darunter finden sich der Schauspieler und Regisseur Deniz Döhler, die Medienkünstlerin Eva Bertram oder die Textildesignerin Tamiko Yamashita. In den Arenen, die auf das Leben vorbereiten, haben die Jugendlichen laut Walz die Möglichkeit, mit ihren Stärken hervorzutreten, ihre Arbeiten zu veröffentlichen und sich für Ausbildung und Beruf zu qualifizieren. "Sie sollen so das innere Ghetto aufbrechen" erläutert der Pädagoge.

Frischer Wind in der Kulturlandschaft

Sylvia Ruge

Räume, die keine schulischen Zwecke erfüllen, und handlungsorientierter Unterricht sind auch für den Kunstexperten Wolfgang Knapp elementar. Argumente von Lehrerinnen und Lehrern, sie würden solche Räume nicht bekommen, ließ er nicht gelten. Kulturelle Bildung gelinge dort, wo Raum für eine "Ent-Schulung" vorhanden sei: "Wann was?" sei eine Kernfrage der Bildung. Sie dürfe aber nie die Subjekte aus den Augen verlieren: "Man kann machen, was man will: Wenn die Schülerinnen und Schüler selbst keinen Bezug zu der Fragestellung haben, die jeweils hinter einem Kunstprojekt steht, bringt das Angebot nichts."

Welche Perspektiven und Impulse gehen nun von der Magdeburger Fachtagung aus? "Das wollen wir bald herausfinden", bekräftigt Sylvia Ruge. Die Serviceagentur werde sich mit den Verbänden und Schulleitern nach der Evaluation rückkoppeln und Stichproben bei zehn Schulen machen. Sorgen muss sie sich kaum machen: "Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren begeistert über den Verlauf der Veranstaltung. Sie haben das Gefühl, etwas in Bewegung gebracht zu haben."

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: https://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 

 


 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)