Ganztagsangebote gehören zur Leipziger Bildungslandschaft

Kommunen sind Impulsgeber beim Ausbau von Ganztagsangeboten. Heute im Interview: Prof. Dr. Thomas Fabian, Bürgermeister und Beigeordneter für Jugend, Soziales, Gesundheit und Schule der Stadt Leipzig.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung messen Sie Bildung und Betreuung in Leipzig zu?

Prof. Dr. Thomas Fabian: In Leipzig folgen wir einem ganzheitlichen Verständnis von Bildung. Dazu gehört nicht nur die institutionelle Bildung. Ein umfassendes Bildungsangebot beinhaltet auch Bereiche wie die kulturelle, die Umwelt- oder die demokratische Bildung. Nur wenn all diese Bildungsbereiche Hand in Hand gehen, können sich nicht nur intelligente, sondern auch eigenverantwortliche, kompetente und aufgeschlossene Persönlichkeiten entwickeln.

Portrait Prof. Fabian
Prof. Thomas Fabian© Thomas Fabian, Stadt Leipzig

Dieses Bildungsverständnis kommt nicht von ungefähr. Leipzig ist ein zentraler Ort der friedlichen Revolution 1989 und hat eine lebendige demokratische Kultur, die wir weiter stärken wollen. Leipzig hat eine große Kulturtradition als Universitäts-, Musik-, Buch- und Messestadt und eine sehr lebendige Kulturszene. Die Umweltbewegung hat in Leipzig eine lange, engagierte Geschichte. Die Leipziger Bildungslandschaft ist facettenreich, vom Schulbiologiezentrum bis zum Jugendkultur- oder Medienpädagogischen Zentrum, vom Kinder- und Jugendmuseum Lipsikus bis zum Seniorenstudium. Daher können wir in Leipzig aus einem reichen Angebot auch außerschulischer Bildungsorte schöpfen.

Online-Redaktion: Welche Gestaltungsmöglichkeiten hat Leipzig als Kommune im Bildungsbereich?

Fabian: Wir haben uns bereits 2000 aufgemacht, die Kitas zu Bildungsorten weiterzuentwickeln. In Leipzig wurde ein Curriculum entwickelt, das heute sachsenweit für die Fortbildung von Erzieherinnen und Erziehern eingesetzt wird. Der Sächsische Bildungsplan wurde in einer Leipziger Kita erprobt, bevor er 2006 im gesamten Freistaat zur Grundlage der pädagogischen Arbeit in Kitas wurde. In Leipzig haben alle Erzieherinnen und Erzieher an Fortbildungen zur Frühen Bildung teilgenommen. Um die Bildungsarbeit zu ergänzen, haben viele Leipziger Kitas neue Ansätze zur Bewegungsförderung und zur gesunden Ernährung erprobt und umgesetzt. Viele Kitas setzen eigene Schwerpunkte: ob Mehrsprachigkeit, die Förderung von Naturwissenschaften und Technik oder die musikalische Frühförderung. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sprachförderung. Um Kinder mit Migrationshintergrund besser zu integrieren, wurden an zahlreichen Kitas Projekte zur Sprachentwicklung auf den Weg gebracht. Leipziger Kitas legen auch großen Wert auf die Zusammenarbeit mit den Familien, auf eine Erziehungspartnerschaft.

© Stadt Leipzig

Im Bereich der schulischen Bildung übernehmen wir seit vielen Jahren über unsere Aufgaben als Schulträger Verantwortung für gelingende Bildungsprozesse. Wir unterstützen Schulen bei der Einrichtung von Ganztagsangeboten. Wir haben die Schulsozialarbeit deutlich ausgebaut. Das Angebot gibt es nun nicht nur an Leipziger Förder- und Mittelschulen, sondern auch an ausgewählten Leipziger Grundschulen. In den kommenden Jahren wollen wir dieses Angebot weiter stärken.

Online-Redaktion: Wie sehen die Angebote aus und gibt es Ausbaubedarf?

Fabian: Das Angebot an Bildung und Betreuung in Leipzig ist umfangreich. Von den 260 Kitas in Leipzig werden drei Viertel von freien Trägern betrieben. Damit finden Eltern in Leipzig eine große Vielfalt an pädagogischen Konzepten vor. Das gilt auch für das Leipziger Schulnetz. Fast jede fünfte der allgemeinbildenden Schulen in Leipzig wird von freien Trägern betrieben. Die Bandbreite der pädagogischen Konzepte an öffentlichen und privaten Schulen reicht von Waldorf- und Montessoripädagogik bis hin zur International School, zum naturwissenschaftlichen Gymnasium und zum Deutsch-Französischen Bildungscampus.

Aufgrund der seit mehreren Jahren steigenden Geburtenentwicklung in Leipzig haben wir einen großen Bedarf an zusätzlichen Bildungs- und Betreuungsmöglichkeiten. Wir erweitern daher das Kitanetz kontinuierlich, und inzwischen bauen wir auch neue Grund-, Mittelschulen und Gymnasien.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung haben Ganztagsangebote für die Eltern in Leipzig?

Fabian: Ganztagsangebote sind aus dem Schulalltag in Leipzig nicht mehr wegzudenken. Über 80 Prozent aller antragsberechtigten Schulen bieten mittlerweile solche Angebote an. Die Resonanz darauf ist durchweg positiv. Schulen mit Ganztagsangeboten ermöglichen Bildungsangebote über schulische Lehrpläne hinaus. Damit wird dem Anspruch, Bildung ganzheitlich zu gestalten, Rechnung getragen, und der schulische Alltag bekommt neue Impulse.

Screenshot des Films

Ganztagsangebote sind auch ein wichtiger Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit. Denn sie stehen allen Schülerinnen und Schülern offen und verbessern Lernchancen unabhängig von der sozialen Herkunft. Zum Beispiel durch Angebote, die Lerndefizite ausgleichen oder Begabungen fördern. Oder durch freizeitpädagogische Angebote, die auch soziale Fähigkeiten, wie Konfliktfähigkeit und Teamgeist fördern. Auch Schulbibliotheken und Leseräume leisten in diesem Zusammenhang eine wichtige Funktion als freie Lernorte. Wir unterstützen sie etwa durch den Einsatz von Bürgerarbeit und durch unsere städtische Schulbibliothekarische Arbeitsstelle. Und nicht zuletzt leisten Ganztagsangebote einen Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Online-Redaktion: Wie zufrieden sind Sie mit der derzeitigen Bildungs- und Betreuungssituation, wo hapert es vielleicht noch?

Fabian: Wir haben das Bildungs- und Betreuungsangebot in Leipzig in den letzten Jahren nicht nur infrastrukturell, sondern auch inhaltlich kontinuierlich ausgebaut und weiterentwickelt und dabei schon viel geschafft. Zufrieden sollte man sich mit dem Erreichten nie geben. Schließlich ändern sich auch die Anforderungen an Bildung und Betreuung, etwa wenn sich die soziale Situation von Familien verändert oder durch städtische Segregationsprozesse. So arbeiten wir unter anderem aktiv daran, in Stadtteilen mit Entwicklungsbedarf Bildungsangebote gezielt so auszurichten, wie es die spezifischen Bedürfnisse vor Ort erfordern.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung haben Lokale Bildungslandschaften für Leipzig?

Fabian: Schulen mit Ganztagsangeboten haben ganz unmittelbaren Nutzen von der Zusammenarbeit mit außerschulischen Bildungsträgern. Um diese Kooperationen zu unterstützen, haben wir Kataloge zu Angeboten der kulturellen Bildung, der Umweltbildung und zu Angeboten im MINT-Bereich erstellt. Diese Kataloge bieten Lehrern, Erziehern aber auch Familien einen Überblick und die entsprechenden Ansprechpartner. Damit verknüpfen wir schulische Bildungseinrichtungen mit Kultureinrichtungen, Forschungsstätten oder Unternehmen. 

Podiumsdiskussion mit Prof. Fabian auf der 3. Leipziger Bildungskonferenz© Martin Klindworth

Die Vernetzung unter Leipziger Bildungsakteuren ist weit vorangeschritten. Wir haben eine sehr enge und hervorragende Zusammenarbeit mit der staatlichen Schulaufsichtsbehörde und dem Sächsischen Staatsministerium für Kultus. Aber Vernetzung allein reicht nicht aus. Es braucht vielmehr verbindliche, an Konzepten orientierte Vereinbarungen und Prozesse. Sie müssen gezielt gesteuert werden. Deswegen haben wir in Leipzig ein von oberster Ebene gesteuertes Bildungsmanagement aufgebaut. In der Steuerungsgruppe, die unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters steht, sind mit Hochschulen, Kammern, dem Jobcenter und anderen die Leiter der größten bildungsrelevanten Institutionen in der Stadt vertreten. Sie richten das Bildungsmanagement für die Gesamtstadt strategisch aus. Die Bildungskonferenz bringt alljährlich Bildungsakteure aus der Stadt, der Region und Experten aus dem Bundesgebiet zusammen, um aktuelle Themen wie Bildungsgerechtigkeit und Bildung als Standortfaktor zu erörtern. Der Leipziger Stadtrat hält jährlich eine Bildungspolitische Stunde ab und hat 2012 Bildungspolitische Leitlinien für Leipzig verabschiedet.

Der Schlüsselbegriff hier ist Verantwortungsgemeinschaft, also die Übernahme von Verantwortung über den eigenen Zuständigkeitsbereich hinaus. Eltern interessiert es weniger, wer für was zuständig ist, sie erwarten gute und passende Bildungsangebote.

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