Rheinland Pfalz für neues Lernen und Partizipation

Rhythmisierung, Partizipation und Elternbeteiligung waren die heiß diskutierten Themen am 30. Januar 2006 auf dem Ganztagsschultag "Neues Lernen - Ganztagsschule erleben" im Mainzer Gymnasium Theresianum. Knapp 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten sich unmittelbar über die Möglichkeiten von Ganztagsschulen informieren. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen sieht kein Ende des Ganztagsschulbooms, denn: "Der Bedarf ist noch lange nicht gedeckt."

"Wenn man mich vor fünf Jahren gefragt hätte, ob es im Jahr 2006 über 300 Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz geben würde und wir zu einen Ganztagsschulkongress knapp 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern begrüßen würden", so Doris Ahnen am 30. Januar 2006 bei der Eröffnung des Ganztagsschulkongress "Neues Lernen - Ganztagsschule erleben" in der Sporthalle des Mainzer Gymnasiums Theresianum, "dann hätte ich das zwar nicht für unmöglich, aber doch für sehr unwahrscheinlich gehalten."

Doris Ahnen und Eggert Voscherau
Doris Ahnen (l.) und Eggert Voscherau sprechen zur Kongresseröffnung.

Beides ist Realität geworden: Rheinland-Pfalz verfügt über 304 Ganztagsschulen in Angebotsform, die seit 2001 gegründet worden sind. Zum Schuljahresbeginn 2006/2007 werden 58 weitere dazukommen, die Anträge waren doppelt so hoch. Und auf dem Kongress konnte die Ministerin tatsächlich rund 1.000 Interessierte willkommen heißen, mit denen sie ausloten wollte, "welchen Stand wir erreicht haben, und wo wir noch weiterarbeiten müssen". Der Kongress sei dabei "Ausdruck der Ernsthaftigkeit, das Ganztagsschulprogramm voranzutreiben". Doris Ahnen bat: "Nutzen Sie das Expertenwissen, das heute hier ist!"

Bereits arbeitende Ganztagsschulen und ihre Kooperationspartner bildeten im Pädagogischen Zentrum des Ganztagsgymnasiums eine Art Messe. Schülerinnen und Schüler führten Aikido und Yoga vor, trommelten, töpferten, fuhren Einrad, jonglierten, präsentierten ihre Online-Schülerzeitung oder die Streitschlichter-Gewaltprävention. Die Wald-AG der Dr. Martin Luther King-Grundschule Bad Kreuznach sägte und hämmerte Vogelhäuschen, die sie gleich mit dem entsprechenden Futterkörbchen präparierten.

Qualität entscheidet sich am Engagement

In einer anderen Ecke der Aula stand die markante Slumhütte, ein Häuschen, das die Ganztagsschülerinnen und -schüler der Freien Montessori-Schule Landau aus Dosen zusammengesetzt hatten und die nun als eine Art Ausstellungsprojekt von Norbert Schäfer zu Anlässen wie diesem gefahren wird. Schäfer ist Diplomingenieur, der mit seinem Büro "Stadt + Natur" unter anderem das Projekt "Slumhütte" an Ganztagsschulen verwirklicht. "Die Slumhütte führt den Kindern anschaulicher vor Augen, wie man in der Dritten Welt lebt, als es jedes Buch könnte. Außerdem lernen sie den bewussten Umgang mit den vorhandenen Ressourcen im Alltag. Für die Slumhütte verwenden wir fast ausschließlich Abfallmaterial", berichtete Schäfer.

Auch Norbert Schäfer durfte sich angesprochen fühlen, als Doris Ahnen in ihrer Rede ausführte, dass man für die Arbeit an Ganztagsschulen Menschen finden müsse, die bereit seien, etwas auszuprobieren. Denn "die Ganztagsschule ist nicht die bessere Schule per se, sondern die Qualität entscheidet sich am Engagement", so die Ministerin. Besonders erfreulich sei dabei, dass sich an manchen Ganztagsschulen eine "ausgeprägte Kooperationskultur durch Teamarbeit im Kollegium und mit den außerschulischen Partnern" entwickelt habe.

Dennoch bleiben laut Doris Ahnen Bereiche, die man noch "intensiver diskutieren" müsse: Die Rhythmisierung des Schultages nannte sie als ersten Punkt. Zwar wolle die Landesregierung die Wahlmöglichkeiten der Schule nicht einschränken, die Ministerin machte aber keinen Hehl daraus, dass sie eine "Vernetzung der Angebote" in der gebundenen Form für wünschenswert hielt. Zweitens müsse man gerade Ganztagsschulen zur Partizipation der Schülerinnen und Schüler nutzen: "Partizipation ist ein Lernprozess, und partizipieren lernt man nur durch Partizipation." Drittens müssten sich die Schulen zur Lern- und Lebenswelt entwickeln und viertens für außerschulische Partner öffnen.

Eltern für mehr Transparenz

Hätte die Ministerin am Nachmittag an der Arbeitsgruppe "Anpacken. Wie Eltern Ganztagsschule mitgestalten können" teilgenommen, wäre sie, was die Themenfelder "Partizipation" und "Rhythmisierung" betrifft, wohl mit zusätzlichen Eindrücken gegangen. In dem von Jürgen Tramm, Leiter der Regionalen Serviceagentur Rheinland-Pfalz, geleiteten Workshop tauschten sich Eltern und Lehrerinnen und Lehrer aus. Besonders an Gymnasien werde die Mitarbeit von Eltern abgeblockt, war dort zu hören - man sei nur als "Materiallager" oder zum Kuchenbacken gefragt. Man wünsche sich mehr Transparenz der Schulleitung und einen Leitfaden, was Eltern in der Schule dürfen und was nicht. "Das fängt damit an, dass man nicht weiß, ob man einem Kind einen Gang zur Toilette erlauben darf", gab eine Mutter ein Beispiel.

Jürgen Tramm stellt das Fortbildungsmodul "Neue Elternpower" vor (links). Prof. Hans Bertram betrachtet die Ganztagsschuldiskussion aus dem Blickwinkel des Familienwissenschaftlers.

Die Regionale Serviceagentur Rheinland-Pfalz bietet ein Fortbildungsmodul "Neue Elternpower" an, welches die stärkere Einbindung von Eltern ermöglicht und das aus Gesprächen mit Elternbeirat und Schulleitung und drei dreistündigen Treffen an der entsprechenden Schule besteht. Bei der Planung und Umsetzung begleite die Serviceagentur die Schule dann über eine gewisse Zeit auf ihrem Weg. Darüber hinaus biete auch das "Institut für schulische Fortbildung und schulpsychologische Beratung" in Speyer Qualifizierungsseminare für Eltern an.

Gänzlich bei null müssen die Eltern allerdings nicht anfangen. Tramm nannte Referenzschulen wie die Integrierte Gesamtschule Ernst Bloch in Ludwigshafen-Oggersheim, an der ausschließlich Eltern als Kooperationspartner der Schule agieren. Hier hatte der Schulelternbeirat im Juni 2005 den Anstoß für die Einführung eines Schulparlaments gegeben, dessen Entscheidungen bindend sind.

Bessere Lernfortschritte in gebundenen Ganztagsklassen

Zum Thema "Rhythmisierung" konnte Yvonne Bayer-Balz, eine Mutter, die für die Grundschule Blaues Ländchen in Nastätten sprach, eindeutig positive Erfahrungen weitergeben. Nachdem die Schule zunächst die offene Form gewählt hatte, wurde eine Ganztagsschulklasse eingerichtet. "Inzwischen hat sich gezeigt, dass die Kinder in dieser Klasse größere Lernfortschritte gemacht haben als die Kinder in den anderen Klassen, und jetzt wollen immer mehr Eltern ihre Kinder auch in der Ganztagsklasse anmelden. Kein Kind hat die Ganztagsklasse bisher verlassen, einige sind dazugekommen", berichtete Yvonne Bayer-Balz. Die beiden Lehrerinnen der Klasse, die Kinder und die Eltern seien begeistert. Zudem würden Migrantenkinder besser integriert, die Sprachbarrieren fielen schneller und auch stille und verschlossene Kinder blühten auf. Andere Mütter bestätigten diese guten Erfahrungen mit der gebundenen Ganztagsform.

Für die gebundene Form machte sich auch Joachim Paul, Schulleiter der Regionalen Schule Wörth, stark: "Wir sind seit vier Jahren Ganztagsschule und haben mit dem additiven Modell begonnen, bieten jetzt aber nur noch Ganztagsklassen an, die von acht bis 16 Uhr in der Schule sind. Die Rhythmisierung ermöglicht ein besseres Lernen, die Schüler erzielen Lernfortschritte." Die Wirkungen blieben nicht aus: Die Zahl der Ganztagsschülerinnen und -schüler ist von 200 auf 350 von insgesamt 700 gestiegen, und aus dem Umfeld wollen immer mehr Eltern ihre Kinder an der Regionalen Schule anmelden.

In einigen der insgesamt 30 Arbeitsgruppen zu den Themenkomplexen "Zeit", "Lernen", "Familien" und "Kommunikation" dominierten zwei Themen, die in Ganztagsschulen häufig Diskussionsgegenstand sind: Die Hausaufgabenbetreuung und das Mittagessen. Hans-Jürg Liebert vom "Institut für schulische Fortbildung und schulpsychologische Beratung" leitete an Doris Ahnen den dringenden Wunsch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer weiter, Qualitätsstandards für die Caterer zu entwickeln. Die Bildungsministerin kündigte an, das Problem der Finanzierung des Mittagessens für finanziell schwache Familien durch einen Zuschuss aus Landesmitteln zu lösen.

Ganztagsschule als verlässlicher Lebensort

Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer kritisierten, dass die Menge der gestellten Hausaufgaben in der so genannten Lernzeit manchmal in keinem Verhältnis zu der Verfügung stehenden Zeit stünden. Lehrerinnen und Lehrer müssten debattieren, was für die Kinder und Jugendlichen zumutbar sei. Die individuelle, flexible Ausgestaltung der Lernzeit sei wünschenswert, sie binde aber auch viele Kräfte.

Gedankenanstöße von außerhalb der Schulen lieferten Eggert Voscherau, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns BASF, und Prof. Dr. Hans Bertram, Familienforscher von der Humboldt-Universität Berlin, die sich in ihren Reden beide - naturgemäß aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Erwägungen - für die Ganztagsschulen einsetzten. Für Voscherau ist die Ganztagsschule "ein gutes Modell, das viele Fragen beantwortet und zum tragenden Modell werden sollte, das in der ganzen Bundesrepublik gefördert wird". Innovation beginne in den Köpfen und wichtig seien die individuelle Ansprache und Förderung, die in den Ganztagsschulen besser geleistet werden könnten. "Investition in Wissen bringt die besten Zinsen", zitierte der Unternehmer Benjamin Franklin.

Prof. Bertram bezeichnete die Ganztagsschule als "überfällige Entwicklung, die auf die Veränderung der Elternrollen reagiert". Die zurückgehenden Kinderzahlen würden das Problem einer "Verinselung" und das Fehlen zentraler Ruhepunkte für die Kinder verschärfen - mit der Ganztagsschule als einem verlässlichen Lebensort könne man gegensteuern. "Den Selektionsluxus können wir uns nicht mehr leisten", so der Wissenschaftler, "wir brauchen Chancengleichheit und müssen Kindern mit verschiedenen Hintergründen gerecht werden." In der Ganztagsschule könne man anders fördern, dazu brauche man aber auch anderes Personal und eine "massive Veränderung der Lehrerrolle".

Wie geht es weiter mit dem Ganztagsschulausbau in Rheinland-Pfalz? Doris Ahnen vermied angesichts der nahenden Landtagswahl konkrete Festlegungen und formulierte: "Der Bedarf ist noch lange nicht gedeckt. Die Ganztagsschulen sollten weiter ausgebaut werden."

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