Jahrbuch Ganztagsschule 2019: Alternativen zu Hausaufgaben

Das aktuelle Jahrbuch Ganztagsschule diskutiert Sinn und Unsinn von Hausaufgaben vor dem Hintergrund aktueller Studien und weist Wege zu pädagogisch sinnvollen Lernzeiten. Praxisbeispiele aus Ganztagsschulen bereichern das Werk.

© Debus Pädagogik Verlag

Die Debatte über Sinn und Unsinn von Hausaufgaben reißt nicht ab. In den vergangenen Jahren hat der Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen die Diskussion über die Relevanz von Hausaufgaben sowie ihre Gestaltung und Einbettung in den Schulalltag neu belebt. Jetzt hat sich das Herausgeberteam des aktuellen Jahrbuchs Ganztagsschule (2019/2020) des Themas angenommen. Sabine Maschke, Gunhild Schulz-Gade und Ludwig Stecher führen aktuelle Entwicklungen, Diskussionsstränge, Studienergebnisse und Praxisbeschreibungen zusammen. Über 30 Autorinnen und Autoren haben sich mit ihrer Expertise eingebracht. Entstanden ist ein fundierter Überblick unter dem Titel „Hausaufgaben und Lernzeiten pädagogisch sinnvoll gestalten“.

Hausaufgaben sind Sache der Schule

„Viele Hausaufgaben sind aus meiner Sicht schlicht und einfach Hausfriedensbruch!“. Diesen Satz hatte die einstige Abgeordnete im nordrhein-westfälischen Landtag und Mutter von fünf Kindern, Renate Hendricks, ihrer Streitschrift „Schicksal Schule“ (2006) voran gestellt; entnervt von jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um Lesen, Schreiben, Rechnen lernen, Gedichte interpretieren, Gleichungen nach x auflösen oder die Auswirkungen der französischen Revolution auf das Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert am heimischen Küchentisch.

Eltern und Kinder bei den Hausaufgaben
© Britta Hüning

Heute, 13 Jahre später, konstatiert der renommierte Professor (em.) für Allgemeine Pädagogik Jürgen Oelkers im Jahrbuch Ganztagsschule: „Hausaufgaben dürfen (…) nicht ausgelagert werden. (…) die Betreuung der Hausaufgaben (bleibt) Sache der Schule und nicht der Eltern.“ (S. 13) Oelkers wirft die grundlegende Frage auf, „ob die Trennung von Unterricht und Hausaufgaben überhaupt noch sinnvoll ist“, und er stellt in Aussicht, dass „solche starren Aufgabenkulturen, die selbst nicht lernfähig sind, (…) die Medialisierung des Unterrichts nicht überstehen.“

Hilfreich: wissenschaftlicher Diskurs statt Grabenkämpfe

© Britta Hüning

Die Abkehr von den klassischen Hausaufgaben, die zuhause erledigt werden und zur Nachbereitung und Vertiefung des im Unterricht Gelernten beitragen sollen, zieht sich als roter Faden durch den Band. Immer mehr Ganztagsschulen, das zeigen die Praxisbeispiele, experimentieren mit verschiedenen Modellen, um Lernzeiten am Nachmittag flexibler zu gestalten oder Übungszeiten in den Unterricht zu integrieren. Besonderer Verdienst des Buches ist es dabei, dass sowohl der populistische und von den Medien immer wieder gern aufgegriffene „Zankapfel Hausaufgaben“ als auch die schulpolitischen ideologischen Grabenkämpfe keinen Raum bekommen. Vielmehr wird ihre Trivialität entlarvt und in einen erweiterten wissenschaftlichen Kontext gestellt. Wer sich also ernsthaft mit Lernen von Kinder und Jugendlichen und dem Setting von Hausaufgaben angesichts komplexer Herausforderungen Heranwachsender befassen möchte, hat mit diesem Band einen guten Griff getan.

Beispielhaft für die thematische Spannbreite, in die Hausaufgaben und Lernzeiten eingebettet werden, seien hier die Beiträge von Heinz Schirp („Lernzeiten und Lernstrategien – Neurodidaktische Zugänge zur Gestaltung von Lernzeiten“), Gabriela Haug-Schnabel und Joachim Bensel („Entwicklungsaufgaben von Kindern und Jugendlichen im Alter von sechs bis 18 Jahren“) sowie Birgit Eickelmann und Kerstin Drossel („Chancen des digitalen Lernens in der Ganztagsschule“) genannt.

Entscheidend für den Schulerfolg: Motivation durch Freunde

Lehrerin und Schüler stehen im Kreis
© Britta Hüning

In überschaubaren knapp 15 Seiten skizziert Heinz Schirp die für das Thema Hausaufgaben und Lernzeiten relevanten neurowissenschaftlichen Befunde. Er begründet, warum Belehrungen nutzlos sind, die Bedeutung von Bewegung beim Lernen immer noch unterschätzt wird und soziale Interaktion höchst wirkungsvoll ist, „sowohl für den Aufbau von Wissensbeständen als auch für die Entwicklung von kognitiven Fähigkeiten, emotionaler Bereitschaft und Empathie“ (S. 21). Schirp plädiert dafür, mit Kindern und Jugendlichen Lernstrategien zu üben und diese mit „gehirnfreundlichen“ Lernzeiten und Lernarrangements zu verknüpfen; Hinweise zur Umsetzung gibt er auch. Gerade an Ganztagsschulen sieht der Autor den notwendigen Gestaltungsfreiraum, um die Trennung von Unterricht, Üben und individueller Lernentwicklung aufzubrechen.

Nicht weniger interessant ist es, sich mit der Perspektive der Verhaltensbiologie vertraut zu machen. Gabriele Haug-Schnabel und Joachim Bensel blicken auf die während der Pubertät ablaufenden fundamentalen Neuorganisationen des Gehirns und führen eindringlich vor Augen, wie wichtig es für Kinder und Jugendliche ist, Teil einer Gruppe zu sein. Ob Kinder „Zugang in die soziale Gruppe der Gleichaltrigen finden, ob sie die Motivation aufbringen (…), sich auf neue Inhalte einlassen zu können und mit Lehrenden und Mitlernenden zurechtzukommen“, ist für den Schulerfolg, so die Autoren, entscheidender als Wissen und Intelligenz (S. 72).

© Britta Hüning

Warum ist das so? Die Wissenschaftler erklären: Zustimmung und Anerkennung der Gruppe können bei Kindern und Jugendlichen jene Selbstwirksamkeitsüberzeugung reifen lassen, die sie brauchen, um den Anforderungen in der Schule mit einem zuversichtlichen Gefühl folgen und entsprechen zu können. Den Transfer des Gelesenen zum übergeordneten Thema Hausaufgaben und Lernzeiten müssen die Leserinnen und Leser allerdings selbst leisten. Hinweise finden sie in den wenigen Passagen, in denen die Autoren beschreiben, wie es Lehrkräften gelingen kann, Motivation und Interesse von Kindern zu fördern.

Digitales Lernen: Potenziale sind nicht ausgeschöpft

Digitalisierung ist in aller Munde, und so hat das Herausgeber-Team die Autorinnen Birgit Eickelmann und Kerstin Drossel von der Universität Paderborn gewinnen können, einen Blick auf die Chancen des digitalen Lernens in Ganztagsschulen zu werfen. Hatte Oelkers in seinem einführenden Aufsatz noch anklingen lassen, dass „starre Aufgabenkulturen“ keine Zukunft haben, und Schirp auf die Chancen des Ganztags gesetzt, so breiten die beiden Autorinnen im Hinblick auf die kluge Nutzung digitaler Medien eine eher ernüchternde Studienlage vor den Leserinnen und Lesern aus. Sie resümieren: „Die Potenziale der Nutzung digitaler Medien an Ganztagsschulen (…) zur Bereicherung von Lernprozessen und Verbesserung von Lernergebnissen werden derzeit noch nicht ausgeschöpft.“ Die Analysen „weisen zudem auf Nachholbedarf hin, das Mehr an Zeit und die besonderen Rahmenbedingungen zur Öffnung und Modernisierung von Lernsettings besser nutzbar zu machen“ (S. 145).

Schüler sitzen vor PC-Bildschirmen
© Britta Hüning

Wie gut, dass es Praxisbeispiele gibt, die zeigen, was in Ganztagsschule möglich und machbar ist. Auf rund 80 Seiten, die etwa einem Drittel des Buches entsprechen, werden Konzepte von Schulen aus dem In- und Ausland beschrieben, die unkonventionelle und engagierte, pädagogisch durchdachte Verzahnungen von Unterricht und Lernzeiten vorstellen. Hier finden Leserinnen und Leser konkrete Gelingensbedingungen, etwa für die Umsetzung individueller Lernzeiten (Schule am Heidenberger Teich in Kiel, S. 161 ff), Qualitätskriterien für die Lernthekenarbeit (Grundschule Liebertwolkwitz bei Leipzig, S. 151 ff) oder für das Segel-Konzept (Bertha-von-Suttner-Schule in Mörfelden-Walldorf, Hessen, S. 181 ff).

Interessant und inhaltlich korrespondierend mit dem Aufsatz von Haug-Schnabel/Bensel sind die Lernzeiten an Tagesschulen in der Schweiz. Die Autorin Emanuela Chiaparini widmet sich hier der Frage, inwieweit die Abschaffung der Hausaufgaben und die Einführung erweiterter Lernzeiten das Wohlbefinden und die Selbstkompetenz von Kindern fördert.

Fazit: Alles in allem also ein Jahrbuch, das den Dauerbrenner Hausaufgaben um wertvolle Gesichtspunkte und Impulse bereichert. Für Akteurinnen und Akteuren an Ganztagsschulen hält der Band fundiertes Material bereit, einen eigenen Weg zu pädagogisch sinnvollen Lernzeiten einzuschlagen.

Sabine Maschke, Gunild Schulz-Gade, Ludwig Stecher (Hrsg.) (2019): Jahrbuch Ganztagsschule 2019: „Hausaufgaben und Lernzeiten pädagogisch sinnvoll gestalten. Aktuelle Entwicklungen und Diskussionslinien“. Frankfurt am Main. Wochenschau-Verlag.

 

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