Zum Lernen verführen

"Ganztag in Brandenburg gemeinsam gestalten" lautete der Titel des Brandenburger Ganztagsschulkongresses, der am 5. und 6. Mai 2006 in Cottbus stattfand. Die Regionale Serviceagentur Brandenburg hatte rund 450 Ganztagsakteure eingeladen, ihre Erfahrungen bei der qualitativen Weiterentwicklung ganztägiger Bildung, Erziehung und Betreuung einzubringen und Impulse für die vielschichtigen Kooperationsprozesse an Ganztagsschulen zu geben.

Durch den Saal der Messehalle Cottbus hallen afrikanische Klänge. Trommeln werden geschlagen, stimmgewaltig ghanaische Gesänge angestimmt, eine Gruppe von Schülerinnen tanzt im Rhythmus nach einer festen Choreographie im Kreis dazu. Eine mitreißende Darbietung, die mit viel Applaus belohnt wird. Die Leistung ist von keiner professionellen Musikgruppe vollbracht worden, sondern von Musikerinnen und Musikern der Musikschule Henningsdorf sowie Schülerinnen und Schülern der Albert-Schweitzer-Oberschule Henningsdorf, die eine Kooperation im Ganztagsbereich eingegangen sind. Die Moderatorin fragt einen Schüler, ob sich sein Engagement in der Arbeitsgruppe der Ganztagsschule denn auch auf sein Privatleben ausgewirkt habe. "Ja, ich habe mir zwei Trommeln für zu Hause gekauft", antwortet dieser.

Karen Dohle (l.) von KobraNet würdigt noch einmal das hervorragende Abschneiden der Grundschule Missen beim Zweiten bundesweiten Wettbewerb "Zeigt her Eure Schule".

Darum geht es: Interesse wecken, Neigungen und Stärken weiterentwickeln. Aller Orten klagen Pädagogen über Jugendliche, denen schlicht alles egal sei, über Lethargie und Desinteresse. Wer im Elternhaus keine Impulse bekommt und dazu noch keine Möglichkeit hat, etwas mit Gleichaltrigen zu unternehmen, der landet schnell auf der Konsumschiene vor dem Fernseher, der Spielkonsole oder dem Computer. "Viele Jugendliche erreicht man gar nicht mehr", berichtet ein Jugendhilfemitarbeiter. "Selbst wenn man sich mal Zeit für ein ruhiges, ernsthaftes Gespräch unter vier Augen nehmen will, fehlt es oft einfach an Konzentration und Geduld. Wenn man Botschaften nicht in einem Musikvideo verpackt verkauft, erreichen sie die Jugendlichen nicht mehr."

Es geht auch anders: Die Ganztagsschulen geben den Kindern und Jugendlichen rechtzeitig die Möglichkeit, neben dem traditionellen Schulcurriculum Neues und Fremdes aus vielen Bereichen zu entdecken, Neugier zu entwickeln, zu Forschern und Entdeckern zu werden. Dazu brauchen die Schulen Partner, die ihre Kompetenzen einbringen. Der Brandenburger Ganztagsschulkongress "Ganztag in Brandenburg gemeinsam gestalten" am 5. und 6. Mai 2006 gab diesen Kooperationspartnern ein Forum und die Möglichkeit, sich den circa 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu präsentieren. Die Veranstalter, die Regionale Serviceagentur Brandenburg und KoBra.net - Kooperation in Brandenburg, stellten gemäß dem Kongresstitel Prozesse und Strukturen der Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften, Schulleitung, Schülerinnen und Schülern, Eltern sowie Einzelschulen, Schulträgern, Jugendhilfe und anderen Kooperationspartnern in den Mittelpunkt.

"Pädagogisch gestaltete Lernzeit und menschliche Zuwendung"

So waren rund 25 Aussteller mit Ständen auf der Messe vertreten: Schulen und ihre außerschulischen Partner präsentierten hier unterschiedliche Möglichkeiten der Zusammenarbeit: Ökologische Projekte, Medienarbeit, Golfsport, Kunstprojekte, Bewerbungstraining, Theaterarbeit, Schülerclubs und -firmen, Streitschlichtung und Partizipation, Erlebnispädagogik, Naturerlebnisunterricht, Breakdance oder Turnen als nur einige Beispiele.

Der brandenburgische Bildungsminister Holger Rupprecht honorierte die Arbeit dieser Schulen und ihrer Partner, indem er nach seiner Eröffnungsrede einen Rundgang durch die Ausstellung unternahm und sich über die einzelnen Angebote informierte. Zuvor hatte Rupprecht in seiner Rede ausgeführt, dass man "mehr pädagogisch gestaltete Lernzeit und auch mehr menschliche Zuwendung" in den Schulen brauche. Deswegen würden in Brandenburg seit einigen Jahren Ganztagsangebote an Grundschulen und in der Sekundarstufe I gezielt ausgebaut. "Und wir werden sie weiter ausbauen."

Heike Kahl (l.) im Gespräch mit Holger Rupprecht (M.) und Katrin Kantak.

Momentan gibt es in Brandenburg 173 Ganztagsschulen, zum kommenden Schuljahr werden es 117 Grundschulen und 101 Schulen der Sekundarstufe I sein. Laut Rupprecht dürfen dabei die baulichen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Ganztagsbetrieb nicht unterschätzt werden: "Die Sicherstellung dieser Infrastruktur - etwa die Einrichtung einer Mensa, einer Cafeteria oder einer Bibliothek sowie altersgemäße Aufenthalts-, Spiel- und Ruhemöglichkeiten - übernimmt der jeweilige Schulträger. Dabei kann das Land ihn aber großzügig unterstützen, denn glücklicherweise stehen uns die Zuschüsse des Investitionsprogramms ,Zukunft Bildung und Betreuung' (IZBB) des Bundes zur Verfügung." Brandenburg erhält aus dem vier Milliarden Euro schweren Programm rund 130 Millionen Euro. Bisher sind davon 44,8 Millionen Euro ausgegeben worden, im laufenden Haushaltsjahr wird über die Vergabe von weiteren 23 Millionen Euro entschieden.

"Wir respektieren, fordern und fördern jedes Kind nach seinen individuellen Fähigkeiten", betonte der Minister. "Kinder aus bildungsfernen Familien erleben ein anregungsreiches Umfeld, das ihnen ansonsten leider oft nicht zugänglich ist. Schulen mit Ganztagsangeboten im Land Brandenburg orientieren sich an einem modernen Bildungsverständnis, das sich nicht nur auf kognitives Wissen beschränkt, sondern auch soziales Lernen einbezieht und Kompetenzen wie Kommunikations-, Kooperations- und Teamfähigkeit und schließlich soziales Verantwortungsbewusstsein umfasst. Wir sind dabei noch lange nicht am Ziel, aber auf dem richtigen Weg."

Teamschule ist die Schule der Zukunft

Heike Kahl, die Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), beschrieb die Brandenburger Strategie, regionale Leuchttürme aufzubauen. Zwei Preisträgerschulen auf den Plätzen vier und fünf beim bundesweiten Wettbewerb "Zeigt her eure Schule" - die Grundschule Missen im Spreewald mit ihrer Lernwerkstatt und die Pannwitz-Grundschule in Lychen mit ihren Umweltprojekten - sprächen für sich.

Es geht eine Menge an den Brandenburger Ganztagsschulen, wie auch ein kurzes moderiertes Podiumsgespräch mit Schülerinnen und Schülern zeigte. Edgar von der Grundschule Missen erzählte, dass er die Unterrichtsblöcke von 90 Minuten mit den Pausen wie auch die Wochenplanarbeit gut finde. Marco von der Oberschule "Herbert Tschäpe" in Mahlow berichtete von den Arbeitsstunden für Hausaufgaben mit Lehrerbegleitung und Übungsstunden. Auch die Mitbestimmungsmöglichkeiten und Verantwortungsübernahme für Schülerinnen und Schüler sind mancherorts vorbildlich: So gibt es an der Oberschule "Herbert Tschäpe" Klassensprecherkonferenzen, an denen auch Lehrerinnen und Lehrer teilnehmen, und ältere Schüler passen auf jüngere auf.

"Die aktive Mitbestimmung der Kinder ist unerlässlich", formulierte Heinz Günter Holtappels vom Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung in seinem anschließenden Impulsreferat "Pädagogische Gestaltung und Entwicklung von Ganztagsschulen". Demokratie müsse gelebt und gelernt werden. Dabei bestimmten die Kinder den Lernprozess in einem gewissen Rahmen selbst mit. Auch der Zusammenhalt zwischen den Lehrern sei geboten: "Die Schule der Zukunft wird die Teamschule sein." Es brauche aber auch anderes Personal und Beratungskompetenzen in der Schule, so der Wissenschaftler. "Da hat Brandenburg den Vorteil, über die Horte mit den Sozialpädagogen zu verfügen. Diese unterstützen das soziale Lernen in erzieherischen Feldern des Schullebens."

Unmut über das Personalkarussell

Doch es gibt auch Unmut in den Schulen des Landes, was sich am zweiten Tag an den Ergebnissen der tags zuvor parallel arbeitenden Foren zeigte, in denen sich die am Ganztag beteiligten Akteure nach Professionen getrennt über ihre Kompetenzen, Erfahrungen, aber auch über die Hindernisse auf dem Weg zu einer erfolgreich arbeitenden Ganztagsschule ausgetauscht hatten. Berufsübergreifend beklagte man das ständige Personalkarussell, das keine Kontinuität und Planbarkeit erlaube. In Brandenburg sind die Schülerzahlen erdrutschartig gesunken, Versetzungen von Lehrkräften daher an der Tagesordnung. Cottbus zum Beispiel verliert viele Lehrkräfte an den "Speckgürtel" um Berlin. Auch das Trägerwirrwarr, der hohe bürokratische Aufwand und die fehlende Selbstständigkeit der Schulen wurde kritisiert. "Wir brauchen bei den manchmal großen sozialen Problemen mehr Sozialarbeiter und Sozialpädagogen", forderte Cornelia Warsönke von der Gesamtschule Finsterwalde.

Holger Rupprecht jongliert
So wird's gemacht - Holger Rupprecht beim Rundgang über die Ganztagsschulausstellermesse.

Auch von Elternseite bestand der Wunsch nach Sozialarbeit in der Grundschule und Elternberatung in den Schulen. Selbst könnten sich die Eltern in der Hausaufgabenbetreuung, als Lesepaten und mit AG-Angeboten einbringen, wobei man sich auch der Problematik der erforderlichen pädagogischen Qualifikation bewusst sei. Für die Schülerschaft bot Florian Schmidt vom Landesschülerrat Brandenburg an, ältere könnten jüngere Schüler fördern und ihnen helfen, man könne Kontakte zu interessanten Berufsgruppen oder Vereinen knüpfen und selber Aktivitäten veranstalten. Häufig sei in den Ganztagsschulen die Schülermeinung noch nicht gefragt und die Schüler selbst seien zugegebenermaßen oftmals unmotiviert.

Für die Jugendhilfe und die außerschulischen Partner hoben Klaus Schorner von KoBra.net beziehungsweise Uwe Prinz von der AWO Brandenburg Ost jeweils die anders gelagerten Kompetenzen, die Freiheit und Offenheit für Themen, die hohe Fachkompetenz und Vielfalt ihrer Träger hervor, monierten aber gleichlautend die fehlenden Ressourcen, die instabile Personalsituation und oft immer noch mangelnde "gleiche Augenhöhe" von Schulen und außerschulischen Partnern.

Forschen und Entdecken

Zwei Workshop-Runden mit 22 Angeboten konnten genutzt werden, um neue Anregungen für Möglichkeiten des Lehrens und Lernens aufzunehmen.

Wie man mit relativ einfachen Mitteln Kinder begeistern und als Lehrerin oder Lehrer eine neue Perspektive auf das Lernen und die Schülerinnen und Schüler erhalten kann, machte Heike Noll von der Grundschule Brück in Belzig in ihrem Workshop "Forschen und Entdecken" deutlich. "Kinder bringen viel an Spontanität mit, sind von Natur aus neugierig und stellen tausend Fragen", erklärte die Lehrerin. Doch es sei schwierig, mit der Unterschiedlichkeit in einer Klasse umzugehen: "Früher war ich als Lehrerin mittags frustriert, weil ich merkte, dass ich trotz penibler Unterrichtsvorbereitung viele Kinder entweder unter- oder überfordert hatte."

Gemäß dem Aphorismus des polnischen Lyrikers Stanislaw Jerzy Lec "Vieles hätte ich verstanden, wenn man es mir nicht erklärt hätte" haben Heike Noll und das Kollegium der Grundschule Brück den naturwissenschaftlichen Unterricht umgestellt. "Mir wurde klar, dass ich kein Wissen verabreichen, sondern nur Impulse geben kann", so die Pädagogin. Nun werden im Ritual Morgenkreis - einer Fundgrube für Fragen der Kinder - interessante Fragestellungen gesammelt und wenn möglich Projekte daraus abgeleitet. Die Fragen können die Schülerinnen und Schüler in eine so genannte Fragekiste einwerfen, die in der Klasse steht. "Man darf als Lehrerin nicht sofort eine Antwort auf die Fragen geben, sondern muss eine Kultur entwickeln, diese Fragen als Impulse zur Beschäftigung mit einem Thema zu entwickeln", erzählte Heike Noll. So sei an ihrer Grundschule eine regelrechte Kultur des Miteinander-Philosophierens entstanden.

Es gebe viel Literatur, die helfe, entsprechende Projekte und Versuche zu finden. "Die Kinder wollen keine vorgefertigten Lösungen, sondern den Stolz, etwas selber rauszufinden", erläuterte die Lehrerin. Das habe auch einen erzieherischen Wert: Man akzeptiere die Würde der Kinder. Und man müsse die Kinder unterstützen, wach durch die Umwelt zu gehen, Dinge zu hinterfragen und nicht nur zu konsumieren: "Wir müssen die Kinder zum Lernen verführen."

Vor 15 Jahren hat die Grundschule Brück eine Lernwerkstatt für Fortbildungen in "Forschen und Entdecken" für die Pädagogen eingerichtet, denn "viele Kollegen haben Hemmnisse gegenüber der Naturwissenschaft". Jedes Klassenzimmer verfügt über eine Forscherecke, überall ist Material vorhanden, das für Experimente genutzt werden kann. In Freiarbeit erforschen die Kinder physikalische und chemische Sachverhalte und stellen danach ihre Versuche der Klasse vor, was auch die sprachliche Kompetenz befördert. Das Lernen werde so viel nachhaltiger. Und auch als Lehrkraft profitiere sie: "Nach 25 Jahren im Schuldienst", so Heike Noll, "entdecke ich die Welt selbst als Lernende und verstehe die Kinder besser."

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