Pädagogische Architekten - steinerne Pädagogen

"Ungastliche Schulgebäude" nehmen Abschied, Architekten und Pädagogen gestalten die "Schulen für die Zukunft". Eine "Pädagogische Architektur" wie sie beispielsweise an der Gesamtschule Brühl-Süd durch den Architekten Peter Busmann entworfen wurde, ist eine Wissenschaft, die fortwährend die Grenze zur Improvisation überschreitet und somit die Schulen in einem schöpferischen Prozess aus Kreativität und Ordnung erst zukunftsfähig macht.

Gute Schulen fallen auf. In Bruchteilen von Sekunden erfasst man gute Schulen als stimmig gebaute Schulen - und man erkennt sie von außen intuitiv daran, dass sie einladend wirken. Wie die Menschen, so zeichnen sich einladende Schulen durch bestimmte Gesten der Gastlichkeit aus. Schulgebäude kommunizieren mit den Menschen und ihrer Seele - mit abwechslungsreichen Räumen, Farben, Bepflanzung, wohlbedachten Lichtverhältnissen oder ausgewogener Akustik.

Peter Busmann vor der Brühler Schule

Ein Beispiel ist die Gesamtschule Brühl-Süd, unweit von Köln. Wer diese Ganztagsschule besucht, wird von ihr mit offenen Armen empfangen. Ein linker und rechter Flügel des Schulgebäudes öffnen sich nämlich vor dem Eingang wie zwei ausgebreitete Arme. Prof. Peter Busmann, der Architekt dieser Ganztagsschule, macht eine entsprechende Gebärde vor einer Gruppe von angereisten 52 Studierenden der Universität Koblenz. Seine Geste, die an eine Jesus-Darstellung erinnert, öffnet die Gemüter der Koblenzer Studierenden: Lachen, heitere Stimmung.

Was macht aus Schulen "Schulen für die Zukunft"?

Auf der Suche nach nationalen und internationalen "Schulen für die Zukunft" ist die Architekturpsychologin Dr. Rotraut Walden in Brühl fündig geworden:"Die Gesamtschule Brühl-Süd dient ihr eine von drei deutschen und insgesamt 26 internationalen Schulen aus 14 Ländern und fünf Kontinenten als Beispiel für eine ,Schule für die Zukunft'."

Peter Busmann stellte seine freundliche und architektonisch wegweisende Schule an einem grauen Nachmittag vor. Und dennoch: Gut gelaunte, lebendig wirkende Schülerinnen und Schüler begaben sich nach dem Unterricht auf dem Heimweg. Der Schulbau der Zukunft indessen stellte sich den prüfenden Blicken der Studierenden und der Architekturpsychologin.

Die Koblenzer haben Fragebögen mitgebracht, in denen sechs Kriterien zur Beurteilung der Schule nach funktionalen, ästhetisch-gestalterischen, sozial-physischen, ökologischen, organisatorischen und finanziellen Gesichtspunkten entlang eines vorgestellten Rundgangs durch die Gebäude einzutragen sind. Diese "Koblenzer Architekturfragebögen" werden von Rotraut Walden seit zehn Jahren entwickelt. Nun wurden außer den 52 Studierenden noch ca. 40 Lehrerinnen und Lehrer sowie 144 Schülerinnen und Schüler zu dem Brühler Schulgebäude vor Ort befragt: "Die zu erwartenden Ergebnisse lassen vorsichtige Generalisierungen auf den Schulbau für die Zukunft zu", sagt Rotraut Walden.

Abschied von den "Schulmaschinen" der 1970er?

Garten im Zentrum der Schule

Rundgänge sollten dort beginnen, wo das Herz der Schule schlägt. Im Fall der Brühler Ganztagsschule ist dies ein großer glasüberdachter Garten mit mediterraner Bepflanzung und angenehm würzigen Gerüchen. Im Ohr das Plätschern eines künstlichen Baches. Der Architekt und Erbauer der Kölner Philharmonie, Peter Busmann, stellt sich auf eine bepflanzte Empore und schildert von dort die Entstehungsgeschichte seines Projektes.

Planung und Bau der Schule geschahen unter großem Zeitdruck: "Angefangen von der ersten Skizze bis zur Fertigstellung 1998 ist die Schule in weniger als zwei Jahren entstanden", erläutert Busmann. Die Brühler Ganztagsschule sollte sich deutlich von den "Schulmaschinen der 70er Jahre" unterscheiden und trotzdem musste sie kostengünstig sein. Außerdem waren ökologische Aspekte zu beachten und natürlich die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen. Busmann fährt fort: "Um Gebäude und Räume für Kinder und Jugendliche zu planen, sollte sich ein Architekt an die eigene Kindheit erinnern, an das ganze Milieu und die Schulgebäude." Hinzu kommen die genaue Wahrnehmung und Beobachtung der Kinder: "In den seltensten Fällen sagen sie, was sie brauchen", fügt Busmann hinzu.

"Wer wird nach Dir leben? Meine Kinder"

Gut gestaltete Schulen werden von den Kindern und Jugendlichen mit Freude und Respekt behandelt. Schulen sind nicht nur "steinerne Gastwirte", da sie mit ihrer Architektur immer auf das Lernverhalten der Schülerinnen und Schüler einwirken. Noch gibt es nicht allzu viele Schulen, die sich trauen, Architektur aus der Perspektive und vor allem mit Kindern und Jugendlichen zu verwirklichen. Gastlich gestaltete Schulen zeigen, was ihnen die Kinder und Jugendlichen wert sind.

"Wer wird nach Dir leben? Meine Kinder. Wer wird nach ihnen leben? Ihre Kinder". Diese Pädagogenweisheit war im glasüberdachten Sektor der Brühler Schule auf einem Transparent zu lesen und ist dem französischen Philosophen und Pädagogen Rousseau entlehnt. Gute Schulen zeichnen sich durch ihre Stimmigkeit nach innen und außen aus und diese materialisiert sich in Brühl bis in die verwinkelsten und aufgespreiztesten Räume.

Es ist ein seltsames Paradox in der Geschichte der Schulen als steinerne Pädagogen: Lehrerinnen und Lehrer sollten gute Pädagogik in einem höchst unpädagogischem Raumambiente praktizieren. Noch heute herrscht Busmann zufolge unter Schularchitekten eine "Ideologie vor, die weg von den Farben geht. Doch "alles, was nicht gestaltet werden kann, fordert eine Gegenreaktion, oft auch Zerstörung heraus", erklärt Busmann. Vandalismus zum Beispiel, der vielen Schulen heutzutage teuer zu stehen kommt. "Wenn ich für Kinder baue, dann soll im Zentrum Licht sein. Hier im Zentrum der Schule fühlen sich die Kinder wie im Urlaub", sagt Busmann.

"Gebäude müssen Gebärden haben"

Zwischen Mensch und Haus existieren für Busmann enge Verbindungen. So gebe es nicht nur starke Analogien zwischen einem Gebäudeorganismus und einem menschlichen Organismus, sondern "alles was man baut, muss zu einem Bewegungs- und Erlebnisraum umgestaltet werden", so der Architekt weiter. "Gebäude müssen Gebärden haben." In der Gesamtschule Brühl sind deshalb die Flure wie Gebärden aufgespreizt und viele kleine, begrenzte Zonen eingerichtet worden.

Nicht rechtwinklige Räume haben in der Brühler Schule die Oberhand, sondern mehrwinklige, polygonale Räume. Ganz nebenbei ist durch dieses Gestaltungsprinzip ein kleiner polygonaler Raum im ersten Stock der Schule entstanden, der für die Arbeit in Kleingruppen genutzt wird. Pädagogische Architektur verlangt nach Differenzierung. Dieser Begriff sollte für Busmann nicht nur im Unterricht, sondern auch im Schulbauprogramm eine zentrale Rolle spielen. "Ich sehe nicht ein, dass Klassenräume wie Schuhkartons aussehen sollen", so der Architekt.

Weg von der starren Funktionalität

Zukunftsschulen haben das Potenzial, sich von einem zentralen Prinzip der Industriegesellschaft zu verabschieden, nämlich einer eindimensionalen, starren Funktionalität, die auf Kosten des Reichtums der Kinder und nicht zuletzt der ganzen Gesellschaft ausgetragen wurde. Tag für Tag betäuben noch heute starre, rein funktionale Schulgebäude die Phantasie und den Sinnenreichtum der Kinder und Jugendlichen. Wenn Schulen zukunftsfähig werden sollen, müssen sie die Zukunft im Blick haben. Dies verdeutlichte ein weiteres Beispiel an der Brühler Schule.

Ein großer, ebenfalls polygonaler Klassenraum zieht die Koblenzer Studierenden um die Architekturpsychologin Walden in den Bann. In diesem Raum bemerken die Besucher einen Balkon, der einen Blick ins Grüne ermöglicht. Busmann erläutert den dahinter stehenden Gedanken: In einer alternden Gesellschaft mit fallenden Schülerzahlen werden auch viele Schulen schließen müssen.

Heute Schule - morgen Seniorenheim

Um dieses Schicksal von seinem Gebäude abzuwenden, kam Busmann auf die Idee, etliche Räume so anzulegen, dass sie in der Zukunft auch anderen Zwecken dienen können: "Solche Konversionen werden angesichts des demographischen Wandels zunehmend notwendiger, zumal wenn mit immer weniger Schülern zu rechnen ist", kommentiert Rotraut Walden diesen Trick des Architekten.

Pädagogische Architektur ist eine exakte Wissenschaft, die fortwährend die Grenze zur Improvisation überschreitet und somit dem Leben und seinem schöpferischem Chaos aus Ordnung und Kontingenz (Zufall) ähnelt. Sie ist Nachahmung der täglichen Schöpfung wie zwei weitere Beispiele abschließend offenbaren.

Im Fluss des Lebens

Die Brühler Schule besitzt sechs Flügel, die nach Goethes Farbenlehre konzipiert worden sind. So gibt es einen roten, grünen oder blauen Flügel. In der letzten Phase der Bauarbeiten haben Kinder und Jugendlichen die vorbildlich kooperierenden Baufirmen unterstützt, während viele Lehrerinnen und Lehrer angesichts ihrer Lehrverpflichtungen "total überfordert waren." Doch das Klima im Lehrerkollegium war günstig, denn wenn man schon in wichtigen Belangen nicht am Schulneubau partizipierte, so gab es doch von den Lehrerinnen und Lehrern moralischen Rückenwind. Von der Schulleiterin ohnehin: Als Peter Busmann noch Bauherr der Schule war, pflegte er einen intensiven Austausch mit der Direktorin. Noch heute ist die Tür zu ihrem Büro jederzeit offen.

Solche Freiheiten in der Gestaltung eines Mikrokosmos werden häufig belohnt. So hat sich der Architekt für die Brühler Schule von der sinnlosen Energieverschwendung kategorisch verabschiedet: Außer im Lehrerzimmer gibt es nicht einen einzigen Heizkörper in der Schule. Stattdessen durchziehen die Decken dichte Kunststoffrohre: "Strahlungswärme kommt aus den Decken, mit einem ausgeklügelten Wärmeaustausch zwischen den Räumen des gesamten Gebäudes. Dieser berücksichtigt das Phänomen, dass auch die menschlichen Körper Wärme ausstrahlen, die genutzt werden kann", so Busmann. Unter dem Strich bedeutet dies für die Schule ein Drittel Einsparung an Energiekosten. Für Busmann ist dieses Prinzip nicht nur ökologisch, sondern "organlogisch", also körper- und raumbezogene Architektur.

Bei aller Kritik, die die Studierenden um Architekturpsychologin Dr. Rotraut Walden im einzelnen noch einzuwenden hatten, zögerte niemand, die Brühler Schule als eine Zukunftsschule einzustufen. Hier konnten alle Besucher hautnah erfahren, dass das Leben und Lernen mit der Umwelt hier und heute bereits begonnen hat.
 

Rotraut Walden (Hrsg.):
SCHOOLS FOR THE FUTURE.
Design Proposals from Architecture and Architectural Psychology.
With a foreword by Prof. Henry Sanoff
and comments by Friedensreich Hundertwasser. (Das Buch erscheint 2006)

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