Biberach: Neues Lernen auf dem Schulcampus

Das Wieland- und das Pestalozzi-Gymnasium sowie die Stadt Biberach waren schnell, als es Anfang 2004 um die Beantragung von Mitteln aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes ging. Angestrebte pädagogische Veränderungen, auch aufgrund der Einführung von G8, sollten baulich flankiert werden. Über vier Jahre später zeigte sich bei der Einweihung der neuen Gebäude in Anwesenheit der Bundesministerin für Bildung und Forschung Dr. Annette Schavan, wie beeindruckend das gelungen ist.

Rundgang von Ministerin Annette Schavan (2.v.r.) mit Oberbürgermeister Thomas Fettback, Pestalozzi-Schulleiter Reinhold Hummler und Wieland-Schulleiter Wolfgang Schott (v.l.)

Im Dezember 2003 saßen die Schulleitungen des Pestalozzi- und des Wieland-Gymnasiums mit ihrem Schulträger - der Stadt Biberach - zusammen, um über eine "einmalige Chance" zu diskutieren: Die Kommunen konnten zum Aus- und Aufbau von Ganztagsschulen Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes vom Land Baden-Württemberg beantragen.

Innerhalb von vier Monaten entwarfen die Schulleitungen der beiden Gymnasien zusammen mit einigen Lehrerinnen und Lehrern ein pädagogisches Konzept, sodass im Mai 2004 der Antrag eingereicht werden konnte. Dem schnellen Ablauf kamen noch weitere Umstände zu Gute: Ein Oberschulamt, das die Einmaligkeit der Situation erkannt hatte und nun den Schulen bei der Umsetzung half. Ein Schulträger, für den die Bildung hohe Priorität genießt. Der Einsatz hervorragender Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Stadtverwaltung - allen voran Kämmerin Margit Leonhardt. Ein Architekturbüro, das das pädagogische Konzept schnell und optimal architektonisch umsetzte. Und nicht zuletzt das gemeinsame und entschlossene Handeln der Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer sowie Eltern beider direkt nebeneinander liegender Gymnasien.

Aufgrund der Einführung des achtjährigen Gymnasiums in Baden-Württemberg war den Schulleitern klar, dass eine pädagogische Weiterentwicklung der Schulprogramme notwendig wurde. "Wir waren uns schnell einig, alles auf neue Beine zu stellen. Die Schülerinnen und Schüler sollten auch im Bereich der sozialen und methodischen Kompetenzen mehr lernen", erinnert sich Reinhold Hummler, Schulleiter des Pestalozzi-Gymnasiums.

Drei Jahre lang rollten die Bagger

Auf die Herausforderung durch die verlängerten Schultage wollte man eine Antwort durch die Rhythmisierung der Tagesstruktur geben. "Das IZBB-Programm war für uns ein Glücksfall, der uns in die Karten gespielt hat, denn ohne die baulichen Möglichkeiten, die sich dadurch auftaten, wäre die Realisierung von vielem, was uns pädagogisch vorschwebte, nur in Ansätzen möglich gewesen", meint Hummler. Die Gespräche mit dem Architekturbüro hätten dann zusätzliche Rückkopplungen hinsichtlich der Weiterentwicklung des pädagogischen Konzepts gebracht.

Mit der Stadt habe man sich auf das Raumprogramm geeinigt, "dann ging alles ganz schnell". Oberbürgermeister Thomas Fettbeck bestätigt: "Alle Beteiligten wollten die Vision eines Lern- und Lebensortes verwirklicht sehen, und die Stadt Biberach gab durch ihr Engagement ein klares Bekenntnis zum Konzept der ganztägigen Bildung und Betreuung." Dies zeigte sich auch in den Abstimmungen in den Gremien, die laut Fettback alle einstimmig oder fast einstimmig verliefen.

8,6 Millionen Euro, etwa 45 Prozent der Gesamtmittel, kamen aus dem IZBB. Mehr als die Hälfte der Mittel, insgesamt 9,6 Millionen Euro, stellte die Stadt Biberach selbst zur Verfügung - zum Beispiel für den Turnhallenbau und die moderne Energieversorgung. Weitere 300.000 Euro Zuschüsse kamen vom Land Baden-Württemberg. Damit ist es das größte IZBB-Projekt Baden-Württembergs.

Zeitweilig waren 14 Architektinnen und Architekten mit dem Projekt beschäftigt. Die Arbeit der verschiedenen Architekten garantierte laut Architekt Gerd Mann, dass kein baulicher "Einheitsbrei" entstand, sondern sich die einzelnen Bauabschnitte voneinander unterscheiden. "Es ging uns darum, für 2.300 Schülerinnen und Schüler einen idealen Lebensraum Schule, einen Campus für den ganzen Tag zu schaffen. In die Planungsprozesse wurden wiederholt auch Schüler und Lehrer einbezogen."

Regenerative Energien kommen zum Einsatz

Ab Sommer 2005 rollten die Bagger, und es begannen für alle Beteiligten drei anstrengende Jahre auf einer riesigen Baustelle. Zuerst wurde ab Juli 2005 bis September 2006 eine zusätzliche Sporthalle für das Pestalozzi-Gymnasium errichtet. Im April 2006 begannen die Arbeiten am neuen Klassentrakt mit zehn Klassenzimmern, einem Werkraum, einem Schülerverwaltungsraum und einem Schüleraufenthaltsraum. Hier waren die Arbeiten im September 2007 beendet. Es folgte im August 2006 der Bau der Mediothek mit 240 Schülerarbeitsplätzen, darunter 63 PC-Arbeitsplätzen, und 13.000 Büchern und Datenträgern. Schließlich wurden mehrere neue Lehrerarbeitsplätze eingerichtet.

Fotos der Mensa
Die zweigeschossige Mensa

Das Errichten der Mensa dauerte von Oktober 2006 bis September 2008. Hier sind auf zwei Etagen 500 Sitzplätze entstanden. Täglich können bis zu 1.300 Essen, die teilweise vor Ort zubereitet, teilweise im Cook-and-Chill-Verfahren von einem Caterer angeliefert werden, ausgegeben werden. Die Bebauung des Außengeländes startete im September 2007 und endete im August 2008. Die bebaute Gesamtfläche umfasste 10.000 qm². Schließlich entsteht von Oktober 2007 bis Februar 2009 die Turnhalle für das Wieland-Gymnasium.

Bei Belüftung und Heizung kommen moderne und regenerative Energien zum Einsatz, die computer-gesteuert werden. Die Grundlast wird durch Kraft-Wärme-Kopplung abgedeckt, die Holzpellet-Heizung kommt für die Mittellast zum Einsatz, und bei der Spitzenlast schaltet sich die Gasheizung zu. Für Kühlung und Stromerzeugung nutzt man Grundwasser, Luft und Sonne.

Von dem beeindruckenden Ergebnis konnten sich am 15. November 2008 viele Hundert Besucherinnen und Besucher beim feierlichen Festakt der offiziellen Einweihung und Übergabe der neuen Gebäudeteile überzeugen. "Man sieht, dass es hier nicht nur um Baumaßnahmen, sondern um die Verwirklichung eines neuen Lernkonzeptes geht", lobte die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan, in ihrer Festrede in der neuen Sporthalle des Pestalozzi-Gymnasiums. "Es geht darum, Bildungsorte für die Schülerinnen und Schüler attraktiv zu machen. Unsere Schulen brauchen einen attraktiven Unterricht, der Schülerinnen und Schülern vermittelt, was für ihre Bildungsbiographie entscheidend ist."

Architekt Gerd Mann bei der symbolischen Übergabe der Schlüssel an Thomas Fettback, der diese an die Schulleiter Wolfgang Schott und Reinhold Hummler weitergibt (v.r.)

Die Ministerin sieht eine Ausstrahlung des Projekts über die Stadt Biberach hinaus: "Dieser Schulcampus wird bundesweit vorbildhaften Charakter haben. Wir werden erleben, wie überall solche regionalen Bildungslandschaften entstehen werden. Dafür müssen alle Beteiligten von der kommunalen bis zur europäischen Ebene zusammenarbeiten." Eine stimmige Regionalentwicklung der Bildungsinstitutionen sei die Quelle künftigen Wohlstands. Dazu gehöre auch, über den richtigen Weg zu streiten: "Gute Bildungspolitik lebt von heftigen Debatten", so Annette Schavan.

Laut Oberbürgerbürgermeister Fettback ist die Ganztagsschule in der Region noch nicht unumstritten. Manche sähen darin immer noch eine "Freizeitberaubung". Bei diesem Wort applaudierten einige Gäste. Direktor Hummler reagierte darauf, indem er feststellte, dass "in unserer Ganztagsschule die Schülerinnen und Schüler brutto die gleiche Aufenthaltszeit wie in der Halbtagsschule haben - der Tag ist nur intelligenter strukturiert. Es gibt tolle Angebote im sportlichen, musikalischen und künstlerischen Bereich. So bietet ein Geigenlehrer von der Musikschule seinen Unterricht am Vormittag an, zu dem die Schülerinnen und Schüler am Nachmittag ansonsten noch hinfahren müssten. Da kann von Freizeitberaubung wirklich keine Rede sein."

Selbstverantwortliches Lernen im "Herzstück" Mediothek

Wolfgang Schott, Schulleiter des Wieland-Gymnasiums, empfindet das Schulleben in den neuen Räumlichkeiten als "entspannt". Es mache Spaß, die Schülerinnen und Schüler überall zu sehen. Jeder Jahrgang hat versetzt dreimal in der Woche so genannte EVA-Stunden (Eigenverantwortliches Arbeiten). Die Schülerinnen und Schüler entscheiden in diesen Stunden, die ab der 3. Stunde sowohl am Vor- wie auch am Nachmittag stattfinden, wie sie diese Zeit nutzen: Etwa 120 Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs können in der Mensa etwas essen, dort in den so genannten Lernkojen - Tische, die mit Pinnwänden zum Rest des Raums abgegrenzt sind - Hausaufgaben erledigen oder üben.

Im Fachbereich Kunst stehen neben den großzügigen neu eingerichteten Kunsträumlichkeiten ein Werkhof und eine Schreinerwerkstatt zur Verfügung. Die Musikräume sind renoviert, und ein modernes Aufnahmestudio ist nutzbar. Die naturwissenschaftlichen Abteilungen Biologie, Physik und Chemie verfügen über reichlich ausgestattete Unterrichtsräume und Labore nach aktuellem Stand der Technik.

Fotos der Mediothek
Die zweigeschossige Mediothek, deren Bestände auf 23.000 Materialien anwachsen sollen

Die Kinder und Jugendlichen können im "Herzstück" des Campus - der zentral gelegenen und beide Schulen verbindenden Mediothek - im Internet oder in den Büchern und digitalen Medien recherchieren und in Ruhe arbeiten. Die Mediothek wird in Kooperation mit der Stadtbibliothek geführt. Selbstverantwortliches Lernen und Handeln werden hier gefördert. Lehrerinnen und Lehrer sind dabei Lernbegleiter der Schülerinnen und Schüler auf deren Weg, sich ihren Erkenntniserwerb selbst zu organisieren.

Oder die Schülerinnen und Schüler nehmen in den EVA-Stunden an einer Arbeitsgemeinschaft teil, die auch von außerschulischen Partnern angeboten werden: Eltern stellen ihre Berufe vor, die Volkshochschule bietet einen Konversationskurs, die Musikschule, die Jugendkunstschule und das Deutsche Rote Kreuz engagieren sich ebenso wie eine Mutter, die eine Theater-AG anbietet. "Die Angebote sind im Internet abrufbar, und die Kinder und Jugendlichen buchen diese bereits im Schuljahr zuvor", erklärt Schott. "Die Schülerinnen und Schüler verpflichten sich auf ein viertel Jahr für einen der Kurse."

Aufsichtspflicht: Von der Mann- zur Raumdeckung

Offiziell arbeiten beide Gymnasien mit einer offenen Ganztagsform, aber "wir haben unsere Vorstellungen schon so kommuniziert, dass alle Schülerinnen und Schüler mitmachen", meint Wolfgang Schott augenzwinkernd. Und man sei positiv überrascht, wie gut in den ersten Monaten der Betrieb funktioniert. "Es herrscht kein Chaos, sondern es geht ruhig und angenehm zu", hat Hummler beobachtet. Bei der Aufsicht habe man von der "Mann- auf die Raumdeckung umgestellt", erklärt er: Zwei Kolleginnen und Kollegen, die über das Gelände gehen, reichen aus, um sicher zu stellen, dass nirgendwo über Tische und Bänke gegangen wird.

Auch an die Lehrerinnen und Lehrer wurde gedacht. Sie können ihre Arbeitszeit an eigenen Arbeitsplätzen verbringen. Es war nicht immer einfach, angesichts von Schulbaurichtlinien, "die heutigen Erfordernissen zehn Jahre hinterherhinken", wie Reinhold Hummler anmerkt, moderne Lösungen für einen Ganztagsbetrieb zu finden.

So neu wie die Gebäude ist auch die Arbeit mit dem pädagogischen Konzept. Was sich bewährt und was verändert werden muss, wird sich erst noch erweisen. Aus Sicht der beiden Schulleiter reichen 17 zusätzliche Lehrerstunden noch nicht aus, um den Ganztagsbetrieb personell abzudecken. Hier müsse man sicherlich noch nachbessern. Die Aufsicht über die Mediothek beispielsweise wird momentan neben zwei Teilzeitkräften der Stadtbücherei durch ehrenamtliches Engagement gewährleistet. Doch gemessen an der Freude und dem Staunen der Besucherinnen und Besucher über die neuen Schulgebäude, die sie im Anschluss an den Festakt anlässlich eines "Tages der offenen Tür" durchströmten, traten diese Alltagsprobleme in den Hintergrund.

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