Lernen mit dem Raum

Das größte räumliche Veränderungspotential besteht im Klassenzimmer, dem Raum, der in der Geschichte des Schulbaus bisher kaum Änderungen erfahren hat. Diese Feststellung macht der Architekt Prof. Frank Hausmann. Um diesem Dilemma zu begegnen, führte er das Forschungsvorhaben "Offenes Klassenzimmer" an der Fachhochschule Aachen durch.

Maria-Montessori-Gesamtschule in Aachen

Bei den von Gemeinden veranstalteten Wettbewerben für Schulneubauten greifen diese in der Regel auf Standardraumprogramme mit traditionellen Konzeptionen zurück. "Diese Raumprogramme entsprechen nicht mehr den Anforderungen moderner Pädagogik, die viele Veränderungen durchmacht", meint Prof. Frank Hausmann. Der Architekt befasst sich seit 1996 schwerpunktmäßig mit Schulbauten.

Auf die Wettbewerbe konnte Hausmann keinen Einfluss nehmen. Statt dessen beschloss er, mit einem Forschungsvorhaben an der Fachhochschule Aachen das Thema grundsätzlich anzugehen und "über diesen Bereich neu nachzudenken". Im Sommersemester 2005 initiierte der Wissenschaftler, der eine Professur für die Lehrgebiete Entwerfen, Gebäudelehre und Computergestütztes Entwerfen innehat, von April bis Oktober das Projekt "Offenes Klassenzimmer".

Bei diesem sollten die Lern- und Lehrbereiche im Fokus stehen. Gerade die Klassenzimmer und Unterrichtsräume haben laut Hausmann über die rund hundert Jahre, in denen Schulgebäude entworfen und gebaut worden sind, kaum Veränderungen erfahren. "Wir arbeiten noch immer mit dem klassischen 60-Quadratmeter-Raum, der schon zur vorletzten Jahrhundertwende gebaut wurde", erläutert Hausmann. "Heute sehen die Standardraumprogramme vor, dass Gruppenräume zwischengeschaltet werden - aber das war es dann auch schon." Manche Architekten versuchten, diesem Dilemma zu begegnen, indem sie versuchen wenigstens noch den Erschließungsbereich wie Flure oder Vorräume einzubeziehen, was durch die Brandschutzvorschriften oft heikel sei.

Suche nach offenen und kommunikativen Raumformen

Das aufkommende Thema Ganztagsschule, die den Schultag rhythmisiert - unter anderem durch Verknüpfung von Vor- und Nachmittag, von Gruppen-, Stillarbeit und Freizeitaktivitäten - und damit andere Raumkonzepte erfordert, machte dieses Defizit noch deutlicher. "In der Pädagogik gibt es momentan eine Entwicklung zum eigenständigen Lernen. Der Frontalunterricht nimmt ab, statt dessen wird eher auf die Selbsttätigkeit der Schülerinnen und Schüler gesetzt. Und genau dafür ist das Umfeld oft noch nicht da", so der Wissenschaftler

Ein klassisches Beispiel dafür sei die Schulbibliothek. Früher war das ein abgeschlossenes, nur zu bestimmten Zeiten zugängliches kleines, vollgestopftes Zimmer. "Das pädagogische Konzept der Schulen sah die Einbindung dieser Bibliothek oft gar nicht vor. Nur wenige Lehrerinnen und Lehrer kamen auf die Idee, einem Schüler die Aufgabe zu erteilen, zu einem bestimmten Thema eigenständig stundenlang zu recherchieren", erinnert Hausmann. Wenn heute aber genau dies als selbstverständliche Anforderung gelte, müssten entsprechende räumliche Voraussetzungen geschaffen und bestehende Schulen umgebaut werden. Mit den herkömmlichen 60-Quadratmeter-Klassenzimmern sei diese Art des selbstständigen Lernens schwer zu realisieren. Analog zum Verwaltungsbau, wo Veränderungen zu offeneren und kommunikativeren Formen realisiert worden sind, wollte der Wissenschaftler daher ausloten, wie man Klassenräume anders und besser gestalten könnte.

Um sich mit den Anforderungen der heutigen Pädagogik auseinanderzusetzen, machten Hausmann und sein Fachbereich Hospitationen in Klasse 7 der Ganztagsschule Maria-Montessori-Gesamtschule in Aachen. Die Aachener Architekten Prof. Ernst Kasper und Prof. Klaus Klever sind 2002 für ihre Arbeit an dieser Schule mit dem Gestaltungspreis der Wüstenrot Stiftung "Schulen in Deutschland" ausgezeichnet worden. In Gesprächen mit Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern sowie einem Workshop mit Künstlern, Schulleitern und Architekten wurde die Arbeitsweise der Pädagogen und die Sichtweisen und Erwartungen der Kinder und Jugendlichen erforscht.

Hoher Krankenstand bei Lehrern nicht verwunderlich

In Anlehnung an das pädagogische Konzept hatten sich die Architekten der Maria-Montessori-Gesamtschule für das Prinzip der "Schule in der Schule" entschieden. Der Klassenraum ist hier nicht nur Lern-, sondern auch Lebensraum. Die räumliche Gliederung der fünf Lernhäuser vermeidet lange Erschließungsflure. Pro Geschoss befinden sich zu beiden Seiten des Treppenhauses jeweils zwei Klassenräume, die räumlich und pädagogisch eine Gruppe bilden. So schufen die Architekten durch einen sinnvollen Umgang mit den Erschließungsflächen mehrere Kommunikationsbereiche, die aus dem pädagogischen Konzept nicht mehr wegzudenken sind.

Für die Gruppenarbeit ist weiterhin der Klassenraum der wichtigste Raum. Vorräume, Flure, Bibliothek und Außenräume werden aber ebenfalls genutzt. Einzelarbeiten finden vorrangig in der Bibliothek statt. Der Frontalunterricht dient mehr der Aufgabenbeschreibung der dann von den Schülerinnen und Schülern selbst zu lösenden Probleme. Das selbstständige Arbeiten in verschiedenen Arbeitsweisen bis hin zur Selbsteinschätzung des Projektverlaufs und des Ergebnisses stellt einen bedeutenden Teil der Ausbildung dar.

Auch die Lehrerrolle, die sich vom Alleinunterhalter zum Teambegleiter verändert, erfordert ein Umdenken von der Klassenstruktur zur Projektarbeit in kleineren, auch jahrgangsübergreifenden Gruppen. Der hohe Krankenstand bei Lehrerinnen und Lehrern ist Hausmann zu Folge nicht verwunderlich, denn sie seien einem immensen Druck ausgesetzt, würden für 45 Minuten mit 30 Kindern in einen Raum gesperrt und verfügten über keine angemessenen Arbeitsräumlichkeiten. "Wenn man hier etwas anders konzipieren könnte, wäre schon viel gewonnen."

Flexible Lernzonen

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Identifikation der Schülerinnen und Schüler mit ihrer Schule. Diese ist laut Hausmann nur zu erreichen, wenn die Kinder und Jugendlichen quasi mit ihrem Schulgebäude arbeiten, es aktiv zur Informationsbeschaffung, Kommunikation oder zur Mediennutzung gebrauchen und sich Nischen für Entspannung und Ruhe schaffen können. An einer Ganztagsschule, in der die Kinder und Jugendlichen mehr Zeit verbringen, sei das um so wichtiger.

"Die Fragestellung sollte nicht lauten: Wie kann diese Fassade noch schöner werden? Sondern es ging darum, Elemente im Innern zu verändern, die dann auch das ganze System Schule verändern könnten", erklärt Hausmann. "Hinter diesem Forschungsprojekt steht keine ästhetische, sondern eine strukturelle Frage: Welche einzelnen Bauelemente muss ich ändern, um eine bestimmte Pädagogik zu befördern?"

In München konnte Hausmann jüngst eine Schule für Sprachförderung gestalten. "Hier haben wir zum ersten Mal mutig eine flexible Lernzone zwischen vier Klassen gesetzt, einen großen Raum, der vielseitig nutzbar und teilbar ist. Es gibt keine klassische Flurzone mehr", berichtet der Architekt.

Demographischer Wandel als Chance

Das Projekt "Offenes Klassenzimmer" ist noch nicht beendet. Frank Hausmann bemüht sich derzeit um die Förderung der zweiten Phase in einem umfassenden, länderübergreifenden Projekt. "Der erste Schritt ist zugegebenermaßen kaum repräsentativ, da er sich sehr auf die Beobachtungen an einer Aachener Gesamtschule stützt. In einem zweiten Teil wollen wir im Verbund mit zwei anderen Hochschulen in Stuttgart und Weimar das Thema über ein bis zwei Jahre vertiefen", erläutert der Architekt, "und dabei weitere Schulen untersuchen und zu Raumvorschlägen kommen, die abseits der geförderten Standardraumprogramme andere Lösungen aufzeigen. Die Themen Lernlandschaft und Information sollten dabei immer eine Rolle spielen und in die Wettbewerbe und Konzipierung von Schulen einfließen."

Eigentlich ist der demographische Wandel mit den zurückgehenden Kinderzahlen kein positives Thema. Im Bereich der Schulumbauten stellt die Prognose zurückgehender Schülerzahlen indes eine Chance dar: "Wenn der Platzbedarf sinkt, lassen sich die frei werdenden Räume um so leichter umgestalten", erklärt Hausmann. Die Zahl von Neubauten werde wahrscheinlich zurückgehen, um so interessanter würden die Pläne, bestehende Bauten unter pädagogischen Gesichtspunkten sinnvoll umzubauen.

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