Motivation durch Erfolg

Zwei Tage lang debattierten und informierten rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 1. Berliner Forums der Ganztagsgrundschulen am 17. und 18. März 2006 in Berlin-Neukölln über konzeptionelle Schwerpunkte an ihren Schulen und die Umsetzung im Alltag. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung und die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport hatten zu diesem Erfahrungsaustausch im großen Rahmen eingeladen.

Zehn Schuleiterinnen und Schulleiter auf der Bühne
Die zehn Schulleiterinnen und Schulleiter der Forumsganztagsschulen stellen sich dem Plenum

In jedem laufenden Prozess sollte es Momente geben, in denen man innehält, um das bisher Erreichte zu reflekierten, die Schwierigkeiten zu benennen und gegebenenfalls die Ziele zu korrigieren. Für die 407 Berliner Ganztagsgrundschulen sollte das 1. Berliner Forum der Ganztagsgrundschulen am 17. und 18. März 2006 im Estrel Hotel in Berlin-Neukölln eine solche Möglichkeit bieten. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) und die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport hatten zu diesem Erfahrungsaustausch im großen Rahmen eingeladen, und rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen die Möglichkeit wahr, Anregungen für ihre Arbeit zu erhalten.

Zehn Berliner Ganztagsgrundschulen standen dabei im Mittelpunkt. In zehn Foren stellte je eine dieser Schulen an beiden Kongresstagen jeweils ihr Konzept vor, welches durch Nachfragen und Diskussionen der Forumsteilnehmerinnen und -teilnehmer erläutert und auf die Anwendbarkeit in der eigenen Schule abgeklopft wurde. Jede Schule stand dabei für ein eigenes Thema und machte so den breiten Gestaltungsspielraum und die Möglichkeiten von Ganztagsschulen deutlich.

Die Grundschule am Hollerbusch hatte "Gesundheit und Stressabbau durch Bewegung im Ganztag" zum Thema, die Sonnenblumen-Grundschule informierte über "Verknüpfung von Unterricht und Freizeit im Ganztag", die Jens-Nydahl-Grundschule erläuterte "Kooperation mit externen Partnern im Sozialraum", "Lernräume und Lernumgebung für den Ganztag" war das Thema der Hannah-Höch-Grundschule, die Carl-Kraemer-Grundschule widmete sich der "Kooperation von Pädagoginnen und Pädagogen im Ganztag", bei der Grundschule im Grünen hieß es "Entdeckendes Lernen an Ganztagsschulen am Beispiel von Lernwerkstätten", "Kinder mit unterschiedlichen Begabungen und Benachteiligungen individuell fördern" stand bei der Schule am Friedrichshain im Mittelpunkt, die Erika-Mann-Grundschule informierte über "Kinder mit Migrationshintergrund fördern", "Ganztagsschule als sozialer Lebensraum" hieß es bei der Peter-Petersen-Grundschule, und die Bruno-H.-Bürgel-Grundschule diskutierte über die "Rhythmisierung in der offenen Ganztagsgrundschule". Im Foyer präsentierten diese zehn Schulen darüber hinaus mit Stellwänden ihre Arbeit.

Ganztagsschule als Teil der Alltagskultur

In ihrer Begrüßungsrede dankte Heike Kahl, die Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, den zehn Forumsschulen für ihren Mut, sich anderen zu öffnen und die eigene Arbeit transparent zu machen. Ziel der Ganztagsgrundschulen in Berlin sei es, allen Kindern gute Startbedingungen zu ermöglichen. "Die sozialen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Implikationen von Ganztagsschulen sind inzwischen weithin bekannt, und von den Schulen, an denen der Ganztagsschulprozess gelingt, hören wir allenthalben Zufriedenheit", so Heike Kahl weiter.

"Für uns ist das die Gelegenheit, das Erreichte auch mal zu feiern und die Wertschätzung, die unsere Arbeit hierdurch erfährt, zu genießen", erzählte Schulleiterin Christiane Kose von der Schule am Friedrichshain. Auch Roland Hagelstange von der Sonnenblumen-Grundschule berichtete, dass "meine Leute jetzt mit richtig breiter Brust hier rausgehen". Die Wertschätzung des bisher Geleisteten hatte sich schon zu Kongressbeginn manifestiert, als sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit vor seiner Eröffnungsrede an einigen der Stellwände über die Konzepte einzelner Ganztagsgrundschulen informierte.

Dass der Regierende Bürgermeister das Forum eröffnete und Klaus Böger, Senator für Bildung, Jugend und Sport, die gesamte Zeit über den Kongress verfolgte, demonstrierte den Stellenwert, den das Ganztagsschulthema in Berlin hat. Wowereit wies in seiner Rede darauf hin, dass sich in der Gesellschaft insgesamt die Perspektive auf das Thema Ganztagsschule geändert habe: "In den Siebzigern galt sie noch als Teufelszeug, heute ist sie Teil der Alltagskultur." Mit der Ganztagsschule gelte es, "die Zukunftsfähigkeit der Kinder zu entwickeln und sich um Kinder, die in schwierigen gesellschaftlichen Verhältnissen leben, zu kümmern und sie zur Selbstständigkeit zu befähigen." Die Politik dürfe dabei nicht nur fordern, sondern müsse auch die passenden Rahmenbedingungen schaffen, was natürlich Geld koste. Trotz der schwierigen finanziellen Lage der Stadt werde daher ab 2007 das dritte Kitajahr kostenlos sein. Klaus Wowereit erklärte überdies, er begrüße die in den Bundesländern entstehenden unterschiedlichen Konzepte, von denen man auch lernen könne.

Berlin ist der Schweiz voraus

Im Anschluss erlebte das Plenum dann das ungewohnte Gefühl, mit der Ganztagsschulreform einem europäischen Nachbarn mal voraus zu sein. Christian Aeberli vom Departement Bildung, Kultur und Sport des Schweizer Kantons Aargau berichtete in seinem Vortrag vom "Schweizer Weg zur Ganztagsschule". Die Schweiz hatte bei PISA wie Deutschland nur mittelmäßig abgeschnitten, eine Evaluationskultur war in dem sehr föderalen Staat nicht vorhanden: "Niemand weiß, wie gut unsere Schulen wirklich sind", so Aeberli. Klar sei aber: "Reformen sind notwendig."

Die Volksschulen, führte Aeberli weiter aus, litten unter vielen schlecht vorbereiteten Kindern und Jugendlichen und häufig auch unter Lehrerinnen und Lehrern, die mit den daraus erwachsenen Problemen nicht fertig würden. Wohlhabende Eltern meldeten ihre Kinder in zunehmendem Maße in kostenpflichtigen und kostspieligen Privatschulen an, die einen regelrechten Boom erlebten. Aus dieser Misere führt laut Aeberli nur der Weg zur Tagesschule, die bisher aber lediglich in 35 von 2.800 Gemeinden freiwillig angeboten werde. "Die Tagesschule ist nicht nur Lern-, sondern auch Lebensort für die Kinder, in der Förderung und Betreuung verzahnt sind. Wenn die Volksschule ihrem Namen gerecht werden will, muss sie sich auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen einstellen", erklärte der Schweizer.

Dass Berlin der Schweiz in der Ganztagsschulentwicklung voraus ist, zeigen allein die Zahlen aus der Hauptstadt: Sämtliche 407 Grundschulen bieten seit dem Schuljahr 2005/2006 über den Unterricht hinaus Bildung und Betreuung von 6.00 bis 18.00 Uhr an. 64 Ganztagsgrundschulen arbeiten in gebundener Form. Die Zahl der Grundschulen mit jahrgangsübergreifendem Lernen wird von 48 im Schuljahr 2005/2006 auf über 140 im kommenden Schuljahr steigen. Rund 10.000 Lehrkräfte und 3.300 Erzieherinnen und Erzieher arbeiten an den Berliner Grundschulen. Bei letzterer Zahl galt die Schweiz dem Plenum indes noch als vorbildhaft: Als in einem Kurzfilm der "Neuen Zürcher Zeitung" über Tagesschulen in Bern das Verhältnis von einer Erzieherin auf zwölf Schülerinnen und Schüler erwähnt wurde, brandete im Saal demonstrativ Beifall auf.

Probleme nicht schönreden

Kinder der Grips-Grundschule und Mascha Kleinschmidt-Bräutigam vom LISUM präsentieren die "Leserolle", ein Projekt zur Leseförderung

Im Forum "Rhythmisierung in der offenen Ganztagsgrundschule" äußerte sich abermals die Unzufriedenheit über die Ausstattung mit Erzieherinnenstellen. Ingrid Lienke und Lutz Bassin, die Schulleiter der Bruno-H.-Brügel-Grundschule in Lichtenrade, nannten die Erzieherinnenzahl an ihrer Schule "nicht ausreichend": "5,5 Stellen sind für eine anspruchsvolle Hortarbeit zu wenig." Ein Riesenproblem sei es auch, dass von den Erzieherinnen kaum jemals alle gleichzeitig da seien, da sich die ihnen im Jahr laut Tarifvertrag zustehenden Urlaubstage und AZK-Tage auf 50 Tage im Jahr addierten. Zudem sollten aus diesem Pool pro Klasse noch zehn Erzieherinnenstunden in die Schuleingangsphase abgezogen werden.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forums baten die anwesenden Vertreterinnen der Senatsverwaltung, die Forderungen nach mehr Personal an die Leitung weiterzugeben. "Wir sind uns mit der Senatsverwaltung in den Reformen einig", formulierte ein Teilnehmer, "sitzen auch nicht im Wolkenkuckucksheim und sehen die Realitäten des Berliner Haushalts, aber die Probleme sollten auch nicht ständig schöngeredet werden."

Die Rhythmisierungsbemühungen im offenen Ganztag an der Bruno-H.-Bürgel-Schule befand das Forum indessen als unzureichend. Wenn man den Schülerinnen und Schülern eine "Schule zum Wohlfühlen" mit individuellem Lerntempo, Zeit zum Ankommen, Zeit zur intensiven Beschäftigung ohne Hast und Unterbrechung bieten wolle, sei die gebundene Ganztagsschule ohne Alternative - doch die sei vom Senat wegen der höheren finanziellen Personalaufwendungen derzeit leider nicht gewünscht.

Leistungssteigerung durch kontinuierliche Förderung

Wie man durch eine einfache Tagesumstrukturierung einen großen Schritt in der individuellen Förderung machen kann, schilderte Schulleiterin Christiane Kose von der Schule am Friedrichshain in ihrem Forum "Kinder mit unterschiedlichen Begabungen und Benachteiligungen individuell fördern". Nach einem beeindruckenden Besuch in der schwedischen Futurum-Schule im September 2002 habe man im Kollegium überlegt, welche Elemente dieser durch die Selbstorganisation und Selbstständigkeit der Schülerschaft geprägten Schule man für die eigene Förderschule übernehmen könne und habe im Mai 2003 eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Der Auftrag an die Gruppe lautete, ein Konzept zu entwickeln, um alle Kinder und Jugendlichen von Klasse 1 bis 10 zu fördern und die Förderung kontinuierlich zu gewährleisten.

Lehrer Willi Sauer von der Eduard-Mörike-Grundschule äußerte im Forum die "bittere Erfahrung nach 30 Jahren Schuldienst, dass Förderunterricht nur der Steinbruch für Vertretungsstunden ist. Wenn Förderunterricht parallel zum Fachunterricht stattfindet, ist das Nonsens, und Förderung wird zum leeren Wort." Eben dies wollte die Schule am Friedrichshain vermeiden, verschob daher zum Schuljahr 2004/2005 den Beginn der ersten Stunde um 15 Minuten nach hinten auf 8.15 Uhr und ließ den Schultag um 7.40 Uhr beginnen. Dienstag, Mittwoch und Donnerstag bieten nun Lehrerinnen und Erzieherinnen Förderung mit thematischen Schwerpunkten - wie Englisch, Konfliktlösung, Rechtschreibförderung - in kleinen Gruppen von etwa sechs Schülerinnen und Schülern an. Montag und Freitag fördert die Klassenlehrerin im sozialen Lernen. Jede Schülerin beziehungsweise jeder Schüler nimmt pro Woche an zwei dieser so genannten Förderbänder teil.

"Wir hatten zunächst Sorge, ob der frühe Anfang zu Problemen führen würde", so Christiane Kose, "doch eine Befragung im November 2004 zeigte eine hohe Zufriedenheit bei Lehrern, Eltern und Schülern mit dem neuen System." Die Lehrerinnen und Lehrer freuten sich über die kontinuierliche Arbeit, die nach eineinhalb Jahren eine nachweisliche Leistungssteigerung bei den Schülerinnen und Schülern erbracht habe. Diese wiederum seien über Erfolgserlebnisse froh, die sich nun im Fachunterricht einstellten. Die Kinder seien nun im Fachunterricht auch arbeitsfähiger als früher, wo man oft zunächst eine halbe Stunde damit verbracht habe, die Klasse ruhig zu bekommen. Nora Geisler, die das Förderband "Bewegung und Spiel" leitet, meinte: "Die Motivation kommt durch Erfolgserlebnisse." Das Konzept ihrer Schule stieß auf große Resonanz: "Wenn das kostenneutral hinzukriegen ist, wäre das sehr interessant", erklärte Willi Sauer.

Böger: "Es gibt noch viel zu tun"

Als einen "echten Arbeitskongress" würdigte Klaus Böger zum Abschluss das 1. Berliner Ganztagsgrundschulforum, welcher der gegenseitigen Befruchtung mit Ideen gedient habe. Wenn man sich die Schweiz ansehe, könne man feststellen, "dass wir nicht mehr ganz am Anfang stehen". Mit dem Ganztagsschulkonzept sei man auf dem richtigen Weg, und "es war richtig, den Schwerpunkt bei den Grundschulen zu setzen, denn hier wird die Basis für gute Bildung gelegt."

Die Kritik habe er wohl vernommen, gab der Senator zu verstehen: "Es gibt noch viel zu tun, es müssen mehr Investitionen in den Primarbereich." Allerdings würden noch immer zu viele Berliner Parlamentarier Bildungsfinanzierung nicht als Investitionen in die Zukunft, sondern lediglich als Kosten wahrnehmen. "Gehen Sie auf jeden zu, und stellen Sie immer wieder Ihre Forderungen", riet Böger den anwesenden Schulvertreterinnen und -vertretern.

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