Ganztag an der Kielortallee: Segeln – ganz ohne Segelboot

Die Schule Kielortallee, eine offene Ganztagsgrundschule in Hamburg-Eimsbüttel, wurde aufwendig saniert und hat zusätzlich einen Neubau bekommen. Dadurch wurde ein ganz neues pädagogisches Konzept möglich: das „Segeln“.

Der historische Altbau von 1905: aufwendig saniert.© Claudia Pittelkow

„War das mal ein Schloss?“ Diese Frage stellte ein Erstklässler, als er seine neue Grundschule, die Schule Kielortallee in Hamburg-Eimsbüttel, zum ersten Mal betrat. Tatsächlich ist der historische Altbau von 1905 mit seinem turmbekronten Treppenhaus, den riesigen Fensterfronten und hohen Decken innen wie außen gleichermaßen imposant. Daran hat auch der moderne Erweiterungsbau nichts geändert, der 2017 im Rahmen einer umfangreichen Grundsanierung hinzugekommen ist. Die Schule hat sich durch die Baumaßnahmen weiterentwickelt – nicht nur in architektonischer Hinsicht. „Der Umbau hat uns einen immensen Schulentwicklungsimpuls gebracht“, sagt Schulleiter Frank Behrens.

GBS: „Ganztägige Bildung und Betreuung an Schulen“

Seit zehn Jahren leitet Behrens die Schule Kielortallee, eine vierzügige Grundschule mit rund 440 Schülerinnen und Schülern, die 2013 als offene Ganztagsschule nach dem Modell „Ganztägige Bildung und Betreuung an Schulen“ (GBS) gestartet ist. In Hamburg sind mittlerweile alle Grundschulen Ganztagsschulen. Die verlässliche Nachmittagsbetreuung wird entweder in Eigenregie organisiert (GTS-Modell) oder in Kooperation mit einem Träger der Jugendhilfe (GBS-Modell). Behrens: „Wir haben uns damals für den offenen Ganztag entschieden, weil die Eltern hier im Wohnviertel die Flexibilität des Modells schätzen.“

Frank Behrens und Lea Holz
Schulleiter Frank Behrens und Ganztagskoordinatorin Lea Holz© Claudia Pittelkow

In einer GBS-Schule haben die Kinder von 8 bis 13 Uhr Unterricht nach Stundentafel, danach können sie nach Hause gehen oder, wenn sie angemeldet wurden, am Nachmittag in der Schule bleiben. Der Nachmittag wird mit einem externen Partner gestaltet. Kooperationspartner der Schule Kielortallee ist ein „Tochterunternehmen“ des örtlichen Sportvereins Eimsbütteler Turnverband (ETV), die ETV Kinder- und Jugendförderung (KiJu), die in der Ganztagsbetreuung von mehreren Hamburger Schulen – Grundschulen und weiterführenden Schulen – tätig ist.

Die offenen Kurse mit zahlreichen Sportarten und Outdoor-Aktivitäten sowie diversen kreativen , musischen und sprachlichen Angeboten wurden von Anfang an sehr gut angenommen. „Wir hatten schon vor sechs Jahren eine Beteiligung von 94 Prozent“, erinnert sich Lea Holz, Ganztagskoordinatorin der Schule. Die gelernte Bewegungspädagogin hat erst vor ein paar Tagen ihre neue Stelle als Leiterin des Ganztags angetreten. Wirklich neu ist sie jedoch nicht am Standort – ganz im Gegenteil: Schon als Kind ist sie hier zur Schule gegangen. Später hat sie den Ganztag mitaufgebaut.

Platz für ein neues pädagogisches Konzept

Eine Beteiligung von 94 Prozent im Ganztag© Claudia Pittelkow

Nach verschiedenen Stationen an anderen Schulen, an denen sie ebenfalls beim Ausbau des Ganztags beteiligt war, ist sie nun „ins Nest“ zurückgekehrt. Und inzwischen eine Expertin des Ganztags. Das war damals, 2013, noch anders. „Als wir hier mit dem Ganztag gestartet sind, sind wir ins kalte Wasser gesprungen“, so Lea Holz. „Es war ja alles neu für uns, das GBS-Modell gab es vorher nicht.“

Der Sprung ist geglückt: „Es lief gut, alles hat geklappt“, so die Ganztagskoordinatorin. Heute liegt die Beteiligung am Ganztag bei rund 96 Prozent. Der Vorteil der hohen Anmeldequote: Die Lerngruppen des Vormittages können auch am Nachmittag bestehen bleiben, die Lehrkräfte vom Vormittag kooperieren mit den Pädagogen vom Nachmittag. „Klasse bleibt Klasse“, so Holz.

Blick in einen Klassenraum
Nur die erste Klasse lernt noch im Klassenverband. © Claudia Pittelkow

Wer Lea Holz in der Schule Kielortallee besuchen will, trifft nicht selten auf Besuchergruppen aus anderen Schulen. An diesem Tag ist eine Delegation von Lehrkräften und Pädagogen aus Hamburg-Altona zu Besuch, um sich die Schule anzusehen – insbesondere die Gestaltung des Ganztags. Denn die ist hier schon etwas Besonderes, was mit den eingangs erwähnten Baumaßnahmen zusammenhängt. Durch den Neubau wurde Platz geschaffen für ein neues pädagogisches Konzept, das mit dem neuen Raumkonzept gekoppelt werden konnte.

Lernen in Kompartments

Schulleiter Frank Behrens fasst das Konzept in einem Satz zusammen: Alle Jahrgangsklassen arbeiten in Gruppen auf einem Stockwerk. Damit das gelingt, wurden die Erstklässler im Neubau angesiedelt. Behrens: „Dort sitzen sie ganz normal im Klassenverband und müssen die klassenübergreifende Gruppenarbeit erst lernen.“ Im Altbau sind die Klassen 2, 3 und 4 untergebracht, jeweils ein Jahrgang in einem Stockwerk.

In den Kompartments ist alles offen gehalten. © Claudia Pittelkow

Wo sich früher geschlossene Klassen- und Gruppenräume befanden, gibt es heute nur noch Klassenräume und zum Flur hin offene Multifunktionsräume – sogenannte Kompartments. Dafür wurden die Wände zu den großzügigen Fluren entfernt und an jedem Ende ein Fluchtweg gebaut. Behrens: „Dank dieses Brandschutzkonzepts durften wir die Flure möblieren und als Lernflächen nutzen, was vorher nicht erlaubt war.“

Das Konzept wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Ganztagsreferat der Schulbehörde entwickelt, wobei die Anforderungen des Ganztags von Beginn an mitgedacht wurden. So ist es gelungen, ein Raumkonzept für den ganzen Tag zu entwickeln, das auf die veränderten Bedürfnisse der Kinder reagiert. Behrens: „Für uns ein wichtiger Schritt zur Gestaltung von Lern- und Lebensräumen für die Kinder, die in der Regel von 8 bis 16 Uhr in der Schule sind.“

Segeln – ganz ohne Segelboot

Schülerinnen und Schüler bei der Gruppenarbeit
Schülerinnen und Schüler beim „Segeln“ in der Gruppe. © Claudia Pittelkow

Wenn Frank Behrens über seine Schule spricht, ist viel vom Segeln die Rede. Dabei ist der Hamburger passionierter Rennradfahrer – mit dem „Segeln“ hat es eine andere Bewandtnis: „Segeln ist bei uns die Abkürzung für selbständiges, gemeinsames Lernen und ist ein Unterrichtsprinzip für alle Jahrgänge“, erklärt er. Während Werkstattarbeit und Stationenlernen mittlerweile Standard in der Hamburger Grundschullandschaft sind, bedeutet Selbstständigkeit erheblich mehr: „Nämlich Verantwortungsübernahme für den eigenen Lernprozess und nicht nur das Abarbeiten vorgegebener Arbeitsblätter und Lernziele.“

Deshalb setze das pädagogische Konzept der Schule auf Selbstständigkeit und klassenübergreifende Arbeit. Behrens: „Die Kinder müssen sich und ihre Leistung selbst einschätzen und suchen ihre jeweilige Lernetappe selbst aus.“ Gesegelt wird in Mathe, Deutsch, Kunst und im Sachunterricht, eine Lehrkraft ist immer dabei. Das Segeln nimmt je nach Klassenstufe fünf bis acht Stunden pro Woche ein, die übrigen 19 bis 22 Stunden verbringen die Schülerinnen und Schüler wie gewohnt in Einzelarbeit im Klassenraum.

Teppiche und Lärmschutzpaneele sorgen für die erforderliche Ruhe.© Claudia Pittelkow

Gesegelt wird auch am Nachmittag, in der Schulaufgabenzeit. Behrens: „Die Schüler können nicht alle gleich weit sein im Lernstoff, deshalb müssen sie zu zweit und in Gruppen üben.“ Die Kompartments sind dabei besonders gut geeignet zum Segeln, da hier kooperative Lernformen wie Partner- und Gruppenarbeit möglich sind. Teppiche und Lärmschutzpaneele an Wänden und Decken sorgen nicht nur für eine wohnliche Atmosphäre, sondern auch für die erforderliche Ruhe. Und das funktioniert: „Die Kinder wollen hier nicht gestört werden“, hat Lea Holz festgestellt, „getobt wird draußen.“

Ein weiterer Vorteil: Durch das Segeln am Nachmittag bekommen auch die Betreuerinnen und Betreuer im Ganztag mit, womit die Kinder vormittags im Unterricht beschäftigt sind. Gespräche sind möglich und alle können voneinander lernen. Ohnehin legt die Schule großen Wert auf eine gute Zusammenarbeit der Lehrkräfte und Pädagogen des Vor- und Nachmittags. Die Übergabe erfolgt in der „Leuchtturmstunde“, in der die Erzieherinnen und Erzieher an drei Tagen pro Woche eine Stunde früher kommen, um mehr gemeinsame Zeit zum Austausch zu haben.

Lea Holz: „Diese Multiprofessionalität ist ein großer Plusfaktor.“ Natürlich läuft es auch an dieser Ganztagsschule nicht immer reibungslos zwischen den unterschiedlichen Teams. „Aber wir haben alle ein gemeinsames Ziel: Guter Ganztag und gute Bildung für alle!“, betont Schulleiter Frank Behrens.

 

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