Der Raum ist die Botschaft

Die pädagogische Architektur kennt viele Wege, um aus den Schulen Lern- und Lebensräume zu machen. Dies verdeutlichte die Fachtagung "Baustelle Ganztag" am 9. Oktober 2007 in Jena, die in den Räumen der Montessori-Ganztagsschule stattfand. Dort wurde das neue Schulgebäude, das aus Mitteln des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) gefördert wurde, ebenso in Augenschein genommen wie Schulbaumodelle aus Herford und Würzburg. Diese machten deutlich, dass Räume Lernen nachhaltig fördern und den Abbau von Aggressionen unterstützen können.

"Vor wenigen Wochen war hier, wo jetzt das Schulleben im neuen Gebäude pulsiert, noch eine Großbaustelle", berichtete Rose-Maria Haschke, Mitarbeiterin der Serviceagentur Thüringen zum Auftakt der Tagung "Baustelle Ganztag" am 9. Oktober 2007 in der Montessori-Grundschule in Jena..

Die Montessori-Grundschule wurde aus Mitteln des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes als Anbau an das alte Gebäude der weiterführenden Montessori-Schule gebaut. In der Aula des neuen Gebäudes, die als Gelenkstelle zwischen den Klassenräumen und dem Schulhof fungiert, hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung die seltene Gelegenheit, das Thema der Veranstaltung "Baustelle Ganztag" direkt am Objekt zu studieren.

Schulen des 21. Jahrhunderts in Jena

Tagungsraum mit Menschen

An der Fachtagung "Baustelle Ganztag", die von der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Thüringen in Zusammenarbeit mit dem Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (THILLM) (auch) als Fortbildung konzipiert war, nahmen Lehrkräfte, Architekten, Fachleute der Schulverwaltung sowie Mitarbeiter des Kultus- und Bauministeriums des Landes Thüringen teil. Viele Gäste aus Sachsen-Anhalt, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und sogar aus den Niederlanden interessierten sich ebenfalls für die Veranstaltung.

Wie passen zwei Schulformen in einem gemeinsamen Gebäude zusammen? Wie wachsen zwei Schulen zusammen? Von außen betrachtet, nimmt man zunächst nur das alte Montessori-Gebäude wahr, das durch sein matt glänzendes Dach auf sich aufmerksam macht. Dieser ungewohnte Anblick hängt mit den schwarzen Photovoltaik-Platten zusammen, die die größte zusammenhängende Solaranlage der Stadt Jena bilden. Sie koppelt die Schule an den Kreislauf der Natur. Ein weiteres Charakteristikum des alten Gebäudes ist die große, etwas gleichförmige Fensterfront.

Räume und Menschen

Beide Schulen sind durch lange Flure miteinander verbunden. Die Räume fördern nicht nur das Lernen, sondern auch die Kommunikation: "Die Annäherung durch das miteinander Reden war elementar. In der Konsequenz sind unsere beiden Schulen zusammengewachsen", erläuterte Marion Röher, die Schulleiterin der Montessori-Grundschule.

Das neue Schulgebäude hat den Montessori-Gedanken, der die Selbsttätigkeit, die soziale Erziehung und eine vorbereitete Umgebung in den Vordergrund stellt, hat mit seinen in warmen Farben gehaltenen Räumen die pädagogische Architektur aufgegriffen. Für harmonische Verbindung von innen und außen und für Transparenz sorgen die Glaswände zwischen Klassenräumen und Lehrerzimmern. Sie fördern die Verbindungen zwischen den Kindern und den Pädagogen an der Schule. Die großen Klassenräume, die über genügend Platz für einen Kreis in der Mitte verfügen, sind ein weiteres Merkmal der Montessori-Pädagogik. Der an vielen Ganztagsschulen geschätzte Snoezelraum (Snoezelen kommt aus dem Niederländischen und bedeutet: "ruhen", "dösen") bietet darüber hinaus eine entspannende, pädagogisch gestaltete Umgebung für die Kinder.

Pädagogen und Architekten

Regina Blume, Thomas Graf und Marion Röher

Der Bereich für Kunst und Handwerken, ohne den eine Montessori-Schule undenkbar wäre, befindet sich im ersten Stock des neuen Gebäudes. Er ist mit neuester Technik ausgestattet. Hinzugekommen ist außerdem Platz für den Nachmittagshort. "Vier Architekten und zwei Bauingenieure haben versucht dem hohen gestalterischen Anspruch, der an das Gebäude von Seiten der Lehrerinnen und Lehrer gestellt wurde, Rechnung zu tragen", erläutert Thomas Graf, Abteilungsleiter Schulimmobilien des städtischen Eigenbetriebes Kommunale Immobilien Jena (KIJ). Jena hat sich das ambitionierte Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2012 alle Schulen der Kommune einer grundlegenden Sanierung zu unterziehen.

Die Initiative für die Unterbringung zweier Schulformen in einem Standort kam übrigens von den Eltern: "Ohne Elternhilfe hätten wir diese Montessori-Ganztagsschule von Klasse eins bis zehn nicht bekommen. Sie haben sich unglaublich engagiert", so Schulleiterin Marion Röher. In architektonischen Fragen hätten sich die Lehrerinnen und Lehrer aber auf Kompromisse einlassen müssen. Sie wurden wie die Schülerinnen und Schüler nicht in die Planung und Umsetzung des neuen Schulgebäudes einbezogen.

"Die Schulen müssen Lern- und Lebensraum sein"

Statt der sechs beantragten Ganztagsräume erhielt man am Ende drei: "Wir Pädagogen und die Architekten des städtischen Eigenbetriebs haben während der Umsetzung unterschiedliche Sprachen gesprochen", erinnerte sich Schulleiterin Regina Blume. Im Rahmen der Begehung des Gebäudes machte der bayrische Architekt Roland Bayer dann auch darauf aufmerksam, dass die Beleuchtung nicht adäquat sei und die Räume für die kleinen Kinder deutlich zu hoch geraten seien.

Pädagogische Architektur, deren Grundzüge der Architekt Prof. Peter Hübner und die Architekturpsychologin Dr. Rotraut Walden in einem Gespräch mit der Online-Redaktion dargestellt haben, bezieht die Nutzer in die Planung und Umsetzung des Schulgebäudes von Beginn an mit ein: "Die Schulen müssen heutzutage Lern- und Lebensraum sein", erläuterte Rose-Maria Haschke. Dabei habe das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) die Bewegung, die mit dem Ausbau der Ganztagsschulen verbunden ist, materiell sichtbar gemacht.

"Spielarten der Zukunft": "Futurum-Skola" & Orestad-Gymnasium

Bauliche Konzepte für die Schule des 21. Jahrhunderts inspirierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung: "Es gibt viele Spielarten der Zukunftsschulen", so der Magdeburger Architekt Peter Otto. Außer den schwedischen "Futurum"-Schulen, deren Besonderheit in der individuellen Förderung durch flexible Nutzung der Räume besteht, hatte es dem Architekten das städtische Orestad-Gymnasium in Kopenhagen angetan, das erst im August 2007 eröffnet worden war. Solche Schulen des 21. Jahrhunderts zeichnen sich durch geringen Energieverbrauch, gute Akustik, geringen Lärmpegel und viel natürliches Licht aus. Am Orestad-Gymnasium beeindruckte insbesondere die "Schaulauftreppe", die auf pfiffige Weise alle Räume des Gymnasiums miteinander verbindet.

Der Stadt Kopenhagen kostete ihre Vorzeigeschule für 760 Schülerinnen und Schüler von Klasse eins bis zehn zwar 27 Millionen Euro, doch deren pädagogische Architektur weist bereits die Richtung, in der das Lernen der Zukunft stattfindet: in Lernteams und in differenzierten Räumen, die die individuelle Förderung und das selbstständige Lernen überall im Schulgebäude ermöglichen.

Aus Klassenräumen werden Lerngelegenheiten

Herkömmliche Schulgebäude mit "unflexiblen Räumen" können Peter Otto zufolge ebenfalls verbessert werden - nach der Devise: "Je unflexibler die Räume, desto flexibler müssen die Möbel sein." Lernstudios beziehungsweise Lernsuites ermöglichen es, einen normalen Klassenraum mit frontaler Bestuhlung in eine differenzierte Landschaft mit spezialisierten Arbeitsmöglichkeiten zu gliedern.

Eine Klasse von 50 Schülerinnen und Schülern kann so in kleine Teams von zwei bis vier Personen aufgeteilt werden. Dafür seien aber leichte Tafeln zum Verschieben oder Herunternehmen oder flexible Tische vonnöten. Dabei entstehe Platz für Projektarbeit und für das Lernen mit dem Computer. Die Schule des 21. Jahrhunderts müsse dazu die freie Verfügbarkeit von Information und Arbeitsmaterial ermöglichen.

Die 15 Herforder Qualitätskriterien

Rose-Maria Haschke, Christine Wolfer und Wolfgang Koß

Da in Herford die pädagogische Architektur nicht dem Zufall überlassen wird, hat die Kommune 15 Qualitätskriterien entwickelt. Hierin wird u. a. beschrieben: "Nachhaltiges Lernen erfordert die nachhaltige Gestaltung unter Berücksichtigung ökologischer, sozialer, wirtschaftlicher Faktoren. Entsprechend sind Partizipation bei der Planung und Umsetzung, sowie naturnahe Gestaltung als Teil eines Gestaltungs- und Lernprozesses zu begreifen. Bei der Verwirklichung von Bau-Maßnahmen an den Schulen ist dieser Prozess durch Beteiligungsmöglichkeiten und die Integration entsprechender Gestaltungsmöglichkeiten zu unterstützen." Die fünf Gelingensbedingungen des Herforder Ansatzes heißen demnach Raumakustik, flexible Präsentationssysteme, Bewegungsraum, Raumklima und flexible Möblierung.

Dazu wurde auch in Herford die Expertise des Gesellschaftswissenschaftlers für Didaktik und Sachunterricht Dr. Wilfried Buddensiek von der Universität Paderborn eingeholt: "Analysieren kommt vor dem Gestalten", lautet das Credo Buddensieks. Vor 20 Jahren untersuchte er erstmals die Tischformation an Schulen und fand heraus, dass diese abgesehen von ihrer Funktion auch eine Botschaft transportieren: "Rechteckige Tische wirken diffus und sie schaffen eine Kommunikationsdistanz. Sechseckige Tische oder runde Formen dagegen haben einladenden Charakter und fördern die Konzentration. Selbst Außenseiter fühlen sich an runden Tischgruppen eingeladen."

Räume mit flexibler Möblierung erlauben den raschen Wechsel vom Lernen in Kleingruppen zum kurzen Frontalunterricht. Wichtig seien auch der permanente Bewegungswechsel und die dezentrale Bewegungsförderung. Wie gut dies gelingt, führte Buddensiek den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an einem Modellraum von 63,5 qm vor, den er mit acht Tischen für Kleingruppenarbeit ausstattete.

Die Probe auf das Exempel haben Buddensiek und die Stadt Herford mit einem Beispiel bereits gemacht: mit der Grundschule Landsberger Straße. Sie verfügt über die "Fraktale Schule" und über ein herkömmliches Schulgebäude. Auch dort - gelang mit ursprünglich engen Klassenräumen, die zusammengelegt wurden, die pädagogisch sinnvolle Lernraumgestaltung.

Das Würzburger Modell oder: Der Raum als Psychologe

In Würzburg ist der Raum nicht nur der dritte Pädagoge, sondern auch Psychologe. Wenn es nach Eduard Wisgalla und Roland Bayer vom Verein "Bauen für Geborgenheit e.V." geht, haben Räume neben der pädagogischen auch eine therapeutische Funktion. "Die Räume als dritte Erzieher sollten Geborgenheit, Stabilität, Aktivität sowie individuelle Entwicklung und das Erleben von Gemeinschaft ermöglichen", erläuterte Roland Bayer.

Als Architekt des Fördervereins Würzburger Modell Bauen für Geborgenheit e.V. hat er bereits 20 Schulhäuser nach diesem Modell umgebaut. Dieses ging laut Eduard Wisgalla in den 1970er Jahren aus der sozialpädagogischen Praxis hervor: "Wie sollen Räume gestaltet werden, damit sie die sozialpädagogische Praxis unterstützen ?" So lautete damals die Frage bevor ein Raummodell entworfen wurde, das sich an den individualpsychologischen Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen orientierte.

Bauen gegen Aggression

"Allzu oft sind die Räume gegen uns - sie fördern Aggression", so Roland Bayer. Dies habe gerade bei Kinder und Jugendlichen mit hohem sozialpädagogischen Förderbedarf und latenter respektive offener Aggressionsbereitschaft negative Auswirkungen. Also krempelte in den 1970er Jahren ein Projektteam aus Wissenschaftlern, Pädagogen, Künstlern und Philosophen die Ärmel hoch, um über ihre Fachsichten hinweg Maßgaben für ein adäquates Raummodell zu entwickeln und dies auch Realität werden zu lassen: "Als uns ein Beamter des bayrischen Sozialministeriums auf der Baustelle antraf, war er so beeindruckt, dass er die finanzielle Unterstützung zusagte", erinnert sich Eduard Wisgalla.

Seitdem hat der Förderverein "Bauen für Geborgenheit" Bauprojekte für Kindertagesstätten, Kinder- und Jugendhilfe, Altenhilfe und nicht zuletzt für Schulen realisiert. Das Vorgehen vor Ort richtet sich nach einem Sechs-Stufenplan aus. Angefangen von dem Ist-Zustand eines Gebäudes, einem Einführungsseminar bis hin zur handwerklichen Umsetzung und vertraglichen Vereinbarungen wird das Wesentliche geregelt. "Die Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und die Schülerinnen und Schüler, die in die handwerkliche Planung und Umsetzung einbezogen werden, werden durch Projektarbeit und Fortbildungen auf die Arbeit vorbereitet", fügt Wisgalla hinzu.

"Wir brauchen pädagogische Architekten, die sozial bauen"

Gearbeitet wird überwiegend mit warmen und natürlichen Materialien wie Holz, und die Räume werden in horizontaler und vertikaler Ebene gegliedert und ausgebaut. "Es ist wie das Bauen eines Schiffes", meint Roland Bayer. "Die gemeinsame Arbeit lässt Beziehungen und Begeisterung an der Sache entstehen."

Außerdem fühlten sich die Nutzer mit dem selbst gestalteten Lern- und Lebensraum besonders stark verbunden, so die Quintessenz des Architekten: "Wir brauchen pädagogische Architekten, die sozial bauen."

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