Auf den Spuren von Friedensreich Hundertwasser, Teil 2

Das Bundesprogramm IZBB zum Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland erweitert den Horizont der Schulbau-Planer und Architekten. Zwei Beispiele machen Mut für mehr. So wurde in der "Hundertwasserschule" in Wittenberg aus der Theorie Friedensreich Hundertwassers Ernst gemacht. Für Hundertwasser ist die Schularchitektur ein schöpferischer Prozess, der von der Einzigartigkeit jedes Individuums ausgeht. Auch die "Schillerschule" in Rheinland-Pfalz hat sich auf dem Weg zu einer schülerorientierten Architektur gemacht. Während die Kinder ihre zukünftige Schule malten, fertigten die Studenten gemeinsam mit einem Architektinnenteam erste Entwürfe des neuen Schulgebäudes an.

Das Laboratorium für eine zukunftsweisende Schule - die Europaschule Martin Luther Gymnasium - findet sich ausgerechnet in einem architektonischen Niemandsland. Ein Plattenbaugebiet der Stadt Wittenberg, das in den 70er und 80er Jahren entstanden ist. Stein gewordenes Abbild einer industriellen Bauweise in der Ex-DDR und nicht unbedingt das Umfeld, in dem man zukunftsweisende architektonische Konzepte und Gestaltungsmodelle erwarten würde. Dies kann auch eine Herausforderung sein wie das Beispiel des Martin Luther Gymnasium zeigt. So kam im Jahr 1993 die Frage auf, was mit einem Schulgebäude zu tun sei, dass 1975 entstanden ist, dass für 1400 Schülerinnen und Schüler gebaut wurde und nun sanierungsbedürftig war?

Der "Architekturdoktor" Friedensreich Hundertwasser

Die beste Antwort auf die Frage lieferten die Schülerinnen und Schüler im Unterrichtsfach Kunst selbst: Es solle kein geringerer als der weltberühmte Künstler und Architekt Friedensreich Hundertwasser als "Architekturdoktor" der Schule in Aktion treten und ihr ein ganz anderes Gesicht zu verleihen. Er sollte das Schulgebäude gewissermaßen in einen lern- und lebensfreundlichen Ort verwandeln: "Die Idee geht auf die Schülerinnen und Schüler zurück. Die Situation war schwierig, denn wir hatten kein Geld", sagt Schülersprecher Nathanael Lipinski.

Architektur von Hundertwasser

Dementsprechend wandten sich die Schülervertreter und der Direktor der Schule an die Agentur des geachteten Künstlers in Wien: Hundertwasser sagte seine Mitarbeit zu und zwar unentgeltlich. "Die Neugestaltung dieser Schule 1996 ist eines der letzten Werke von Friedensreich Hundertwasser geworden", berichtet die Architekturpsychologin Dr. Rotraut Walden vom Fachbereich Bildungswissenschaften der Universität Koblenz. Architekturpsychologie beschäftigt sich mit der Wirkung von Gebäuden auf das Erleben und Verhalten der Menschen.

Das Ziel der Architekturpsychologie ist es, durch die Verbesserung der Gebäude mehr Wohlbefinden für die Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen und somit deren Lernleistungen zu verbessern. Für Hundertwasser war wirkliche Architektur immer mit der Wertschätzung des Einzelnen, des Individuums verbunden: "In den neuen Gebäuden der Satellitenstädte und in den neuen Verwaltungsgebäuden, Banken, Spitälern, Schulen ist die Nivellierung ... unerträglich. Das Individuum, der einzelne, immer andersgeartete Mensch wehrt sich gegen diese gleichmachenwollende Diktatur passiv und aktiv je nach Konstitution: mit Alkohol und Drogensucht, Stadtflucht, Putzwahn, Fernsehabhängigkeit, unerklärlichen körperlichen Beschwerden, Allergien, Depressionen bis zum Selbstmord oder aber mit Aggression, Vandalismus und Verbrechen", legte Hundertwasser bereits am 22. Januar 1990 dar.

Therapie am dritten Pädagogen

Hundertwassers naturbezogene Konzeption für die Schule im trostlosen Plattenbaugebiet hat für Walden alle wesentlichen Elemente, die eine zukunftsweisende Schule braucht: Bewegte Dach- und Fassadengestaltung, eine optisch abwechslungsreiche Fassade aus keramischen Elementen und eine satte Dachbegrünung. Selbst die Herkunft des Gebäudes aus der Plattenbauweise wird nicht geleugnet. Sie ist in die Neugestaltung integriert, so dass "Altes und Neues einen spannungsvollen Dialog" eingehen. Die Neugestaltung der "Hundertwasserschule", die seit sieben Jahren bereits Europaschule ist, erstreckt sich auch auf die Räume: Der Eingangsbereich ermöglicht eine klare Orientierung zu den übrigen Räumen der Schule; eine Aula und die begrünten Dachbereiche können zum Lernen oder für die Freizeit genutzt werden. Statt Reduktion verordnete "Architekturdoktor" Hundertwasser dem Martin Luther Gymnasium zur Genesung Überfluss und die Vermischung der Bauelemente.

Der Umbau der Schule geht bis heute voran, denn jede Klasse hat das Recht, zusätzliche Räume, wie zum den Lateinraum mit Keramikelementen schöpferisch und farbenfroh zu gestalten: "Wir gehen gerne in die Schule, weil wir die von uns mitgestalteten Gebäude respektieren", sagt Lipinski. Die Folge dieser schöpferischen Architektur: "Es hat sich ein ganz besonderes Verhältnis zwischen den Lehrern und Schülern entwickelt, das schon außergewöhnlich ist", fügt der Schülervertreter hinzu. Respekt vor dem dritten Lehrer, den Räumen, und Respekt vor der Natur erhöht die Lebens- und Lernqualität der Schule. Das war auch der Wunsch von Friedensreich Hundertwasser.

Schulen wie das Martin Luther Gymnasium in Sachsen-Anhalt gehören zum sogenannten Typ "Erfurt II": Rund 550 Gebäude dieser Sorte wurden in der ehemaligen DDR gebaut. Für Rotraut Walden ist die Sanierung des Martin Luther Gymnasiums ein "Musterbeispiel für eine gelungene Schulsanierung". Bessere Schulgebäude ermöglichen nach Einschätzung der Architekturpsychologin gerade bei Ganztagsschulen eine höhere Erlebnisqualität, ein angenehmeres Sozialklima und mehr Wohlbefinden für die Schülerinnen und Schüler. Zuguterletzt wurde aus der Hundertwasserschule eine der modernsten Schulen Europas, die heute auch als Touristenattraktion geschätzt wird.

Pädagogische Architektur in der Schillerschule/ Kaiserslautern

Es lohnt auch der der Blick auf ein weiteres Exempel einer pädagogischen Architektur: die Schillerschule/ Kaiserslautern, die im Stadtviertel Fischerrück liegt. Die bereits 1956 erbaute Hauptschule Schillerschule, die seit dem Schuljahr 2003 Ganztagsschule geworden ist, charakterisiert sich durch ein L-förmiges Gebäude mit der angegliederten Grundschule.

Schillerschule

Die Hauptschule und Grundschule sind durch einen offenen Gang miteinander verbunden. Im besten Falle geht daraus einst ein Modellprojekt für Rheinland-Pfalz hervor. Das Architektinnenduo Dr. Cornelia Kukula-Bray von der Fachhochschule Kaiserslautern und ihre Partnerin Uschi Harz aus Kaiserslautern hatte im Frühjahr 2003 zunächst nach einer stimmigen Konzeption gesucht. Dazu erarbeiteten sie mit 14 Studentinnen und Studenten des Fachbereichs Architektur/ Innenarchitektur und mit Unterstützung seitens der Stadtverwaltung in einem einwöchigen Workshop Anregungen für eine künftige Planung in Form einer Ideensammlung. Dazu gehörten auch von den Schulkindern gestaltete Bilder, mit denen sie ihre Bedürfnisse für die Umgestaltung der Schule phantasiereich ausdrückten.

Eine Zukunftswerkstatt für den dritten Pädagogen

Festzustellen war: "Wo liegt die Schule, in welcher Region, welche Zukunft hat die Schule, welche Gelder sind vorhanden und welche Ziele sollen formuliert werden", erinnert sich Kukula-Bray. Bei der Klärung der Rahmenbedingungen an der Schule lautete die Frage: Wie müssen sich Schule und Schulgebäude ändern, um einer Ganztagsschule gerecht zu werden, und welche Auswirkungen hat die Umgestaltung der Schule auf den Schulablauf und die Verwaltung, auf die Betriebstechnik, auf die Unterhaltung und Pflege der Schule? "Wichtig ist eine möglichst breite Partizipation aller Beteiligten am Umbau", betonen die beiden Architektinnen

Nach dem Bundesinvestitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" sollen Ganztagsschulen nicht nur Lern-, sondern auch Lebensraum für Lernende und Lehrende sein. Das gesamte Spektrum an Interessen und Bedürfnissen der unterschiedlichsten Gruppen, die eine Ganztagsschule ausmachen, wurde in dem Workshop gebündelt. Das hieß erstens Analyse und Neuverteilung der Haupt- und Nebenräume und zweitens Gestaltung von selbst gewählten Schulbereichen.

Vom Sport und Spiel in atmenden Räumen

Die ersten wesentlichen Ziele sahen die Architektinnen in der Neugestaltung der Eingänge und des Schulhofs, in der Einrichtung einer Mehrzweckhalle und einer Verbindung zwischen Haupt- und Grundschulgebäude sowie im Bau einer neuen Sporthalle, die ggf. zur Fußball WM 2006 auch als Trainingshalle dienen kann. Elemente einer gelungenen Ganztagsschule sind für die Architektinnen Vielfalt, Leichtigkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit und spielerische Elemente. Wie weit sie in der Schillerschule realisierbar sind, ist aber noch eine offene Frage.

Ganztagsschulen, die ausdrücklich oder implizit auf den Spuren von Hundertwasser wandeln, betonen den Wert der Umwelt und einer ressourcensparenden Umgestaltung der Schulgebäude. In der Konzeption des Architektinnenduos fehlen sie dementsprechend nicht, im Gegenteil: In einer eigens eingerichteten Energie AG spielt die Nutzung der Sonnenenergie eine große Rolle und auch die kostensparende Bewirtschaftung der Schule steht im Vordergrund.

Gendermainstreaming in der Schularchitektur

Größten Wert legten die Architektinnen Cornelia Kukula-Bray und Uschi Harz darauf, möglichst viele Partner und Optionen in die Planungen einzubeziehen. Dazu gehört auch die Untersuchung und die Klärung der Zweckmäßigkeit spezieller Räume für die Mädchen und Jungen im Rahmen des Gendermainstreamings. "Gendermainstreaming" im erweiterten Sinne bedeutet hier, dass während des gesamten Planungs- und Entscheidungsprozesses die Auswirkungen auf beide Geschlechter berücksichtigt werden.

"Noch befinden wir uns mit der Bausanierung in der Anfangsphase", sagt Wolfgang Wenzel vom Schulamt Kaiserslautern. Doch für die Einrichtung der Ganztagsangebote wurden bereits 75 000 Euro aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" für die Schillerschule bewilligt. Die Konzeption der Architektinnen ist vorerst auf den Weg gebracht: Sie öffnet die Türen für eine Ganztagsschule der Zukunft, die - ob Zufall oder nicht -  auch auf den Spuren von Friedensreich Hundertwasser wandelt.

Lesen sie hier den ersten Teil unseres Artikels "Auf den Spuren von Friedensreich Hundertwasser".

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