Impulse durch den dritten Pädagogen

Das Lise-Meitner-Gymnasium in Böblingen hat mit Hilfe von IZBB-Mitteln Umbaumaßnahmen finanziert und die Schul von einem Lern- zum Lebensort weiter entwickelt. Dabei ist eine Wechselwirkung zwischen differenzierter Raumgestaltung und differenziertem Unterricht in Gang gekommen und sorgt für eine neue Unterrichtskultur.

Das Wort vom "Raum als dritten Pädagogen" ist inzwischen weithin bekannt. Dass es sich am besten lernen lässt, wenn ein Schulhaus rein funktional gestaltet ist - was in der Realität dann häufig zu öden Betonkästen geführt hat - glaubt heute niemand mehr. Wenn Ganztagsschule nicht mehr nur Lern-, sondern auch Lebensort sein soll, wird es um so dringlicher, durch Um- und Neubauten den Kindern und Jugendlichen eine anregungs- und abwechslungsreiche Umgebung zu schaffen, die der Rhythmisierung des Schultags und dem pädagogischen Konzept entspricht.

"Der Raum als dritter Pädagoge - das stimmt wirklich", erklärt Hans Oberhollenzer, Schulleiter des Lise-Meitner-Gymnasiums im baden-württembergischen Böblingen. Im pädagogischen Konzept der Schule ist mit dem Satz "Der Raum erzieht mit" eine Erfahrung festgehalten worden, die Oberhollenzer nach vier Jahren reger Bautätigkeit an seiner Schule gemacht hat. "Ganztagsschule braucht in noch viel stärkerem Maße als Halbtagsschule eine differenzierte Architektur. Dieser dritte Erzieher muss Impulse setzen", so die Meinung des Schulleiters.

Atrium und die Aula des Lise-Meitner-Gymnasiums
Ruhe und Aktion: Das Atrium (l.) und die Aula des Lise-Meitner-Gymnasiums

Das 1980 gegründete Lisa-Meitner-Gymnasium ist eine Modellschule und kann daher - als Ausnahme des baden-württembergischen Schulgesetzes - Schulgebühren erheben. "Wir sind ein Modell für Private-Public-Partnership", meint der Schulleiter. "Die Basisleistung Halbtagsschule wird aus den kommunalen Mitteln finanziert, das Additum der Ganztagsschule kommt aus Mitteln der Eltern und des Landes."

In der Schule, die rund 500 Schülerinnen und Schülern auch aus sozial schwierigen Verhältnissen besuchen, besteht ein gebundener Ganztag bis Klasse neun, faktisch sind aber durch die Einführung des G8 auch die Oberstufenschülerinnen und -schüler ganztägig an der Schule. Auf mindestens 38 Wochenstunden schätzt Oberhollenzer die Präsenzzeit dieser Schülergruppe im Gebäude - abseits des Unterrichts in Lerninseln, beim Essen oder bei der Freizeitgestaltung.

Förderung des selbstständigen Lernens

"Als im Oktober 2001 aus dem baden-württembergischen Kultusministerium die Ankündigung kam, dass die Gymnasialzeit auf acht Jahre verkürzt werden soll, hat sich das Schulkollegium zusammen mit den Eltern und Schülern daran gemacht, ein neues Leitbild und ein pädagogisches Profil für die Schule zu erstellen", erzählt Oberhollenzer. "Uns war klar, dass sich durch die Schulzeitverkürzung die Anforderungen an die Schülerinnen und Schüler noch mal erhöhen und wir die innere Struktur unseres bereits vorhandenen Ganztags gründlich überdenken mussten." Bis dahin war der Ganztagsbereich zum zusätzlichen Unterricht in Kernfächern und für Praktika genutzt worden.

In einer Umfrage im Frühjahr 2002 bei allen Schulangehörigen wollte man wissen, welche pädagogischen Schwerpunkte in Zukunft gesetzt werden sollten. Basierend auf den Umfrageergebnissen wurde eine neue Stundentafel entworfen, die sich an den Sätzen des pädagogischen Profils orientierte. Der entscheidende Satz lautet dabei: "Wir begreifen Schule als gemeinsam gestalteten Lebensraum." Die Verknüpfung von Architektur mit der Pädagogik findet sich in dem Satz "Die Förderung und Ausweitung des selbstständigen und eigenverantwortlichen Arbeitens ist uns ein besonderes Anliegen". Um den Kindern und Jugendlichen diese Art des Lernens zu ermöglichen, sollten bestimmte Bausteine verwirklicht werden, darunter selbstständiges Arbeiten in einem Lernzentrum, der so genannten Study Hall, und Lerninseln für eigenverantwortliches Arbeiten.

"In einer schulischen Arbeitsgruppe mit jeweils drei Lehrer-, Eltern- und Schülervertretern haben wir dann auf der Grundlage dieser pädagogischen und didaktisch-methodischen Überlegungen auch ganztagsschulspezifische architektonische Gestaltungselemente entwickelt", so Oberhollenzer weiter. Ein Kernanliegen der Schulgemeinschaft war es dabei, Stillarbeit anders als bis dahin gestalten zu können. "Es sollten nicht wie ehedem 30 Schülerinnen und Schüler in einem Klassenzimmer unter Aufsicht eines Lehrers sitzen", erklärt der Schulleiter. "Es gibt Schülerinnen und Schüler, die sind in fünf Minuten mit bestimmten Aufgaben fertig, andere brauchen mehr Hilfe - aber der Lehrer kann sich nicht durch 30 teilen und auf dessen speziellen Förderbedarf eingehen."

Stillarbeit als Rhythmisierungselement

Toben und klösterliche Stille: Das Spielnetz im Roten Turm (l.) und die Study Hall

Der Versuch, das Dilemma zu lösen, führte zur Überlegung, um die Mittagszeit drei Klassen für 45 Minuten für die Stillarbeit zusammen zu fassen und eine Lehrperson die Aufsicht führen zu lassen. Die zwei weiteren Lehrer widmen sich dann den Schülerinnen und Schülern mit Hochbegabung oder Förderbedarf, die in kleinen Differenzierungskursen von fünf bis zehn Kindern und Jugendlichen zusammen gefasst werden. Der größte Schülerteil lernt derweil in der Study Hall. Diese muss Platz für etwa 90 Schülerinnen und Schüler bieten. "Dort erledigen die Schüler ihre Aufgaben in ihren eigenen Lernkabinen und in klösterlicher Stille", beschreibt der Schulleiter die Atmosphäre dieses Raumes.

Die Aufgaben werden den Kindern und Jugendlichen in einer Art Wochenplan gestellt. Sie kommen vorbereitet und mit den notwendigen Arbeitsmaterialen versehen in die Study Hall, um dort ihre Aufgabenliste abzuarbeiten. Die Schüler erfahren hier eine Atmosphäre, die zur Konzentration anregt und die sie zu Hause so oft nicht vorfinden. "Nicht immer im Klassenverband lernen, nicht immer Teamarbeit machen, nicht immer wuselt jemand um mich herum - sondern mal ganz konzentriert für sich selber an etwas arbeiten, das dient auch der Rhythmisierung des Schultages", so Oberhollenzer.

Doch bei der Entwicklung dieser inzwischen verwirklichten Ideen wurde der Schule klar, dass für diese Art des selbstständigen Arbeitens einfach die passenden Räumlichkeiten fehlten. Das Lise-Meitner-Gymnasium besaß eine große Aula und einen großen Speisesaal - "die Architektur einer Halbtagsschule", formuliert der Schulleiter. Als Folge veranstaltete man schulinterne Zukunftswerkstätten, in denen erst der Phantasie freier Lauf gelassen werden konnte und dann geprüft wurde, an welchen Stellen man die Wunschvorstellungen würde umsetzen können, ohne dafür Neubauten errichten zu müssen.

Geduldige Zuhörer im Architektenbüro

"Die gesamte Einrichtung ist bis ins Detail geplant worden, wobei die Überlegungen von Lehrern, Eltern und Schülern einflossen. Das war kein einfacher Prozess. Wir hatten aber das Glück, ein geniales Architektenbüro in Böblingen zu finden", erinnert sich Oberhollenzer. "Dort fanden wir zunächst mal geduldige Zuhörer, die in vielen gemeinsamen Sitzungen unsere Ideen sehr gut aufgenommen haben." Die Schule finanzierte die Umbauten neben kommunalen Mitteln und der Schulgebühr mit 267.000 Euro aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) der Bundesregierung.

Schulrestaurant von außen und innen
Blicke von außen und innen: Das Schülerrestaurant und -bistro

"Ohne die IZBB-Mittel hätten wir nie von so etwas wie unserem Grünen Turm mit den Kommunikations- und Lerninseln für die Eigenarbeit zu träumen gewagt", bekennt der Schulleiter und ist froh, dass sich diese finanzielle Möglichkeit parallel zu den Überlegungen eines neuen pädagogischen Profils mit der Umgestaltung des Schulgebäudes auftat. 2004 beantragte die Schule die Mittel aus dem Bundesinvestitionsprogramm, nach einem halben Jahr konnte bereits mit dem Umbau des Schulrestaurants und des Grünen Turms begonnen werden.

"Für die Study Hall waren wir auf den Speisesaal gekommen", berichtet Oberhollenzer. "Von diesem sehr großen Raum trennten wir die Hälfte ab und bauten diese um. Den verkleinerten Speisesaal mit Bahnhofskantinenatmosphäre konnten wir dann dank der IZBB-Mittel ein Jahr später zu unserem Schulrestaurant mit zweiter Ausgabelinie, Terrasse, Bistro und Glasfront umbauen."

Räume setzen Impulse in Richtung Schulentwicklung

Im Lise-Meitner-Gymnasium bemüht man sich um eine ganzheitliche Förderung durch einen Wechsel zwischen Freizeit und Unterricht sowie zwischen praktischen und theoretischen Elementen. "Dafür brauche ich die Ganztagsschule", befindet der Schulleiter. "Wenn ich in der Mittagspause die Kinder in dem Spielnetz im Roten Turm rumtoben sehe, frage ich mich, wie das jemals anders funktionieren könnte, wenn wir von ihnen erwarten, dass sie eine halbe Stunde später wieder ruhig zusammen sitzen sollen. Und es ist schön zu sehen, dass wir durch die Architektur, die wir nach 20 Jahren endlich passend zu unseren pädagogischen Ideen schaffen konnten, jetzt auch die Aufmerksamkeit und die Wertschätzung in der Öffentlichkeit erfahren."

Wann hat man das Gefühl, fertig zu sein? Schulleiter Hans Oberhollenzer resümiert:"Wir haben in den letzten drei Jahren ein starkes Entwicklungstempo vorgelegt. Das IZBB hat definitiv nicht nur die räumliche Situation verbessert, sondern eine Wechselwirkung zwischen Raum und Unterrichtspraxis befördert und starke Impulse in Richtung Schulentwicklung gegeben. Die Study Hall hat zum Beispiel eine ganz neue Aufgabenkultur befördert. Für die Kolleginnen und Kollegen ist das eine Herausforderung, die Wochenplanarbeit für diesen Bereich aufzustellen. Es gibt keine Aufgaben von heute auf morgen mehr. Das wirkt sich auf die gesamte didaktisch-methodischen Planung des Unterrichts aus. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, und insofern sind wir überhaupt noch nicht am Ende."

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