Ganztagsschulen im Saarland, Teil 2

Ganztagsangebote an saarländischen Schulen sind beinahe eine Selbstverständlichkeit. Sie verbinden die Schulkultur zweier Länder: Deutsche und französische Elemente zusammen ergeben eine interessante regionale Mischung, wie zwei Ganztagsschulen im Saarland zeigen: Die Gesamtschule Neunkirchen und die Grund- und Ganztagsgrundschule Im Vogelsang in Saarlouis.

Eine große Chance für die Ganztagsschulen des Saarlandes ist das Leben an der Grenze zu einem Land mit einer langen Tradition in der Ganztagsbetreuung: Als Grenzland zur Kulturnation Frankreich hat das Saarland zahlreiche Brücken zum direkten Nachbarn geschlagen. Die Menschen, die beiderseits der Grenze als weltoffen und lebensfroh gelten, bringen ihre Landessprache mit, die Lebensart und ihre Kultur. 

Sprachen, multikulturelle Bildung und die Vereinbarung von Beruf und Familie sind auch tragende Brückenpfeiler der saarländischen Ganztagsschulen, so an der Gesamtschule Neunkirchen und der Ganztagsgrundschule Im Vogelsang in Saarlouis.

Zwischen Hochkultur und Pragmatismus

"Wir pflegen mit einer französischen Schule im Grenzbereich seit zehn Jahren eine enge Partnerschaft mit dem Collège Le Breuil Talange", sagt Schulleiter Armin Walz von der Gesamtschule, Neunkirchen. Konkret heißt dies, dass französische und deutsche Lehrer gemeinsame Projekte in den Sparten des Theaters und der Literatur veranstalten. "Handlungsorientiert", betont Armin Walz. Der französische Pragmatismus ist eine Selbstverständlichkeit im Saarland: Nicht nur Dichten und Denken, wie es einst den Deutschen ins Gesicht geschrieben stand, sondern pragmatisch das Gemeinwesen, die Polis, gestalten.

Das fängt aus der Sicht der Saarländer bei der Pflege der ersten Fremdsprache an: "Wir fördern Französisch, wo es geht", sagt Schulleiter Walz. Damit der Kontakt zu den französischen Kollegen durch die räumliche und kulturelle Distanz nicht erlahmt, hat die Gesamtschule in Neunkirchen fortgeschrittene Kommunikationstechnologien in den Schulalltag integriert: "Mit Internet und digitaler Kamera haben wir Kurzdialoge zwischen den Kollegen institutionalisiert", so Armin Walz.

Doch Walz nennt auch die Unterschiede zwischen seiner Schule und dem französischen System: "Ich kenne die französischen Ganztagsschulen: Die machen überwiegend 'Paukschule', wir machen eine rhythmisierte Ganztagsschule im Wechsel von Freizeit und Anspannung", ergänzt der engagierte Lehrer. Deswegen tanzen die Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Neunkirchen in den Pausen noch lange nicht auf den Tischen herum. "Möglichst große Freiheiten für die Kinder und Jugendlichen fördern das selbstständige Lernen, fährt Walz fort.

Das "Grundgesetz" der Ganztagsschulen

Schülerinnen in einem Aufenthaltsraum

Schlüsselkompetenzen können in unterschiedlichen Zusammenhängen eingeübt werden: im Mädchentreff, der Kulturwerkstatt, einer Schulbibliothek sowie einer Projektgruppe für Schuldemokratie. Jahrgangsteams sind der Rahmen, in dem Projektarbeit klassenübergreifend gemeinsam veranstaltet wird.

Das "Grundgesetz" der schulischen Angebote ist das pädagogische Konzept. Das bedeutet an der Gesamtschule Neunkirchen zunächst die Herstellung von Chancengerechtigkeit: "Wir möchten ein größtmöglichstes Maß an Chancengleichheit erreichen", sagt der Schulleiter. Schülerinnen und Schüler, die Lerndefizite haben, bekommen Förderunterricht und genügend Aufmerksamkeit.

Im "Grundgesetz" der Gesamtschule Neunkirchen ist als weiterer Schwerpunkt  die soziale Schulqualität verankert. Hier ist die Gesamtschule sogar Modellschule im Rahmen des bundesweiten Projekts "Innovative Beispiele auf dem Weg zu mehr sozialer Schulqualität". Dieses vom Bundesbildungsministerium geförderte Projekt wählte pro Bundesland eine besonders innovative Schule aus. Die Schülerinnen und Schüler wurden eigens dafür befragt.

Mehr soziale Schulqualität und menschliche Wärme

Sozialverhalten und die Vermittlung von sozialen Werten brauchen ein positives, motivierendes gesellschaftliches Umfeld, das über den begrenzten Kreis der Schule reicht. Träger dieser Angebote sind an der Gesamtschule Neunkirchen die Arbeiterwohlfahrt und zwei Sozialverbände.

Doch Schulleiter Armin Walz drücken auch Sorgen. So ist die Oberstufe mit 120 von insgesamt rund 800 Schülerinnen und Schülern örtlich ausgelagert. Gerade diese Schüler, die für Walz eigentlich Vorbildcharakter haben, befinden sich räumlich weitab von der Kernschule. Erforderlich wären Baumaßnahmen, um Räume für die Oberstufe bzw. für die Freizeit zuschaffen.

Dem Zulauf der Gesamtschule tut dies glücklicherweise keinen Abbruch: "Wir sind fest etabliert: Die Schülerzahl wächst, obwohl die Kinderzahlen in der Region sinken", resümiert Armin Walz.

Rückkehr in den Job

Über geringen Zulauf braucht auch die "Grundschule und Ganztagsgrundschule Im Vogelsang" in Saarlouis nicht zu klagen: Die Schule, die bereits seit 11 Jahren Ganztagsschule ist, hat 180 Kinder in der Halbtagsschule und 60 Kinder im Ganztagsschulzweig. Sie besteht aus einer herkömmlichen Grundschule, die eine Betreuung bis 14 Uhr durch das Deutsche Rote Kreuz gewährleistet. Es gibt kein Mittagsessen und keine Hausaufgabenbetreuung für die Kinder. Die Ganztagsgrundschule dagegen bietet eine Betreuung bis 16 Uhr und einen angeschlossenen Hort bis 18 Uhr. Sie ist außerdem als Freiwillige Ganztagsschule in das Förderprogramm des Saarlandes aufgenommen worden.

Das Geheimnis für die Existenz dieser Schule als Ganztagsgrundschule sind die Eltern: "Für die Eltern ist es schwierig gewesen, eine Betreuung für ihre Kinder zu organisieren. Erst als das Ganztagsangebot für ihre Kinder da war, konnten viele wieder in ihrem Beruf zurückkehren", sagt Dieter Kirsch, Sozialpädagoge und Mitglied der Schulleitung.

Eine Gantagsgrundschule für ganz Saarlouis

Die Ganztagsgrundschule Im Vogelsang ist die einzige im Umkreis von Saarlouis. Von den Eltern, die ihre Kinder auf die Ganztagsschule schicken, sind Kirsch zufolge 30 Prozent Alleinerziehende, 40 Prozent Doppelverdiener und 30 Prozent Alleinverdiener.

Ein Ganztag sieht für die Kinder so aus: Für die Erst- und Zweitklässler gibt es bis 11 Uhr 30 Unterricht, für die Klassen 2 bis 4 dagegen bis 12 Uhr 30. Während der Überlappungsstunde sind "alle Lehrer noch da und die Erzieherinnen schon da", so Kirsch. Von 12 Uhr 30 bis 13 Uhr gibt es Mittagessen und zwischen 13 und 14 Uhr ist gebundene Freizeit.

"Die wichtigste Zeit ist die gebundene Freizeit von 14 Uhr 30 und 16 Uhr", betont der Sozialpädagoge. In dieser Zeit bieten Honorarkräfte mit jeweils 1 0 Stunden AGs und Projekte an, sei es Musik oder Fußball. Dabei gibt es für die Erstklässler jeweils eine AG, für die Klassen 2 bis 4 zwischen 2 und 3 AGs, während in der Klasse 4 das Angebot wieder runtergefahren wird, weil laut Kirsch "die Kinder in dieser Phase sich loslösen und lieber alleine was unternehmen.

Um 16 Uhr ist Schulschluss. Doch von 16 bis 18 Uhr gibt es einen an die Schule angegliederten Hort: Der Kostenbeitrag der Eltern hierfür beträgt 22 Euro pro Monat.

Wofür ist Mediation gut?

Mädchen vor einer Klasse

Ein Schwerpunkt im pädagogischen Angebot der Ganztagsgrundschule sind die Mediationsprojekte. Das sind Streitschlichterprogramme, die von geübten Mittlern in diversen Konfliktsituationen eingesetzt werden: "Unsere Schule ist einer der wenigen, die Schülerinnen und Schüler als Mediatoren ausbildet", sagt Kirsch. Darüber hinaus nimmt die Schule am Projekt "Demokratie Lernen" des Bundesgrundschulverbandes teil.

Für diese pädagogischen Angebote wünscht sich Dieter Kirsch eine angemessene Ausstattung der Räume. Ein Förderantrag für Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" ist bereits gestellt worden. Mit dem Geld möchte die Schule eine eigene Küche einrichten, den Schulhof umgestalten, ein Elterncafe und eine Bücherei ausstatten. "Es sind so viele Anträge im Saarland gestellt worden, aber ich denke, das Land wird die Mittel nicht nach dem Gieskannenprinzip verteilen", hofft Kirsch. Alles in allem ist er aber optimistisch, dass das Rennen um die Mittel zugunsten seiner Schule entschieden wird.

Im Saarland gibt es ein vitales Ganztagsschulangebot: Interkulturelle Bildung, frühe Fremdsprachenförderung, demokratische Erziehung, Fortbildung für außerschulische Mitarbeiter und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das alles sind Pfeiler eines ambitionierten, aber auch ausbaufähigen Ganztagsschulprogramms.

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