Tür auf für die "Zukunftsschule"

Die Stadt Mülheim an der Ruhr und die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Gaby Grimm vom Unternehmen HOCHTIEF Construction AG möchten mit vereinten Kräften die "Zukunftsschule Mülheim-Eppinghofen" aus der Taufe heben. Zwar existiert sie in erster Linie auf dem Reißbrett als virtuelle Zukunftsschule, doch die Kommune drängt darauf, die Idee eines Sozial- und Bildungszentrum im Stadtteil bald zu verwirklichen. Eine Vorschuleinrichtung unter einem Dach mit einer Grund- und Hauptschule; interdisziplinäre Teams aus Lehrkräften, Erzieherinnen und Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhilfe, die an einem Strang ziehen: spiegelt sich darin die Zukunft der Ganztagsschule im Quartier sowie in sozialen Brennpunkten?

"Die Zukunft ist keine sauber von der jeweiligen Gegenwart abgelöste Utopie: die Zukunft hat schon begonnen. Aber noch kann sie, wenn sie rechtzeitig erkannt wird, verändert werden", so formulierte bereits vor vielen Jahren der Zukunftsforscher Robert Jungk. Obwohl die "Zukunftsschule Mülheim-Eppinghofen" lediglich auf dem Reißbrett existiert, beruft sie sich auf eine Innovation.

"Neu ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den Professionen für eine Schule der Zukunft unter einem Dach", so Dr. Gaby Grimm, Leiterin "Innovative Projekte" bei der HOCHTIEF Construction AG. Wegweisende Anregungen für die Zukunftsschule bekam die Erziehungswissenschaftlerin durch ihre 15 Jahre währende Tätigkeit in der integrierten Stadtentwicklung als Stadtteilmoderatorin der Stadt Essen. Das Konzept der "Zukunftsschule", das Grimm im Auftrag von HOCHTIEF federführend konzipiert hat, lebt von "der Zusammenfassung vieler guter Ideen", sei es der Reformpädagogik oder moderner Managementansätze.

Verschiedene Eindrücke der Zukunftsschule

Was berechtigt Schulen das Prädikat "Zukunftsschule" für sich zu reklamieren? "Zukunftsschulen sind Lebens- und Erfahrungsräume für Kinder, Jugendliche und Erwachsene aller Altersgruppen mit unterschiedlichem Hintergrund und verschiedenen ökonomischen Möglichkeiten. In Anlehnung an die Prinzipien einer subjektbezogenen Pädagogik wird eine Lern- und Lehrumgebung geschaffen, die nicht nur die weitgehend individuelle Förderung der Lernenden ermöglicht, sondern auch den Lehrenden die Chance gibt, unterschiedliche methodische Vorgehensweisen umzusetzen und mit neuen didaktischen Materialien und Ideen zu experimentieren. Dies beginnt in der Kindertagesstätte und zieht sich - idealerweise - bis zur Seniorenarbeit."

Worin besteht die Zukunft der "Zukunftsschulen"?

Diese Selbstbeschreibung findet sich in dem Werkbuch "Zukunftsschulen", das Gaby Grimm herausgegeben hat und das sich an die große Bandbreite jener Professionen wendet, die in der "Zukunftsschule" ihr fachliches Können einem gemeinsamen Ziel zur Verfügung stellen. So setzen sich die Bildungspolitiker mit ihren Verwaltungsfachkräften für die Rahmenbedingungen ein, die Leitungskräfte des Jugend- und Sozialamtes knüpfen ein gemeinsames Netzwerk, die Lehrerinnen und Lehrer kooperieren mit den Erzieherinnen, Wissenschaftler geben Expertisen ab, Architektenbüros konzipieren flexible Raumkonfigurationen.
 
"Was nützt es, wenn sich Bildungsexperten darüber unterhalten, wie das optimale Lernumfeld aussehen sollte, wenn Kosten und Betriebsabläufe nicht berücksichtigt werden? Warum planen Architekten und Ingenieure Schulen, ohne die Nutzer nach ihren Bedürfnissen zu fragen? Mehr noch: Warum werden Schulen entwickelt, ohne das städtebauliche Umfeld zu berücksichtigen und nach Synergien zu suchen - etwa mit anderen Bildungs- und Sozialeinrichtungen?" Diese Kernprobleme zukunftsfähiger Ganztagsschulen bringt die Leiterin der Abteilung Market Development & Relations Gabriele Willems im Vorwort des Werkbuches auf den Punkt.

Das Werkbuch der "Zukunftsschule" entfaltet die Bausteine einer Zukunftsschule auf dem Reißbrett: anschaulich und punktgenau. Es beginnt mit einer Bestandsaufnahme unter dem Motto "Bildung ist mehr als Schule". Darin werden die gedanklichen Grundlagen der Zukunftsschule im Wohnquartier entwickelt. Es folgen Praxis-Beispiele zu den Themen Bildung, Förderung, Kooperation, Respekt. Das Herzstück des Buches ist aber das virtuelle Raumkonzept, das Formen der Beteiligung an einer Zukunftsschule entfaltet. Diese werden von Bildungsexperten wie Otto Herz in dem Kapitel die "fließenden Übergänge von Architektur und Freiflächen" reflektiert. Mit Stimmen zur "Zukunftsschule im Wohnquartier" beendet das Werkbuch seinen Ausflug in die Vision.

Bildung, Betreuung und Soziales unter einem Dach

Die Vision einer zukunftsfähigen Ganztagsschule im Wohnquartier scheint nun Schritt für Schritt Wirklichkeit zu werden. Mitten im krisenanfälligen Ruhrgebiet sieht ein Leuchtturm der Zukunft seiner Gründung entgegen, den es so weder in den angelsächsischen Ländern gibt mit ihrer Tradition der stadtteilbezogenen Communitiy-Education, noch in den skandinavischen Ländern mit ihren bei PISA so erfolgreichen Gemeinschaftsschulen.

Das gemeinsame Lernen im Elementar-, Primar- und Sekundarbereich unter einem Dach, das in Mülheim an der Ruhr vor der Verwirklichung steht, würde über die Kommune hinaus in die Region ausstrahlen. Aus dem Konzept der "Zukunftsschule" ist bereits eine integrierte Struktur hervorgegangen, die viele Mängel auf einmal behebt. "Ein unglaubliches Projekt", meinte ein Pädagoge mit 40 Jahren Berufserfahrung während der "Mühlheimer Bildungskonferenz", auf der die "Zukunftsschule Mülheim-Eppinghofen" am 24. April 2007 erstmals der breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Der zukünftige Standort der Schule liegt in Mülheim-Eppinghofen, einem Stadtteil im negativen Wandel, der sich durch eine Anhäufung mehrerer Risiken auszeichnet: Rückgang der Beschäftigung, Zunahme von Haushalten, die auf Sozialhilfe angewiesen sind und kinderreiche Familien, die in sozial abgekoppelten Stadtvierteln leben. Mülheims "Zukunftsschule" möchte seine Bewährungsprobe mit einer offenen Ganztagsgrundschule und einem gebundenen Hauptschulzweig in diesem Quartier bestehen.

Gelingt es der "Zukunftsschule" innerhalb von drei Jahren Realität zu werden, wäre sie eine Antwort auf eine Häufung von Problemen, die den Kommunen gegenwärtig zusetzen. Dazu gehören für die Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld an vorderster Stelle der demografische Wandel und deren Auswirkungen auf die Familien.

Es gibt in Mülheim an der Ruhr - wie überall in Deutschland - einen Mangel gut ausgebildeter junger Menschen: "Wir spüren schon jetzt den Fachkräftemangel. Wir brauchen aber jedes Talent und jede Fähigkeit", so die Politikerin, deren großes Engagement für Bildung noch aus ihrer Zeit als Schulleiterin herrührt: "Von der Idee der Zukunftsschule war ich von Anfang an fasziniert."

Zwischen Marketing und Reformpädagogik

Mit dem Pilotprojekt setzt die Kommune Mühlheim auf das Modell Public-Private-Partnership (PPP), sie fördert also öffentlich private Partnerschaften im Bereich der Projektentwicklung und des Baus. Dieses Modell ist zwar nicht unumstritten, wird aber von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW begrüßt: "Solange die Rollen zwischen den öffentlichen und privaten Institutionen klar verteilt sind, begrüßen wir es, wenn die Vision einer reformpädagogischen Zukunftsschule von einem Unternehmen entwickelt wird", so der Pressereferent Berthold Paschert. "Das Pilotprojekt Zukunftsschule ist im Rahmen einer Marketingstrategie entstanden", erläutert Gaby Grimm. Dabei übernehme die HOCHTIEF Construction AG als Schirmherrin zunächst die Rolle des Koordinators und Ideengebers einer interdisziplinären Debatte.

Für die Kommune liegt der Nutzen des Pilotprojektes vorwiegend darin begründet, in Zeiten knapper Kassen notwendige Reformmaßnahmen anzuschieben. Innerhalb eines Jahres ist die Idee zu einem Top-Thema in der Stadt avanciert. "Sie ist kommunalpolitisch von großer Bedeutung", so Thomas Konietzka, Mitarbeiter der Stadtkanzlei und rechte Hand von Oberbürgermeisterin Mühlenfeld in Sachen "Zukunftsschule".

Thomas Konietzka und Gaby Grimm

Zweimal habe diese bereits den politischen Raum betreten: Der Hauptausschuss der Stadt Mülheim zeigte sich von der Idee begeistert und erteilte der "Zukunftsschule" den Auftrag für eine Machbarkeitsstudie. Deren Ergebnisse wurden dann im November 2006 dem Hauptausschuss vorgestellt: Dort habe die Zukunftsschule eine breite politische Rückendeckung erfahren verbunden mit der Aufgabe an die Verwaltung, die Realisierung voran zu bringen.

Das Ergebnis der Machbarkeitsstudie zur "Zukunftsschule im Wohnquartier" am Standort Mülheim-Eppinghofen, Schulzentrum Bruchstraße ermutigte zur weiteren Tat: "Es macht Sinn, die Zukunftsschule in Mülheim-Eppinghofen zu bauen und zu betreiben", heißt es in der Studie, die konkrete Informationen bietet, wie die Zukunftsschule funktionieren und aussehen kann. "Ziel ist es, mit der Zukunftsschule Mülheim-Eppinghoven eine Sozial- und Bildungseinrichtung zu schaffen, die ihre Stärke speziell durch die Integration von Schule und Jugendhilfe sowie eine ressortübergreifende Verantwortung für die Begleitung lebenslangen Lernens von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen erhält".

Im Rahmen der Zukunftsschule ist die Umwandlung zweier Schulen in Ganztagsschulbetriebe geplant. Dabei soll die Grundschule am Dichterviertel mit 171 Schülerinnen und Schülern als offener Ganztagsbetrieb mit der gebundenen Hauptschule an der Bruchstraße mit 361 Schülerinnen und Schülern zusammengeführt werden. Da die Kindertagesstätte "Menschenskinder" unter einem Dach mit beiden Schulen untergebracht ist, stellt sie einen Teil der künftigen Schülerinnen und Schüler. Die Kinder und die Schülerinnen und Schüler werden parallel durch die Offene Kinder- und Jugendarbeit begleitet.

Die Kita-Leitung, Schulleitung und die Leitung der Jugend- und Sozialhilfe bilden ein gemeinsames Team. Projekte im Rahmen der Quartierarbeit, wie Seniorenarbeit, Kunst, Kultur oder Sport sind als fester Kooperationspartner in das Bildungs- und Stadtteilzentrum an der Ruhr eingebunden. Für die Raumkonfiguration spricht sich die Studie für Gruppen- und Lernräume für Kinder aus sowie für Räume, die die Teamentwicklung fördern und das Zusammenspiel der Fachkräfte unterstützen. Es soll ferner "Räume für verschiedene Nutzergruppen von außerhalb der Schule geben".

Tür auf für die "Zukunftsschule"?

Weiteren Aufwind bekam das Pilotprojekt, als Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld am 20. Februar 2007 ein Gespräch bei Schulministerin Barbara Sommer wahrnahm. Für die Ministerin sei die "Zukunftsschule" zukunftsweisend, so dass sie ihre Unterstützung zusagte. In Bezug auf die Ergänzung um einen Realschulzweig wolle das Ministerium helfen, die gesetzlichen Spielräume auszuloten. Diese Ergänzung hatte bereits der Erziehungswissenschaftler Prof. Klaus Klemm in Zuge seiner Expertise gefordert, um das Bildungsangebot in die Breite zu öffnen.

Warum wird die "Zukunftsschule Mülheim-Eppinghofen" keine Gemeinschaftsschule? Dieser Kritik einiger Pädagogen stellte sich die Oberbürgermeisterin während der Bildungskonferenz am 24. April 2007. Dagmar Mühlenfeld zufolge setze die Landesregierung auf das gegliederte Schulsystem: "Doch wir dürfen uns diese Chance auf eine Zukunftsschule nicht entgehen lassen".

Warten auf den kommunalpolitischen Startschuss

Die Lösung bildungspolitischer Fragen allein macht den Kohl nicht fett: Schließlich müsse die Finanzierung der Zukunftsschule stimmen, meint Thomas Konietzka. Erst, wenn dies gelöst sei, "kann der zentrale Umsetzungsbeschluss durch die Politik kommen". Anders als ursprünglich geplant, soll nämlich das gesamte Gebäude der Zukunftsschule komplett neu gebaut werden. Dadurch entstehen Kosten von 27,7 Mio. Euro. Davon will die Kommune 5, 74 Mio. Euro übernehmen, das Land 1,08 Mio. Euro zum Ausbau des Pilotprojektes als Ganztagsschule.

Dreiviertel der Gesamtsumme müssen - Konietzka zufolge - noch akquiriert werden. Ein Teil der Mittel wolle die Stadt interministeriell erwerben, also über gemeinsame Fördertöpfe des nordrhein-westfälischen Schulministeriums und des Städtebauministeriums. Die soziale Dimension des Pilotprojektes eröffnet für den Verwaltungsfachmann zusätzliche Quellen für die finanzielle Förderung, sei es aus Mitteln der Europäischen Union oder aus Mitteln von Stiftungen.

Ressortübergreifende Schulentwicklung im Stadtviertel

Nun möchte die Kommune Mülheim an der Ruhr ihre Ressourcen bündeln, derer es bedarf, um innerhalb eines vielschichtigen Systems eine ressortübergreifende Schulentwicklung zu gestalten: "Mit den Kindertagesstätten, der Kinder- und Jugendhilfe und dem Sozialamt haben wir 80 Prozent der Akteure unter den eigenen Fittichen", bekräftigt Thomas Konietzka. Und durch die Zusammenarbeit des Quartiermanagements, der Kinder- und Jugendhilfe und dem Schulamt der Stadt könne die Schule präventiv arbeiten.

In einem Workshop am 19. April, an dem rund 90 Lehrkräfte, Schulräte, Hausmeister, und Leitungskräfte aus der Verwaltung teilnahmen, kreisten die Diskussionsthemen um die Einbeziehung der Eltern und Fachkräfte in das zukünftige Bildungszentrum an der Ruhr. Wie lässt sich ein Team organisatorisch bilden, wenn der Dienstherr für die Lehrerinnen und Lehrer das Land ist und für das übrige Personal die Kommune? Oder wie werden die Schnittstellen anders gestaltet? lauteten die Kernfragen. Entscheidend - so Grimm - sind eine "Haltungsänderung" und ein Perspektivwechsel aller am Prozess Beteiligten. Oder mit Robert Jungk gesprochen: Nur wenn die Zukunft rechtzeitig erkannt werde, kann sie schließlich verändert werden.

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