Trampelpfad statt Spazierweg

Mit einem solchen Ansturm hatten die Organisatoren nicht gerechnet: Rund 1.000 Pädagogen, Wissenschaftler und Politiker reisten am 11. Februar 2005 ins westfälische Hamm, um "Ein Jahr Offene Ganztagsgrundschule in Nordrhein-Westfalen" zu bilanzieren. Im Mittelpunkt standen die ersten Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung, doch natürlich sprach man auch über das praktisch Erreichte und über Probleme und deren Lösungsmöglichkeiten.

Einer solchen Menschenmenge steht Klaus Bellmund wohl auch nicht alle Tage gegenüber. Der Journalist, der die Moderation des Kongresses "Ein Jahr Offene Ganztagsgrundschule in Nordrhein-Westfalen" übernommen hat, blickt von der Bühne über die vollbesetzten Reihen in der riesigen Alfred Fischer-Halle in Hamm, einer ehemaligen Maschinenhalle der Zeche Sachsen. "Als man mich fragte, ob ich die Moderation übernehmen wolle, war von einer kleinen Veranstaltung mit etwa 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Rede", erklärt Bellmund zu Beginn des Tages. "Jetzt sind es 1.000 geworden."

Das Thema Ganztagsschule interessiert immer mehr, es betrifft immer mehr Menschen: Insofern mussten sich die Veranstalter, das Institut für soziale Arbeit aus Münster und das Ministerium für Schule, Jugend und Kinder in NRW, über die hohe Teilnehmerzahl nicht wundern. Bei dem Ganztagsschulprogramm handelt es sich ja auch um nichts Geringeres als das "umwälzendste Programm in der deutschen Bildungsgeschichte", wie Prof. Thomas Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut in seinem Beitrag "Bildung, Erziehung und Betreuung in der Offenen Ganztagsgrundschule: Schlussfolgerungen aus der wissenschaftlichen Begleitung" konstatierte. Das Deutsche Jugendinstitut hat 2003 zusammen mit dem Institut für soziale Arbeit, dem Landesinstitut für Schule in Soest, dem Sozialpädagogischen Institut in Köln und der Universität Dortmund 2003 die Begleitforschung übernommen.

Echte Pionierarbeit

Die Ganztagsschule ist für Rauschenbach mehr ein "Trampelpfad als ein Spazierweg" zu einer besseren Bildung, denn die Schulen in Nordrhein-Westfalen starteten 2003 oftmals von Null und mussten sich vieles selbst erschließen. Rauschenbach bezeichnete dies als "echte Pionierarbeit, für die man den Beteiligten Respekt zollen muss". Die Vorgaben aus dem Düsseldorfer Ministerium waren vage gehalten worden, was sich für Schul- und Jugendministerin Ute Schäfer als richtig erwiesen hat: "Der offene Ansatz hat viel Kreativität freigesetzt. Der Verzicht des Landes auf die Vorgabe eines geschlossenen Konzepts war richtig. Die Befragten begrüßen, dass zu Beginn nicht schon alles feststand, sondern Zeit für die weitere Entwicklung blieb."

Wer noch kein Verfechter der Offenen Ganztagsgrundschule war, der wäre an diesem Tag spätestens nach der Vorführung des Films "OGS0 wilde Welt" ins Grübeln gekommen. Die Filmemacherin Anke Lehrmann-Echternacht hat Viertklässler aus zwei Schulen in Münster und Hamm begleitet und diese sich selbst interviewen und filmen lassen. Heraus kam ein flottes, pfiffiges Portrait vom Alltag in Ganztagsgrundschulen mit seinen vielen Möglichkeiten. Das Plenum bedachte den Film mit donnerndem Applaus, die 100 DVDs waren im Nu ausverkauft.

Auf einer Tagung wie in Hamm, wo sich Schulleitungen und Lehrkräfte mit den verschiedenen Trägern aus Jugendhilfe, Kultur-, Sport- und Sozialarbeit austauschen können, wird deutlich, dass "nun natürlich die nachwachsenden Ganztagsgrundschulen von den bereits gemachten Erfahrungen der Schulen, die seit dem Schuljahr 2003 dabei sind, profitieren", wie Elke Münich, Fachbereichsleiterin Schule und Jugend der Stadt Herten, am Nachmittag beim Praxisaustausch in ihrem Forum beobachtet.

96 Prozent der Kinder gehen gerne in die Ganztagsgrundschule

Prof. Thomas Rauschenbach und Gabriele Nordt präsentierten die Ergebnisse der Pilotstudie
Prof. Thomas Rauschenbach und Gabriele Nordt präsentierten die Ergebnisse der Pilotstudie.

Im zweiten Jahr der Offenen Ganztagsschule im Primarbereich sind bereits rund 35.000 Kinder dabei. In 163 Gemeinden sind 703 Offene Ganztagsgrundschulen entstanden. Bis 2007 soll 200.000 Schülerinnen und Schüler ein Platz zur Verfügung stehen. Bis es so weit ist, sollen die von Rauschenbach angesprochenen "Mängel und Fehler" möglichst beseitigt sein. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie des Kooperationsverbundes sollen Positives und Negatives deutlich machen, und gegebenenfalls Veränderungen initiieren. Diese Begleitforschung beginnt im April 2005 und endet im März 2007.

In Hamm stellten Gabriele Nordt vom Sozialpädagogischen Institut und Karin Beher vom Forschungsverbund des Deutschen Jugendinstituts und der Universität Dortmund die ersten Ergebnisse der Pilotstudie vor, welche das Schul- und Jugendministerium als "Zwischenzeugnis: gut" für die Ganztagsgrundschule einstufte. Es sollten erste Erfahrungen und Bewertungen der beteiligten Akteure mit dem neuen Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsangebot ermittelt werden. Hierzu wurden Schulleitungen und Eltern an 24 der 235 Offenen Ganztagsgrundschulen schriftlich befragt. In Gruppeninterviews wurden außerschulische Träger und Kooperationspartner, Erzieherinnen und Erzieher, Pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Lehrkräfte einbezogen. Insgesamt wurden in den Interviews etwa 170 Personen befragt. Bei der Elternbefragung kamen etwa 500 Fragebögen in die Auswertung.

Bei den Schulen handelte es sich ausnahmslos um Ganztagsgrundschulen in additiver Struktur: Morgens Unterricht, dann Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung und weitere Angebote, oft im sportlichen oder kulturellen Bereich. Ein häufig geäußerter Wunsch der Befragten zielte indes auf eine stärkere Rhythmisierung des Tages und einen Wechsel von gestalteten Angeboten und freiem Spiel. Die pädagogischen Kräfte berichteten von einer hohen Akzeptanz der Angebote bei den Kindern, die sogar so weit gehe, dass sich viele am Nachmittag nur schwer von der Schule trennen könnten. Das Zusammengehörigkeitsgefühl untereinander wachse, der Kontakt zu anderen Kindern steige. Die Eltern bestätigten diese Beobachtung: Nur vier Prozent gaben an, ihre Kinder gingen nicht gerne in die Ganztagsgrundschule.

Moderator Klaus Bellmund im Gespräch mit dem Schulleiter der Ganztagsgrundschule Am Büscherhof in Leichlingen, Ulrich-Michael Schneider (links), und mit Reiner Holtmann vom Caritas-Verband Hamm.

Gegenüber der "personellen Vielfalt in bunten Teams" am Nachmittag wünschten sich viele Eltern zumindest eine feste Bezugsperson am Nachmittag für die Kinder. Während die Offene Ganztagsgrundschule inhaltlich auf große Zustimmung stößt, ist die Personalausstattung der große Knackpunkt. Hier setzte es deutliche Kritik an der zu geringen Personaldecke und der dadurch offenen Schere zwischen den programmatischen Ansprüchen und den gegebenen Ressourcen. Schulleitungen beklagten, kaum den regulären Unterricht abdecken zu können, einen hohen Zeitdruck und ein Reagieren statt Agieren. Die außerschulischen Partner und Erzieherinnen und Erzieher beklagten, dass ihre Verträge keinerlei Vor- und Nachbearbeitungs-, Teambesprechungs- oder Elterngesprächszeiten vorsähen. Immerhin 79 Prozent der befragten Eltern gaben allerdings an, mit dem Kontakt zum außerschulischen Personal zufrieden zu sein.

Der Wissenschaftliche Kooperationsverbund resümierte aus den ermittelten Ergebnissen eine Reihe von Empfehlungen an die Politik, die Verwaltung, die Schulträger und Schulen zur Verbesserung. Offene Ganztagsgrundschulen sollten
- die Unterschiedlichkeit der Kinder in den Blick nehmen
- unter Beteiligung aller Personen und Gruppen gemeinsame Zielvorstellungen und Zielvereinbarungen für den Offenen Ganztag entwickeln
- die Verknüpfung von Unterricht und Offenem Ganztagsangebot aktiv befördern
- hohes fachliches und pädagogisches Niveau sicherstellen
- Beschäftigungsverhältnisse und -umfänge sowie Tätigkeitsprofile des Ganztagspersonals klären und absichern
- Schulleitungen entlasten und einen Koordinator für den Offenen Ganztag einsetzen
- die Qualifizierung des Personals gemeinsam entwickeln und durchführen
- die Hausaufgabenbetreuung unter Qualitätsgesichtspunkten absichern
- Räume und ihre Gestaltung als wichtigen konzeptionellen Baustein des Ganztags konzipieren
- spezifische Kommunikationsstrukturen entwickeln
- ein gemeinsames Konzept zur Zusammenarbeit mit Eltern erarbeiten
- Träger für den Offenen Ganztag anhand von bestimmten Kriterien auswählen
- Kooperationsstrukturen in den Kooperationsvereinbarungen verankern und Koordinationsgremien etablieren
- keine Zugangsbarrieren durch zu hohe Elternbeiträge errichten

Steigende Nachfragezahlen

Die "überwiegende Zufriedenheit" mit der Ganztagsgrundschule belegte Renate Drewke, Präsidentin des Regierungsbezirks Arnsberg, in ihrem Grußwort. Das zeigten auch die steigenden Nachfragezahlen, die nirgendwo rückläufig seien. "Die Offene Ganztagsgrundschule ist ein Straßenfeger", zitierte die Präsidentin eine von zahlreichen Zeitungsüberschriften, gab aber auch zu bedenken: "Besser geht0s immer."

Verbesserungen lassen sich manchmal ganz einfach durchsetzen. Reiner Holtmann vom Caritas-Verband Hamm, dem Träger vieler Ganztagsangebote, berichtete: "Auch wir hatten zu Beginn Schwierigkeiten, die Übergänge vom Schulvormittag zum Angebotsnachmittag zu regeln. Jetzt führen wir regelmäßig Gespräche mit der Schulleitung, seitdem klappt das besser. Die Beziehungen zwischen den handelnden Personen sind wichtig." Doch manches lässt sich nicht so einfach regeln - zum Beispiel fehlendes Personal und unzureichende Finanzen. "Ich kann nicht mal die reguläre Stundentafel richtig abdecken", klagte eine Schulleiterin aus Bielefeld in der Diskussion. Der Schulleiter einer Grundschule in Rheine erklärte: "Zusätzliche Maßnahmen sind nur mit zusätzlichen Lehrerstunden zu leisten - 0,1 Lehrerstunden pro 25 Kinder reichen nicht aus." Auch Caritas-Vertreter Holtmann bezeichnete die Personalausstattung als "nicht zufriedenstellend".

Doch Ministerin Ute Schäfer machte den Anwesenden keine Hoffnungen auf eine Erhöhung des Landeszuschusses in Höhe von derzeit 820 Euro pro Ganztagsschulplatz. "Unser Programm ist in schwierigen Zeiten ein finanzieller Kraftakt", gab sie in ihrer Rede zu bedenken, "und uns fehlen derzeit die Mittel für eine Erhöhung oder eine Ausweitung des Programms in die Sekundarstufe I. Immerhin werden wir bis 2007 insgesamt 200.000 Plätze im Primarbereich fördern.

"Prozess ist unumkehrbar"

Ute Schäfer und Hans Konrad Koch
NRW-Schul- und Jugendministerin Ute Schäfer und Hans Konrad Koch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Die Veranstaltung machte trotz der Schwierigkeiten, mit denen die Offenen Ganztagsgrundschulen zu kämpfen haben, eines deutlich: Die Aussage von Prof. Rauschenbach, der Prozess sei "unumkehrbar", wird nicht mehr angezweifelt. In seinem Grußwort gestand zum Beispiel Thomas Hunsteger-Petermann, Oberbürgermeister von Hamm, er sei bekanntermaßen zu Beginn "kein glühender Verehrer" der Ganztagsschule gewesen. Aber nach den gemachten Erfahrungen in seiner Stadt, in der man bereits im kommenden Schuljahr den ermittelten Ganztagsplatzbedarf von 744 abgedeckt haben wird, versicherte er Ute Schäfer: "Sie haben an dieser Stelle meine Unterstützung."

Hans Konrad Koch, Leiter der Unterabteilung Bildungsreform im Bundesministerium für Bildung und Forschung, zeigte sich in einer Interviewrunde erleichtert, dass "absurde Diskussionen" der Vergangenheit angehörten: "In einer Diskussionsrunde vor einigen Jahren meinte ein Professor, er wolle sich das Recht, mit seinem Kind zu Mittag zu essen, nicht nehmen lassen. Ich entgegnete ihm, dass es schön für ihn sei, dass er mittags zu Hause mit seinem Kind essen könne, aber in welchen Familien gibt es so etwas heute noch?"

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