Abenteuerspielplatz statt Appellhof

Auf Schulhöfen regiert häufig noch der nackte Beton. Kein Wunder, dass Schülerinnen und Schüler auf die Frage nach Verbesserungswünschen an ihrer Schule oft als erstes die Umgestaltung des Schulgeländes nennen. Durch die Ganztagsschule gewinnt das Schulgelände als Ort für Unterricht, Muße und Spiel erst recht an Bedeutung - und macht den Nachholbedarf auf vielen Betonhöfen deutlich. Wie man sein Schulgelände umgestaltet und wie sich diese Änderungen auf den Unterricht auswirken, zeigt das Beispiel der Grundschule Dehme im ostwestfälischen Bad Oeynhausen.

Tobias kam aufgeregt zur Schulleiterin gerannt: "Frau Wehmeier, Frau Wehmeier! Unsere ganzen Erdbeeren sind kaputt!" Veronika Wehmeier, Leiterin der Grundschule Dehme im ostwestfälischen Bad Oeynhausen, war überrascht: Hatten Vandalen den Schulgarten verwüstet, in dem die Früchte gedeihen? Zusammen mit dem Zweitklässler sah die Pädagogin im Schulgarten nach dem Rechten. Auf dem Weg dorthin sprudelte es aus dem Steppke heraus: Seine Mutter habe gestern im Supermarkt über die hohen Preise für Erdbeeren geschimpft und diese daher nicht gekauft. Da habe er triumphierend darauf hingewiesen, dass sie ja dort auch gar keine kaufen müssten, weil diese doch im Grundschulgarten wüchsen und er ihr welche mitbringen könne. Gesagt, getan - doch im Schulgarten angekommen, waren gar keine Erdbeeren zu sehen.

Die Grundschule Dehme im Jahre 1998 vor dem Umbau des Schulhofs (l.) und nach der Umgestaltung

Was nicht an Vandalismus, Diebstahl oder Schädlingen lag - es war November. "Und diese Begebenheit ließ sich wunderbar nutzen, um im Unterricht etwas über Jahreszeiten zu lernen", berichtet die Schulleiterin. Es ergaben sich jedoch neue Fragen: Wenn zu dieser Jahreszeit keine Erdbeeren wuchsen, woher stammen dann die aus dem Supermarkt? Die Schülerinnen und Schüler schwärmten zur Recherche aus und ermittelten Südafrika als Herkunftsland der Ware. Aber wie gelangten die Früchte von dort nach Bad Oeynhausen? Wieso wurden sie auf der langen Reise nicht schlecht? Weshalb waren sie trotz der weiten Anreise so günstig zu haben - verdienten denn die Menschen nichts, die sie in Südafrika anbauten und pflückten?

Solche Fragen lassen sich anhand von Sachkundebüchern klären, aber das Gefühl, selbst betroffen zu sein, etwas zu erfahren, was ihr Umfeld tangiert, lässt Kinder viel mehr Feuer und Flamme für ein Thema sein - und wie die Wissenschaft inzwischen erwiesen hat, behalten sie dann auch mehr des Gelernten. "Man kann gar nicht überschätzen, welchen Einfluss eine veränderte Schulhofgestaltung auf den Unterricht nimmt", erklärt Veronika Wehmeier. Dies sollten Schulen, die in die Umgestaltung ihres Schulhofs investieren wollen, all jenen klarmachen, die mit Sätzen wie "Wir können doch nicht so viel Geld in 20-Minuten-Pausen stecken!" ihre Bedenken am Sinn solcher Maßnahmen äußern.

Die Schülerinnen und Schüler an der Planung beteiligen

Konsequent hat die Grundschule Dehme das "Weiterführen der Arbeit am und mit dem Schulgelände" in ihr Schulprogramm aufgenommen. Im pädagogischen Leitbild für die Offene Ganztagsgrundschule, welche die Grundschule Dehme seit 2005 eingeführt hat, heißt es: "Wir ermöglichen das Erkennen, Wissen, Verstehen und Deuten der Natur." Das Einbeziehen des Außengeländes ist im Sachkundeunterricht aller vier Jahrgangsstufen vorgesehen. Mit monatlichen Aktionen wie Wanderungen, Nistkastenbau, Tümpelbegehung oder Fledermauswanderung ergänzt die Schule das Lernen auf dem eigenen Gelände. Besuche beim Anglerverein oder beim Imker öffnen die Schule nach außen.

152 Schülerinnen und Schüler besuchen derzeit die Grundschule, an der neun Lehrerinnen und ein Lehrer arbeiten. Die Schule liegt am Ortsrand im Grünen - dabei aber leider direkt an einer sehr stark befahrenen Bundesstraße. Bis 1998 glich der Schulhof einem Asphaltplatz, der seit 1997 zudem noch von einer hohen Schallschutzwand zur Straße begrenzt wurde. Die Atmosphäre war eher bedrückend als anregend. Mangelnde Wahrnehmungs- und Bewegungsreize verstärkten Aggressionen oft noch. Die Schulkonferenz beschloss daher im Juni 1997 eine grundlegende Umgestaltung des Geländes.

Ab April 1998 begann die praktische Umsetzung des Projektes "Naturnahe Schulgeländegestaltung". Zuvor hatte man eine Befragung unter den Schülerinnen und Schülern durchgeführt, um ihre Wünsche und Ideen für einen neuen Schulhof zu erfahren. Die Fragen lauteten: Welche Aktivitäten sind Dir auf dem Schulgelände wichtig? Was findest Du gut am Schulgelände? Was soll so bleiben? Was sind Deine Lieblingsplätze? Was stört Dich besonders am Schulgelände? Was findest Du unangenehm? "Uns hat überrascht, dass sich die Kinder keine Spielgeräte wünschten, sondern Büsche, Bäume und Wiesen", berichtet Schulleiterin Wehmeier.

640 Quadratmeter Asphalt entsiegelt

Fahrradständer und Freiluftklasse an der Grundschule Dehme

Die Baumaßnahmen wurden in zwei Jahren jeweils in Kooperation von Kollegium, Eltern und Kindern, mit dem Hausmeister, mit Ämtern des Schulträgers, Vereinen des Ortsteils Dehme, der Akademie für berufliche Bildung (AfB), Firmen und Institutionen durchgeführt. Innerhalb von zwei Jahren entsiegelte man 640 Quadratmeter Asphaltfläche, pflanzte, verlegte Rollrasen, legte Hochbeete und einen einen kleinen Acker an, baute einen Pizzalehmofen, einen Weidentunnel, ein Weideniglu, Lehmspielhütten und ein Außenklassenzimmer. Das gemeinschaftliche Planen, Bauen und Nutzen verbesserte das Miteinander an der Schule, die Identifikation mit der eigenen Lebensumwelt wurde gestärkt. Im Unterricht schuf man damit und dem Erleben der Natur in den Jahreszeiten - viele Kinder haben vom Elternhaus her keinen Bezug mehr zur Natur - neue Lernsituationen.

Die Entwicklung an der Grundschule Dehme spielt sich im Zuge der Ganztagsschulentwicklung an immer mehr Schulen ab. Die Schülerinnen und Schüler verbringen mehr Zeit an der Schule, die Notwendigkeit, ihnen ein angemessenes Lebens- und Lernumfeld und auch Rückzugsmöglichkeiten zu bieten, steigt. Martina Hoff, Landschaftsarchitektin aus Essen, freut dieser neue Blick auf die einst rein nach Funktionalität - eine DIN-Norm schrieb die schnelle Abwaschbarkeit der Fläche vor - gebauten Schulhöfe "mit Appellhofplatzcharakter".

Unfallkassen unterstützen Umgestaltung

"Schulhöfe müssen lebendige Lern- und Lebensräume sein", betonte Martina Hoff am 30. Januar 2007 im Planungsworkshop "Einführung in die naturnahe Schulgeländegestaltung" in der Hauptschule Meierfeld in Herford, zu dem der Arbeitskreis "Natur an der Schule" der Natur- und Umweltschutzakademie NRW in Kooperation mit der Regionalen Serviceagentur Nordrhein-Westfalen eingeladen hatte. Natürlich müsse man bei einer naturnahen Umgestaltung daran denken, entsprechende Schmutzfänge im Schuleingang zu installieren. Auch müsse eine ausreichende Feuerwehrzufahrt gewährleistet sein. Dies lasse aber immer noch genügend Raum für phantasievolle Gestaltungen, die Freiluftunterricht ebenso einschlössen wie Treffpunkte für die Schülerinnen und Schüler mit ausreichenden Sitzgelegenheiten. "Spielgebüsche gehören ebenso wie Spielhügel dazu", führte die Landschaftsarchitektin aus. Vor einem Schulgarten warnte sie, "wenn es niemandem an der Schule gibt, der wirklich Ahnung davon hat".

Die Gemeindeunfallversicherungen sollten bei der Planung einbezogen werden. Deren Statistiken weisen eine höhere Unfallrate auf Beton- als auf unbefestigten Flächen auf, weswegen sie "unübersichtlichem Gelände" keineswegs skeptisch gegenüber stehen - im Gegenteil: "Die Versicherungen unterstützen die Umgestaltung", versicherte Martina Hoff.

Auch die Hauptschule Meierfeld möchte den Asphaltanteil ihres Geländes zurückfahren und dieses umgestalten. Die einzige Hauptschule Herfords leidet Schulleiter Friedrich-Weilhelm Harre zufolge unter einem "unglaublichen Konkurrenzkampf" und dramatisch zurückgehenden Schülerzahlen: Während die 10. Jahrgangsstufe noch fünfzügig ist, gibt es nur noch zwei 5. Klassen. Der gebundene Ganztagsunterricht soll die Schule in den Augen der Eltern wieder interessanter werden lassen. Er ist aber auch im ureigenen Interesse der Kinder, die laut Harre "unter doppelter Halbsprachlichkeit und RTL2" leiden. Die zusätzliche Zeit soll genutzt werden, um das eigenverantwortliche Lernen zu stärken, individuell zu fördern, die Sprachkenntnisse zu verbessern und die Benachteiligung durch bildungsferne Milieus auszugleichen.

Geländebegehung ist sinnvoll

Der inneren Rhythmisierung soll auch eine äußere folgen - Ruhe- und Bewegungsplätze sollen baulich auf dem Gelände angeregt werden. Mit Mitteln aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) entsteht demnächst ein neuer Anbau mit Mensabereich. Doch der Schulhof wird dadurch nicht tangiert. Der Planungsworkshop an der Schule wurde genutzt, um das Gelände zu begehen und im Anschluss daran in Gruppenarbeit auf Karten des Schulgeländes Veränderungsvorschläge einzuzeichnen und zu besprechen - sozusagen ein Umgestaltungsprozess im Schnelldurchlauf.

"Die Kooperation aller Beteiligten ist eine Voraussetzung - deshalb müssen alle Entscheidungsbetroffenen ermittelt und involviert werden", erklärte Birgit Rafflenbeul von der Natur- und Umweltakademie. "Zu Beginn ist eine gemeinsame Geländebegehung sinnvoll, dann sollte man Planskizzen erstellen und alle organisatorischen, finanziellen und räumlichen Voraussetzungen klären."

"Planen ist schön und gut", entgegnete einer der rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, "schwierig wird es dann aber doch bei der konkreten Umgestaltung, die häufig am Geld scheitert." Doch Martina Hoff wies auf die zahlreichen Fördertöpfe hin, "die teilweise nicht ausgeschöpft werden": Städtebauförderung, Entsiegelungsprogramm, Schulgartenförderung und nicht zuletzt das IZBB-Programm.

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