Zweierlei Ganztagsschulen in Baden-Württemberg

Die Zahlen sprechen für sich. Immer mehr Schulen in Baden-Württemberg wollen ganztags öffnen. Doch es gibt zweierlei Ganztagsschulen im Land. Solche, die als "Brennpunktschulen" vom Land gefördert werden und jene, die durch das Investitionsprogramm (IZBB) des Bundes neu entstehen. Beide Schultypen bekommen in Baden-Württemberg nicht immer den Rückenwind, den sie bräuchten. Viele Praktiker vor Ort wünschen sich aber bessere Rahmenbedingungen.

Flagge von Baden-Württemberg

Baden-Württemberg nimmt Bildung ernst. Das Land hält viel auf seine weiterführenden Schulen, seine renommierten Hochschulen - und wohl nicht ohne Grund belegte man bei PISA bundesweit einen vorderen Platz. Doch zur internationalen Spitze gab es auch hier wider Erwarten viel Abstand. Vielleicht war es dieser Schock, der das Land veranlasste über neue Wege in der Bildungspolitik nachzudenken.

Welche Wege und nicht zuletzt, welche Ziele Baden-Württemberg beim Ganztagsschulausbau im Blicklfeld hat, zeigte sich auf der edutrain 2004 in Karlsruhe auf Sektion D - "Kommune und Schule: Ausbau schulischer Ganztagsangebote in Land und Bund - Konzeptionen - Gestaltung - Finanzierung": "Lange vor PISA haben wir Schulen mit Ganztagsschulangeboten errichtet", sagte Irmela Neu vom Kultusministerium am 10. November. Das Ganztagsschulprogramm, das sich - Irmela Neu zufolge - zehn Jahre lang bewährte, konzentrierte sich in erster Linie auf Hauptschulen mit unterschiedlichen  Angeboten am Nachmittag.

Die Schulen stehen Schlange

Spätestens seit 2004 wollen in Baden-Württemberg aber auch andere Schultypen, Realschulen - und insbesondere die Gymnasien - am Ganztagsschulausbau partizipieren. In vielen Regionen des Landes ist ein regelrechter Wettlauf um die IZBB-Mittel entbrannt. "Mittlerweile beteiligen sich alle Schulformen bei den Anträgen um die Bundes-Mittel, dabei sehr viele Gymnasien und Privatschulen. Nun wird es für viele Schulen immer enger, rechtzeitig an die Mittel zu kommen", sagt Ute Kratzmeier von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg.

Ein Blick auf die Zahlen und auf die Förderrichtlinien spricht eine deutliche Sprache. So stehen dem Land Baden-Württemberg in den Jahren von 2003 bis 2007 insgesamt  528 Mio. Euro zum Ausbau der Ganztagsschulen zur Verfügung. Allein im Jahr 2004 wurden 335 Förderanträge mit einer Gesamtsumme von rund 114 Mio. Euro angemeldet. Die Summe, der im Jahr 2003/ 2004 abgeflossenen Mittel, beträgt rund 18 Mio. Euro.

Zweierlei Ganztagsschulen

Eigene Förderrichtlinien für den Ganztagsschulausbau gibt es in Baden-Württemberg nicht. Vielmehr hat das Land lediglich die Bekanntmachung des Kultusministeriums vom 21. Mai 2003 zur Bund-Länder-Verwaltungsvereinbarung zum IZBB an deren Stelle gesetzt. Hintergrund für diese Landespolitik ist das Vorhandensein von zwei unterschiedlichen Ganztagsschulbegriffen.

Ganztagsschulen im Sinne des Landes sind jene Brennpunkt- und Schwellenschulen, die mit zusätzlichen Lehrerdeputaten, also mit zusätzlichen Stellen versorgt werden. Jenen 171 Ganztagsschulen, die zudem über kostenlose außerschulische Betreuungsangebote verfügen, ermöglichen die zusätzlichen Lehrerdeputate einen Ausbau ihres Schulunterrichts.

Ganztagsschulen hingegen, die nach dem IZBB gefördert werden, bekommen keine zusätzlichen Lehrerdeputate. Sie müssen - entsprechend der Bekanntmachung - lediglich dreimal wöchentlich Betreuungsangebote bis 15 Uhr anbieten, die anders als die Landesschulen auch was kosten dürfen.

Chancen für besseren Unterricht?

Schulhaus Oberwaldschule

"Wenn wir unsere Zukunft sichern wollen, brauchen wir veränderte Rahmenbedingungen im Bildungssystem", sagt Ursula Roth. Derzeit ist die kommissarische Schulleiterin der Oberwaldschule in Karlsruhe nicht nur für die Leitung zweier Schulen verantwortlich, sondern auch in der Fortbildung von Leitungspersonal involviert. "Das dreigliedrige Schulsystem ist in die Kritik geraten", so Roth weiter. Nun geht es darum, die Möglichkeiten zu nutzen, die sich mit dem Ganztagsschulausbau verbinden.

Für Ursula Roth geht es in erster Linie darum, einen innovativen, d.h. einen offenen Unterricht an ihrer Schule zu entwickeln. Für die Lehrerin, die bereits seit über 30 Jahre im Schuldienst steht, davon 15 Jahren als Schulleiterin, ist dies einer der Bereiche, in denen Lehrerinnen und Lehrer noch viel bewirken können. Dazu gehören außer dem Projektunterricht, der schon in der ersten Klasse beginnt, auch jahrgangsgemischte Klassen.

Dass dies funktioniert, habe auch Reinhard Kahls Film "Treibhäuser der Zukunft" gezeigt, den sie im Rahmen eines Coaching-Seminars erstmals gesehen hat. "Auf die Rahmenbedingungen kann ich keinen Einfluss nehmen. Alles andere kann man aber von der Basis aus schaffen", betont Ursula Roth. Reformbemühungen gibt es an den Schulen aber nicht erst seit PISA, denn - Roth zufolge - arbeiten viele Lehrerinnen und Lehrer schon seit geraumer Zeit erfolgreich an der Unterrichtsentwicklung.

Neu ist der bundesweite und parteiübergreifende Diskurs um die Notwendigkeit von Bildungsreformen. Auch Baden-Württemberg entdeckt die Ganztagsschulen von der Basis aus neu, wie nicht zuletzt die vielen Schulbeispiele auf der "edutrain 2004" in Karlsruhe oder auf der Tagung "Essen in Schulen" bei Stuttgart verdeutlicht haben.

"In Zahlen gesehen, geht es voran"

"In Zahlen gesehen, geht es in Baden-Württemberg voran", sagt Ute Kratzmeier. Für die GEW Baden-Württemberg sei aber entscheidend, dass die Ganztagsangebote nicht offen, sondern verbindlich sind, und dass eine rhythmisierte Zeitstruktur an den neu entstehenden Ganztagsschulen eingeführt werde.

Das Spektrum der nach dem IZBB geförderten Schulen in Baden-Württemberg ist - Kratzmeier zufolge - breit: Angefangen von Grund- und Hauptschulen bis hin zu privaten Einrichtungen wie die Hochbegabtenschule in Schwäbisch-Gmünd und Gymnasien: Es gibt kaum Schulformen, die nicht vertreten sind.

Regional unausgewogen

Kopfzerbrechen macht Kratzmeier jedoch das so genannte "Windhundprinzip" in Baden-Württemberg, wonach die Schulbezirke, die "pfiffiger und schneller sind", die meisten Bundesgelder zugewiesen bekommen. Das geht zu Lasten der regionalen Ausgewogenheit. So bekommen kleine Oberschulämter wie Tübingen vergleichsweise mehr Ganztagsangebote bewilligt, als die großen in Karlsruhe oder Stuttgart. "Eine bessere Steuerung hätte geholfen", betont Kratzmeier.

Eine flächendeckende Versorgung mit Ganztagsschulen ist für berufstätige Eltern oder solche Elternteile, die nach der Kinderbetreuung wieder in ein reguläres Arbeitsverhältnis zurückkehren wollen, in jeder Hinsicht notwendig. Für den Landeselternbeirat Baden-Württemberg spielt darüber hinaus die Bereitstellung zusätzlicher Lehrerdeputate eine entscheidende Rolle: "Ohne zusätzliche Lehrerstunden kann ein Ganztagskonzept nicht gelingen", sagt Elke Picker.

Die eigentliche Verkörperung der Institution Schule sind die Lehrerinnen und Lehrer. Von ihrem Engagement und ihrer Fachkompetenz lebt insbesondere die Ganztagsschule. Gerade deshalb sollte man die Eltern nicht zum Lastesel der Schulen machen: "Wir sehen die Lage hier im Land sehr kritisch, weil keine zusätzlichen Personalmittel für die neuen Ganztagsangebote vorgesehen sind", betont die Elternvertreterin. Elternengagement prinzipiell ja, aber auf ressourcenschonende Weise, das ist der Tenor vieler Elternbeiräte auch bundesweit. Eltern engagieren sich ohnehin nur solange an einer Schule, wie ihre Kinder dort lernen.

Für Schonung der Elternkräfte

Auch Kratzmeier will die Elternreserven schonen: "Es darf nicht alles über das Ehrenamt laufen". Umso wichtiger ist es, mehr Verlässlichkeit herzustellen - und das würde am besten gelingen, wenn es Rahmenvereinbarungen gäbe, die die Einbindung von externen Partnern verbindlich regeln.

Weitere grundlegende Probleme sieht Kratzmeier in der Personalfrage - und darin, dass viele Schulen das Geld aus dem Investitionsprogramm vornehmlich deshalb abrufen würden, um im Rahmen des verkürzten achtstufigen Gymnasiums den Unterricht auch am Nachmittag durchzuführen, anstatt in pädagogische Reformen zu investieren.

"Für Leute, die sich Gedanken machen"

Ganztagsschulen gelingen kaum in Hauruckaktionen: "Ganztagsschule ist etwas für Leute, die sich Gedanken machen", meint Ursula Roth.

Wer A sagt, sollte auch B sagen, d.h. wo ein Ganztagsangebot entsteht, ist es wichtig, nicht nur für die Organisation der Schule, sondern auch für sinnvolle pädagogische Konzepte zu sorgen. An der Oberwaldschule in Karlsruhe gibt es deshalb außer rhythmisierten Zeitstrukturen auch offene Unterrichtsprojekte: "Wir machen Projektunterricht so früh wie möglich", erläutert Roth. Dies fördere Sozialverhalten, Intelligenzentwicklung und die persönliche Reifung der Kinder und Jugendlichen. Und bessere individuelle Förderung wirkt: "Die Schülerinnen und Schüler schaffen eher den Sprung in die weiterführenden Schulen."

Überall die gleichen Probleme

In einer Gesellschaft, wo nur 40 Prozent der Akademikerinnen überhaupt Kinder bekommen, ist es wichtig, dass Perspektiven für die Eltern aufgebaut werden, die über die Brennpunktschulen hinausreichen: "Normale Schulen haben die gleichen Probleme, wie Brennpunktschulen."

Für Roth stagniert die qualitative Ganztagsschulentwicklung in Baden-Württemberg, zumindest aber in Karlsruhe. Gerne hätte sie für die Schloss-Schule-Durlach ebenfalls eine Förderung aus Bundesmitteln. Da diese ausbleiben, haben die Eltern kurzerhand einen Nachmittagsverein gegründet, aus dem heraus die Erzieherinnen für die schulische Nachmittagsbetreuung bezahlt werden. Natürlich können die Erzieherinnen nicht die gleiche pädagogische Arbeit leisten wie ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer. "Das bedauere ich sehr".

Schaut man sich den Ausbau der Ganztagsangebote in Baden-Württemberg im Ganzen an, wechseln Licht und Schatten einander ab. Vor Ort trifft man auf viel Engagement und überall im Land entstehen neue Ganztagsangebote. Diese können nachhaltig aber nur wirksam sein, wenn auch die pädagogisch-inhaltlichen und die organisatorischen Voraussetzungen verbessert werden. Es müssen eben auch die Rahmenbedingungen stimmen.

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