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Ganztagsschule und Sport: Chancen überwiegen

Die Ganztagsschule stellt Sportvereine vor neue Herausforderungen. Die Expertenrunde „Bewegung, Spiel und Sport im Ganztag. Eine Chance für die Sportvereine?!" am 14. Februar in Düsseldorf zeigte Wege zu einem gewinnbringenden Miteinander.

Zusammengekommen waren im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen (MFKJKS) 80 Vertreter aus verschiedenen Landesministerien und Landessportverbänden. Sie wollten Wege ausloten, wie Sport und Ganztagsschule voneinander profitieren können. Dass dies nicht immer leicht fällt, machte NRW-Staatssekretär Bernd Neuendorf zu Beginn deutlich. „Ich bin erst kurz im Amt. In dieser Zeit aber habe ich die Wucht und Brisanz, die im Thema liegen, erfahren“, gestand er und fasste zusammen, was seines Erachtens viele Vereine umtreibe: „Sie fragen sich, ob Sport nur noch in der Ganztagsschule stattfindet, wie Vereine ihre Existenz retten können und ob Kinder überhaupt noch ausreichend Zeit für Sport außerhalb der Schule finden.“ NRW sei sich der veränderten Bedingungen für den Vereinssport bewusst. „Darum ist es unser Ziel, die Rolle der Sportvereine in den Ganztagsschulen zu stärken.“ Einiges sei in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht worden, damit die Vereine ihrer Verantwortung als Bildungspartner von Schulen gerecht werden könnten. Das sei durchaus von Erfolg gekrönt. „Wir wissen heute, dass Vereine, die sich in der Ganztagsschule engagieren, weniger unter den demografischen Verlusten leiden als jene, die es nicht tun“, betonte Neuendorf.

Prof. Dr. Naul: „Vereine müssen umdenken“

Diese Einschätzung unterstrich Prof. Dr. Roland Naul, Sportwissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen. Die von ihm gemeinsam mit weiteren Sport- und Bildungsforschern durchgeführte Studie BeSS („Evaluation von Bewegungs-, Spiel- und Sportangeboten an Offenen Ganztagsschulen“) ergab, dass die Mitgliederzahlen bei Vereinen ohne Sportangebote in Schulen um bis zu sieben Prozent, bei jenen mit Engagement in den Schulen aber nur um ein Prozent sanken. „Das Problem des demografischen Wandels händeln die Vereine also insgesamt gut, jene mit BeSS-Angeboten aber besser.“ Er forderte von den Vereinen ein komplettes Umdenken. Gemeinsam mit den Schulen hätten sie den Auftrag, gerade für Kinder aus „bildungsfernen“ und damit häufig auch „bewegungsfernen“ Elternhäusern mehr Brücken zum Sport zu bauen. Er sei sich bewusst, dass der Aufbau funktionierender Kooperationen eines langen Atems bedürfe. Gegenüber www.ganztagsschulen.org wählte er für diese Entwicklung einen Vergleich aus dem Sport: „Nur durch permanentes Training werden Schulen und Sportvereine zum Ziel kommen.“

Mädchen beim Fußballspielen
© Britta Hüning

Naul appellierte an die Vereine, auf die Schulen zuzugehen. Auf die im Rahmen der Pilotstudie gestellte Frage nach den Beweggründen gegen ein Engagement in der Schule seien am häufigsten genannt worden: mangelnde Anfragen von Schulen, der in NRW geschaffenen „Koordinierungsstellen Schule-Verein“ sowie der Träger der Offenen Ganztagsschulen. „Wir schließen daraus, dass die Vereine nicht gegen eine Kooperation sind. Sie wollen angesprochen werden.“ Zugleich hob er die Bedeutung von Generalvereinbarungen zwischen Kommunen und Stadtsportbünden über die Zusammenarbeit von Schulen und Vereinen hervor. „Unsere Untersuchung hat nachgewiesen, dass Vereine mit BeSS-Angeboten in Städten mit einer solchen Generalvereinbarung besonders von den Kooperationen profitieren.“

Neue Möglichkeiten der Persönlichkeitsbildung und Talentförderung

Ähnlich die Sichtweise in Hessen. „Wir sind uns bewusst, dass die Zukunft des Vereinssports maßgeblich davon abhängt, wie Schule und Sport zusammenarbeiten“, erklärte der Abteilungsleiter Sport im Hessischen Ministerium des Innern und für Sport,  Prof. Dr. Heinz Zielinski. Selbstkritisch räumte er ein: „Als Ministerium haben wir einen Nachholbedarf, was etwa die Förderung des Leistungssports in der Schule anbetrifft.“ Dennoch werde sein Haus auch künftig darauf achten, dass es beim Unterrichtsende um 16 Uhr bleibe – auch damit Kinder und Jugendliche Zeit für den Sport im Verein hätten. Was den Unterricht anbetreffe, plädiere er schon lange für eine stärkere Berücksichtigung der Persönlichkeitsbildung: „Und da leistet der Sport einen wertvollen Beitrag.“

Neue Möglichkeiten der Talentförderung sieht Herbert Tokarski vom Referat Sport im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur Rheinland-Pfalz in der Kooperation von Schule und Verein. Als Beispiel nannte er die enge Verzahnung des Fußball-Bundesligisten Mainz 05 mit einer Ganztagsschule. Damit eine solche Kooperation gelinge, müssten die Übungsleiter auf den Umgang mit der Heterogenität der Schülerschaft in einer Ganztagsschule vorbereitet sein. Dazu sei ein enger und persönlicher Kontakt zu den Lehrkräften erforderlich. „Es reicht nicht aus, dass der Übungsleiter vom Hausmeister den Schlüssel für die Turnhalle mit besten Wünschen erhält“, betonte er.

Jungen beim Sport in der Halle
© Britta Hüning

Auch das Vorstandsmitglied des nordrhein-westfälischen Landessportbundes, Martin Wonik, mag sich mit der Rolle der Sportvereine, „die nachmittags ein bisschen Sport anbieten und dann wieder weg sind“ nicht abfinden. „Damit dürfen wir nicht zufrieden sein“, forderte er. Erst ein konstruktives Miteinander und die Einbeziehung der Vereine in die Fachkonferenzen der Schulen mache es möglich, aus der Kooperation einen Mehrwert für die Schülerinnen und Schüler zu erzielen. Auf diesem Weg befinde man sich allerdings gerade erst am Anfang. Er räumte ein, dass viele Vereine den „Beginn der Ganztagsschulentwicklung vor zehn Jahren ohne Sorge beobachtet und keinen Handlungsbedarf gesehen“ hätten. Das habe sich geändert, und die Clubs stellten sich auf die neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein. Allerdings benötigten sie bei der Bewältigung dieser Aufgabe die Unterstützung der Kommunen.

In Ganztagsschulen neue Übungsleiter gewinnen

Nach Ansicht von Prof. Dr. Lutz Thieme von der Hochschule Koblenz ist der Übungsleitermangel der größte Hinderungsgrund für Vereine, auf die Schulen zuzugehen. Das habe auch die 2012 in Rheinland-Pfalz erstellte Bestandaufnahme „Ganztagsschule und Sportvereine“ ergeben. Doch der Wissenschaftler drehte den Spieß um und öffnete den Vereinen die Augen für eine Chance, neues Übungsleiterpersonal zu gewinnen: Schließlich würden die außerunterrichtlichen Sportangebote in Ganztagsschulen zu 55 Prozent von nicht in Sportvereinen aktiven Einzelpersonen unterbreitet. Hier schlummere ein personelles Potenzial, das die Übungsleiterproblematik in den Clubs verkleinern könnte. Das sei von existenzieller Bedeutung für viele rheinland-pfälzische Vereine. Gerade jene Vereine mit einer durchschnittlichen Zahl von 200 Mitgliedern seien jetzt schon damit ausgelastet, den eigenen Betrieb aufrechtzuerhalten. Thieme: „Da fällt es natürlich schwer, zusätzlich noch Ganztagsangebote zu entwickeln und aufrechtzuerhalten.“

Dennoch sei ein solches Engagement ratsam, schließlich habe die Studie auch für Rheinland-Pfalz nachgewiesen, dass in Schulen tätige Sportvereine erfolgreicher bei der Mitgliedergewinnung seien und zudem weniger Probleme hätten, die Sportstätten im bisher gewohnten Umfang nutzen und zu können und weniger Zeiten an Schulen abtreten zu müssen. Zugleich habe die Untersuchung die Befürchtung widerlegt, die Ganztagsschule sei verantwortlich für eventuelle rückläufige Mitgliederzahlen. 

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