Zwei Wege zu einer pädagogischen Architektur

"Ohne die Sichtweise von Schülern und Lehrern geht es nicht." Das architektonische Design von Schulräumen, die zugleich auch Lebensraum im Alltag einer Ganztagsschule sind, fördert ein offenes Lernklima - dies veranschaulichen zwei Beispiele in Mecklenburg-Vorpommern und Bremen.

Folgt man einer zentralen Prämisse der pädagogischen Architektur, dann hat ein Kind hat drei Lehrer: Der erste Lehrer - so die Losung - sind die anderen Kinder. Der zweite Lehrer ist der Lehrer. Der dritte Lehrer ist der Raum, sagt ein schwedisches Sprichwort. Die Zeiten ändern sich, denn früher waren die Räume in den Schulen abgeschlossen, einengend und monoton. Sie haben auf die Arbeit in den Fabriken der Industriegesellschaft vorbereitet. Heute sollen sie auf eine veränderte Lernkultur und Arbeitswelt in der Informationsgesellschaft hinwirken.

Wie aber kommt Leben oder gar Musik in die Räume? Was macht sie zu positiven, unterstützenden Lehrern? "Es hängt davon ab, was ich aus der Schule machen will, sagt Joachim Brenncke, Präsident der Architektenkammer von Mecklenburg-Vorpommern und Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer: "Schule ist eine Folge von Räumen, die zusammen spielen, wie Musik, wo es Misstöne gibt oder Harmonien."

Zwei Metamorphosen

Zwei Beispiele, eines an der Ostsee, das andere an der Weser veranschaulichen den Weg auf dem sich der erfolgreiche Ausbau der Ganztagsschulen befindet: Die Regionale Schule Ückeritz auf Usedom und die Grundschule Borchshöhe in Bremen. Auf der Ostseeinsel Usedom ist eine Metamorphose im Gange: Aus einer baufälligen Schule entsteht eine offene Ganztagsschule an der Schülerinnen und Schüler, Lehrerkollegium und die Gemeinde ihre Handschrift hinterlassen werden. Vor den neugierigen Augen der Schüler geht zunächst die Hälfte des alten Schulgebäudes unter: "Die Schüler sollen sehen, wie das alte Gebäude eingerissen wird und wie das neue entsteht", sagt Schulleiter Peter Biedenweg.

Ein modern gestalteter Aufenthaltsraum

Eine neue Lernkultur entsteht  im wörtlichen Sinn auf den Ruinen oder den Überresten des alten Gebäudes. Wie zum Beweis sammeln die Schüler und Schülerinnen Erinnerungsstücke des alten Mauerwerks wie einst viele DDR-Bürger beim Mauerfall 1989/90. Sie machen Bilder für das Fotoalbum und sind gespannt auf ihre neue Ganztagsschule. Die Innen- und Außengestaltung haben sie nämlich - soweit es die zukünftigen Räume ihrer Schülerselbstverwaltung betrifft - zusammen mit den Architekten entworfen. Ein wichtiger Schritt übrigens zur Entwicklung einer pädagogischen Architektur. Schließlich lernen die Kinder und Jugendlichen einen vollen Tag auch mit den Räumen als Lehrer.

Ein norddeutscher Weg

Die Regionale Schule Ückeritz, die nur 500 Meter Luftlinie vom Strand entfernt liegt, hat momentan in den Klassen fünf bis zehn 301 Schüler und ist am 1. August 2003 Ganztagsschule geworden. Die Tiefbauarbeiten für den Neubau laufen bereits und offizielle Grundsteinlegung ist der 6. Dezember 2003. Für Dezember im kommenden Jahr ist die Einweihung geplant. Die Regionale Schule Ückeritz soll bis dann "Ostseeschule" heißen. Der Name und die Baugestaltung sollen Identität stiften.
Baustelle der Ganztagsschule in Ückeritz

Darüberhinaus wird die Schule bis dahin einen multifunktionalen Sammelraum bekommen: "Dort wird ein Schülermarkt einziehen, offen und lichtdurchflutet, mit einem offenen Sekretariat und der Schülerselbstverwaltung", sagt Peter Biedenweg. Das alles kostet Geld und Arbeitsaufwand. Insgesamt sind 2,55 Mio. angesetzt worden, um die Baumaßnahmen zu finanzieren. Davon trägt der Bund 50 Prozent über IZBB-Mittel und 50 Prozent der Schulträger über einen günstigen Kredit des kommunalen Aufbaufonds. Die Finanzierung ist laut Biedenweg "schnell und unbürokratisch" erfolgt. Das Kultusministerium, das Innnenministerium und das Landesförderinstitut Mecklenburg-Vorpommern haben dabei bestens zusammen gearbeitet.

Eine Chance für Mecklenburg-Vorpommern

Die pädagogische Grundsteinlegung für den Ganztagsschulausbau legt das Schulprogramm fest, das 20 Stammlehrerinnen und -lehrern und der Schulleiter in mehrtägiger Klausur entwickelt haben: "Das Schulprogramm ist werteorientiert und fördert die Integration und das demokratische Engagement der Schülerinnen und Schüler", so Biedenweg. Mit dem Schulprogramm wurde der Rahmen für die Arbeit des Architekten Klaus Johannsen an der Schule definiert: "Er hat uns und dem Schulträger seine Konzeption vorgestellt, eine Symbiose von Pädagogik und Architektur. Nun vertrauen wir dem Architekten und seiner baulichen Umsetzung, denn wir haben uns davon überzeugt: Architektur ist eine Kunst, wie Malerei oder Musik". Das ganze Projekt findet Biedenweg, "ist eine Chance für Mecklenburg-Vorpommern" und soll vor allem dem besseren Lernen der Schülerinnen und Schüler und dem Schulklima zugute kommen.

Ausbau der Ganztagsschulen heißt, Schulen intelligent bauen, Architekten als Profis auf den Plan rufen, die gemeinsam mit der Polis Schule Räume lerngerecht gestalten. Von 2003 bis 2007 investiert der Bund für den Aufbau der Ganztagsschulen in den Ländern vier Milliarden Euro. Laut Investitionsprogramm gehören zu den Investitionen "insbesondere Neubau-, Ausbau-, Umbau- und Renovierungsmaßnahmen sowie Ausstattungsinvestitionen". Die Bundesmittel fließen also in Mensen, Schulräume, Medieneinrichtungen, Sportstätten etc. und deren Ausstattung. Den inhaltlichen Rahmen für die Baumaßnahmen gibt das pädagogische Konzept vor.

"Das Bundesinvestitionsprogramm darf nicht dazu dienen, um kaputte Toiletten auszutauschen. Es ist auch nicht dazu geeignet, um die Misere der öffentlichen Bauten zu heilen", sagt Brenncke. Architektur müsse mit den Betroffenen abgestimmt und gestaltet  werden, so der Architekt. Man erziele andere Ergebnisse, wenn jeder ein Stück Erfahrung mit einbringt. "Ohne die Sichtweise von Schülern und Lehrern geht es nicht."

"Ohne die Sichtweise von Schülern und Lehrern geht es nicht"

Mit dem Bundesinvestitionsprogramm ,Zukunft Bildung und Betreuung' (IZBB) unterstützt die Bundesregierung auch eine neue pädagogische Architektur. Es geht, laut Edelgard Bulmahn in der Frankfurter Rundschau vom 18. November 2003, nicht nur um den Ausbau von mehreren Tausend Ganztagsschulen, sondern auch um den "Aufbruch zu einer neuen Schulkultur - weg von einem auslesenden hin zu einem fördernden Schulsystem".

Michael Becker vom Referat Ganztagsschulen des Kultusministeriums von Mecklenburg-Vorpommern ergänzt: "Wenn wir es wünschen, dass Schülerinnen und Schüler ganztägig lernen, muss man ihnen auch, die räumlichen Möglichkeiten bieten". Schon 32 Schulen hätten in Mecklenburg-Vorpommern IZBB-Mittel beantragt, für 2003 insgesamt 2,188 Mio. Euro: "Der Boom ist in vollem Gange", sagt Becker.

Der schwedische Weg

Auch Bremen forciert den Aufbau von Ganztagsschulen: "Bremen hat für das Jahr 2003 die vollen Bundesmittel in Höhe von 2,1 Mio. Euro für 15 Ganztagsschulen der Sekundarstufe I und sechs Grundschulen abgerufen", sagt der Sprecher der Bildungsbehörde Rainer Gausepohl.

Ein zweiter vielversprechender Ansatz zu einer pädagogischen Architektur ist daher der schwedische Weg der Grundschule Borchsöhe in Bremen: "Wir haben uns die unterschiedlichsten schwedischen Schulen angeschaut - von der einfachen Dorfschule bis zum ,Futurum' und haben unser Konzept an das schwedische System Skola 2000 angelehnt", sagt Schulleiterin Petra Köster-Gießmann.

Diese Form der Ganztagsschule in gebundener Form mit durchgehendem Aufenthalt in der Schule und rhythmisiertem Takt von Unterricht und Entspannungsangeboten findet in kleinen Lernhäusern statt, die sich zur besseren Orientierung farblich voneinander abheben. Mehrere Teams, bestehend aus Lehrpersonen und pädagogischem Personal sorgen für eine Lehr- und Lernkultur, die vom "Positiven" ausgeht und vom individuell Fördernden geprägt ist. Unterricht im herkömmlichen Sinne hat hier ausgedient: Jeder der 200 Schülerinnen und Schüler legt mit Hilfe eines Mentors seine Ziele und das Wochenarbeitsprogramm fest und reflektiert dieses am Ende der Woche.

Das nächste pädagogische Ziel für Köster-Gießmann ist es, die 6-jährige Grundschule aufzubauen. Diese und der Betrieb einer Ganztagsschule erfordern aber schon jetzt entsprechende bauliche Maßnahmen, denn schließlich soll die architektonische Gestaltung der Schule das Lernen unterstützen. Deswegen muss das bestehende Gebäude saniert werden und zum anderen eine komplette Mensa mit 100 Plätzen neu gebaut werden. Außerdem soll ein Arbeitstrakt für das pädagogische Personal entstehen, so dass Arbeitsplätze zur Vorbereitung, Planung und Kooperation zur Verfügung stehen.

Das Spiel der Farben und Räume

Zwei Lernhäuser gibt es in Borchshöhe, eines ist wie ein Würfel angelegt und das andere hat vier durchgehende Räume. Um das zweite Lernhaus für die Grundschüler zu errichten, mussten Raumdurchbrüche durchgeführt werden: "Von Raum Eins bis Raum Vier können die Kinder nun einfach durchgehen", sagt die Schulleiterin. Nur durch Türen mit Fensterausschnitten, die das Prinzip der Durchlässigkeit auch bei geschlossener Tür erhalten, sind die Räume voneinander getrennt.

Grundlage für beide Lernhäuser ist ein Farbkonzept. Grün steht z.B. für Naturwissenschaften. Das Farbkonzept sieht vor, dass die Schülerinnen und Schüler an der Farbe erkennen, ob sie in einem naturwissenschaftlichen Raum oder einem Raum für Sprachen lernen. Sie werden durch die Farben auf die unterschiedlichen Fächer eingestimmt. Aus Sicht der pädagogischen Architektur wird damit auch das Prinzip der Wiedererkennbarkeit eingehalten.

Kinder, Kunst und Architekten

Ein modern gestalteter Schulflur in Pink

Kinder sind Inspirationsquellen für Künstler und Architekten, wegen ihrer Spontaneität und Kreativität: "Wir haben die Kinder Bilder malen lassen." Eine Künstlerin hat die Motive zu Ende gestaltet. Die Motive - z.B. eine Giraffe in Orange auf gelbem Hintergrund - wurden von Villeroy & Boch auf Fliesen gebrannt. Schließlich tauchten diese Fliesen im ersten fertiggestellten Sanitätstrakt wieder auf: "Nun gehen die Kinder viel achtsamer und verantwortungsbewusster auf ihre Toiletten, schon der Motive wegen", sagt Köster-Gießmann. Natürlich gäbe es an der Schule noch weitere Gestaltungsmöglichkeiten, doch dies lassen die Brandschutzbestimmungen nicht zu. So bleiben weiterhin alle Eingangsbereiche und Flure steril, ohne Tische und Bilder: "In Skandinavien ist das anders", sagt die Schulleiterin.

Der dritte Lehrer ist der Raum

Deshalb forderte Brenncke auf der Startkonferenz zum Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" am 8. und 9. September 2003 in Berlin mehr Gestaltungsspielraum, aber auch standort- und projektbezogene Innovation für die Architekten bei der Umsetzung einer pädagogischen Architektur: Schülerinnen und Schüler bräuchten zusätzliche, definierte Flächen, um die Kommunikation zwischen den Lernenden zu verbessern, wie auch zwischen den Lehrenden und Lernenden und sie bräuchten Nischen, um sich zurückzuziehen.

Auch Köster-Gießmann kennt die Probleme bei der Umsetzung einer pädagogischen Architektur: "Die Architekten sitzen häufig zwischen den Stühlen und müssen allen Parteien gerecht werden, denn auch der finanzielle Rahmen für derartige Veränderungen lässt nur wenig Spielraum und bringt einen immer wieder an Grenzen."  Bleibt also zu hoffen, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Wenn der Neubau der Mensa in Borchshöhe beginnt, will der Filmemacher Reinhard Kahl vor Ort sein und eine Schule in Metamorphose, die sich auf den eigenen Weg macht, mit seiner Kamera begleiten - den Weg zu einer pädagogischen Architektur.

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